Mittwoch, 23. August 2017

Hartmudo Spezial: Mutter

13
Donnerstag, 22. September. Heute wollte ich den Pflegedienst wegen der Spritzen für Mutter anrufen. Warum versuchten sie es nicht zuerst mal mit Tabletten, bevor sie gleich die großen Geschütze auffahren? Wegen der Mutter verabreichten Morphiumspritzen stellte ich mir diese Frage. Und bevor ich die Pflegedienstleitung des Heims anrief, hatte ich vorher schnell mit Sunny telefoniert. Ich wollte sie darüberhinaus über den aktuellen Stand informieren, bevor ich im Heim anrufe.
Aber Sunny wusste schon Bescheid und hatte sich bereits umgehört. Mit hysterischer Stimme berichtete sie, das „normalerweise" - wie sie gehört hatte - zuerst Tabletten oder maximal Morphiumpflaster verabreicht würden. Sunny beklagte das Desinteresse des Pflegepersonals, die einfach nur ihre Ruhe haben wollten. Meine Löwin hatte übrigens ähnliches befürchtet. Daher war ich auch entsprechend sauer auf die Pfleger, als ich nach einem anstrengenden Gespräch mit Sunny im Heim anrief.
Bald darauf sprach ich am Telefon mit einem Pfleger, der auch praktischerweise am Vortag mit dabei war, als Mutter über die Schmerzen klagte. Als ich ihn vorsichtig, mich dabei selbst zügelnd, fragte, warum er Mutter denn gleich Spritzen mit Morphium verabreicht hätte, anstatt es erst einmal mit Tabletten, Pflaster etc. zu versuchen, wurde er knörig.
Er verwies mich auf seine jahrelange Berufspraxis und die erforderliche Verordnung der Spritze durch den Hausarzt von Mutter, der auch höchstselbst die Spritze gesetzt hatte. Mit gereizt wirkender Stimme merkte er noch an, das ich das ja von außen schon mal gar nicht beurteilen könnte.
Ich stutzte. Der Pfleger hatte selbstverständlich Recht. Mehr oder weniger entschuldigte ich mich und redete danach vernünftig mit dem Pfleger weiter. Der meinte am Schluss des Gesprächs noch, dass Mutter vielleicht ins Hospiz gehen sollte,weil ihr Gesundheitszustand jetzt erfahrungsgemäß nicht mehr besser werden würde. Nach diesem Gespräch wurde mir zum ersten Mal wirklich klar, dass der Krebs Mutter jetzt wahrscheinlich bezwungen hatte und es mit Mutter zu Ende ging. Leider hatte ich vor Sonntag keine Zeit mehr, um sie zu besuchen. Die Beerdigung von Jopis Vater am Freitag und die Kegelfahrt mit den Trantüten am Samstag hinderten mich daran. So meinte ich zumindest, denn ich rechnete nicht mit einem kurzfristigen Tod unserer Mutter. Das Hospiz schien mir eine gute Idee zu sein, weil ich instinktiv wusste, dass Mutter den Tod in diesem trostlosen Zimmer in der Reuterstraße nicht verdient hätte. Lieber wäre mir da eine Sterbebegleitung im Hospiz gewesen.
In einer vollkommen geänderten Gefühlslage beendete ich das Telefonat mit dem Pfleger und vereinbarte sofort einen Termin beim Hausarzt für den nächsten Tag um 14.00 Uhr. Die Pflegekasse wollte mir einen Erhöhungsantrag zuschicken - oder sollte ich den stellen? Der Begutachtungstermin des medizinischen Dienstes war ja eh erst in der nächsten Woche geplant.
Blieb nur noch die Rückmeldung bei meinen Schwestern. Vor allem Sunny gegenüber musste ich ausdrücklich erwähnen, das es jetzt zu Ende geht. Leider kriegte ich Sunny nicht an die Strippe; sie war wohl wieder bei ihren Pferden. Deshalb schickte ich ihr die Mitteilung per Whatsapp. Wir hatten daraufhin dann über den Nachmittag einen Gedankenaustausch über diese Plattform.
Ich versuchte ihr in einer ersten Nachricht beizubiegen, das Mutter jetzt im Sterben liegt und eine Verlegung ins Hospiz angedacht ist. Ich selbst befürwortete dies, aber Sunny war davon in keinster Weise überzeugt.
Denn am Nachmittag meldete sie sich per Whatsapp zurück. Ihre Tochter Dörte war mittags samt Enkeltochter in die Reuterstraße gefahren, um Mutter zu besuchen. Sunny wusste zu berichten, das sich Mutter mit Dörte sehr nett unterhalten hatte und sogar einen halben Teller Milchreis aufgegessen hatte.
Sunny wertete dies als Anzeichen dafür, dass sich Mutter auf dem Weg der Besserung befindet. Sie schöpfte Hoffnung, die ich ihr aber nicht so einfach lassen konnte, denn die Aussicht auf eine Besserung von Mutters Gesundheitszustands war trügerisch.
Dem Urteil von Dörte vertraute ich weniger als der fachlichen Meinung des Pflegers. Denn unter Morphium tritt eine euphorisierende Wirkung ein, zumal ja auch endlich die unerträglichen Schmerzen weg sind. Dazu mag Mutter Dörte wirklich sehr, weil sie Mutter als Einzige in der Familie noch nicht enttäuscht hat. Deshalb hatte Mutter sich garantiert „zusammengerissen“ und Dörte etwas vorgespielt. Außerdem kennt Dörte Mutter noch am wenigsten von uns allen und glaubt ihr alles. Dagegen sprach wiederum, dass sich Mutter bereits vor ein paar Jahren aus dem Marienstift wieder hochgerappelt hatte, obwohl sie da nach einem Schwächeanfall noch schlechter aussah als im Moment.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt", so lautete unser abschließendes Credo. Daneben hatte ich Sunny noch gefragt, ob sie dem Gespräch beim Hausarzt am morgigen Tag auch beiwohnen wollte, obwohl mir klar war, dass sie nicht kommen würde. Die Pferde, die Entfernung... Was auch immer.
Dies war übrigens ein Telefonat, und ich führte es total abgehetzt während des Geburtstages von Herbert an diesem Tag. Ich fuhr nämlich an diesem Tag nach der Arbeit nicht gleich nach Hause, sondern zuerst zu Herberts Geburtstag. Und nachdem wegen Mutter alles erst einmal abgeklärt schien, konnte ich den Abend bei der Geburtstagsfeier richtig genießen.
Das eine oder andere Bierchen zwängte ich mir zum Feierabend noch rein und schwätzte angenehm mit einigen Partygästen. Dazu aß ich lediglich einige Bratwürste und ganz wenig Kartoffelsalat. Jetzt hatte ich Wochenende, denn am nächsten Tag, also Freitag, hatte ich mir freigenommen, weil ich zur Beisetzung von Jopi's Vater wollte.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen