Sonntag, 30. August 2020

Uncle Fester: grad gelesen August 2020

Andreas Brandhorst - Das Netz der Sterne
Nach der langen Erde von Baxter und Pratchett wollte ich mal wieder einen kompakten und abgeschlossenen Einzelroman lesen. Was liegt da näher als der letzte Brandhorst? In meinen Augen ist er einer der besten deutschen Autoren; höchstens Thariot und Ebel können in dieser Liga mithalten.
Tess Rosengarten Saggatorius ist als Kartografin für den Konzern Interkosmika unterwegs, um das Netz der „Gleise“ im Hyperon, auf welchen die Menschen quasi ohne Zeitverlust durch den interstellaren Raum reisen können, auszubauen. Sie trägt damit eine Schuld ihrer Familie ab, da ihre Schwester Anita, welche eigentlich diese Schuld abarbeiten sollte, abtrünnig geworden war. An und für sich wollte Tess Musik an der Akademie des Planeten Harmonie studieren.
Stattdessen ist sie zu ihrem ersten Einsatz mit dem Veteran Horace und ihrem Freund Sinclair, der sich nur ihr zuliebe verpflichtet hat, im Explorer unterwegs ins Nirgendwo. Dort soll Tess eine Empfangsstation einrichten, um das dortige System in das Netz der Gleise zu integrieren. Doch urplötzlich kommt es zu einem Unglück; der Explorer fällt aus dem Hyperon und findet sich in einem Trümmerfeld voller menschlicher Leichen wieder.
Vor Jahrhunderten ist das Kolonistenschiff Pegasus ins All aufgebrochen und in diesem System gestrandet. Tatsächlich befindet sich dort ein bewohnbarer Planet, der von den Menschen Zuflucht genannt wurde. Leichen im All, das Schiff der Kolonisten mit den mittlerweile Verstorbenen in den Tiefschlafkammern... was war passiert?
Horace liegt auf der Krankenstation, weil er sich beim Sturz aus dem Hyperon schwer verletzt hatte. Derweil versucht Sinclair, das Rätsel um die Kolonisten auf Zuflucht zu lösen, zumal dort ein exterrestisches Raumschiff ebenfalls gestrandet ist. Handelt es sich hierbei um ein Schiff der Namenlosen, die das System der Gleise errichtet hatten, jedoch als ausgestorben gelten?
Sinclair kehrt nicht zurück und Tess macht sich mit Horace auf die Suche. Das exterrestische Schiff kommuniziert mit ihr, aber Tess kann nichts verstehen. Schlimmer noch: Sinclair bleibt unauffindbar, die menschliche Siedlung ist seit Jahrhunderten verwaist. Horace stirbt bei dieser Aktion und die KI des Explorers namens Ida kann die bewusstlose Tess gerade mal wieder hochpäppeln, so dass sie im Verlauf von Wochen die Empfangsstation herrichten kann.
Eigentlich wäre ihre Schuld durch die Entdeckung des exterrestischen Raumschiffs abgegolten, aber stattdessen brummt ihr Tirell Wayfare, der Befehlshaber von Protektor, dem alles beherrschenden Militär der Erde, noch weitere Jahre des Dienstes auf und schickt sie sofort auf die nächste Mission. Tess soll jetzt ein Gleis hinter die Linien der abtrünnigen Planeten legen, mit denen sich Protektor im Krieg befindet.
Tess begibt sich auf ihre neue Mission, legt jedoch noch einen Abstecher auf einem Planeten mit einer Bibliothek ein, um dort nach juristischen Mitteln zu suchen, gegen die unverdiente Verlängerung ihrer Dienstverpflichtung vorzugehen. Dort lernt sie die Bibliothekarin Zara kennen, die sich als Mitglied der Abtrünnigen entpuppt.
Zara kann Tess überzeugen, wie ihre Schwester zu desertieren und die Empfangsstation hinter den Linien nicht zu installieren. Anita ist zu den Widerständlern übergelaufen und hatte sich zu der unabhängigen Zivilisation freier Maschinen begeben, die zu der Zeit noch neutral waren. Anita will die Maschinen überzeugen, die Widerständler zu unterstützen, weil der sehr faschistisch erscheinende Wayfare auch die unabhängige Maschinenzivilisation besiegen will.
Und es geht rasant weiter. Auf der Flucht können Zara und Tess nur mit knapper Mühe entkommen und erleben einen Zeitsprung um 25 Jahre in die Zukunft. Sie finden sich auf Rosengarten ein. Nach 25 Jahren ist dort jegliches Leben von Protektor zerstört worden. Wayfare hat sich an ihrer Familie gerächt; Auch Anita liegt dort begraben. Zara und Tess begeben sich daraufhin nach Wunca, dem Hauptplaneten des Widerstands.. Tess ist verzweifelt, weil sich ihre dunklen Prophezeiungen bislang erfüllt hatten.
Aber dank des Esprit, einer ihr innewohnenden mentalen Kraft und durch den Kontakt mit dem Raumschiff der Namenlosen kann sie in ihren Träumen die Zukunft sehen. Diese ist allerdings nicht festgeschrieben, denn durch ihre Handlungen kann sie die Zukunft beeinflussen. Dazu ist ein Teil des schlafenden Bewusstseins aus dem Raumschiff in ihrem Kopf.
Ein weiterer Teil des Aliens ist im Kopf von Sinclair, den Zara und Tess auf Wunca treffen. 25 Jahre älter geworden, hat Sinclair Wayfare bei der Vernichtung der Widerständler und der Eroberung des Planeten Wunca geholfen. Am Ende bleibt Zara und Tess nur noch die Flucht nach Terminus, dem Planeten der Maschinenzivilisation.
Doch Sinclair sieht jeden Schritt von Tess voraus. Wayfare erklärt der Maschinenzivilisation den Krieg. Für mich als Leser überraschend, kommen in der Folge alle Verbündeten von Tess ums Leben. Erst Zara, dann die Psychologin Carmen und kurz vorm Showdown noch Juval, ein Konsul der Maschinen.
Tess hatte sich in die Höhle des Löwen begeben und auf der Erde Wayfare ergeben. Mit einer Bombe im Körper tritt sie Wayfare und Sinclair gegenüber. Doch selbst diesen Schritt hatte Sinclair vorausgesehen und den Zündmechanismus der Bombe unterbrochen. Jedoch hatte er nicht mit dem Namenlosen in ihren Köpfen gerechnet. So kann Tess Sinclair den Zündunterbrecher entwinden und sich und Sinclair töten. Wayfare wurde übrigens schon vorher vom offensichtlich verrückten Sinclair getötet.
Die Geschichte endet damit, dass Tess, deren Bewusstsein in eine Maschine transferiert wurde, zusammen mit Ida und dem Namenlosen dessen Mutter (?) in den Tiefen des Universums sucht. Dank vieler überraschender Wendungen ist dieser Pageturner von Brandhorst ein wahres Lesevergnügen. Hinzu kommt dieser gewisse politische Touch, der zwar nicht gerade originell ist, aber durch den Tod der „Buddys“ der Hauptfigur schon ungewöhnlich rüberkommt.

Sonntag, 23. August 2020

Hartmudo: Mutter


61
Nach dem Termin beim Notar war nun erst einmal weitestgehend Ruhe angesagt. Bereits eine Woche vor Unterzeichnung des Kaufvertrages hatte die Hausverwaltung die Abrechnung der Betriebskosten für 2016 geschickt. Das Guthaben betrug knappe 90 Euro, dies hatte ich Sunny auch sofort per Whatsapp mitgeteilt. Die beiliegende Einladung zur Eigentümerversammlung war meiner Meinung nach für uns uninteressant, selbst wenn dort Entscheidungen wegen Heizungssanierung und irgendwelchen Pflanzinseln anstanden. Wir hatten doch bereits einen Käufer.
Wie im vorherigen Abschnitt geschildert, war dies eher schon eine Angelegenheit für den neuen Eigentümer. Deshalb hatte ich die Einladung auch beim Notarstermin an den Dottore weitergereicht; seine Frau ist dann zur Versammlung hingegangen.
Ende März meldete sich Sunny noch einmal. Sie wollte den Maklervertrag noch einmal haben. Da war ich erstaunt, machte mir aber keinen Kopf drum. Offenbar war ich der Einzige, der sich eine Kopie davon gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte sich Sunny den Vertrag bei ihrer Unterschrift, als der Makler sie zuhause besuchte, nicht einmal durchgelesen.
Sofort begann sich der Argwohn bei mir zu regen. Warum bloß in aller Welt wollte sie den Maklervertrag begutachten? Ich grübelte so vor mich hin, bis mir klar wurde, dass es um die Aufteilung der Maklerprovision ging. Also nicht zwischen uns Geschwistern, sondern zwischen Dottore und uns.
18 Monate später (ich schreibe grad diese Zeilen) weiß ich das noch nicht mal mehr. Ich nehme an, dass wir die zwischen Dottore und uns gleichmäßig aufgeteilt hatten. Update 17. September 2018: Ich habe soeben Berta befragt. Die Kaution wurde wohl zwischen uns aufgeteilt.
Kurze Zeit später hatte ich mit BS Energy den Stromstand abgeklärt, damit wir eine saubere Übergabe hinkriegten. Die Stände von Warmwasser und Heizung sollte eigentlich der Hausverwaltung bekannt sein. Dies nahm ich auch noch in die Hand. Ich schickte der Hausverwaltung eine Kopie des Kaufvertrages, um den Eigentümerwechsel anzuzeigen. Nicht dass die noch das Hausgeld von uns kassieren wollten. Hierzu erteilte ich der Verwaltung den Auftrag, sich mit Techem zwecks Ablesung der Heizung in Verbindung zu setzen. Die benutzten zum Ablesen doch tatsächlich noch Röhrchen!
Ab April sollte der Dottore schon das Hausgeld bezahlen, schließlich haben wir ihn auch gleich den Wohnungsschlüssel überlassen, damit er dort renovieren, besser gesagt sanieren konnte. Hierzu muss ich im Nachgang anmerken, dass der tatsächliche Eigentumsübergang erst zum 1.5.2017 vollzogen wurde, weil sich die Zahlung des Kaufpreises dann doch bis in den April hinzog.
Daher blieb das Hausgeld für April noch bei uns kleben. Allein deswegen zitterten Berta und ich gleich wieder wie Espenlaub, weil wir da schon wieder irgendein Ungemach durch Sunny witterten. Dies war allerdings vollkommen unbegründet, denn selbst Sunny war bewusst, dass wir wegen einer Hausgeldzahlung den gesamten Verkauf nicht noch gefährden sollten. Schlimm, wie zerrüttet die Nerven von uns Geschwistern durch die ganzen Streitereien geworden waren.
Bei mir äußerte sich dies übrigens im Kontrollverlust, was meine Ernährung angeht. Im Jahr zuvor, als es mit Mutter gesundheitlich bergab ging, hatte ich mich noch jeden Morgen gewogen und lag wohl so bei ca. 115 kg Kampfgewicht. Als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, stellte ich meine Gewichtskontrollen bei all dem Stress ein und landete dann im Jahr nach Mutters Tod bei satten 125 kg.
Kartoffelchips und Schokolade, Geißel und Tröster meiner Kindheit, wanderten während der ganzen Zeit verstärkt in meinen Einkaufskorb. Ich sah das Michelin Männchen, wenn ich mich im Spiegel betrachtete. Freunde und Verwandte machten mich ebenfalls darauf aufmerksam, doch ich ignorierte das alles.
Spätestens als Teenager hatte ich gelernt, dass Schokolade und Kartoffelchips gute Trostspender während der Unbill der Pubertät darstellen. Ich wechselte damals täglich. Mal verdrückte ich mindestens eine Tafel Schokolade - Sarotti, Sprengel, Ritter Sport oder auch Milka. Vorrangig Vollmilch, aber dank meines Vaters lernte ich auch Waldbaur Vollnuss zu schätzen. Genau, die von Aldi.
An den anderen Tagen drückte ich immer eine ganze Tüte Kartoffelchips alleine weg. Chio und Bahlsen waren nicht so mein Ding. Ich verzehrte Chips schon mit Niveau, will sagen: Chipsfrisch Ungarisch oder Pepperoni. Da geht nichts drüber. Zugegebenermaßen gab es auch da schon mal Tage, da mussten es einfach Ibu Paprika sein.
All diese Kindheitserinnerungen brachen wieder durch in dem knappen Jahr, in dem Berta und ich uns mit Sunny beharkten. Ich redete mir die ganze Zeit ein, dass ich mich ja ausreichend bewegen würde und dass Kondition wichtiger sei als das Gewicht. Ich wollte es einfach nicht wahr haben und verschlang noch mehr Chips und Schoki. Die Quittung sollte mir mein Hausarzt ein Vierteljahr später aufmachen.
Was auch gut war, denn ansonsten könnte ich mich heuer auch noch mit einer Diabetes und was weiß ich noch alles auseinandersetzen. Doch eins war Ende März 2017 nach den paar Whattsapp mit Sunny klar: Wir bogen jetzt endgültig auf die Zielgerade ein.
Anfang April war das Geld aus dem Verkauf der Wohnung auf unseren Konten, jetzt blieb nur noch die Auflösung von Mutters Konto zu erledigen. Danach brauchten wir uns nicht mehr gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Sonntag, 16. August 2020

