Samstag, 18. April 2020

Contramann: kurz gesehen im April


https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-rhetorik-der-angst-wie-die-politik-die-buerger-in-der-corona-starre-zu-halten-versucht_id_11896042.html
Zu Beginn der neueste Kommentar von Fleischi zu Corona. Dass ausgerechnet der konservative Fleischhauer einen nachdenkenswerten und kritischen Beitrag zu den aktuellen Einschränkungen unserer Grundrechte raushaut, finde ich schon außergewöhnlich, weil die politische „Linke“ oder auch die bei den Grünen beheimateten Bürgerrechtler hierzu verdächtig still sind.
Da wird schon mal eine eher unverdächtige Prominente wie Juli Zeh in den Kreis der „Corona-Leugner“ verortet, bloß weil sie die Einhaltung von Verfassungsrechten anmahnt. Das Ganze erinnert auch mich an die „Flüchtlingskrise“ vor 5 Jahren, bei der die politische Linke nahezu geschlossen hinter der Regierungsmeinung stand. Wer dagegen war, galt bereits als AfD Symphatisant. Heuer ist man ergo Corona-Leugner.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte die getroffenen Maßnahmen zu den ungewohnten Ausgangsbeschränkungen angesichts der erschreckenden Zustände in Italien, den USA oder gar Equador für angemessen. Doch die Einschränkungen der Grundrechte verdienen eine offene Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der verhängten Verbote.
Lt. Fleischi würden 90 % der Bevölkerung die Ausgangsbeschränkung befürworten. Wahrscheinlich freuen sich die Meisten davon über den unerwarteten Sonderurlaub, auch wenn er als Home Office getarnt wird oder über Kurzarbeit zu finanziellen Einbußen führt. Aber wehe, es dauert so lange, dass viele Betriebe pleite gehen.
Dann ist das Hemd wieder näher als die Hose. Scheißegal auf die häufig eher geheuchelte Solidarität mit den Risikogruppen, mein Lebensstandard darf nicht sinken. Und wenn dann die Maßnahmen der Bundesregierung auf den Prüfstand kommen, wird es leider nicht um die Grundrechte gehen, sondern nur um den schnöden Mammon.
Da sind mir die jetzigen Corona-Leugner, obwohl ich deren Meinung nicht teile, lieber als die jetzt um die Alten „Besorgten“, die später aus Angst um ihren Status auf die Grundrechte pfeifen, wenn die Regierung ihnen eine Besitzstandswahrung garantiert.

https://www.spiegel.de/kultur/europa-in-der-corona-krise-was-fuer-eine-enttaeuschung-a-8571cce4-d4d3-4278-b632-50272a6d28a9
Es ist schon ein Hammer: Jahrelang wurde uns etwas vom „Haus Europa“ erzählt und wie gut es funktionieren würde, da bricht alles in sich zusammen. Während der Corona Virus in Italien und Spanien mehr und mehr Todesopfer fordert, hat die Präsidentin der EU Kommission, Albrechts Tochter, nichts besseres zu tun, als sich um die Abwehr von Flüchtlingen an der griechischen Grenze zu kümmern.
Hilfsgüter wie z.B. Beatmungsgeräte, Mundschutz oder gar Hilfspersonal wurden weder von Frankreich, Deutschland noch anderen „potenten“ Freunden nach Italien oder Spanien geschickt. Dies blieb den „Schurkenstaaten“ Iran und China vorbehalten, die trotz größerer eigener Probleme mit dem Corona Virus Hilfsgüter wie -personal dorthin schickten.
Ich denke, dass könnte der Todesstoß für das „Europa der Menschen“ gewesen sein. Wenn auch Deutschland die Grenzen zu seinen Nachbarländern dicht macht, so dass selbst Pendler aus den Nachbarländern nicht oder nur schwer zu ihrer Arbeit nach Deutschland kommen, aber Fluggäste aus China oder Iran problemlos nach Deutschland einreisen können, dann ist das Vertrauen in ein gemeinsames Europa dahin.
Wie unglaubwürdig und unkoordiniert unsere Politiker doch sind. Unfassbar.

https://www.heise.de/tp/features/Die-Solidaritaet-in-den-Zeiten-des-Coronavirus-4683142.html
Hier nochmals ein Artikel zur „Solidarität“ unter den EU Mitgliedern während der Corona Pandemie. Während die europäischen Nationalstaaten, insbesondere die Mitteleuropäer, ihre Grenzen zu den Nachbarn schlossen, schickten die Chinesen propagandawirksam Ärzte und Hilfsmittel nach Italien.
Die Deutschen, die zuvor ein Ausfuhrverbot für die benötigten Hilfsgüter verhängt hatten, obwohl die Todeszahlen zu dem Zeitpunkt in Deutschland noch vernachlässigbar waren, sahen sich in die Defensive, gar auf eine imaginäre Anklagebank, verdrängt und konnten auf einmal doch helfen. Eher marginal, versteht sich.
Trump wollte derweil das Tübinger Pharmaunternehmen Curevac, die an einem Impfstoff arbeiten, in die USA locken. Besser gesagt: Aufkaufen. Von der Bundesregierung gab es da nicht mal einen Protest. Allein dank des Engagements des Hauptanteileigners Dietmar Hopp konnte dies verhindert werden.
Genau der Dietmar Hopp, der seit Jahren in den Stadien mit Schmähgesängen als Totengräber des Fußballs verteufelt wird. Was ist das für eine Welt geworden. Zum „Glück“ wird Dietmar Hopp für die „echten“ Fußballfans immer das Arschloch bleiben. Wäre ja auch schlimm, wenn die „Fans“ sich Fehler eingestehen würden.

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/grundrente-der-grossen-koalition-vom-kabinett-beschlossen-a-d2191548-d9bf-4be1-9d29-595e09471b88?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ Ein dermaßener Blödsinn. Da soll dann noch bei einem möglichen Anspruch auf Grundsicherung im Alter ein Freibetrag von bis zu 50 % des Regelsatzes gewährt werden, auf die „Normalrentner“ zumindest bislang keinen Anspruch hatten. Ich fand es eh schon skandalös, dass aktuell Riester- und Betriebsrenten mit einem Freibetrag ausgestattet sind.
Wenn schon, denn schon. In der Grundsicherung im Alter sollten alle Arten von Renten diesen Freibetrag genießen. Dann braucht man übrigens auch keinen bürokratischen Popanz wie die Grundrente aufzubauen.

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/rente-so-soll-die-zukunft-der-alterssicherung-aussehen-a-e2a56fd7-29f4-444f-a013-92b418bbf638 Eine Sauerei sondergleichen. Die Vorschläge der Rentenkommission reformieren die Altersvorsorge nicht, sondern höhlen die gesetzliche Rentenversicherung weiter aus. So soll das Rentenniveau von ca. 48 % auf unverschämte 44 % sinken, während der Beitragsatz der Einzahler auf bis zu 24 % ansteigen könnte.
Da beruhigt es keineswegs, dass die private Vorsorge a la Riester weiter gefestigt werden soll. Am Arsch! Riester gehört abgeschafft und nichts weiter. Und das ewige Gerede vom demographischen Faktor kann ich auch nicht mehr hören. Von Jahr zu Jahr steigt das Bruttosozialprodukt und das bei eher sinkender Gesamtbevölkerung. Das muss doch in einer derart gut durchgeplanten Wirtschaft wie der Deutschen organisierbar sein .

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-und-oekonomie-das-ende-der-marktglaeubigkeit-gastbeitrag-von-jan-korte-a-774310f6-547e-4c59-bb83-73355adf7105?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ
Der prominente Linken Politiker Jan Korte bekam hier vom Spiegel die Möglichkeit, einen positiven Wechsel in unserer Gesellschaft nach Beendigung der Corona Krise zu skizzieren. Sein Credo: Angesichts der Pandemie ist „Markt vor Staat“ ein Auslaufmodell. Wenn es um Menschenleben geht, darf man das Wirtschaften nicht dem Markt überlassen.
Hierzu gehört vor allem, dass die momentan beklatschten „Systemrelevanten“, die als Pfleger, Angestellte im Supermarkt oder Polizisten etc. den Laden am Laufen halten, hinterher nicht lediglich mit einem Mon Cherie zu Weihnachten abgespeist werden.
Korte konzentriert sich hier eher auf das Thema Vermögenssteuer - also die Frage, wer die Corona Party hinterher bezahlt. Mir ist das zu wenig. Die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten Privatisierungen gerade im Kranken- und Pflegebereich müssen zurückgenommen werden. Nur dann erreichen wir die notwendigen Personalschlüssel, die für einen derartigen Beruf angemessen sind. Selbiges würde ich u.a. auch für die Energie-, Wasser- und Abfallwirtschaft unterschreiben.

Montag, 13. April 2020

Warren Smith 1/4


Der begnadete Rockabilly Gitarrist wurde am 7. Februar 1932 in Humphrey`s County, Mississippi, geboren. Nach der Scheidung seiner Eltern wuchs Warren bei seinen Großeltern in Louise, Mississippi, auf, die dort eine kleine Farm sowie einen Kurzwarenladen betrieben. Ich kannte diesen Begriff und musste ihn aber nochmal nachschlagen: Kurzwaren sind kleine Gegenstände zum Nähen wie Knöpfe, Zwirn, Nadeln oder Reißverschlüsse.
Warren diente bei der Luftwaffe in San Antonio, Texas. Die Abende vertrieb er sich mit der Gitarre, für die er sein Faible entdeckt hatte. Nach seiner Entlassung entschloss er sich, es mit einer Karriere im Musikbusiness zu versuchen. Deshalb zog er nach West Memphis, Arkansas - nur ca. 15 km weg von Memphis, Tennessee.
Und so genossen dort im Februar 1956 die Freunde des örtlichen „Cotton Club“ ihre Hausband namens Clyde Leopard and the Snearly Ranch Boys. Ihr Interesse war geweckt, denn die Band wurde seit kurzem durch einen außerordentlich talentierten jungen Country Sänger verstärkt. Dieser Sänger - Warren Smith - hatte gar das Potential, über die doch sehr begrenzte Szenerie von West Memphis hinauszuwachsen.
Jedenfalls sah dies Stan Kesler, seines Zeichens Songwriter und Steel Guitarplayer der Ranch Boys, so und hatte im Vorfeld den lokalen Plattenproduzenten aus Memphis, Sam Phillips, auf Warren Smith aufmerksam gemacht. Nach einem Vorspielen in den Sun Studios, bei der die Ranch Boys eine Hillbilly Ballade zum Besten gaben, war das Interesse von Phillips geweckt worden. Er forderte die Band auf, mehr Material für eventuelle Aufnahmen zu besorgen.
Am schon erwähnten Abend im Februar tauchte dann Phillips überraschend mit Johnny Cash im Schlepptau im Cotton Club auf und lud Warren Smith in der Pause an seinem Tisch ein. Cash hatte einen Song zu diesem Treffen mitgebracht, den er angeblich selbst geschrieben hatte: „Rock `n` Roll Ruby“.
Alternativ hierzu hatte Warren Smith in einem späteren Interview erklärt, dass Cash den Song nicht selbst geschrieben, sondern von George Jones (dem späteren Ehemann von Tammy Wynette) für 40 $ abgekauft hatte. Tatsächlich waren Cash und Jones wohl Ende 1955 in den Südstaaten gemeinsam aufgetreten, da hätte sich dies auch so ereignen können. Doch warum sollte Cash den Song dann einfach an Smith weitergeben und das auch noch persönlich? Wenn er mit dem Song selbst nichts anfangen konnte, hätte ihm die Umsetzung durch Smith ja egal sein können.
Ungeachtet dieser Ungereimtheiten wurde „Rock `n`Roll Ruby“ von Johnny Cash himself Warren Smith und der Band angeboten. Es mag sein, dass der Countrystar Johnny Cash mit einem „Rocksong“ (allein der Titel!) nichts anfangen konnte und ihn deshalb weiterreichte. Witzigerweise war Warren Smith ein ebenso reiner Country Sänger wie Cash und all die Anderen, die damals in den Sun Studios ein und aus gingen.
Zusammen mit den Snearly Ranch Boys, die bereits 1955 erste Platten bei Sun aufgenommen hatten, trat Warren Smith am Sonntag, den 5. Februar 1956, zur Session von „Rock `n`Roll Ruby“ in den Sun Studios an. Die Band musste erst noch auf Phillips und Cash warten, bevor es losgehen konnte.
In mehreren Outtakes perfektionierten die Ranch Boys den Song, bis es passte. Die treibende Gitarre von Buddy Holobaugh und das Schlagzeug von Johnny Bernero, der später auch auf einigen Aufnahmen von Elvis Presley zu hören ist, machen „Rock `n`Roll Ruby“ zu einem wahren Rockabilly Klassiker.
Phillips veröffentlichte den Song am 25. März 1956 als Sun #239. Die B-Seite „I´d rather be safe then sorry“ ist dagegen ein wirklich jauliger Hillbilly. Trotz der schwachen B-Seite prognozierte das Billboard Magazin Smith als den nächsten Rock `n`Roll / Country & Western Star aus dem Hause Sun Records. Und in der Mai Ausgabe der Fachzeitschrift sahen die Redakteure gar Anzeichen eines Presley-artigen Erfolgs.
Zu dem Zeitpunkt hatte „Rock `n`Roll Ruby“ bereits die lokalen Charts in Memphis und Charlotte gestürmt, was wohl vor allem den persönlichen Auftritten von Smith und dem Airplay der lokalen Discjockeys geschuldet war. Nachdem im Juli dann sogar 68.000 Singles verkauft worden waren, musste eine weitere Session her, um an den Erfolg anknüpfen zu können.
Man muss sich das einfach mal heute - über 60 Jahre später - vorstellen: „Rock `n`Roll Ruby“ war das Debüt von Warren Smith. Kein anderer Star von Sun Records hatte mit seinem Debüt mehr Exemplare verkaufen können. Egal ob Elvis Presley, Carl Perkins, Jerry Lee Lewis... Namen, die jeder kennt. Doch Warren Smith ist mehr oder weniger vergessen.

Mittwoch, 8. April 2020

H. Lecter: Alf


14
Während Alf wie ein Stein auf der hölzernen Bank schlief, leerte ich noch eine der übrig gebliebenen Bierdosen. Es dauerte vielleicht eine halbe Stunde, bis er unter dem grellen Sonnenlicht wach wurde und sich erst einmal orientieren musste. In solchen Situationen erinnerte sein Gesichtsausdruck an einen Maulwurf, der irrtümlich kurz nach 12.00 Uhr in der prallen Mittagssonne seinen Bau verlässt.
Man muss sich das einfach nur mal vorstellen: Eine Stunde vorher schob er mich noch mit schallender Lache im Einkaufswagen über den Bahnsteig, und jetzt war seine überbordende Fröhlichkeit einer tiefen Melancholie gewichen. Dies könnte an aufkommenden Kopfschmerzen durch die Sonneneinstrahlung liegen; wahrscheinlich war er aber durch den starken Alkoholkonsum einfach nur unterzuckert.
Da wir nunmehr nur noch zu zweit unterwegs waren, konnten wir uns viel Zeit lassen. Der Kudamm war immer noch unser Ziel, war ja auch nicht weit weg. Wie ein altes Ehepaar schlichen wir unter einem wie gemalten Himmel eng umschlungen zum Kudamm. So könnte es jedenfalls den uns entgegenkommenden Passanten vorgekommen sein.
Tatsächlich verhielt es sich eher so, dass ich Alf stützte und er seine behaarte Pranke auf meiner Schulter ablegte. Seine schief sitzende Nickelbrille und das ständige Schnaufen in der Art eines Rhinozerosses legten diesen Schluss schon sehr nahe.
Keine Frage, Alf hatte ein momentanes Tief und benötigte dringend seine Mischung oder aber seine Ruhe, sprich einen Schlafplatz. Ich dagegen war lediglich unterhopft; ein frisches Bier würde mir gut tun. Und natürlich etwas zu essen, gar keine Frage eben.
Nachdem wir dann endlich den Kudamm erreicht hatten und ein wenig herum geschlendert waren, stellte ich erfreut fest, dass auf der Straße ein mordsmäßiger Trubel vorherrschte. Der Kudamm versank quasi ich einem Meer aus Grün Weiß Schwarz, die rein Grün Weißen aus Wolfsburg waren hier klar in der Minderheit.
Die Gladbacher waren in jenem Pokalendspiel auch leicht favorisiert; ihre damals bereits große Fanbase stellte die der Wolfsburger gehörig in den Schatten. Bei den Wolfsburgern war es nicht so viel her mit Fan Clubs. Das Retorten Image des VFL speiste sich zu Recht aus dem Umstand, dass der Verein hauptsächlich von Gelegenheitsfans unterstützt wurde. Den Wolfsburger Anhängern fehlten sichtbar die Kuttenträger mit all den dazugehörigen Insignien. Die einheitlichen Käppis und Schals ließen ihre Herkunft – dem Edeka Markt um die Ecke - förmlich erahnen.
Bereits nach kurzer Zeit befiel mich ein dringendes Bedürfnis, welches mich seit jeher nach dem Genuss größerer Mengen an Bier befällt. Ich musste pieseln, nur wo? Eine öffentliche Toilette war nirgends in Sicht und dank der vielen Gladbacher mit ihrem lauten Geschnatter hatte ich Orientierungsprobleme. Dazu erschien mir Alf wie ein Klotz am Bein, der mich an der Ausübung meines momentan dringenden Bedürfnisses hinderte.
Müde setzte er sich auf eine Holzbank am Wittenbergplatz. Umringt von einer Menge an Gladbachern, die dort friedlich ihre Dosen leerten und auch gesanglich bereits die nötige Betriebstemperatur erreicht hatten. Alf fiel da im Gedränge gar nicht weiter auf, er fiel eher hin – will sagen zur Seite – und drohte wieder einzuschlummern. Ich klopfte kurz an seine Backe und sagte ihm mit aller Eindringlichkeit: „Ich gehe jetzt Pinkeln. Warte hier auf mich, ich bin gleich wieder da. Dort gegenüber ist ein Burger King. Soll ich Dir von dort noch etwas mitbringen?“
Lautlos schüttelte er mit seinem Kopf und ließ sein Kinn sogleich nach unten Richtung Brustkorb fallen. Offenbar hatte er meine Ansage noch mitbekommen. Ich würde also in wenigen Minuten ein großes Glücksgefühl erleben, wenn ich die Toilette beim Burger King erst einmal erreicht hätte.
Eine Wohltat war das. Heute, 20 Jahre später, würde ich nicht mehr so lange aufhalten können. Dann blieb als nächstes erst einmal folgendes zu tun: Anstellen am Tresen, um etwas zu essen. Wie erwähnt, fehlte mir das noch. Bier macht ja bekanntlich hungrig. Und mein Körper verlangt anlässlich solcher Gelage verstärkt nach Junk Food.
Gierig stopfte ich mir zwei Burger hinein und beherrschte mich, nicht noch mehr in diesem Laden zu ordern. Selbst hier waren lauter Gladbacher um mich herum, denen es ähnlich ging wie mir. Das nochmalige lange Anstehen bei dem vielen Andrang wollte ich mir ersparen.
Es galt, sich wieder um Alf zu kümmern. Zugegebenermaßen hatte ich doch länger als 10 Minuten bei Burger King gebraucht. Mühsam kämpfte ich mich durch die grün weiß schwarze Menschentraube auf der Straße zur Holzbank, wo ich Alf zurückgelassen hatte.
Er war nicht mehr da. Mist, jetzt hatte ich doch zu lange gebraucht. Irgendwann musste Alf wach geworden sein und war dann weggegangen. Wo war er bloß abgeblieben? Zu suchen machte keinen Sinn, bei diesem Menschenauflauf am Kudamm.
Er würde sich zum Olympiastadion allein durchschlagen müssen. „Alf ist ja auch schon 18.“ Dachte ich.

Freitag, 3. April 2020

Contramann: Corona 2


Im Fernsehen waren die Tage über unzählige Sondersendungen geschaltet. Auch die sattsam bekannten Talkshowgrößen wie Anne Will, Maybritt Illner, Sandra Maischberger oder auch der eloquente Frank Plassberg hatten sich des Themas angenommen. In Plassbergs „Hart aber fair“ vom 23. März gab es schließlich doch noch ein interessantes Statement von Stephan Pusch (CDU) aus dem Kreis Heinsberg zu hören.
https://www.welt.de/vermischtes/article206740877/Coronavirus-Heinsberger-Landrat-bittet-China-um-Hilfe-und-bekommt-Antwort.html
Wenn sich schon der Landrat von Heinsberg, dem Landkreis in Nordrhein Westfalen, der am stärksten von Corona Virus in Deutschland betroffen ist, hilfesuchend an den chinesischen Ministerpräsidenten Xi Jinping wendet, weil er seinem eigenen Ministerpräsidenten und Parteifreund Armin Laschet (als Merkel Nachfolger gehandelt) nicht vertraut, dann zeigt dies die tiefe Krise, in der die deutsche Politik steckt, überdeutlich.
Egal ob es die Regierungen unter Kohl, Schröder oder Merkel waren - allen gemeinsam ist, dass sie die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen vorangetrieben hatten. Krankenhäuser und Altenheime, Pflegedienste wie auch Energiewirtschaft und öffentlicher Nahverkehr. Alles ist ja im „Wettbewerb“ weitaus leistungsfähiger und vor allem billiger. Jawohl: Billiger, eben nicht preiswerter.
Was das im Fall einer Pandemie bedeuten kann, wurde dem Bundestag bereits im Jahr 2013 vorgelegt. Die Schwächen des deutschen Katastrophenschutzes wurden seinerzeit im „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ durch das Robert Koch Institut aufgezeigt. So heißt es dort unter Anderem:
"Arzneimittel, Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe."
Schnell noch ein Link hierzu: https://www.rtl.de/cms/pandemie-plan-der-bundesregierung-von-2013-es-gab-warnungen-4511219.html
Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Spezialisten heute noch in irgendwelchen Hinterzimmern versuchen, den Bericht auszuwerten und ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Wie sonst ist es zu erklären, dass der Bund seitdem keine Vorratshaltung an Masken oder Desinfektionsmitteln betrieben hatte? Im Gegenteil - vor wenigen Monaten stand noch die Schließung von Tausenden, vorwiegend kommunalen Krankenhäusern auf dem Wunschzettel der privaten Klinikkonzerne. Weil eine zentralisierte Fachkompetenz ja effektiver sei. Wieso Mütter dann beispielsweise mehr als Hundert Kilometer bis zur Entbindung eiern sollen, erschließt sich mir nicht. Im Fall von Komplikationen kann es unterwegs zu Problemen kommen.
Zuerst wurde uns ja bis Mitte März erzählt, dass Masken gar nichts bringen würden. Als die Preise für Masken dann endlich durch die Decke schossen, waren sie Ende März überraschenderweise doch unverzichtbar. Da ist es ein Skandal, dass nicht einmal Ärzte und Pflegepersonal mit dieser Schutzkleidung ausreichend ausgestattet werden können. Was ist denn das für ein schlampiges Krisenmanagement?
Aber ich möchte jetzt mit dem beginnenden April noch einmal kurz auf Europa zurückkommen. Denn nicht nur in Deutschland droht vor allem Selbstständigen wie auch mittelständischen Unternehmen ein wirtschaftlicher Kollaps dank des verhängten „Lock Down“. Besonders stark betroffene Staaten wie Italien, Spanien oder Griechenland favorisieren die so genannten „Coronabonds“.
Für diese Staaten wären darüber günstige Kredite möglich. Dies ginge allerdings zu Lasten der „Zahlerstaaten“ Deutschland und Frankreich, wobei Frankreich angeblich Coronabonds befürworten würde. Deutschland lehnt dies wie selbstverständlich ab, wie überhaupt unser eigener Staat in den letzten Wochen nicht gerade durch großen Einsatz bei der Unterstützung für die stark betroffenen Italiener und Spanier glänzte.
Während die Deutschen am 4. März ein Exportverbot für medizinische Schutzgüter verhängt hatten, schickten China und Kuba alsbald Hilfsmittel nach Italien. Um wenigstens das Gesicht zu wahren und das beschädigte Image zu verbessern, nahmen deutsche Bundesländer einige Corona Patienten (50 aus Frankreich, 73 aus Italien, Stand 31. März) in Intensivstationen auf. 160.000 Masken für Rumänien und Schweden... alles lediglich Alibilieferungen.
Zu diesen Informationen habe ich auf derselben Seite ( https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8234/ ) ein schönes Zitat gefunden:
“Die Deutschen tragen heute auf ökonomischem Gebiet Hochmut zur Schau … . Sie fühlen sich höherwertig.” Wäre “die internationale Gemeinschaft” nach dem Zweiten Weltkrieg “mit demselben, stets wiederkehrenden deutschen Hochmut” aufgetreten und hätte ihrerseits “die tatsächlichen Kriegsschulden zurückgefordert, dann würden die Deutschen heute aus den Mülltonnen leben.”
(Der italienische Regisseur und Schauspieler Tullio Solenghi)
Man könnte also sagen, dass Corona die Kraft besitzt, nicht nur Europa zu spalten, sondern auch unser gesamtes Wirtschaftssystem zum Kollabieren zu bringen. Ob die Wähler nächstes Jahr die genannten Zusammenhänge jedoch begreifen werden, wage ich stark zu bezweifeln. Der Deutsche will halt seine Ordnung, sprich „das der Laden läuft“. Und falls die Wirtschaft in die Grütze geht, dann sind daran natürlich die Ausländer schuld.
Die „faulen“ Italiener, Spanier und Griechen selbstverständlich vorne weg.
Zum (vorläufigen) Schluss meiner Tirade hier noch ein schöner Link:
https://www.nachdenkseiten.de/?p=59428
Ein sehr guter Artikel, der in einem Rundumschlag die Fehlentwicklungen aufspießt, die unserer Demokratie das Genick brechen könnten. Hier wird komprimiert nochmals aufgelistet, was bereits vor Auftauchen des Corona Virus schief lief. Und wie üblich werden wieder mal zuerst Großkonzerne und Finanzwirtschaft gerettet, wie knapp 10 Jahre zuvor auch.
Rügemers Ansatz eines mehr genossenschaftlichen Wirtschaftens halte ich für einen vernünftigen Ansatz und empfehle hierzu die Lektüre von Sarah Wagenknecht Büchern.

Donnerstag, 2. April 2020

Hartmudo: Corona 1

Am Donnerstag, dem 19. März, wurde mein Team morgens um 10.00 Uhr zusammengerufen. Aufgrund des Corona Virusses waren in der Woche im Bund und den Ländern bereits verschiedene Maßnahmen an Schließungen von Betrieben wie Restaurants, Cafes, Bars oder auch Ladengeschäften beschlossen worden.
Veranstaltungen, ja selbst die Bundesliga, konnten nicht mehr durchgeführt werden. Mehr und Mehr gingen große wie auch kleine Firmen dazu über, ihren Mitarbeitern Home Office anzubieten. Das ganze öffentliche Leben wurde heruntergefahren, jetzt waren wir dran. Auch wir wurden ins Home Office geschickt. Lediglich eine Notbesetzung musste unabweisbare Hilfen sicher stellen und im Büro erreichbar sein.
Mein erster Notdienst startete gleich am nächsten Tag. Da musste meine Löwin mich sogar noch nach Salzgitter fahren, weil mein Zug passenderweise ausfiel. Angeblich wollten Bahn und Busbetriebe ja den Personennahverkehr sicherstellen. Doch wahrscheinlich hatte die Bahn wieder mal nur das übliche Problem, dass ihnen die Zugführer fehlten. Ist ja nicht so, dass sonst die Züge morgens auch immer fahren.
In Salzgitter angekommen, schlich ich mich in mein Büro und freute mich über die ungewohnte Ruhe. Endlich konnte ich mal ungestört von Kollegen, Telefon oder Kundenkontakt konzentriert am Stück arbeiten und schaffte dadurch mehr als an einem gewöhnlichen Arbeitstag. Von Notfällen blieb ich an diesem Tag verschont; mal sehen, ob dies auch an den nächsten 3 Notdiensten so bleibt.
Bis zur Woche nach Ostern ist dieser Notbetrieb geplant. Vorerst - es kann sein, dass diese Frist noch verlängert wird. Alles hängt von der Anzahl der Infizierten und einer erhofften Entwicklung eines Gegenmittels oder Impfstoffes ab. Ich gehe hier allerdings davon aus, dass es ab 20. April im Normalbetrieb weiter geht, da der wirtschaftliche Schaden andernfalls zu groß würde.
Als ich dann am Sonntagmorgen Brötchen zum Frühstück vom Bäcker um die Ecke besorgt hatte, geriet ich vor dem Eingang auf dem Parkplatz in eine bizarre Situation. Es wurden immer nur 2 Leute gleichzeitig ins Geschäft gelassen und draußen entstand daher eine Schlange. Allerdings hielten alle einen Sicherheitsabstand von ca. zwei Metern ein.
Da standen nun vielleicht 8 - 10 Leute voneinander isoliert auf dem Parkplatz herum und blieben stumm. Eine dystopische Atmosphäre, zumal ja auch kaum Autos auf der Straße unterwegs waren. Eine gespenstische Ruhe lag da über der Stadt, erinnerte mich fast schon an die autofreien Sonntage während der Erdölkrise 1973.
Und während ich da in der eisigen Kälte bei frühlingshafter Sonne stand und wartete, gingen mir wieder mal böse Gedanken durch den Kopf. Was ist, wenn die ganzen Ausgeh- und Versammlungsverbote nur das Ziel haben, kritische Stimmen zur allgemeinen Politik zum Schweigen zu bringen? Es sind in Griechenland wieder viele Flüchtlinge in Europa angekommen. Will die Regierung ein weiteres Erstarken der AfD verhindern, indem sie die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema lenkt?
In der Woche zuvor hielt die Kanzlerin noch eine Fernsehansprache an die Nation. In würdevollen Worten beschwörte sie die Bürger, von Hamsterkäufen abzusehen und wegen der Gefahr einer Ansteckung auch an die Mitbürger zu denken. „Wir schaffen das“ war mal wieder die Botschaft. Und das wir alle zusammenhalten müssen. Mit dieser Einstellung sind die Deutschen schon in zwei Weltkriege gezogen - den konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.
Letztendlich wart die Rede ja nicht wirklich verkehrt. Was soll eine Regierungschefin auch anderes sagen? Ruhe bewahren ist zur Zeit sicherlich vernünftig. Zumal wenn ich seit Wochen kein Klopapier oder Seife mehr kaufen kann, weil irgendwelche Hirnis diese Artikel hamstern. Laut Harald kriegt man an der Tankstelle bei ihm um die Ecke tatsächlich noch Klopapier - für 2 € pro Rolle. Ich habe dies nicht nachgeprüft, weil ich Angst habe, wegen Körperverletzung in den Knast zu kommen.
Eins noch zur Rede der Kanzlerin... Ein Wort habe ich da vermisst, dass in den letzten Jahren in fast jeder Rede von ihr auftauchte: Europa! In der Krise ist das „europäische Haus“ offenbar unwichtig geworden. Selbst die Deutschen machten die Grenzen zu ihren Freunden dicht, um eine nicht mehr zu verhindernde „Einreise“ des Virus zu verhindern. Dabei gibt man guten Freunden doch ein Küsschen - oder zwei...
Für Hilfslieferungen war da bislang natürlich kein Platz. Während in Italien oder auch Spanien die Menschen krepieren, muss Deutschland auf seine eigenen Kapazitäten achten. Stattdessen sandten China, Russland und selbst Kuba Hilfe in Form von Menschen und Hilfsgütern nach Italien. Ich warte noch auf die Meldungen der Hugenberg Presse, die uns erklären wird, dass der Iwan versucht, uns zu unterwandern. Wie damals, als wir beide Kriege angeblich allein deshalb verloren hatten. Dieses Abschotten des deutsches Staates finde ich jedenfalls beschämend.
Dienstags waren wir bei Edeka am Bahnhof einkaufen. Der Weg dorthin war schnell überbrückt; es waren ja auch kaum Autos unterwegs. Sowohl bei DM als auch bei Edeka regelte die Security des Centers vom Brawopark den Einlass. Skurril wurde es dann bei Edeka sehr schnell, weil wir zwar zusammen den Supermarkt betreten durften, aber nur mit einem Wagen. Und zwar für jeden von uns. Selbst ein Familienvater mit seiner Teenietochter brauchte einen zweiten Einkaufswagen, um den Laden betreten zu dürfen.
Beim Bezahlen an der Kasse ergab sich ein vergleichbares Bild. Ein Mitarbeiter der Security wies den Kunden nach und nach die Kassen zu und achtete peinlich genau darauf, dass der Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten wurde. Und genau wie bei DM waren die üblichen Verdächtigen - also Klopapier, Seifen und Mehl - spärlich vorhanden. Obwohl... bei Edeka erstand ich einen Achterriegel Klopapier Marke Regina mit Kamille! Hautfreundlich ist in diesen Tagen ja auch so ein Thema.

Sonntag, 29. März 2020

Uncle Fester: grad gelesen März 2020


Dennis E. Taylor - Bobiverse 1 - Ich bin Viele
Und wieder ein neuer Autor - diesmal aus Kanada. Und er eröffnet gleich mit einem Dreier. Laut Rückseite „hat Dennis E. Taylor den nächsten Kultroman der Science Fiction geschrieben.“ Nach den ersten 100 Seiten stimme ich da gerne zu, obwohl ich zugegebenermaßen zunächst etwas skeptisch gewesen bin ob dieser „Mann in der Maschine“ Story.
Der IT Unternehmer Bob Johannsson hat viel Geld dafür bezahlt, damit sein Kopf im Todesfall eingefroren wird. Kurze Zeit später kommt er bei einem Verkehrsunfall ums Leben und erwacht knappe 100 Jahre später im Jahr 2133. Leider ist die Welt der Zukunft keine Schöne; Mehrere Blöcke stehen sich feindlich gegenüber.
Hierbei spielen die Euroasiaten, die Australier oder auch Afrikaner keine große Rolle für die Handlung. Die USA sind zu einer Theokratie namens FAITH mutiert und fühlen sich insbesondere von der brasilianischen Konföderation bedroht. Bobs Erinnerungen, ja seine Seele, wird ungefragt in eine Sonde zur Erkundung des Weltraums außerhalb des Sonnensystems geladen.
Trotz Sabotage und Angriffen der Brasilianer schafft Bob es mit seiner Sonde, das Sonnensystem zu verlassen, um für die dank Umweltsünden zunehmend unbewohnbar werdende Erde Planeten zur Besiedelung zu entdecken. Auf seiner ersten Station, im System Epsilion Eridani, kann er sich nur mit Mühe seines brasilianischen Widersachers Medeiros erwehren und richtet sich dort - nach der Flucht von Medeiros - seine Basis ein.
Hier laufen während der späteren Handlung die Infos der verschiedenen von Bob geschaffenen Klone zusammen. Bob und seine Klone brechen nach kurzer Zeit auf, um die nähere Umgebung des Sonnensystems nach bewohnbaren Planeten abzusuchen. Nur Bill, ein Klon der ersten Generation, bleibt bei Epsilon Eridani zurück, um dort überlichtschnellen Funk zwecks besserer Kommunikation untereinander oder neue Technologien, auch Waffen, zu entwickeln. Denn die Gefahr durch Medeiros ist keineswegs gebannt.
Der Roman lebt hauptsächlich von 3 Inkarnationen: Bob, dem Original, sowie Bill und Riker. zwei Klonen aus der zweiten Generation. Weitere Nebenstränge lasse ich hier mal außer Acht, da sie sehr zahlreich und unübersichtlich sind. Einige sind da noch länger als Andere; stellenweise kommen die Klone nur in einem Kapitel von 5 - 6 Seiten vor.
Bob erreicht das nächste Sonnensystem Delta Eridani und findet dort tatsächlich einen bewohnbaren Planeten. Dort hilft er den primitiven Einwohnern, die den Steinzeitmenschen ähnlich sind, gegen die Angriffe von „Gorilloiden“, die die „Deltaner“ genannten Einwohner als leckere Nahrungsquelle ansehen. Mit Hilfe von Drohnen schützt er die vom Aussterben bedrohten Deltaner und kommuniziert mit ihnen. Immer an die oberste Direktive aus Star Trek denkend, aber diese Regel permanent brechend, führt er die Deltaner in eine fruchtbarere Gegend, in der sie sich in Ruhe entwickeln sollen.
Apropos Star Trek: Riker fliegt zur Erde und muss dort feststellen, dass die Menschheit dank eines verheerenden Krieges vor ihrem Ende steht. Mit weiteren Klonen baut er Transporter, um über Jahre und Jahrzehnte so viele der Überlebenden eineinhalb Millionen Menschen wie möglich auf einen sicheren Planeten umzusiedeln.
Dieser befindet sich im System Omnicron 2 Eridani und ist tatsächlich Vulkan, der Heimatplanet von Spock. Im selben System befindet sich ein zweiter bewohnbarer Planet, folgerichtig Romulus genannt. Auch dort sollen die Menschen siedeln. Die ersten Schiffe bringen auch die DNA einer Samenbank der Erde mit, so dass sich irdisches Leben hier ausbreiten kann. Milo, ein Klon der ersten Generation, hatte die Planeten entdeckt, bevor er von Medeiros vernichtet wurde.
Mario, ein anderer Klon der ersten Generation, entdeckt dazu im System Beta Hydri eine zerstörte außerirdische Raumstation, was für die weiteren Teile viel Spannung verspricht. Da bin ich wirklich gespannt drauf.


            

Dennis E. Taylor - Bobiverse 2 - Wir sind Götter
Die Story geht nahtlos weiter. Wie nach dem ersten Band zu erwarten war, wechselt die Story vorwiegend zwischen den Siedlern auf Vulkan und den Deltanern in ihrer Siedlung Camelot.
Es ist der ursprüngliche Bob, der den Deltanern auf dem Planeten Eden im System Delta Eridani hilft. Die Siedlung Camelot wächst und gedeiht, nachdem Bob den Deltanern geholfen hatte, eine Schar von Flugsauriern zu vernichten. Diese hatten die Deltaner wohl Jahre zuvor aus diesem Gebiet vertrieben.
Bobs Schützling Archinedes gründet mit Diana, einer Bon gegenüber skeptischen Frau, eine Familie. In der immer enger werdenden Siedlung kommt es zu Spannungen innerhalb der Bevölkerung und Bob überredet Archimedes, die Unzufriedenen mit einer List aus Camelot zu vertreiben. So zieht ein Großteil der jüngeren Deltaner aus Camelot weg, um in der Nähe einen eigenen Ort zu gründen.
Bobs Plan, die Deltaner aus ihrer Steinzeit heraus zu führen, geht so langsam auf. Selbst Ackerbau bringt er ihnen noch bei. Schließlich hat Bill endlich einen Androiden entwickelt, mittels dem sich Bob als Deltaner namens Charles frei unter den Deltanern bewegen kann. Seine bisherige „Gestalt“ als fliegender Bot wurde von den Deltanern abgelehnt. Nur Archimedes kennt Charles wahre Identität.
Als Diana am Ende des Bandes stirbt, wird Bob bewusst, dass der nunmehr bald 70jährige Archimedes auch in naher Zukunft sterben wird.
Auf Vulkan hat Homer mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Bob auf Eden. Bloß sind es hier eher Raptoren wie in Jurassic Park, die den ersten Kolonisten von der Erde zu schaffen machen. Das Problem ist schnell durch Eliminierung gelöst, so dass in diesem Handlungsstrang Howard, der Vulkan mit Homer verwaltet, eine große Bedeutung zukommt.
Er hatte sich in die Biologin Bridget verliebt, doch die heiratet schließlich den Sicherheitschef Brodeur, Howards besten Freund unter den Menschen. Ja, diese „Kurzlebigen“. Als Brodeur nach vielen Jahren stirbt, gesteht Howard Bridget seine Liebe und kann sie schließlich überzeugen, sich selbst nach ihrem Ableben replizieren zu lassen. Damit ist ihre Tochter nicht einverstanden. Sie hasst Howard, vor allem in seiner Inkarnation als Android Manny.
Auf der Erde kämpft Riker immer noch um das Überleben der restlichen Menschen und gegen die Terrorgruppe „VEHEMENT“. Diese meinen, das Universum von den Menschen befreien zu müssen. Nur mit Mühe und aufwendiger Recherche kann Riker das Versteck der Terroristen finden und die Gruppe kalt stellen.
Mario, der die hochentwickelte Alien Zivilisation entdeckt hatte, muss feststellen, dass diese die umliegenden Systeme geplündert hatte, um eine Dyson Sphäre bauen zu können. Sie rauben Metalle und haben schon etliche entwickelte Zivilisationen vernichtet. Jetzt werden sie auf die Menschen aufmerksam, zumal sie eine chinesische Drohne abgefangen hatten und von der Erde hörten. Bill koordiniert die Bobs, die die Aliens bekämpfen.
Die „Anderen“ kommen aus dem System GL877 und sind den Bobs militärisch überlegen. Die Bobs können im Moment die Anderen nur beobachten. Bill versucht, neue Waffen zu entwickeln.
Im System Delta Pavonis hatte der Bob Jaques eine vorindustrielle Zivilisation entdeckt. Mit einer großen Kraftanstrengung kann Jaques wenigstens 20.000 der sogenannten Paven retten, ehe die Anderen das System erobern und die Zivilisation der Paven zerstören. Ein Konflikt mit den Anderen wird wohl nicht zu vermeiden sein - im 3. Band.

Dennis E. Taylor – Bobiverse 3 – Alle diese Welten
Mit Marius, der auf dem Wasserplaneten Poseidon versucht, eine menschliche Kolonie auf dem Wasser zu etablieren, wird ein bestehender Handlungsstrang ausgebaut. Hier geht es um die Überwindung eines Unrechtsregimes durch die Elite der Kolonisten, die eine Ausbreitung der Siedler auf dank Marius neu errichtete schwimmende Städte unterbinden wollen.
Marius schwingt sich zum Führer einer friedlichen Revolution auf. In diesem Erzählstrang sind quasi Gandhi und Martin Luther King auf Waterworld unterwegs. Das allein könnte schon ein Buch füllen, wird aber dank der vielen anderen Erzählstränge komprimiert geschildert, was der Handlung zwar Tempo verleiht, ihr gleichzeitig aber Tiefe nimmt. Wie einige andere Nebenstränge auch ist dies für die Haupthandlung nebensächlich.
Gegen Ende dient Poseidon nur noch als Aufenthaltsort für Howard und Bridget, die - nach ihrem biologischen Tod - sich der Erforschung außerirdischem Lebens verschrieben hat. Ihre Tochter wollte das Hochladen ihrer Mutter verhindern, verlor aber den Gerichtsprozeß. Mit ihren anderen Kindern kann sich Bridget versöhnen. Und das ist das Ende dieses Handlungsstranges.
Bob muss auf Eden voller Sorge verfolgen, wie sich die beiden entstandenen Dörfer gegenseitig bekriegen. Sein Alter Ego Charles kann Archimedes davon überzeugen, das gegnerische Dorf nicht platt zu machen, sondern in der Entwicklung zu fördern, da diese lediglich aggressiv wurden, weil ihnen die Kenntnisse in der Herstellung von Speeren für die Jagd fehlte.
Am Ende muss Charles erleben, wie auch Archimedes stirbt. Der tief betroffene Bob weint bitterlich und zieht sich von den Deltanern zurück, um wie weiland Lucky Luke in den Sonnenuntergang - hier das unendlich große All - zu reiten.
Überhaupt sind alle Ereignisse in diesem Zyklus philosophisch stark aufgeladen. Es geht um den Sinn und Zweck menschlichen Lebens, ohne dass dem Leser neue Erkenntnisse oder Ansichten vermittelt werden können. Wenigstens ist das Ganze sehr unterhaltsam und reicht aus, um zwischen den Tagen inne zu halten und über sich und sein Tun nachzudenken.
Die Anderen steuern derweil die Erde an, um unser Sonnensystem auszubeuten. Es kommt zu einem großen Duell am Ende des Romans, ein verlustreiches Gemetzel, aber am Ende sind die Anderen besiegt. Ihr Heimatsystem GL 877 wird derweil von den Bobs mittels eines Asteroiden pulverisiert. Man kann hier getrost von einem Genozid sprechen.
Spätestens jetzt wird dem geneigten Leser klar, dass er einen Romanzyklus eines amerikanischen Autors gelesen hat. Einem Brandhorst oder einem anderen Europäer wäre ein humaneres Ende eingefallen, bei dem die Aggressoren ihr übles Tun eingesehen und einen friedlichen Weg für die Zukunft eingeschlagen hätten.
Einem US Amerikaner reicht es wohl zu wissen, dass die Aggressoren unbelehrbar böse sind und vernichtet werden müssen, damit endlich Frieden herrscht. Diese Quintessenz ist der einzige Wermutstropfen in einem ansonsten kurzweiligen Zyklus. Die Grundidee allein war schon charmant; einige Konsequenzen waren nachdenkenswert. Insbesondere der Gedanke, dass ein künstliches Bewusstsein seine Menschlichkeit nicht verliert, obwohl er wesentliche Aspekte derselben (Fressen, Ficken, Fernsehen) nicht mehr wirklich genießen kann.

Mittwoch, 25. März 2020

Hartmudo: Vitalium


24
Auf dem Rückweg nach Braunschweig durften wir nochmals die leicht verschneiten Wiesen und Felder am Wegesrand genießen. Von Minute zu Minute hellte sich unsere Stimmung auf; wir lachten und scherzten, weil wir die Woche trotz des Malheurs mit dem Auto kurz zuvor so gut überstanden hatten.
Doch bevor wir zu Hause eintrudelten, mussten wir zunächst an einem DM anbremsen. Für das Spiel unserer Eintracht am Nachmittag benötigten wir unbedingt noch Sauerkrautsaft. Dazu kauften wir noch Gemüse- und Karottensaft für die weitere Fastenwoche zu Hause ein. Als Ersatz für die Excelsiorsuppe wählten wir eine hefefreie Gemüsebrühe (Pulver). Dies kommt der Brühe im Vitalium wohl am Nächsten.
Dann waren wir endlich durch und zurück in Lehndorf. Wir schlossen unsere Wohnungstür auf und standen auch gleich unseren Katzen gegenüber, die sich tierisch auf uns gefreut haben mussten, denn bei früheren Reisen hatten sie zumeist die Neigung verspürt, sich rar zu machen und uns mit Nichtbeachtung zu bestrafen.
Vor Freude füllten wir als erstes ihre Fressnäpfe. Die Katzen hatten uns wirklich gut dressiert, das konnten wir neidlos anerkennen. Erst danach packten wir unsere Koffer aus. Dies sollte man übrigens immer möglichst schnell nach der Ankunft Zuhause erledigen, weil der ganze Mist sonst noch zwei Wochen lang in der Bude herumliegt. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich da spreche.
Mittlerweile hatte die Uhr bereits 14.00 Uhr geschlagen und der Abstiegskampf auf Magenta Sport konnte beginnen. Eintracht zu Gast bei Fortuna Köln; Not gegen Elend sozusagen. In der Vorwoche hatte Eintracht noch sein Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden verloren und stand an diesem Tag unter großem Druck, weil der Abstand aufs rettende Ufer vier Punkte betrug und die Fortuna in der Tabelle auch kaum besser stand.
Pocke und Patti waren zum Spiel pünktlich eingetroffen. Pocke hatte wohl noch altes Brot gefunden gehabt, dass er auch sogleich auf den Tisch legte. Kein Bier, kein Schnaps. Wasser, Tee oder Brause waren angesagt. Und während wir die vergangene Woche noch einmal Revue passieren ließen, plätscherte das Spiel im Hintergrund so vor sich hin.
Man könnte aber auch sagen, dass dieses Spiel ein ganz schwaches Niveau aufwies. Das Abstiegsgespenst war anwesend und begleitete die Akteure auf Schritt und Tritt. Wie gelähmt schlichen die Spieler in der ersten Halbzeit über den Platz. Nach dem Wechsel konnte es eigentlich nur besser werden.
Zuvor musste ich bei Pocke allerdings noch mein Versprechen einlösen. Pocke hatte sein Brot ja von zu Hause mitgebracht, den Rest hatte ich da. So kamen Pocke, aber auch Patti, in den Genuss eines von mir geschmierten Brotes.
Als ich das Messer in den Napf mit den Gänseschmalz stieß und eine ordentliche Portion auf den Brotscheiben verteilte, stieg mir der unwiderstehliche Duft des Schmalzes in die Nase. Diesen Duft genoss ich, wurde aber nicht schwach und versagte mir einen kleinen Hieb. Selbst das Messer hatte ich nicht abgeleckt, denn ich war ja immer noch am Fasten.
Jetzt, wo ich dies ein Jahr später frühmorgens vor der Arbeit niederschreibe, bin ich um so stärker davon überzeugt, dass es leichter ist, auf etwas komplett zu verzichten als sich das ersehnte „Glück“ einzuteilen, um es nicht eskalieren zu lassen. Dies gilt sowohl fürs Rauchen, Alkohol und Süßigkeiten als auch für Gänseschmalz.
Innerlich glücklich, dass ich nicht kämpfen musste, um dass Gänseschmalz zu verschmähen, verteilte ich das Schmalz gleichmäßig auf die Brotscheiben. Den Harzer Käse - gut durchgereift, sonst schmeckt er nicht - schnitt ich in kleine Scheiben und deckte damit das Schmalz auf den Broten vollständig zu. Salz und Pfeffer streute ich großzügig hinterher, ehe ich als besonderes Topping noch Kümmel über diese Kunstwerke verteilte. Krönender Abschluss war natürlich Senf, den ich oben drauf verschmierte.
Pocke aß sein Brot mit Genuss und dann auch noch den Rest von Patti, die erneut keinen großen Hunger verspürte. Und weder meine Löwin noch ich fingen an zu zittern, weil wir nichts davon abbekamen. Wir hatten eine Woche geschafft und wollten jetzt auch noch eine zweite Woche überstehen.
Als wir schon zu schlaff zum Erzählen waren und eigentlich nur noch stumpf auf den Bildschirm stierten, schoss Köln in der 66. Minute den zu diesem Zeitpunkt verdienten Führungstreffer. Erwartungsvoll goss ich den Sauerkrautsaft in die Schnapsgläser, dann schluckten wir den Inhalt mit Todesverachtung hinunter. Für Pocke und mich war das ein willkommenes und neues Geschmackserlebnis, da sind wir ja sturmerprobt. Unseren Frauen dagegen schmeckte es nicht so gut.
Der Ausgleich für Eintracht fiel eine Minute später, da war ich gerade noch mit dem Einschenken des ersten Drinks beschäftigt. Ergo gab es das doppelte Vergnügen; für Pocke und mich schmeckte das nach mehr. Und die Eintracht tat uns auch gleich den Gefallen. Weitere zwei Minuten später schoss Menz Eintracht per Freistoß in Führung.
Das ging ja ganz schön fix; da mussten Pocke und ich uns schon sputen, um da mitzuhalten. Für Patti stellte dies auch kein Problem dar, lediglich meine Löwin war beim 3. Drink nicht mehr anwesend. Sie befand sich zu dem Zeitpunkt bereits auf der Toilette. Ebenso bei der Entscheidung zum 3:1 kurz vor Schluss.
Für Eintracht war dies die Wende im Abstiegskampf gewesen und wir hatten noch einmal einen schönen Nachmittag zum Abschluss unserer gemeinsamen Fastenwoche. Nach dem Spiel verabschiedeten sich Patti und Pocke und auch wir starteten ins Wochenende. Meine Löwin und ich mussten am Montag wieder ran auf der Arbeit.
In der Arbeitswoche hatten wir das Fasten dann gut durchgehalten. Morgens startete ich auf der Arbeit mit einem halben Liter Karottensaft, um bis Mittag auszuharren. Da war dann Gemüsesaft angesagt.
Abends Bittersalz und eine Brühe, dazu lang Wasser und Kräutertees. Ab und an ne Orangenschnitze... Voila, wir hielten es bis zum nächsten Wochenende durch. Und am Sonntag dann, nach insgesamt 15 Tagen des Heilfastens, starteten meine Löwin und ich langsam mit Haferbrei am Morgen in die „normale“ Ernährung.
Auswärtssieg!

Wahrscheinlich waren meine Löwin und ich einfach noch euphorisiert gewesen, weil wir eine Woche ohne Essen und besonders die gewohnten Leckereien ausgekommen waren. Deshalb konnten wir in der zweiten Woche, zu Haus und selbst auf der Arbeit, das Fasten gut durchhalten. Es war dann aber auch schön, als es dem Ende entgegenging.
Abschließend möchte ich festhalten, dass mir diese insgesamt 2 Wochen (auch wenn ich über die zweite Woche zu Hause wenig berichten konnte) Auftrieb gegeben haben. Meine Ernährung hat sich seitdem stark verändert.
Am auffälligsten ist hierbei, dass mir nach dem Fasten Schafskäse gut mundete. Den hatte ich zuvor immer verschmäht. Und wenn ich bei meinem Lieblingsgriechen (eigentlich ein Türke) eine Hähnchengyros Schale ohne Pommes bestelle, ist der Salat immer als erstes weg. Überhaupt habe ich seit dem Vitalium mehr Bock auf Salat oder Gemüse als auf Wurst oder Fleisch.
Beim letzten Wiegen vor dem „Ausfasten“ zeigte die Waage sensationelle 100,0 kg an. Leider erreichte ich später im Jahr doch noch mein altes Kampfgewicht von 109 kg, weshalb ich im November / Dezember noch eine Fastenwoche einlegen musste. So Peu a Peu war das Gewicht wieder nach oben geklettert.
Und das lag sicherlich hauptsächlich am Alkohol. Wenn ich einen im Tee hatte und mich in Feierlaune befand, waren die schnellen Kohlenhydrate in Form von Nüssen, aber auch Schokolade, nicht weit. Wenn ich also konsequent mein Gewicht niedrig halten möchte, werde ich wohl auf Alkohol komplett verzichten müssen.
Doch dazu bin ich noch nicht bereit. Ich habe das Saufen zwar hier und da weiter eingeschränkt, aber ganz komme ich nicht davon los. Wenn es mit den Kilos wieder eng wird, wird halt wieder gefastet. Das wäre wohl Anfang März der Fall, sage ich heute am 18. Februar.
Wenn also dieser letzte Teil von der Story über die Fastenwoche endlich auf meinem Blog steht, dann habe ich wohl gerade wieder eine Fastenwoche hinter mir. Mit dem Vitalium haben wir es heuer doch nicht hin bekommen. Meine Löwin wartet noch auf ihre Kur und ich kam zugegebenermaßen zu dem Schluss, dass ein weiterer Aufenthalt im Vitalium ein Jahr später nicht so gut sein kann wie beim ersten Mal.
Es muss auch so gehen. Und ich möchte mir die schöne Erinnerung an die tolle Woche im Vitalium Bad Lauterberg im Februar 2019 nicht versauen.

Montag, 23. März 2020

Hartmudo: Mutter


56
Nach diesem langen Donnerstag war ich abends wie üblich kurz nach 19.00 Uhr zuhause. Und an diesem Abend war unsere Hütte voll, denn meine Löwin war von 4 Kerlen umgeben, die unsere Wohnung anlässlich der Kassenprüfung der Vereinskasse geentert hatten. Und meine Löwin ist schließlich Kassiererin beim Angelverein.
Ich hatte die Jacke noch nicht ausgezogen, da kam meine Löwin auch schon angeschossen und sagte mir, dass ich Berta sofort anrufen sollte. Berta war wohl wegen Sunny total aufgelöst und mit den Nerven runter. Da schwante mir Übles; noch mit angezogener Jacke, aber mit Addiletten an den Füßen, ging ich als erstes an unseren Kühlschrank. Aus der Samsung Stand-Alone Kühl/Gefrierkombination holte ich mir auf den Schreck ein kaltes Wolters raus. Gleich würde ich wieder eine von Sunnys Überraschungen erleben.
Mit der Pulle in der Hand begrüßte ich gleich darauf Angel-Arnd, Präsident des Angelvereins, und die versammelten Kassenprüfer. Dann schnell noch ein paar Worte und ein Schwätzchen mit Angel-Arnd. Ganz wichtig hierbei war das Anstoßen der Flaschen... Jetzt war ich bereit für Berta und schnappte mir das Telefon. Ich ging in mein Zimmer, schnaufte noch einmal tief durch und rief meine Sestra an. Was hatte Sunny diesmal bloß angestellt?
Sie hatte Mutters Konto bei der Nord/LB sperren lassen! Berta war fix und fertig und weinte ins Telefon. Ihre Stimme überschlug sich beim Reden, sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Nur mühsam konnte ich Bertas Redefluss bremsen, damit sie sich etwas beruhigte und mir den ganzen Vorfall der Reihe nach schildern konnte. Derart aufgelöst hatte ich meine Sestra bis dahin noch nicht einmal erlebt, als es Bud sehr schlecht ging.
Nachdem Berta und ich am Vormittag miteinander gesprochen hatten, war Berta wohl gleich in den Heidberg zur Bank gefahren, um einen Kontoauszug zu holen. Ihre Überraschung war grenzenlos, als Frau Peters von der Bank ihr erklärte, dass sie keine Kontoauszüge bekommen könnte, weil Sunny das Konto dicht gemacht hatte.
Sunny war offensichtlich selber in den Heidberg gefahren, um einen Kontoauszug zu holen. Sie wollte ja Gewissheit wegen der Überweisung des Betrages vom aufgelösten Konto des Bankhauses Löbbecke haben. Logischerweise erhielt sie keinen Kontoauszug, weil allein Berta die Kontovollmacht von Mutter übertragen bekommen hatte.
Da sie sich aber ausweisen konnte und wohl auch einen Nachweis wie das Testament dabei hatte, legte sie quasi ein „Veto" gegen die Kontovollmacht von Berta ein. Ich hätte nie gedacht, das so etwas möglich ist, doch man lernt bekanntlich nie aus. Frau Peters blieb anscheinend nichts anderes übrig, als das Konto dicht zu machen.
Das hatte zur Folge, dass wir von der Bank nur gemeinsam Kontoauszüge erhalten könnten. Als erstes wurden dann übrigens aktuelle Kontoauszüge an uns Drei nach Hause geschickt. Daher hatten wir ein paar Tage später dann doch die Auszüge, insofern eine bescheuerte Aktion von Sunny. Doch es ging ihr ja nicht um die beschissenen Auszüge.
Sie hatte Angst, dass Berta das Geld abheben könnte und sie selbst leer ausgehen würde. Auf diese Vermutung kamen Berta und ich als erstes, ist ja auch naheliegend. Wobei diese Befürchtung von Sunny natürlich der absolute Blödsinn war, denn sie hätte zumindest nachträglich auf alle Fälle die Kontoauszüge sehen können, da wäre irgendwelcher Schmu eh herausgekommen. Ein guter Anwalt (auch ein schlechter) hätte Berta später durch den Gerichtssaal treiben können, da gibt es kein Vertun.
Berta argwöhnte dazu zum wiederholten Male, dass Sunny die Kontosperrung nur veranlasst hatte, um ihr persönlich eins auszuwischen. Ich konnte Berta gerade noch stoppen, bevor sie wieder mit den Kindheitserinnerungen aus den 50ern anfing. Wiederholt stellte sie fest, das es Sunny eine tierische Freude bereiten würde, Berta richtig zu quälen und zum Weinen zu bringen. Was da alles in der Kindheit auch passiert sein mochte, konnte ich mir sicherlich später, also in zwei oder drei Jahren, anhören. Aber nicht an jenem Donnerstag Abend, nicht im Zusammenhang mit Mutters Tod.
Schnell zog ich mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank, das Gespräch mit Berta würde garantiert länger dauern als 5 Minuten. Berta kam jetzt richtig in Fahrt. Ihre anfänglich depressive wie weinerliche Stimmung wich einem grimmigen, entschlossenen Knurren. Bertas Kampfgeist war erwacht, so will ich meine Sestra sehen! Fight them Back!
Wie sich herausstellte, hätte Berta ab der Sperre nur mit Sunny zusammen Auszüge holen können. Da ich nicht widersprochen hatte, wäre meine Anwesenheit offenbar nicht erforderlich gewesen. Ich weiß nicht mehr, welches Schimpfwort Berta für ihre Sestra benutzt hatte, aber auf alle Fälle würde sie einen „Teufel tun", bevor sie in den Heidberg fährt, um mit Sunny alleine dort zu stehen und ihre „Visage" sehen zu müssen. Dann könnte Berta „für nichts garantieren".
Doch es ging eben nicht nur um die Kontoauszüge; auch die Kontobewegungen wie noch zu leistende Zahlungen oder gar Abhebungen von Mutters Konto waren dank der Sperrung nur möglich, wenn beide dort zusammen auflaufen würden. Und diesbezüglich wurde Berta richtig griffig, indem sie meinte, das sie erst zum Geldabheben bereit wäre, wenn alle Rechnungen bezahlt seien. Als da wären z.B. die Einkommenssteuer oder die Rechnung für den Makler. „Ums Verrecken nicht" oder auch „Da kann sie warten, bis sie schwarz wird!" waren Bertas wörtliche Formulierungen.
Mit der Sperrung hatte sich offenbar Sunnys Bitte auf vorzeitige Auszahlung eines Teilbetrages vom Konto erübrigt. Der Graben zwischen ihr und Berta war unüberbrückbar geworden. Berta verstieg sich noch in die Vermutung, dass Sunny das Konto bereits vor ihrem Anruf bei mir auf der Arbeit am späten Vormittag des Vortages dicht gemacht hatte. Das wollte ich nicht so stehen lassen, obwohl ich da jegliche Vorsicht außer Acht gelassen hatte. Allein wegen der übertriebenen Freundlichkeit von Sunny am Telefon hätte ich hellhörig werden müssen.
Ein derart krankes Denken und vor allem Handeln konnte ich mir an jenem Abend von Sunny immer noch nicht vorstellen; ich wollte es schlichtweg auch nicht. Mit dem dritten Wolters in der Hand versuchte ich Berta zu überzeugen, dass Sunny erst aufgrund meiner Informationen aus dem gemeinsamen Gespräch gehandelt hatte. Sunny war nämlich äußerst genervt gewesen, dass Berta „mal wieder nichts gemacht" hatte. Berta konnte ich jedoch nicht von ihrer Meinung abbringen und eigentlich war es ja auch egal. Das Konto war dicht und gut ist.
Wenn ich diese Telefonate der beiden Tage wegen der Kontosperrung soeben beim Schreiben dieser Zeilen Revue passieren lassen, fällt mir noch etwas dazu ein, an das selbst Berta seinerzeit nicht gedacht hatte. Das ich nicht eher darauf gekommen bin, wundert mich einerseits, andererseits war es eben auch egal gewesen, mir zumindest.
Kann es nicht so gewesen sein, dass Sunny nicht wegen der Kontoauszüge in den Heidberg gefahren war, egal ob vor dem Gespräch mit mir oder danach, sondern wegen einer Abhebung des Geldes? Nicht alles natürlich, das glaube ich trotz allem nicht, aber „ihren" Anteil wollte sie doch schon haben. Darauf hatte sie mich beim Telefonat explizit angesprochen. So ein geldgieriges Luder.
Und da sie weder Geld noch Auszüge erhalten hatte, machte sie gleich das Konto dicht. Eigentlich hätte die dumme Kuh einfach nur vorher mit Berta zu sprechen brauchen, dann hätte es keine Probleme gegeben. In einer normalen Familie jedenfalls, nicht jedoch bei uns. Und ich dachte im Frühling noch, dass wir Geschwister uns bei der Sorge um unsere Mutter endlich wieder näher kommen würden. Ich Schaf!

Dienstag, 17. März 2020

Udorallala: Top Songs 9/?


Im Dudel-Radio spielen sie gerne die Hits der 70er oder 80er, doch „meine“ Hits sind da nie dabei. In loser Folge schreibe ich deshalb über einzelne Songs und warum sie so wichtig, bahnbrechend oder anders wie bedeutend sind. Für mich, für Dich, für uns alle.
Ding Dong – That`s my Song!

The Vibrators - We Vibrate

Sicherlich nicht der beste Song dieser völlig zu Unrecht vergessenen Band, aber für mich persönlich ein Meilenstein meiner Menschwerdung. Will sagen: Dies war der erste Punk Song, nach dem ich das Tanzbein schwang. Seinerzeit im Sportunterricht und das direkt nach "Smoke on the Water", welches demzufolge der erste Song gewesen war, zu dem ich mich bewegt hatte.
Pocke hatte die Single seinerzeit (1977) von einer Reise nach London mitgebracht und sie unserem Sportlehrer untergeschoben, der uns mit einem revolutionären Ansatz (Rockmusik und freies Tanzen in der Turnhalle) beglückt hatte. Währenddessen und auch sonst beglückte er die langhaarige blonde Mitschülerin mit den großen Brüsten mit wachsender Begeisterung im Nebenraum.
Die Band fand im Februar 1976 zusammen und absolvierte einen ersten Gig als Vorband der Stranglers. Bereits im November 1976 konnten sie "We Vibrate" als eine der ersten Punk Singles auf Mickie Mosts RAK Label veröffentlichen. Most hatte bereits Hot Chocolate, Mud, Suzie Quatro oder Smokie (würg!) in die Hitparaden geschossen, doch mit den Vibrators gelang ihm dies nicht.
Ebenfalls noch 1976 erschien "Pogo Dancing". Bei dieser Aufnahme fungierten die Vibrators als Backing Band für Chris Spedding. Aufgrund dieser Zusammenarbeit bei Speddings Song hält sich bis heute das Gerücht, dass Spedding "We Vibrate" produziert hätte. Jedoch ist auf der Single Mickie Most als Producer angegeben.
"We Vibrate" startet dann auch im typischen Soundgewand von Most, mit dem er z.B. Mud oder Racey zu Hitmaschinen produzierte. Ein eingängiger Gitarrenlick läutet den Song ein, während im Hintergrund ein blubbernder Synthie zu hören ist, der im Song an und für sich nichts zu suchen hat. Deshalb hier auch eine Live Aufnahme von 1978 mit anderen Songs. Old Grey Whistle Test - eine wahre Schatzkiste.


 
 

Nach dieser Einführung wird es schnell. Die seinerzeit ungewöhnlich schnellen Gitarren begleiten die eingängige Melodie im typisch punkigen Stakkato-Rhythmus. Der hymnenhafte Gesang, der insbesondere beim Refrain zum Mitgröhlen einlädt, lässt das leidige Synthie Geschwurbel schnell vergessen.
"We vibrate
Vibrate together, vibrate,
Stamp our shoe leather, vibrate.
Tear at the tether,
C'mon everybody let's vibrate together."
Knapp über zwei Minuten dauert dieses frühe Meisterwerk der Band. Die notwendigen schnellen Hüpfbewegungen konnten wir deshalb in der Turnhalle bis zum Songende locker durchhalten.
November 1976 - was war da in den Charts los? Anfang jenes Monats war Pussycat mit "Mississipi" auf der Pole. "If You leave me now" von Chicago auf 2 war ja wenigstens noch ein schöner Song. "Rod the Mod" jammerte sich mit "Sailing" auf die 9 und "Beautiful Noise" wie auch "Lost in France" kämpften sich von den hinteren Positionen nach vorne. Einen Punk Song sucht man dort vergeblich.
Eigentlich ist es eine Schande, dass die Vibrators keine große Karriere gestartet hatten. Nach den beiden genannten Singles landeten sie für ihren ersten Longplayer bei Epic Records. Auf diesem grandiosen Album ohne Schwächen waren das unsterbliche „Baby, Baby“ oder auch „Stiff little Fingers“ verewigt. Eine junge Band aus Belfast benannte sich sogar nach diesem Song.
Auch der zweite Longplayer ein Jahr später war mit enormen Hitpotential versehen, doch der verdiente Erfolg blieb aus. Es sprang mit „Automatic Lover“ lediglich eine Top Forty Platzierung heraus. Mit „Disco in Moscow“ erschien im Oktober 1980 noch einmal ein Lebenszeichen der umformierten Band, aber die Qualität der ersten beiden Longplayer hatte die Band nicht mehr erreichen können.
Von den Toten Hosen Anfang der 90er Jahre ausgegraben, tourten sie im Vorprogramm der deutschen Vorzeigepunker. Da hatte ich sie sogar gesehen, 1992 in der Eilenriedehalle. Neuere Sachen aus diesem Jahrtausend (die Band tourt immer noch) habe ich auch gehört, aus alter Liebe.
Die Qualität der ersten Zwei erreichten sie aber nie wieder. Und wenn selbst solche Juwelen keine Chance hatten…

Donnerstag, 12. März 2020

Hartmudo: Vitalium


23
Wir packten unser Gepäck in den Fahrstuhl und schickten ihn in das Erdgeschoss, denn wir gingen zu Fuß. Der Fahrstuhl war wirklich sehr klein. Wir waren kaum die Treppen der drei Stockwerke hinuntergegangen, da sahen wir unsere Gepäckstücke auch schon durch das Glasfenster des Fahrstuhls.
Wir brauchten unsere Taschen jetzt nur noch auf den Gepäckkarren packen, und schon könnten wir den Karren durch den Nebenausgang ins Freie schieben. Aber leider gab es da ein Problem: Ohne das wir es verhindern konnten, fuhr der Fahrstuhl urplötzlich an. Ich sah gerade noch, wie sich die Innentür vor die Glasscheibe schob.
Und schwupps - da befand sich der Fahrstuhl auch schon wieder auf dem Weg nach oben. Schnell einigten wir uns darauf, dass meine Löwin im Erdgeschoss wartete und ich schnell wie der Blitz die Stockwerke wieder zu Fuß hinauf astete, um unser Gepäck irgendwo wieder einzufangen.
Schwer atmend erwischte ich unser Gepäck im zweiten Stockwerk. Ein verdutztes Ehepaar stand vor dem Fahrstuhl, der Mann hielt gerade die Fahrstuhltür auf und schaute, wohl ziemlich überrascht von dem vollgestellten Fahrstuhl, zu mit hinüber und brauchte ein wenig, um die Situation zu erfassen. Dann aber huschte augenblicklich ein verstehendes Lächeln über sein Gesicht. Seine Frau zeigte keinerlei Reaktion.
Ich entschuldigte mich für den gerade nicht nutzbaren Fahrstuhl und schickte diesen wieder ins Erdgeschoss, wo meine Löwin die Kabine gleich leer räumen würde. Dem Ehepaar versprach ich, den Fahrstuhl gleich wieder hinauf zu schicken. Und erneut ging ich zu Fuß die Treppen ins Erdgeschoss hinunter. Jetzt sollte es doch endlich klappen.
Auf dem Weg dachte ich schon an den weiteren Tagesablauf. Ich war so richtig aufgeregt und voller Vorfreude, weil wir jetzt gleich nach Hause fahren würden. Wir würden zwar noch eine ganze Woche weiter fasten, aber auf die ersehnten Gaumenfreuden würde ich getrost noch eine Woche verzichten können. Vielmehr freute ich mich auf die Katzen und den gewohnten Tagesablauf. Nach einer Woche Bad Lauterberg drohte uns ein Lagerkoller zu überwältigen. Eine weitere Woche im Vitalium wäre definitiv zu viel des Guten gewesen. Eine Woche reicht vollkommen, da hat man alles gesehen.
Meine Löwin war unterdessen nicht untätig gewesen. Blitzschnell hatte sie die Gepäckstücke aus dem Fahrstuhl geholt und den Gepäckwagen befüllt. Ich musste mich sputen, um sie auf dem Weg zum Nebeneingang einzuholen. Siehe da, auch meine Löwin sehnte die Rückkehr nach Braunschweig förmlich herbei. Ungefähr auf halber Strecke hatte ich sie eingeholt, so dass ich ihr die Tür aufhalten konnte.
Schön frisch war es an diesem Morgen. Wir kamen überein, dass ich das Auto holen würde, währenddessen meine Löwin mit dem Gepäckwagen vor dem Eingang warten wollte. Bei der abschüssigen und häufig geflickten Teerdecke der Straße machte es keinen Sinn, den klapprigen Gepäckwagen dort bis zum Parkplatz hinunter rollen zu lassen. Zumal wir ihn anschließend den Berg wieder hinauf schieben müssten, wo wir gar keinen Bock drauf hatten.
Fröhlich machte ich mich auf den Weg zum Parkplatz und hing wieder meinen Gedanken nach. Das Spiel Fortuna Köln gegen die Eintracht stand um 14.00 Uhr an. Die Eintracht war Vorletzter und brauchte den Sieg unbedingt, sollte der Abstieg aus der dritten Liga noch vermieden werden. Patti und Pocke würden das Spiel mit uns gucken. Das wäre ein richtig guter Abschluss unserer gemeinsamen Fastenwoche.
Ich hatte gehofft, gleich losfahren zu können. Leider musste ich feststellen, dass die Scheiben unseres VW Golfs leicht vereist waren. Seufzend fügte ich mich in mein Schicksal; wohl oder übel würde ich die Scheiben freikratzen müssen. Schnell sollte es gehen, denn meine Löwin wollte ja auch nicht lange in der Kälte stehen.
Ich überlegte also nicht lang und schloss die Karre auf. Automatisch steckte ich den Schlüssel ins Zündschloss, denn ich wollte ja gleich losfahren. Nach kurzer Suche hatte ich den Eiskratzer gefunden. Dieser diente uns zugleich auch als Parkscheibe. Leider war der Drehmechanismus seit längerem kaputt, so dass dieses Teil regelmäßig von allein auseinander fiel.
Heiter und beschwingt machte ich mich an die Arbeit. Fröhlich schmiss ich die Tür zu, damit das abgekratzte Eis nicht noch ins Innere des Autos gelangen konnte. Zuerst kümmerte ich mich um die Seitenscheibe der Fahrertür. Nur noch ein paar Minuten, dann wären die Scheiben frei vom Eis und ich könnte meiner Löwin beim Einladen helfen. Ich dachte noch, dass meine Löwin sagen würde: "Wo bleibst Du denn? Ich warte und warte..." Und dann schnell nach Hause!
„Klack.“ Dieses Geräusch riss mich aus sämtlichen Träumen. Nur zu gut kannte ich diesen Sound; es ist dieses kurze und schmerzlose Klacken, welches ertönt, wenn sich die Zentralverriegelung unseres Autos aktiviert. Häufig automatisch, beispielsweise vor dem Losfahren, wenn ich schon drinnen sitze und gerade noch den Sitz und den Rückspiegel verstelle. Verärgert drücke ich dann jedes Mal auf einen Knopf in der Tür unterhalb der Scheibe, um die Tür wieder zu entriegeln.
Leider befand ich mich nicht innerhalb des Autos. Dafür war wenigstens der Zündschlüssel am richtigen Platz - im Zündschloss! Ebenfalls innerhalb des Wagens befand sich der Knopf zur Entriegelung der Tür. Und alle Türen natürlich zu - da stand ich wahrlich bedeppert da. Meine ganze Vorfreude auf Braunschweig, die euphorische Stimmung... wie weggeblasen. Auf einmal war ich den Tränen nahe.
Ich hatte keinen Plan, wie ich die Tür aufbekommen sollte. Frustriert rief ich meine Löwin an; womöglich hatte sie die rettende Idee. Hatte sie nicht, aber sie riet mir zum Anruf bei Pocke. Sollte er den rettenden Einfall haben? Nein, hatte er nicht. Patti und er waren bereits auf der Rückfahrt und freuten sich auf ihr Zuhause.
In meiner Verzweiflung rief ich danach bei Danny an. Leider wusste er auch keinen Rat. Vollkommen verzweifelt klingelte ich bei meiner Löwin durch. "Ich bin gleich mit dem Gepäckwagen da. Komm mir entgegen zum Schieben. Wir treten dann das Rückfenster ein." Dieser brachiale Vorschlag schien unsere letzte Rettung zu sein. Ich sah uns schon mit kaputter Heckscheibe durch den winterlichen Harz nach Hause fahren.
Total gefrustet ging ich meiner Löwin den Hügel zum Hotel hinauf entgegen. Weit brauchte ich nicht zu gehen, denn sie kam mir bereits entgegen. Auf dem Weg war ihr sogar schon das Gepäck heruntergerutscht, was bei den „Zaungästen“ an den Hotelfenstern ein großes Hallo hervorrief.
Als wir dann mit dem Gepäck zusammen beim Auto ankamen, hatte ich noch eine letzte Idee. Eine KFZ Werkstatt könnte uns möglicherweise helfen! Gesagt, getan. Erst bei der dritten hatte ich an diesem Samstag den gewünschten Erfolg. Als ich dem Mann mein Problem geschildert hatte, meinte er bloß, dass ich besser den ADAC anrufen sollte. Die hätten da eher die Möglichkeit, uns zu helfen.
Dass meine Löwin und vor allem ich nicht eher da drauf gekommen waren! Ich war ja auch erst seit knapp 40 Jahren dort Mitglied! Da kann man mal sehen, wie kaputt wir beide nach dieser Fastenwoche waren. Und während meine Löwin den Gepäckkarren den Hügel hinauf zurück ins Vitalium schob, rief ich den ADAC an.
Ich brauchte bloß den Wagen zu beschreiben und schon ging es los. Na ja.. fast, denn bis zu einer Stunde würde der gelbe Engel schon brauchen, da im Moment viel zu tun sei. Da konnte ich wenigstens die Scheiben des Golfs in aller Ruhe frei kratzen. Meine Löwin war auch schnell wieder da und freute sich nach einer Dreiviertelstunde mit mir zusammen, als der gelbe Engel endlich auf den Parkplatz vorfuhr.
Als erstes einmal hörte sich der gelbe Engel meine Schilderung des Tathergangs an. Danach blickte er kritisch zu unserem Golf, Baujahr 2003, und schimpfte über Volkswagen. Sämtliche anderen Automarken ließen sich leicht über das Fenster öffnen, nur VW nicht. Sein prüfender Blick ins Innere offenbarte ihm, dass der Schlüssel im Schloss steckte und da tatsächlich nichts zu machen war.
Die Standardmethode wäre es gewesen, wenn er einen Draht mit einer Schlaufe zwischen Tür- und Fenstergummi durchgeschoben und mit einer Schlaufe den Knopf der Tür angehoben hätte. So wie in amerikanischen Krimis halt. Doch das Sicherheitskonzept von VW verhinderte dies.
Es blieb dem gelben Engel nur noch eine Möglichkeit: Mit einem Dietrich fuhr er schließlich immer in das Schloss hinein - rein, raus, rein. raus..., als ob er da etwas abfeilen würde. Gleichzeitig hatte er an seiner Konstruktion von verschieden dicken Stangen noch einen Hebel, der die notwendige Drehbewegung zum Öffnen ausführte.
Meine Löwin und ich standen mehr oder weniger stumm daneben und beteten innerlich, dass der gelbe Engel erfolgreich sein möge. Nach gefühlt einer halben Stunde - wahrscheinlich waren es wohl 5 - 10 Minuten - hörten wir das befreiende Klacken des Schlosses, als die unermüdlichen Bemühungen des gelben Engels endlich Wirkung zeigten.
Da konnten meine Löwin und ich endlich durchatmen. Ich zeigte dem gelben Engel noch meinen ADAC Mitgliedsausweis und unterschrieb den Auftragszettel, dann verabschiedete er sich und verschwand so geschwind, wie er gekommen war. Schnell schmissen wir unser Gepäck in den Golf und machten uns ebenfalls auf den Weg.
Überglücklich, dass wir so glimpflich davon gekommen waren, fuhren wir nach Hause.

Sonntag, 8. März 2020

H. Lecter: Alf


13
In Istanbul gab es im Stadion bekanntlich nichts zu trinken. Ganz anders sah es bei unserer Fahrt zum Pokalendspiel nach Berlin aus. 1995 war das. Die Partie lautete Borussia Mönchengladbach gegen VfL Wolfsburg.
Wir rückten zu dem Spiel in illustrer Besetzung an. Neben Alf und meiner Wenigkeit waren Max, Klaus-Ewald und Moritz mit dabei. Wastl, Mike, Sylvester (unser damaliger Abteilungsleiter) sowie Onkel Hotte waren ebenfalls mit von der Partie.
Mit Fug und Recht konnte man unsere Gruppe (bis auf Klaus-Ewald) als gestandene Trinker bezeichnen; Moritz mochte bloß kein Bier! Allerdings auch keinen Fußball, aber das hinderte ihn nicht daran, mit zum Pokalendspiel ins Berliner Olympiastadion zu kommen. Wenn die Action rief, war Moritz immer mit dabei! Dies galt übrigens seinerzeit auch für Klaus-Ewald, möchte ich der Form halber noch erwähnen.
Noch bevor der Zug nach Berlin in Braunschweig auf den Bahnhof einrollte, hatten wir die ersten Dosen geleert – Bacci-Cola für Moritz und ebendiese Mischung für Alf natürlich zusätzlich. Bei ihm musste es ja immer fix gehen. Der Zug war schon überfüllt, so dass wir keine Sitzplätze mehr ergattern konnten und stehen mussten.
So stand ich dann – ich habe dieses Bild heute noch vor Augen – mit Max und Klaus-Ewald an der Tür des Abteils eines Großraumwagens. Neben uns standen zwei St. Pauli Fans in Antifa Mode, mit denen wir uns angeregt über das bevorstehende Spiel unterhalten hatten. Parallel dazu beobachteten wir zusammen Alf, der sich aus unserer Gruppe fortbewegt und sich hinter dem Sitz einer jungen Frau aufgebaut hatte.
„Das gibt’s doch nicht! Dieser alte Sack, wie schafft er das bloß?“ Der Anarcho vom Millerntor und sein Kumpel waren total perplex ob des Bildes, das sich uns bot. Alf und die Frau scherzten und lachten, dass es nur so eine Freude war. Für die Pauli Fans war das unfassbar, dass Alf so schnell mit der jungen Frau ins Gespräch kam. Und als Alf ihr dann von hinten an die Brüste griff und dieselben leicht massierte, kamen sie gar nicht mehr klar. Die junge Frau juchzte begeistert und den Trägern der Totenkopf T Shirts fiel doch glatt die Kinnlade runter.
Für meine Kollegas und mich dagegen kam das nicht überraschend, wir kannten unseren Kameraden ja zur Genüge. Wie uns Alf hinterher erzählte, hatte er sich einfach hinter den Sitz des Mädels (und ihrer Freundinnen) gestellt und sie gleich eingeladen, mit ihm einen zu trinken. Weiß der Teufel, wo er die Schlüpferstürmer her hatte!
Die Frauen, die wohl auf einem Junggesellinnenabschied unterwegs waren, ließen sich von Alf nicht lange bitten, zumal sie selbst schon das ein oder andere Sektchen weggepichelt hatten. Alf, der alte Charmeur, brauchte nur noch die kleinen Spaßmacher zu verteilen und schon war er im Gespräch mit den Damen.
Dabei hatte es ihm offensichtlich die leicht rundlich wirkende Frau mit der schwarzen Brille angetan, hinter deren Sitz er seinen Astralkörper platzieren konnte. Wie wir das von ihm kannten, schmiss er mit Komplimenten nur so um sich und fragte die Frau, ob sie etwas dagegen hätte, wenn er mal ihre Brüste streicheln würde.
Und einem derart liebenswürdigen Mann, der so lustig daherkommt und dann noch höflich ohne Hintergedanken fragt, kann man bekanntlich nichts abschlagen. Jo mei, was für a Gaudi! Der Junggesellinnenabschied wird zumindest dieser Frau unvergesslich bleiben. Tatsächlich verabschiedete sich der Tittengrabscher gleich darauf höflich und kehrte zu unserer Gruppe zurück.
Die St. Pauli Fans hatten jedenfalls in Alf einen neuen Helden gefunden und tranken mit uns voller Respekt noch die eine oder andere Bierdose. So verbrachten wir die Zeit bis zur Ankunft in Berlin – Bahnhof Zoo, wo sich die Wege von uns und den Pauli Boys trennten. Wir sammelten erst einmal unsere Truppe auf dem Bahnsteig zusammen.
Welcher Teufel mich dann geritten hatte, weiß ich nicht. Gut angesoffen und voller guter Laune setzte ich mich in einen dort herumstehenden Einkaufswagen und ließ mich von Alf und den anderen laut gröhlend über den Bahnsteig schieben. Dabei fielen wir unter den vielen Fußballfans noch nicht einmal großartig auf.
Ausgelassen und fröhlich wie wir waren, wollten wir noch ein wenig vor Spielbeginn über den Kudamm wandern. Der ist bekanntlich nicht weit vom Bahnhof Zoo entfernt, für Alf offenbar aber noch zu weit.
Gleich hinter dem Bahnhof war eine durchgehende Sitzbank rund um einen jungen Baum platziert. Auf der hölzernen Sitzfläche lagen bereits zwei wahrscheinlich obdachlose Männer, die dort ihren Rausch ausschliefen. Ansatzlos ergriff Alf die Gelegenheit und sicherte sich den letzten Liegeplatz auf dieser Bank, um gleich darauf in das Schnarchen der beiden anderen Schnapsdrosseln einzufallen.
Als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Eben war er noch quietschfidel und auf einmal schlief er ein, wo auch immer er sich gerade befunden hatte. In dem Zustand konnte man Alf wahrlich als hilflose Person bezeichnen.
Den anderen war das überwiegend egal, sie waren im Zug ob der Aktion mit dem Mädel noch hellauf begeistert gewesen, doch nun erwies sich Alf als unnötiger Ballast, um den man sich nicht kümmern wollte. Diese Ansicht wurde jedoch überwiegend von Wastl, Hotte, Mike und Sylvester vertreten, die mit Alf bereits in Salzgitter entsprechende Erfahrungen gemacht hatten. Da habe ich selbst Sachen miterlebt….
Egal. Wir trennten uns einfach. Alle anderen gingen weiter zum Kudamm, während ich allein auf den schlafenden Alf aufpasste. Unsere Eintrittskarten fürs Spiel hatten wir bereits erhalten, daher würden wir uns spätestens zum Spiel im Olympiastadion treffen.
Vom schlafenden Alf zwischen den Pennern hatte Klaus-Ewald noch ein Foto geschossen, auch von meiner Fahrt im Einkaufswagen. Leider weiß ich nicht mehr, wo diese Fotos abgeblieben sind.