Mittwoch, 23. Juli 2014

Hartmudo Spezial: Walter 8/14

8
Donnerstag früh. Heute würde ich also endlich Klarheit haben, wie die Sache rechtlich steht. Testament anfechten, Dienstaufsichtsbeschwerde und vor allem die Verrechnung meines Anspruchs auf die Bestattungskosten mit der Kaution. Und das Schönste dabei: Mutter kommt mit und hört endlich mal aus berufenem Mund, was jetzt Ambach ist. Mir glaubt sie ja nicht so.
Morgens vor dem Losfahren rief ich sie an. Am Vorabend waren wir eher unzufrieden auseinander gegangen. Sie wirkte auch ermattet – schon am Telefon. Nunmehr wollte sie erst doch nicht mit, weil sie noch auf den Friedhof mußte und es ihr nicht so gut ging. Sie hatte in der Nacht wohl wieder „Musik“ gehört, wollte zum Arzt. Und außerdem – wie sollte sie zur Wolfenbüttler Straße hinkommen? (Zu der Zeit fuhren keinen Straßenbahnen wg. Bauarbeiten!)
Ich war verwundert. Hatte ich sie sonst nicht auch immer abgeholt?
Schließlich ließ sie sich überreden und ich fuhr los. Nach dem Klingeln an ihrer Haustür kam sie runter. Diesmal kein Küßchen wie sonst zur Begrüßung, sie wirkte etwas steif. Sie sagte ja bereits, das es ihr nicht gutging.
Ich nahm mir vor, sie auf gar keinen Fall anzuschreien. Stattdessen blieb ich höflich, aber Kommunikationsversuche blieben schwierig. Sie wollte zwar zur Anwältin mit rein, dort aber nichts sagen und rausgehen, wenn es ihr zuviel werden sollte.
Heute glaube ich, das es ihr egal war, was die Anwältin erzählt. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Und die ist unerschütterlich dank der Vollmacht von 1995, die es ihr erlaubte (so meint sie), das Geld für die Bestattung abzuheben und somit mit der Kaution zu verrechnen.
Als wir endlich bei der toughen Anwältin saßen, erklärte ich ihr ruhig und sachlich die vorangegangenen Ereignisse. Immer dabei zu Mutter blickend, um ihr zu signalisieren, das sie mich korrigieren kann, falls ich etwas falsch wiedergebe. Die Anwältin machte sich Notizen, stellte Zwischenfragen. Von Mutter kam zum Sachverhalt nichts.
Nur mit ihrer Vollmacht, da ritt Mutter drauf rum. Das wischte die Anwältin sofort beiseite, denn:
Das gemeinsame Testament von Walter und seiner Frau ist nicht abänderbar und das 2000er Testament hat somit keine Bedeutung. Soviel zum Thema Testamentsanfechtung.
Ganz wichtig: Verrechnung der Bestattungskosten mit der Kautionsrückzahlung und Abheben des Rechnungsbetrages dank Mutters Vollmacht – ganz schlecht. Da könnte ich mich wegen Unterschlagung strafbar machen. Dies könnte für mich ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen. Im schlimmsten Fall wäre ich somit meinen Job samt Pensionsanspruch los.
Dies Risiko wollte und will ich nicht eingehen. Meine Löwin steht mir da bei. Das Risiko ist es nicht wert, das kann es nicht sein.
Das eine Dienstaufsichtsbeschwerde sinnlos sei, sollte ich als Beamter doch wissen. Die Anwältin hatte ja recht. Aber die Rechtspflegerin sollte mir besser nicht privat begegnen!
Schließlich einigten sich die Anwältin und ich auf folgende Vorgehensweise: Ich würde die Frau in Florida unter Fristsetzung auffordern, die Bestattungskosten laut Anlage zu überweisen. Ersatzweise könnte die Schwägerin von Walter ja auch schriftlich ihr Einverständnis erklären, das Mutter dank der Vollmacht den Rechnungsbetrag von Walters Konto abhebt.
Als Mutter, leicht aufgebracht, wieder mit der Vollmacht anfing, mit der sie das Geld einfach so abheben wollte, unterbrach die Anwältin und brachte sie damit zure Räson.
Mutter war sehr still, als wir dann die Anwaltspraxis verließen. Ihre Kopfschmerzen seien unerträglich und ich sollte sie zum Arzt im Einkaufszentrum fahren. Auf dem Weg fragte sie dann noch: „Aber das Geld kann ich doch abheben.“
Mühsam beherrschte ich mich. „Hast Du nicht zugehört? Du kannst das Geld nicht einfach abheben. Du mußt die Schwägerin von Walter vorher fragen!“ entgegnete ich säuerlich und etwas lauter.
„Nein, Du drehst mir das Wort im Mund um....“
Schließlich beruhigten wir uns beide wieder Höhe Braunschweig-Kolleg. Im Kreisel bei der HEH-Klinik Melverode machte ich dann noch einen Versuch: „Und, Mutter, soll ich jetzt erstmal die Beerdigungskosten bezahlen?“ fragte ich.
Spätestens jetzt erwartete ich zugegebenermaßen eine Aussage zu den Kosten. Wenigstens ein Statement, das es ihr leid tut, das ich jetzt so in der Bredouille stecke. „Das zahl ich, keine Sorge.“ wäre optimal gewesen und hätte ich – ganz klar – von meiner eigenen Mutter auch gewünscht.
Aber weit gefehlt. Sie antwortete nicht einmal drauf. Ne Minute später faselte sie etwas davon, das die Kopfschmerzen so schlimm seien. Im Einkaufszentrum ließ ich sie raus. Kein Abschiedskuss. Relativ wortlos gingen wir auseinander und ich fuhr zu Kaufland, weil wir zuhause noch was brauchten.
Ich brauchte erstmal nen Kaffee. Erst rief ich Berta an, dann meine Löwin. Ich war enttäuscht. Ich fragte sie wegen der Kosten, schließlich war es ihr Lebensgefährte. Und als Antwort …. nur Meeresrauschen. Flucht in die Kopfschmerzen.
Sie wußte genau, das es sich nicht schickt, sein eigenes Kind so im Regen stehen zu lassen. Aber zu einem „Ja“ konnte sie sich auch nicht durchringen. Groß war meine Enttäuschung. Traurig ohne Ende. Da war in mir irgendwas zerbrochen, was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahr haben wollte.

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