Hartmudo:Verlogenheit


Als letztes Wochenende die große Hitzewelle über uns hereinbrach, saßen wir abends vor der Tagesschau. Wir hatten die kleine Jela über Nacht zu Besuch; die schlief mittlerweile tief und fest in ihrem Bettchen. Tagsüber waren wir mit dem Kanonier, Bienchen und ihren beiden Kindern im Tierpark Essehof gewesen. Hier konnte sich Jela gut austoben und schlief bereits auf der Rückfahrt in ihrem Autokindersitz ein.
Wie ich in der Tagesschau erbost feststellen musste, setzte an diesem Wochenende pünktlich zur großen Hitzewelle ein Run auf die deutschen Nord- und Ostseebäder ein. Gerade die Touristen, die nur mal für einen Tag an die Küste (mit ihren dicken Kisten?) gefahren waren, versperrten die Straßen und sorgten am Strand dafür, dass der Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte. Das Tragen einer Maske viel da natürlich aus.
Die eingesetzten Leute eines Sicherheitsdienstes sahen sich Pöbeleien ausgesetzt, als sie den Zugang zum Strand reglementieren wollten und die in Massen andrängenden Badegäste auf die eineinhallb Meter Sicherheitsabstand hinwiesen. Ein Strandkorbaufsteller, der extra weniger Körbe freigegeben hatte, um den behördlichen Vorgaben zu genügen, erzählte im Interview, dass es fast zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre, weil einige uneinsichtig waren.
Den Samstag zuvor. In Berlin demonstrierten eine Vielzahl von Leuten gegen die Maskenpflicht. Laut Polizei waren es 20.000 Teilnehmer, die Veranstalter sprachen von bis zu 1,3 Millionen und die Wahrheit liegt sicherlich irgendwo in der Mitte. Die Interviews in der Tagesschau hierzu legten den Verdacht nahe, dass die Teilnehmer an der Demo die falschen Drogen geschluckt hatten. So viel Paranoia und geistigen Dünnpfiff auf einen Haufen sieht man selten.
Ich denke, die „Wahrheit“ bezüglich der Teilnehmerzahl liegt wie immer dazwischen; ich tippe da jetzt mal forsch auf 100.000 bis 150.000. Die Konzentration der Leitmedien auf die teilnehmenden Verschwörungstheoretiker und rechtsradikalen Wirrköpfe hat mich darüber hinaus geärgert. Hier wird in übelster Agitationstechnik wie weiland in der Aktuellen Kamera mit aller Macht versucht, ein politisches Leitbild der breiten Zustimmung zu den Schutzmaßnahmen während der Covid-19 Pandemie zu verkaufen.
Hierzu passen auch die Meldungen Ende letzter Woche, dass laut einer aktuellen Umfrage des Forsa Instituts im Auftrag von RTL 91% der Deutschen kein Verständnis für die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen haben. Auch in der Tagesschau wurde gleich nach dem Bericht von den überfüllten Stränden mitgeteilt, dass 90% der Deutschen die Schutzmaßnahmen für gerechtfertigt halten. Wie passt das zusammen?
Dieser nur scheinbare Widerspruch kommt durch den allgegenwärtigen Opportunismus des durchschnittlichen Deutschen zustande. Da die Covid-19 Schutzmaßnahmen staatlich verordnet sind und (fast) alle Medien die Notwendigkeit dieser betonen, wird der Eindruck allgegenwärtig, dass eigentlich alle die Maßnahmen für erforderlich halten.
Gegenteilige Meinungen werden in den Leitmedien verunglimpft; sei es die Demo-Teilnehmer oder alternative Medien, die flugs zur Querfront erklärt werden. Jedem wird sofort bewusst, welches die richtige Meinung ist. Und selbst die Linke stößt hier (wie auch bei den Flüchtlingen 2015) ins selbe Horn. Als einzige Opposition verbleibt dann die AfD, die per Definition der Leitmedien, aber auch der politischen Linken, dem faschistischen Lager zuzurechnen ist.
Hand aufs Herz: Wer von uns möchte sich denn bei dieser Konstellation hinstellen und behaupten, die Schutzmaßnahmen wären übertrieben? Da wird man doch sofort in die AfD Ecke gestellt. Und die Einschränkung von Freiheitsrechten ist natürlich nur temporär, bis... Ja bis wann eigentlich? Erst ging es nur um die Anzahl an Beatmungsbetten in den Intensivstationen, dann sollte der Ansteckungsfaktor unter 1 rutschen. Weiniger als 50 Neuansteckungen pro 100.000 Anwohner war auch noch so ein Richtwert, der auf Fläche bereits seit langem unterschritten ist.
Sicherlich gab es bereits viele Lockerungen in den letzten Wochen und Monaten, aber die Masken- und Abstandspflicht besteht unverändert fort. Und die zugestandenen Lockerungen sind wohl eher wirtschaftlichen Notwendigkeiten geschuldet. Denn die Tourismusbranche ist für diese Volkswirtschaft schon systemrelevant.
Ohne seinen Urlaub wäre der Deutsche wohl nicht so folgsam und würde in Scharen auf solche Demos wie in Berlin rennen, Agitprop hin oder her. Das hatten die Apparatschiks im ZK der SED vor 30 Jahren eben nicht kapiert und wurden dann von der Geschichte fortgeweht. Erst als die Demos in Leipzig so groß wurden, dass der Staat es sich nicht leisten konnte, dies zu vertuschen oder alle zu verhaften, wuchs die Teilnehmerzahl und die Demos griffen auf andere Städte in der DDR über.
Hieraus hatte man schon 2015 gelernt und konnte das Thema über die Jahre austrudeln lassen. Der geniale Trick, Politiker der Linken wie z.B. Frau Kipping in der Kampagne mitzunehmen und missliebige Stimmen (Wagenknecht) kalt zu stellen, hatte Erfolg.
Aber ob dies auch bei Covid-19 klappt? Schließlich konnte man an den deutschen Stränden die Verlogenheit des typischen Deutschen erkennen. Ob vor einer Kamera oder im Gespräch mit Freunden oder Kollegen: Wir alle sind natürlich für eine Maskenpflicht und Abstand, bis ein Impfstoff gefunden ist. Da gibt sich keiner die Blöße, dass sich herumsprechen könnte, dass man ja als Gegner dieser Maßnahmen auf AfD Kurs segelt.
Aber wenn es Strandwetter ist, dann ist auf einmal wieder alles egal. Natürlich war tatsächlich niemand am Strand gewesen, genauso wie niemand Bild liest oder bei McDonalds isst, Amazon bestellt oder oder oder. Diese Verlogenheit ist allgegenwärtig und eigentlich typisch für autoritäre Regimes wie dem dritten Reich oder der DDR.
Dies zeigt mir, dass wir zur Zeit von einer demokratischen Gesellschaft weit entfernt sind. Und das noch ohne Not, denn wir haben noch eine Demokratie. Noch. Wenn wir aber so weitermachen und
Leute mit abweichenden Meinungen - seien sie auch noch so krude - an den Nazi-Pranger stellen, dann haben wir bald dank Denunzianten und freiwilliger Blockwarte genau die Diktatur, vor der wir angeblich immer warnen.
Da sind mir die Leute, die Dich an der Kasse bei Kaufland immer darauf aufmerksam machen, dass Du den Mindestabstand nicht einhältst und die sich ansonsten nicht mehr aus der Wohnung trauen - die sogenannten Abstandsnazis - immer noch lieber. Oder eben die Coronaleugner auf der Berliner Demo vom 01. August. Denn beide Gruppen sind von ihrer Meinung felsenfest überzeugt und stehen auch in der Öffentlichkeit dafür ein.
Die meisten Leute aber - zumindest die Tagestouristen an den deutschen Küsten - predigen Wasser und saufen Wein. Wenn der Chef um die Ecke schaut, verteidigt man die Maskenpflicht vehement und schimpft über die unvorsichtigen Mitbürger. Doch wenn die eigene Freizeit darunter leidet, dann kann man nicht einmal auf den Strandbesuch verzichten. Was für Heuchler da in Massen unterwegs sind.
Ich stehe wohl irgendwo zwischen den Coronaleugner und den Heuchlern. Ich arbeite seit Pfingsten wieder normal und kriege da den ganzen Irrsinn mit „Maske auf Maske runter“ mit. In nicht-desinfizierten Zügen und Bussen harre ich bis zu einer Stunde am Stück mit Maske bzw,. Face Shield aus. Da sieht man Maskenpflicht und Abstandsregelung naturgemäß kritischer als im Home Office.
Wäre ich im Home Office, würde ich auch jeden Maskenverweigerer ins Arbeitslager schicken lassen.

Donnerstag, 13. August 2020

Warren Smith 3/4

Dank eines Jimmy Wilson am Klavier und Roland Janes an der zweiten Gitarre zur Unterstützung von Al Hopson kam ein straighter Rhythmus in den Song. Dieser klassische Mid-Tempo Country Rocker war durchaus chartskompatibel und sollte es auch in die Hot Hundred des Billboard schaffen. Zusätzlich entschied sich Sam Phillips, statt des nun zu erwartenden lahmen Countrysongs auf der B-Seite dort mit „Miss Froggie“ das wohl rockigste und dank der Gitarre von Al Hopson wohl beste Stück von Warren Smith platzierte.
Diese dritte Single von Warren Smith wurde als Sun #268 am 15. April 1957 veröffentlicht und stieg im Mai auf Platz 72 in den Billboard Hot Hundred ein. Endlich! Das musste für Warren Smith doch der Durchbruch gewesen sein. Schließlich war er mit einem mehr als gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet; ich kann mir schon vorstellen, dass er sich aufgrund der Chartsplatzierung bereits in Dick Clark`s „American Bandstand“ oder der „Ed Sullivan Show“ wähnte.
Doch das Glück war Warren Smith nicht hold. Ende Mai 1957 veröffentlichte Jerry Lee Lewis seine zweite Single bei Sun. „Whole lotta shakin` goin` on“ (Sun #267) stand sofort an der Spitze der lokalen Charts in Memphis und Sam Phillips und sein Bruder Judd entschieden sich dafür, Jerry Lee und nicht Warren Smith eine Chance im landesweiten Fernsehen zu ermöglichen, da sie hier - nicht zu Unrecht - das größere Hitpotential vermuteten.
Jerry Lee Lewis legte am 28. Juli in der „Steve Allen Show“ mit „Whole lotta Shakin“ eine wilde Show hin, schmiss sogar noch einen Stuhl durch die Gegend. Das kurbelte die Nachfrage nach der Single dermaßen an, dass Sun Records Schwierigkeiten bekam, der Nachfrage nachzukommen. Daher entschied sich Sam Phillips, alle Anstrengungen auf die Vermarktung von Jerry Lee Lewis zu konzentrieren.
Das hatte zur Folge, dass „So long, I`m gone“ nicht mehr unterstützt wurde und eine größere Unterstützung über Airplay durch DJs oder eben einen Fernsehauftritt ausblieben. Die Single blieb ergo hängen und rutschte sofort wieder aus den Hot Hundred heraus.
Warren Smith soll über den Erfolg von Jerry Lee derart empört gewesen sein, dass er alle Kopien der Single des „Killers“, die er fand, sofort wütend zertrümmerte. Laut seinem Drummer Jimmie Lott war Warren zwar ein eher angenehmer Charakter, aber auch ein riesiger Egoist und nach Anerkennung förmlich süchtig. Auf die Rückseite seines Cadillacs hatte Warren Smith sogar den Spruch „Warren Smith - the Rock `n` Roll Ruby Man“ aufgemalt.
Erst im Oktober kehrte Warren Smith in die Sun Studios für neue Aufnahmen zurück. Gerade hier arbeiteten die beiden Gitarristen Hopson und Janes bei „Got Love if You want it“ hervorragend zusammen. Dieses Cover von Slim Harpo gewinnt dadurch gegenüber dem Original, was ansonsten eher selten vorkommt.
Die sanfte Ballade „I fell in Love“ von Hopson wanderte auf die B-Seite und so wurden diese Aufnahmen im Dezember 1957 als Sun #286 veröffentlicht. Im Vorweihnachtsgeschäft gab sich Sun äußerst aktiv und war mit Johnny Cash (Ballad of a Teenage Queen), Roy Orbison (Chicken Hearted), Carl Perkins (Glad all over) oder auch Sonny Burgess (My Bucket`s got a Hole in it) in den Regalen.
Doch dies wurde wieder alles überstrahlt durch Jerry Lee`s „Great Balls of Fire“. Dieser Kracher landete im Billboard erneut auf der zweiten Position. Dank des Erfolges vom „Killer“ war Sam Phillips´s Unterstützung für Warren Smith`s sensationelle Single entsprechend gering. Gerade einmal 7000 Exemplare gingen über die Ladentheken. Bis heute wurde seine Coverversion von „Got love if You want it“ nicht ausreichend gewürdigt.
Nach dem neuerlichen Misserfolg zeigten sich in der Band erste Auflösungstendenzen. Der geniale Bassist Marcus van Story stieg aus und wurde durch Will Hopson, dem Bruder des Gitarristen, ersetzt. Mit Lott ging der nächste Schlagzeuger und wurde in den folgenden Shows durch Drummer von jeweilig lokalen Bands notdürftig ersetzt.
Warren Smth trennte sich auch von seiner Booking Agentur. Statt Stars Inc. versuchte er es nun mit Charlotte G. D. Kemper, der sogleich einige Termine in Kanada festzurrte. Ein Gastspiel in der ruhmreichen Ed Sullivan Show war da schon ein Schritt in die richtige Richtung - denn ohne Fernsehen ging selbst damals nichts. Doch nachdem Smith ohne Kemper selbstständig Termine in Maryland gebucht hatte, brach Kemper die Kontakte zu Warren Smith ab.
In dieser Zeit produzierte Warren Smith einige hervorragende Rockabilly Perlen, ohne sie veröffentlichen zu können. „Golden Rocket“, „Dear John“ und „Do I love“ sind sind solche vergessenen Schätze. Nur „Uranium Rock“ brachte es aus dieser Phase Anfang der 80er Jahre aufgrund einer Cover Version der Cramps zu späten Ehren.
Warren Smith selbst konnte diesen Song erst 1973 veröffentlichen. Unfassbar, dass dieser eingängige wie von der Gitarrenarbeit her saubere Song 1958 nicht veröffentlicht wurde. Aber zu dem Zeitpunkt glaubte wohl niemand mehr bei Sun an Warren Smith als Rock `n` Roll Star, hatte man doch mit dem „Killer“ bereits einen Megaseller im Programm.
Seine letzte Single für Sun nahm Warren Smith am 7. Januar 1959 auf. Von seiner letzten Band war keiner mehr dabei, dafür aber mit Billy Lee Riley und Sid Manker (Co Autor von „Raunchy“) an den Gitarren sowie Charlie Rich am Klavier hatte Warren durchaus eine exquisite Besetzung an den Start gekriegt.

Samstag, 8. August 2020

H. Lecter: Alf

18
Da erinnere ich mich doch schon lieber an den 50. Geburtstag von Wastl. Das war im Herbst 1994, also eine ganze Ecke früher als Gran Canaria. In jenen Jahren war Wastl noch Miteigentümer des Köludu (König Ludwig Dunkel) im Schlemmermarkt, wo auch die leckere Knoblauchbockwurst von Schridde verkauft wurde.
Natürlich nicht in der Kneipe, sondern am Stand des Schlachters in der Halle. Das Köludu hatte einen eigenen Eingang. Auf alle Fälle existiert das Gebäude heute nicht mehr. Es wurde zugunsten eines Neubaus für die Nord/LB und die Salzgitter Zeitung abgerissen. Schade, denn in der Halle herrschte reger Betrieb; auch der Vietnamese fand regen Zulauf mit seinem Imbiss.
Nun gut, der Geburtstag. Wastl hatte uns zu seiner großen Feier eingeladen. Uns – das waren Mike, Sylvester, Alf und ich. Schön an einem Samstagmittag, aber nicht in seiner Kneipe, sondern… ja wo eigentlich? In der Begegnungsstätte im Strumpfwinkel vielleicht? Jedenfalls waren dort alle „wichtigen“ Leute der Stadtverwaltung eingeladen. Außer meinen „Kameraden“ kannte ich allerdings niemanden.
Sicherlich hatte ich den einen oder anderen schon mal gesehen, aber ich war natürlich froh, dass wir an einem Tisch saßen, der etwas abseits stand. Mit dem Essen hielten wir uns nicht sehr lange auf, wir konzentrierten uns auf das Bier. Sylvester und Mike hatten dabei ein Tempo drauf, bei dem selbst ich nicht mithalten konnte.
Man gut, dass Wastl sich vorrangig um die anderen Gäste kümmern musste. Denn Wastl ist einer von den Kandidaten, die ein 0,5 Liter Weizen schon mal in einem Rutsch austrinken können. Auf alle Fälle immer schneller, als ich ein 0,3 Liter Pils geleert bekomme. Wir sahen ihn quasi gar nicht, nur einmal setzte er sich für fünf Minuten kurz zu uns.
Es blieb jedenfalls nicht lange so gediegen, irgendwann gingen wir scharf. Vielleicht war es Alf, doch wahrscheinlicher Sylvester, der zu der Zeit bereits unser Chef war. Da stand sie dann vor uns, die erste Runde Tequila. Schön den Weißen mit Salz und Zitrone. Sind aber auch immer schnell weg, diese kleinen Gläschen. Da mussten wir schnell nachordern.
Runde um Runde bestellten wir auf Wastls Kosten, die Biere zum Nachspülen vergaßen wir nicht. An das Buffett gingen wir nicht hin, wir hatten ja Zitronen. Nach und nach wurde die Stimmung immer leichter und unsere Zungen schwerer. Von den anderen Gästen kam niemand auch nur kurz an unseren Tisch. Wir waren sozusagen Persona non Grata.
Auf alle Fälle hatten wir gut gebechert, bis die Zeit zum Aufbruch kam. Wir waren zusammen zu Wastl gegangen und gingen zusammen wieder weg, wobei ich etwas hinten dran war. Vor dem Ausgang stehend, blickte ich nochmal in den großen Saal zurück auf die Leute, die dort saßen. Die Creme de la Creme des Rathauses war dort versammelt. Wastls Kollegen aus dem Tiefbauamt, das halbe Personalamt nebst Dezernenten… Spätestens ab jetzt kannte man auch mein Gesicht im gesamten Rathaus.
Und damit mich auch ja niemand vergaß, kotzte ich erstmal den Tequila nebst Zitronen auf den grauen Boden des Saals; auf dieser Tanzfläche würde an Wastls Geburtstag keiner mehr tanzen. Wie im Tran, aber natürlich geistesgegenwärtig, fingerte ich nach meinen Papiertaschentüchern, um meinen Auswurf auf dem Fußboden besser verteilen zu können. Mike, Alf und Sylvester bekamen das schon nicht mehr mit, da sie sich draußen bereits auf den Weg zu Mikes Wohnung gemacht hatten.
Wenigstens genoss ich jetzt die Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesenden. Eine Serviererin konnte es allerdings bald nicht mehr mit ansehen und kam mit einem Lappen vorbei. Während ich mühsam aufstand und der Serviererin beim Putzen zusah, war Wastl auch schon herangestürmt und verabschiedete mich persönlich. Die anderen hatte er nicht verabschiedet. Ein netter Zug von ihm.
Draußen holte ich die anderen ein und zusammen gingen, besser stolperten, wir durch die Lebenstedter Straßen in Richtung zur Wohnung von Mike. Die Sportschau wollten wir noch zusammen gucken. Nach einigen Pinkelpausen an den uns entgegen kommenden Bäumen waren wir beinahe bei Mike angekommen.
Hier erhielt Alf noch die Gelegenheit sich auszuzeichnen. Wahrscheinlich durch die frische Luft angeregt, nutzte er die gesamte Breite des Fußweges zur Fortbewegung. Und irgendwann zog die Schwerkraft ihn derart zur Seite, dass er rechts durch die Hecke brach, wobei er laut juchzend auf dem Rasen dahinter landete. Zum Glück war der Eingang zu Mikes Wohnung in Sichtweite, so dass er die Tür auf allen Vieren leicht erreichen konnte.
Am Ende saßen wir 4 in Mikes Wohnzimmer vor dem Fernseher, jeder hatte eine Pulle Bier vor sich stehen. Offen, aber voll. Denn wir tranken zur Sportschau nichts mehr. Wir waren einfach weggeschlummert.

