Freitag, 3. Oktober 2014

Uncle Fester: grad gelesen Oktober 2014

Volker Backes, Andreas Beune, Christoph Ruf: Ohne Fußball wär`n wir gar nicht hier
„Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis“ ist der Untertitel dieser schönen Sammlung von kurzen Stories über Männer bzw. Fußballfans in den mittleren Jahren.
Die Faszination der ständigen Stadionbesuche und die ewigen Bemühungen, dies mit dem normalen Alltag aus Beruf und Familie in Einklang zu bringen, wird hier gut beschrieben. Nun haben die Autoren den Vorteil, das sie aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit gerade in diesem Milieu beruflich unterwegs sind und quasi alle Stadien in und auswendig kennen.
„Den“ Lieblingsverein gibt es da nicht mehr. Das Ganze ist quasi einem professionellen Objektivismus gewichen, was den Spaß an der Lektüre aber kaum mindert. Immerhin habe ich so erfahren, dass der unsägliche Christoph Ruf (fragt Hartmudo) wohl aus dem St. Pauli Fan-Umfeld stammt.
Da hat sich Hartmudo dann auch nicht weiter drüber gewundert, woher Rufs` krampfhaften Versuche, Eintrachtfans aufgrund lediglich einer obskuren Quelle – den Ultras 01 – ins rechtsradikale Licht zu rücken, stammen.
Abgesehen davon sind auch Rufs Stories sehr lesenswert, solange er nicht politisiert oder philosophiert. Eigentlich wollten wir ihn ja boykottieren, aber nun gut. Backes und Beune als Bielefelder sind da bodenständiger und stehen mir irgendwie näher.
Alles in Allem aber lesenswert, obwohl kurz.
 

John Niven: Kill Your Friends
Laut Tim Renner „das American Psycho der Musikindustrie“. Mehr bräuchte man über dies überragende Buch von Niven nicht sagen, aber trotzdem: Gei-lo-mat !
Steven Stelfox ist A & R Manager einer großen britischen Plattenfirma und drauf. Auf Koks und Nutten, Musik interessiert ihn eigentlich gar nicht. Für ihn sind alle anderen Idioten, Spackos, Looser, Fotzen oder einfach nur Arschlöcher. Und zwar alle seine Mitmenschen. Steven ist als Unsympath nicht mehr steigerbar.
Wunderschön wird hier die Musikindustrie als Moloch von Arschkriechern, Ignoranten und Vollidioten beschrieben. Stelfox kriegt aber auch gar nichts auf die Reihe. Zusammen mit seinen „Freunden“ und Kollegen legt er eine Line nach der Anderen. Voller Paranoia tötet er schließlich einen seiner Freunde und lebt mit der Angst, von einem vertrottelten Polizisten a la Columbo überführt zu werden.
Sein Konkurrent Parker-Hall kokst zwar auch, hat sich aber besser unter Kontrolle und zeichnet die richtigen Bands. Stelfox sieht seinen Job davonschwimmen ….
Die Manager der Plattenindustrie, die Werbefuzzis und auch die Musiker: So, wie Niven sie schildert, ist jeder Euro für eine CD oder einen Download verschenkt. Allesamt sind sie faule und untalentierte Säcke, die nicht einmal ihren Job beherrschen. Das fällt aberr nicht weiter auf, weil die Medien entsprechend mitspielen.
Die ganze Szenerie erinnert mich an „Wolves of Wall Street“. Spätkapitalismus pur. Was kommt danach?

                     

Jack McDevitt, Mike Resnick: Das Cassandra Projekt
Relativ sanft geht es wieder zur Science Fiction rüber. Dieser Roman spielt 2019 bei der NASA.
Jerry Culpepper ist Pressesprecher der NASA und stolpert durch Zufall über eine sensationelle Story. War Neil Armstrong doch nicht der erste Mensch auf dem Mond? Und warum wurde dies 50 Jahre lang vertuscht; selbst die Russen machen mit.
Mitten im kalten Krieg haben die Amis und Russen sich auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen können? Eine guter Plot erwartet den geneigten Leser, wie man es von McDevitt auch gewohnt ist.
Die Indizien verdichten sich, das bereits Apollo 9 und 10 auf dem Mond heimlich gelandet sind und Nixon dafür gesorgt hatte, das dies auch geheim bleibt. Und auch Watergate hat damit zu tun …
Der Multimilliardär „Bucky“ Blackstone finanziert eine Mondexpedition aus eigener Tasche, bei der er selbst mitfliegt, um auf dem Mond nachzusehen, warum Sidney Myshko mit Apollo 9 in einem Krater auf dem Mond landete. Der Präsident der USA, George Cunningham, findet schließlich eine Videobotschaft von Nixon und 2 außerirdische Artefakte, die der Grund für die jahrzehntelange Geheimhaltung sind.
Spannend bis zum Ende, läßt einen der Roman sehr nachdenklich zurück. Jesus war ein friedlicher außerirdischer Gesandter und wurde von den Menschen getötet. Und weil diese Botschaft mehr Sprengkraft enthält als eine Atombombe, wurde der Fund aus religiösen Gründen geheimgehalten.
Paßt hervorragend als Anfang zum Universum des McDevitt um Alex Benedict und Co. Ob es noch Fortsetzungen geben wird?

Andreas Brandhorst: Das Kosmotop
Auf den ersten 60 bis 70 Seiten werden so viele Personen, Spezies und technische Begriffe ins Spiel gebracht, das alle paar Minuten ein Blick ins Glossar unbedingt erforderlich wurde. Fast wollte ich diesen neuen Roman von Deutschlands wohl besten Science Fiction Autor schon beiseite legen, als er so nach und nach in Schweiß kommt und dann oooh aaah …
Die Kompetenz, ein Zusammenschluß von „Stufe 7 Zivisilationen“, regiert friedvoll über unsere Galaxis, als ein aggressives Weltenschiff, das Kosmotop, in die Milchstraße eindringt und „Proben“ nimmt: Ganze Städte, Planeten gar. Selbst Sterne werden verschlungen. Und die letzten Menschen, noch 14721 an der Zahl nach den großen Kriegen gegen die Incera aus der großen Magellanischen Wolke viele Jahrtausende zuvor, sehen ihrer endgültigen Auslöschung entgegen.
In diesem Roman ist der Pazifikator Corwain Tallmaster der Mensch, der unschuldig des Mordes verdächtigt wird und die Galaxis retten muß.
Was für Dimensionen! So muß Science Fiction auch sein dürfen. Das Kosmotop ist seit Millionen Jahren (ooooh!) unterwegs, um Leben zu sammeln und es mit in ein anderes Universum (aaaah!) zu nehmen. Leider ist das Kosmotop aufgrund eines inneren, hunderte an Jahrtausenden zuvor Konfliktes derart geschwächt, das es die Hilfe der Maschinenintelligenzen (Yes!), die die Milchstraße beherrschen, benötigt, um nicht zu zerfallen.
Die Handlung spielt Jahrtausende in der Zukunft. Die „letzten Menschen“, anfangs noch 14721 an der Zahl, allesamt unsterblich und unfruchtbar, sollen ausgerottet werden und nur Corvain Tallmaster und seine Geliebte, ein Vogelmensch...
Ach was, lest es selbst. Gute Unterhaltung. Wie immer Gut gegen Böse, wobei die jeweilige Zuordnung schon mal wechseln kann. Brandhorst kann einfach gut Geschichten erzählen.

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