Donnerstag, 6. August 2020

Contramann: kurz gesehen im August


https://www.neulandrebellen.de/2020/06/die-beschleunigung-der-vereinsamung/
Dieser Beitrag von Roberto De Lapuente stammt vom 5. Juni und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er Anfang August noch aktuell ist. Deshalb kommentiere ich den Artikel entsprechend früh, da er mir irgendwie aus der Seele spricht und ich wie gesagt felsenfest.... Aber manchmal irrt man sich gern.
Egal ob Netflix, Facebook oder neuerdings der Hype ums Homeoffice: Der Trend zur Vereinsamung der Menschen ist schon seit längerem sichtbar, aber wir merken es natürlich nicht. Erst jetzt mit den Verboten von größeren Veranstaltungen dank Corona merkt der eine oder andere vielleicht doch einmal, dass ein gelegentliches „Bad in der Menge“ ein wesentliches Gefühl unserer Spezies vermittelt: Zusammengehörigkeit.
Allein ist das Leben nicht mehr so prickelnd und scheiße vorhersehbar. Es ist eben nur im ersten Moment schön, wenn man sich vor unangenehmen Fragen drücken kann, weil man nur noch über Whatsapp schreibt und nicht mehr im Gespräch kommuniziert. Auf diese Weise verlernt man die Kommunikation mit seinen Mitmenschen sehr schnell.
Meist merkt man dies erst, wenn es zu spät ist. Und Netflix oder auch zig Likes auf Facebook ersetzen nicht den zugegebenermaßen nicht immer schönen Kontakt zu seinen Mitmenschen. Aber: Wo viel Schatten ist, ist eben auch viel Licht. Andernfalls hockt man alleine zu Hause, am Besten noch im Homeoffice, und mutiert zum „Prosumenten“, der seine selbst produzierten „Produkte“ als „Konsument“ z.B. aus dem Netz bezieht.
Zum „Prosumenten“ empfehle ich als Lektüre Isaak Asimov mit seinen frühen Roboter Romanen, in denen die Menschen tatsächlich vereinsamt auf riesigen Ländereien mit Heerscharen von Robotern sitzen und sich nicht mehr gegenseitig treffen. Der Film „Surrogates“ mit Bruce Willis ist da aber auch sehr anschaulich.
Ich selbst bin da leider auch schon fleißig auf dem Weg zum Prosumenten mit dabei.

https://www.spiegel.de/psychologie/baby-boomer-wird-man-im-alter-automatisch-konservativ-die-midlife-kolumne-a-813a0eff-bc58-48c4-959c-fbcd4eac569c#ref=rss
Schon nach den ersten 2 Absätzen fühlte ich mich angesprochen und markierte den Artikel für den August. Frank Patalong versucht hier zu ergründen, wieso „unsere“ Generation der Babyboomer, die mit Punk und Grunge aufgewachsen war, heutzutage einen konservativen Ruck erlebt hat und „Atemlos durch die Nacht“ mitgröhlt.
Er erklärt dass damit, dass diese „Wendehälse“ eigentlich schon immer konservativ dachten, sich damals aber nur aufgrund des vorherrschenden progressiven Zeitgeistes angepasst hatten und jetzt quasi aus ihren Löchern hervorgekrochen kommen, weil sich der Zeitgeist leider zum Negativen gewandelt hat
Einen gewandelten Zeitgeist habe ich auch bemerkt, aber ansonsten liegt Patalong daneben. Wie auch unsere Eltern, gegen deren Lebenseinstellung wir uns in den 80ern gestellt hatten, machten wir im Laufe unseres Lebens Erfahrungen, die uns überzeugten, dass unsere Eltern eben nicht in Allem Unrecht hatten.
Und je mehr Verantwortung wir mit den Jahren im Beruf und in unserem sozialen Umfeld übernahmen, je mehr Geld und Besitz wir anhäuften und bewahrten, desto konservativer wurden wir. Wir haben heute halt was zu verlieren, haben dafür aber auch etwas geleistet. Für uns natürlich, aber auch für die Gesellschaft.
Das erging sicherlich nicht jedem so - Frank Patalong scheint dafür ein Beispiel zu sein, sonst würde er sich nicht solche verquansten Argumente aus dem Kreuz leiern. Nicht jeder hatte damals Punk und Grunge gehört - und heute weiß ich endlich, dass auch die „Normalos“, über die „wir“ in den 80ern gerne hergezogen hatten, genau so ticken wie wir.
Denn schließlich war unser ganzes Gehabe seinerzeit lediglich ein oberflächliches Feeling, um uns von den Alten abzugrenzen. Wie auch jede Generation vor uns. Und wer selbst heute noch, nach über 30 Jahren, den alten Geistern nachhängt, der hat im Leben offenbar das Wichtigste verpasst: Fortschritt geschieht nur durch Wandel.

https://www.spiegel.de/auto/nahverkehr-in-der-corona-krise-so-haben-busse-und-bahnen-gegen-das-auto-keine-chance-a-ff5d96f0-b007-4443-8bc3-10743d61d9ec
Yo. Sehe ich ähnlich. Der öffentliche Nahverkehr braucht neue Konzepte und sollte den Individualverkehr mit PKW zur Bedeutungslosigkeit verdammen. Der Elektroantrieb ist auf jeden Fall das falsche Signal. Und dann noch diese Riesenkarren… Tonnen von Stahlblech huschen über geteerte Straßen, die Lebensräume von Tieren teilen und zerstören.
Das alles kann es nicht sein. Jedoch sehe ich in unserem Wirtschaftssystem das größte Hindernis für die überlebensnotwendigen Änderungen. Wo der Profit im Vordergrund steht – im geschäftlichen wie im persönlichen Bereich – da hat Vernunft keine Chance.

https://www.neulandrebellen.de/2020/07/polizei-im-polizeistaat-oder-so-aehnlich/
Noch einmal etwas zu den letzten Unruhen und Ausschreitungen gegen die Polizei. Am 19. Juli krachte es ja auch in Frankfurt. Roberto Lapuente hat es in diesem Kommentar geschafft, das Ganze auf den Punkt zu bringen. Leute, die lediglich aus Prinzip Gewalt gegen die Polizei gutheißen, weil sie diese als Nazis („Polizeistaat“) ansehen, sind letztlich selber welche. Und eben keine Linken.
Ich finde, dass „Linke“ dies auch vehement herausbrüllen müssen, um sich von solchen Arschlöchern abzugrenzen.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-daenen-muessen-verrueckt-sein-oder-vielleicht-doch-nicht
Ein schöner Kommentar. In Dänemark, Finnland und Norwegen gibt es keine Maskenpflicht und auch keine schlimmeren Infektions- und Todesraten als in Deutschland. Schweden klammern wir hier kurz aus, weil darüber hat sich der Spiegel schon genug ausgelassen. Die anderen Skandinavier reichen hier als Vergleich völlig.
Als Konsequenz bleibt also die Forderung nach einer Beendigung der Maskenpflicht und Rückkehr zur Normalität. Auch sollte man sein Augenmerk eher auf Hotspots a la Tönnies richten statt alle Menschen in Sippenhaft zu nehmen.

https://www.zeit.de/kultur/2020-07/identitaetspolitik-linke-intoleranz-zensur-demokratie-meinungsfreiheit/komplettansicht
Schöner Artikel über linke Spießer. Ich selbst bin auch kein Freund mehr von Leuten, die sich als tolerant geben, aber bei Anderen lediglich ihre eigene (wenn auch häufig korrekte) Meinung gelten lassen. Solche Leute habe ich früher schon gern als „Berufsbildungsbürger“ bezeichnet.
Und das ist dann nicht mehr „der diskrete Charme der Bourgeoisie“, sondern „das Fegefeuer der Eitelkeiten.“

Sonntag, 2. August 2020

Udorallala: Top Songs 12/?

Im Dudel-Radio spielen sie gerne die Hits der 70er oder 80er, doch „meine“ Hits sind da nie dabei. In loser Folge schreibe ich deshalb über einzelne Songs und warum sie so wichtig, bahnbrechend oder anders wie bedeutend sind. Für mich, für Dich, für uns alle.
Ding Dong – That`s my Song!

Ramones - Rockaway Beach
Von den Ramones kann man heutzutage sogar T-Shirts bei Kik kaufen. Jeder, aber auch jeder kennt diese Band. Aber warum haben sich ihre Platten damals nicht verkauft? Die ersten drei LPs gehören mit Macht zu den besten 1000 Scheiben der Rockgeschichte. Ohne sie hätte es sicherlich auch keinen Punk in England gegeben. Die Platten waren voll an potentiellen Ohrwürmern, aber die Fans dieser Musik standen nicht in Verdacht, Stützen dieser Gesellschaft zu sein oder zu werden. Das ist für mich die einzig logische Erklärung für den verhältnismäßig schwachen Zuspruch dieser nach den Beatles und Stones wichtigsten Band - meiner Meinung nach.
„Rockaway Beach" ist der wohl bekannteste Song der Ramones, daher steht er hier nicht nur stellvertretend für all die anderen „Hits". Der Song erreichte 1977 gerade mal Platz 66 der Billboard Charts (immerhin beste Platzierung im Billboard) und stieg in England gar nicht erst in die Charts ein. Dafür schafften dies über die Jahre 12 andere Songs, u.a. „Sheena ist a Punk Rocker" aus derselben LP, nämlich „Rocket to Russia".
Wie kaum ein anderer Song aus dieser Zeit steht der Beginn des Songs für ein Lebensgefühl, dass uns knapp 40 Jahre später leider abhanden gekommen ist:
"Chewing out a rhythm on my bubble gum
The sun is out and I want some
It's not hard, not far to reach, we can hitch a ride to Rockaway Beach
Up on the roof, out on the street
Down in the playground, the hot concrete
Bus ride is too slow, they blast out the disco on the radio
Rock-rock, Rockaway Beach
Rock-rock, Rockaway Beach
Rock-rock, Rockaway Beach
We can hitch a ride to Rockaway Beach"

Dieser eingängige Ohrwurm, der an die seligen Beach Boys gemahnt, lässt bei mir schon seit Jahrzehnten schlechte Gedanken verfliegen. "One two three four" und ab geht` er! Dieser Song wurde von Dee Dee geschrieben, der laut Joey "the only real Beachgoer" der Band war. Dee Dee hing schon mit 15 am Rockaway Beach ab, nachdem er mit seiner Mutter vor dem alkoholkranken Vater aus Deutschland nach New York geflohen war. Sein Vater war G.I., er selbst ein Besatzungskind.




Auch wenn man beim Hören des Songs dank der mächtigen Gitarrenwand, die von den Harmoniegesängen der Band ergänzt wird, unwillkürlich an Malibu Beach, L.A., Baywatch und Hot Rod Cars denken muss, handelt es sich beim gepriesenen Rockaway Beach um den Strand von Queens und damit um den Atlantik, wo sich Surfer höchst selten hin verirren. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, schließt sich der Vergnügungspark Coney Island an den Rockaway Beach an. "Coney Island Baby" von Lou Reed dürfte dem einen oder anderen sicher auch ein Begriff sein.
Der Song "Rockaway Beach" wurde am 4. November 1977 auf der grandiosen "Rocket to Russia" veröffentlicht. Schaue ich zu diesem Datum in die britischen Charts, sehe ich von 1 bis 6 folgende Songs: Name of the Game (Abba), Yes Sir I can Boogie (Baccara), You`re in my Heart (Rod the "Mod"), Black is Black (Belle Epoque), Rockin` all over the world (and I like and I like and I like and I la le la like it...) und Weeeeeee are the Champions!
Allesamt Klassiker, obwohl Freddy "nur" auf 6 platziert war. Erwähnen möchte ich noch "Holidays in the Sun" auf der 9, weil es eigentlich schon immer mein Lieblingssong der Pistols war.
Mein Lieblingssong der Ramones war allerdings schon immer "Ramona" von derselben "Rocket to Russia". Der rumpelnde Rhythmus dieses Songs hatte es mir angetan, wobei ich heute nicht mal mehr sagen kann, weshalb.
Jedenfalls waren die Ramones für mich schon immer immer jeden Zweifel erhaben. Und als ich mir die Doppel DVD mit dem kompletten legendären Silvesterauftritt in London gekauft hatte, war ich um so mehr beeindruckt. Selbst die ältesten Amateuraufnahmen von 1974 auf der Ladefläche eines LKWs in einer brachial schlechten Sound- und Videoqualität - von der Performance ganz zu schweigen - strahlen eine Power aus, welche die meisten Bands vorher wie später nicht auf die Bühne gebracht kriegten.

Sonntag, 26. Juli 2020

Uncle Fester: grad gelesen Juli 2020


Terry Pratchett & Stephen Baxter - Der lange Mars (lange Erde 3)
Auch hier sind es mal wieder 3 Handlungsstränge, welche den dritten Roman der Reihe prägen. Neben immer weiteren Reisen auf der langen Erde wird auch noch der lange Mars bereist, ohne dass daraus wesentlich neue Elemente zum Plot des Romans hinzukommen. Das für den Zyklus wesentliche Geschehen findet auf bereits bekannten Welten statt.
Eine kleine Ausnahme davon ist zugegebenermaßen der erste Strang. Nachdem die Datum dank der Yellowstone Katastrophe in einer extremen Eiszeit versinkt und dadurch größtenteils unbewohnbar wird, fliegen Maggie Kauffman und ihr Vize Joe Mackenzie (Mac) mit den beiden Schiffen Armstrong II und Cerman bis zur langen Erde West 250 Millionen.
Sie sollen das Schicksal der verschollenen Armstrong I klären und nach Überlebenden suchen; Nebenbei sollen sie auf den „amerikanischen“ Gebieten der neuen Erden das Recht der auf der Datum untergegangenen Zentralregierung durchsetzen. Aus diesem Grund ist der Hardliner Cutler auch als Kapitän der Cerman installiert worden, mit dem sich Kauffman permanent in die Haare kriegt.
Die aus dem Vorband bekannten Yue-Sai und Schneeball sind ebenfalls noch mit von der Partie, werden aber - wie zuvor auch schon andere Hoffnungsträger der Handlung - so nach und nach in den Hintergrund gedrängt. Bereits im vierten Band werden beide nicht mal mehr erwähnt werden. Das finde ich irgendwie schade, aber wenigstens wird uns die Androidenkatze Shi-Mi erhalten bleiben, eine Inkarnation von Lobsang, der in diesem Band eine geringere Rolle spielt.
Auf Erde West 182 Millionen und ein paar finden sie schließlich das Wrack der Armstrong I. Wie sich bald herausstellt, hatte die Armstrong I 5 junge Leute aus der Gemeinde „Happy Landings“ - irgendwo bei Erde West Eineinhalb Millionen - mitgenommen. Happy Landings war ein mysteriöser Sammelort natürlicher Wechsler und Keimzelle der Bewegung der „Next“.
Diese hyperintelligenten Menschen, für die normale Menschen lediglich „Dumpfbirnen“ darstellen, sehen sich als neue Menschen an, die die Geschicke der langen Erde an Stelle der Normalos in die Hand nehmen werden. Dabei sind einige der Next durchaus auch gewaltbereit, z.B. der Anführer der 5 auf der Armstrong namens David.
Noch weiter westlich hatten David und seine Leute die Armstrong I übernommen und die Besatzung ausgesetzt. Sie flogen zurück Richtung Happy Landings, um dort die Herrschaft an sich zu reißen. Nur dank eines Normalos, der sich an Bord versteckt hielt und das Luftschiff zum Absturz brachte, wurde dies verhindert.
Maggie Kauffman geht kein Risiko ein und lässt die 5 Next unter Bewachung auf dieser entfernten Erde zurück, damit diese keine Dönekens machen können. Parallel zu diesem Strang trifft Joshua Valiente in der Stadt Madison auf Erde West 5 Paul Wagoner wieder, den er bereits als kleinen Jungen auf seiner ersten Reise über die lange Erde kennengelernt hatte..
Paul Wagoner gehört zur Gruppe der Next, die arrogant bis teilnahmslos wirken und sich in einer brutal schnellen Geschwindigkeit unterhalten, was für normal Sterbliche nicht nachvollziehbar ist. Präsident Crowley misstraut den Next und verfolgt sie. So gerät auch Joshua in den zweifelhaften Genuss einer Verhaftung anlässlich einer Razzia.
Joshua kommt zwar frei, muss aber mitansehen, dass die gefangen genommenen Next auf der Datum Erde auf Hawaii interniert werden. Dort können sie keinen Schaden anrichten. Lobsang versucht noch mit Hilfe des Mittlers Nelson Azikwe eine Freilassung der Next zu erreichen, hat aber keinen Erfolg.
Am Ende erfolgt die Rettung der Next durch eine Befreiung mittels natürlicher Wechsler wie Joshua und auch Sally Linsay; ja Lobsang selbst und Agnes helfen ebenfalls mit. Auf einer weit entfernten Erde, an einem geheim gehaltenen Ort, organisieren sich die Next neu.
Damit bleibt noch der dritte und dem Roman einen Namen gebende Strang mit Sally Linsay. Diese wurde von ihrem verschollen geglaubten Vater Willis Linsay, dem Erfinder der Wechslerboxen, kontaktiert. Zusammen mit dem ehemaligen Astronauten Frank Wood fliegen sie durch die „Lücke“ zum Mars.
An einer Stelle der langen Erden hat sich die Erde gar nicht erst gebildet, so dass man von der daneben liegenden Erde in einer Raumkapsel bequem dorthin wechseln kann und von dort keine Erdanziehungskraft überwinden muss.
Das ermöglicht den Dreien die Reise über den langen Mars, der teilweise sogar grün und mit einer atembaren Atmosphäre ausgestattet ist. Stellenweise haben dort eine Art von Krustentieren eine Zivilisation aufbauen können.
Willis sucht und findet schließlich auch einen Weltraumaufzug, dessen widerstandsfähiges Material er einsammelt, um es auf den langen Erden benutzen zu können. Bei dieser Aktion verliert Frank sein Leben, als ein Jäger der Krustentiere Jagd auf die 3 macht. Frank opfert sein Leben für die Linsays. Vater und Tochter fliegen zur langen Erde zurück und gehen im Streit auseinander.
Nach dem dritten Band habe ich schon etwas den Eindruck, dass die Story dank immer neuen Themen und Figuren verwässert wird.
Das sind dermaßen viele lose Enden...




Terry Pratchett & Stephen Baxter - Das lange Utopia (lange Erde 4)

Lobsang und Agnes gönnen sich eine Auszeit auf Erde West 1.217.756. Er hatte seinen Tod vorgetäuscht, um als George Abrahams mit Agnes auf einem Hinterwäldlerplaneten die Menschen zu studieren und nebenbei ein menschliches Kind, den dreijährigen Ben, groß zu ziehen. Wie zu erwarten, war ihm eine Auszeit nicht vergönnt.
Denn Agnes muss leider feststellen, dass sich diese Erde immer schneller dreht; die Tage dort werden immer kürzer. Dank der Kinder, die in einer alten Höhle Kontakt mit den Silberkäfern, einer außerirdischen Zivilisation, aufnehmen, kommen unsere Helden dem Geheimnis auf die Spur. Lobsang schwingt sich mit dem herbeigerufenen Joshua in ein Twain und entdeckt, dass die Silberkäfer aus Eisen riesige Ringe um den Planeten bauen, die mit Hilfe von Rotoren das Magnetfeld verändern und den Planeten immer schneller drehen lassen, bis er dank tektonischen Veränderungen auseinanderfliegt.
Die Silberkäfer wollen dann die Materie des Planeten zum Bau von Dyson Sphären nutzen. So könnten die Silberkäfer dann über die angrenzenden Erden die komplette lange Erde vernichten. Gegen diese Gefahr arbeitet Maggie Kauffman sogar mit den Next zusammen. Am Ende kann nur noch die Evakuation dieser Erde - gegen den Widerstand der Farmer - diese Menschen retten.
Es bleibt dann Sally Linsay und Stan, einem Next, der im Gegensatz zur Mehrheit der Next Sympathien für die Menschen hegt, vorbehalten, diese Erde voll Sprengstoff auf den herbeikommenden Planeten der Silberkäfer zu steuern und sich selbst zu opfern. So scheidet Sally Linsay überraschenderweise am Ende dieses Buches aus der Story aus.
Zuvor stöbert Nelson auf Bitte Joshuas in der Familiengeschichte der Valientes herum. Bereits im Revolutionsjahr 1848 scharrte der britische Prinz Albert ein Korps von natürlichen Wechslern um Oswald Hackett und Luis Valiente um sich, die dank ihrer Talente einen Umsturz durch die damals tatsächlich existierenden „Chartisten“ (Vorläufer der Gewerkschaften) zuvorkamen.
Während des gesamten Romans werden kurz mal einzelne Kapitel dem Schicksal des Vorfahren von Joshua gewidmet, ohne das ein Zusammenhang mit der laufenden Story erkennbar wird. Hier wäre ein zusätzlicher Roman abseits des Plots besser gewesen. So aber lesen wir, dass sich Luis Valiente vom Korps abwendet und 1895 von Hackett erfährt, dass im Korps Ehen arrangiert werden, um durch eine Art Zuchtprogramm natürliche Wechsler zu produzieren. Auch Valiente kann dem nicht entfliehen.
Joshua erfährt dies dank Nelson in den verschütteten Gewölben der Royal Society auf der Datum und berichtet dies Sally Linsay, die ihrerseits eine Nachfahrin Hacketts ist und auf einer entlegenen Erde dabei ist, Verbrecher zu bestrafen bzw. zu töten. Kurz darauf kommen alle zum Showdown auf der Erde mit den Silberkäfern zusammen.
Gefallen an diesem Buch hat mir neben dem unerwarteten, aber doch schlüssigem Tod von Sally noch die anrührende Sterbeszene von Shi-Mi. Des Lebens überdrüssig, regelte sich die Androidenkatze zur sterblichen Existenz herunter. Kurz vor ihrem Tod verliert sie die Sprache, schnurrt noch ein letztes Mal, als Agnes sie streichelt. Das wars. Die Melancholie und Anmut dieser Szene können aber wohl nur Katzenliebhaber verstehen.

Terry Pratchett & Stephen Baxter - Der lange Kosmos (lange Erde 5)

ErdeWest 17.297.031 Maggie Kauffman hatte auf der Welt der Krabben 3 Freiwillige zurückgelassen, die diese Zivilisation erforschen soll. Jetzt will sie wissen, was aus ihnen geworden ist. Dachte ich, doch kaum erwähnt Baxter dies, lässt er Maggies Vorhaben kommentarlos fallen und erwähnt die Käfer nicht mehr. Ein Zeichen dafür, dass die Story nach 5 Romanen auserzählt ist. Baxter hatte wohl ohne Pratchett, der aufgrund seines Todes an diesem Band nicht mehr schreiben konnte, keinen Bock mehr. Aber was hat Baxter allein hinbekommen? Nun, dass Storyboard stand ja wohl bereits vorher fest.
„Mach mit!“ - diese Botschaft wird überall auf der Erde von Radioastronomen, ja selbst von Trollen aufgenommen. Der mittlerweile 70jährige Joshua Valiente hört diesen Ruf und er zieht zum letzten Mal in die hohen Megas hinaus. Seinem Sohn Daniel Rodney, der sich von Joshua über die Jahre entfremdet hatte, gefällt dies nicht.
Und tatsächlich hockt er bald darauf in der Wildnis einer weit entfernten Erde und wird dort von einer Elefantenmutter schwer verletzt. Der Troll Sancho, mit dem er sich angefreundet hatte, rettet ihn vor den Raubtieren. Von einer Gruppe Trolle wieder aufgepäppelt, zieht er mit der Gruppe in die Wildnis hinaus, als Daniel Rodney mit einem Flugzeug auftaucht, um ihn abzuholen. Lobsang und Nelson brauchen ihn.
Leider wird Rodney von einem Raubtier mit riesigem Maul entführt und Joshua und Sancho müssen ihn suchen. Sie wechseln auf eine merkwürdige Erde, auf der sie einem Baum meilenweit hinaufklettern. Irgendwann fliegen Gegenstände sogar von selbst nach oben. Schließlich können sie das Untier mit Feuer töten und Rodney retten. Joshua reist zur Datum Erde.
In England auf Erde West 20.000 bekommt Nelson Azikiwe Besuch von Schwester Agnes, die nicht mehr weiterleben will und sich von ihren Weggefährten noch verabschieden will. Sie hilft ihm weiter, denn Nelson sucht seinen Enkel Troy, von dessen Existenz ihm Lobsang erzählte. Und er findet ihn beim Durchquerer, der durch die verschiedenen Welten streift. Dieser wurde in einem er ersten beide Bände erwähnt. Dort, wo Nelson überraschend Sex hatte.
Mitten in die Idylle des Familientreffens wechselt der Durchquerer mit Troy urplötzlich vor einer Sturmflut und lässt Nelson und seinen Sohn allein auf dem Meer zurück. Der verzweifelte Nelson wendet sich an Lobsang, der sich ins Kloster zurückgezogen hat - als Novize.
Auf der Datum Erde besucht Joshua das Grab von Helen, seiner Frau. Dort trifft er auf Nelson Azikiwe und Lobsang. Zusammen wollen sie sich auf die Suche nach Nelsons Enkel machen.
Dev Bilaniuk ist der wissenschaftliche Leiter von Gap Space, welches in Nordengland neben der Lücke ist. Die Spannungen durch die Arroganz von Stella Welsh und Roberta Golding, der Führerin der Next, werden sichtbar, als beide Next mit Dev und Lee Malone in die Lücke zum Backsteinmond, der an der Erdposition kreist und mühsam von Trollen errichtet worden war, wechseln. Die Next hatten hier das Clarke Projekt - ein riesiges Teleskop - errichten lassen, um die außerirdische Botschaft, die aus Richtung des Sagittarius kommt, entschlüsseln zu können.
Jan Roderick wächst im Heim in Madison auf und ist ein hochbegabter Next. Roberta Golding rekrutiert den 10jährigen; er soll helfen, in der Lücke eine Maschine zu bauen, die auf den noch zu entschlüsselnden Codes basiert. Golding macht sich Sorgen dass die Maschine gefährlich sein könnte. Sind die Außerirdischen bösartig? Maggie Kauffman und die Flotte des Präsidenten werden zu Hilfe geholt, auch der Beagle Schneeball ist wieder mit von der Partie.
Dann taucht überraschend eine Dissidemtengruppe der Next auf. Ihr Repräsentant Martin Lovelace sieht die Menschen nicht als „Dumpfbirnen“ an.
Am Ende führen die Handlungsstränge zusammen, ohne dass alle auch wirklich aufgelöst werden können. Die Story kulminiert in einen Vorstoß der „Space Cowboys“ Joshua, Lobsang, Maggie Kauffman und Sancho in die Lücke, um über die von den Next gebaute Maschine mit den Aliens Kontakt aufzunehmen.
Sie wechseln kreuz und Quer in verschiedenen Universen umher und wandern auf irgendeiner Erde bis zu 5 riesigen Monolithen. Die Inschrift stammt aus dem selben Alphabet wie die, welche Sally Lindsay einst auf dem langen Mars entdeckt hatte.
Und das wars. mit der Story. Die Space Cowboys finden auf diesem Planeten noch eine ganze Gruppe an Durchquerern, hier scheint ihre Heimat zu sein. Und selbstverständlich kann Nelson endlich seinen Enkel Troy in die Arme schließen. Danach löst sich alles in Wohlgefallen auf und jeder zieht seiner Wege.
Ein leider enttäuschendes Ende. Da hätte ich schon ein schlüssiges Ende mit einem richtigen Höhepunkt gewünscht. Eigentlich sollte man nach 5 Bänden das Buch hinlegen, noch ein Bier aufmachen und die Story erst einmal sacken lassen. Dies ist hier leider nicht der Fall. Das eher mysteriöse, meinetwegen mystische Ende nervt.
Auch in diesem Band wurden viele kleine und abgeschlossene Geschichten eingestreut, die man auch als Kurzgeschichtenband veröffentlichen könnte. Ich bleibe dabei: Band 5 ist mit seiner wirren Handlung nicht zu empfehlen. Da bin ich jetzt von Baxter enttäuscht. Schade.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Hartmudo: Mutter


60
Meine Sestras und ich warteten also nach der Wohnungsbegehung mit dem Dottore auf einen Termin beim Notar zur Unterzeichnung eines Kaufvertrages. Witzigerweise war der Notar dann ganz in der Nähe meines Büros in Salzgitter stationiert.
Traditionellerweise bestimmt der Käufer den Makler. Und der Dottore wickelte seine Geschäfte gern über diesen Notar in Salzgitter-Lebenstedt ab. Montag, 20. März 2017 in der Chemnitzer Strasse. Das ist keinen Kilometer von meinem Büro entfernt, mitten in der Fußgängerzone. Knapp hinter dem Notar befindet sich mit der Jever meine alte Stammkneipe. Nein, keine Angst, ich wollte mich weder vor noch nach dem Termin beim Notar zusaufen.
Das Treffen war für 18.00 Uhr angesetzt, weil Reiner noch solange arbeiten musste und Sunny nicht allein dort aufkreuzen wollte. Hierfür habe ich nach wie vor vollstes Verständnis, auch wenn ich mich fast nur noch despektierlich über meine Sestra Sunny zu äußern pflege. Hier bricht meine allseits bekannte Objektivität durch; böse Zungen bezeichnen dies auch als Beamtenmentalität.
Berta ließ sich natürlich von Bud hinfahren, der aber, wie Reiner auch, im Wagen blieb. Beide hatten mit der Vertragsunterzeichnung eh nichts zu tun und wollten wohl auch keinen Grund für weitere Streitereien liefern. Es kann allerdings genauso gut sein, dass beide nach all den Begebenheiten mehr als genervt von den unnötigen Streitereien waren. Meine Löwin wollte dort nicht extra hinfahren, das war ja nun auch wirklich nicht notwendig. Bud konnte mich anschließend auch nach Hause fahren.
18.00 Uhr am Montag bedeutete für mich, dass ich eben nicht wie gewohnt um 15.00 Uhr nach Hause fahren konnte. Die Zeit nutzte ich am Arbeitsplatz und nicht in der Jever. Wäre doch zu blöd gewesen, wenn ich zum Termin des Wohnungsverkaufes unserer Mutter beim Notar strunzbesoffen aufgelaufen wäre.
Ich denke, Ihr könnt Euch alle vorstellen, das ich an jenem Nachmittag nicht mit 100%iger Konzentration bei der Arbeit war. Obwohl ich mich auf Standardtätigkeiten wie das Bezahlen von Rechnungen oder Überprüfen von Betriebskostenabrechnungen beschränkte, konnte ich das gelegentliche Abschweifen meiner Gedankengänge nicht verhindern.
Als sich Mutter im späten Frühjahr - ein Jahr zuvor - nicht mehr so wohl fühlte und wir Geschwister, also vorwiegend Berta und ich, verstärkt um sie gekümmert hatten, begann die ganze leidige Angelegenheit. Schon als es Wochen später um die Unterbringung von Mutter in einem Heim ging, brachen zwischen Sunny und mir die ersten Gräben auf. Nach Mutters Tod eskalierte die Situation zwischen uns Geschwistern vollends, weil Berta den Schmuck auf mein Betreiben hin gesichert hatte und Sunny ihr böse Absichten unterstellte.
Der weitere Ablauf war dann nur noch widerlich, hier hatte sich keiner von uns mit Ruhm bekleckert. Und jetzt endlich würden wir mit unseren Unterschriften unter dem Kaufvertrag die ganze Geschichte zu einem Ende führen. Erst danach würden wir durchatmen und um den Verlust unserer Mutter trauern können. Im Nachhinein war ich traurig, weil Mutter es nicht verdient hatte, dass sich ihre Kinder nach ihrem Ableben derart übel in die Haare kriegten. Allein dieses Bild beim Juwelier, als dieser Mutters Schmuck, auf den sie so stolz gewesen war, mit einem Hämmerchen einfach emotionslos kaputt kloppte.
Dank derart düsterer Gedanken ging ich kurz vor 18.00 Uhr nicht gerade mit federnden Schritten zum Notar hinüber. Mir war eher schwer ums Herz, so ein Ende hatte ich nicht gewollt. Aber Sunny hatte mir keine Wahl gelassen, das sehe ich heute immer noch so. Diese sch... Kohle hatte alles kaputt gemacht, das schöne Familienidyll, das ich mir so sehnlichst gewünscht hatte. Aber wenigstens brauchte ich mir ab sofort keine Gedanken mehr um ein besseres Verhältnis zu Sunny und Reiner zu machen. Das war jetzt endgültig perdu.
Da ich den kürzesten Anfahrtsweg von uns allen zum Notar hatte, war ich wie erwartet als Letzter dort. Das feuchte Wetter passte perfekt zum Anlass; eigentlich wäre ein Gang zur Jever hier passender gewesen. Aber nun...
Die Sekretärin bat mich ins Wartezimmer, wo ich auf meine Sestras und den Dottore nebst Frau traf. Nach kurzer Wartezeit, in denen wir Geschwister uns mit dem Dottore, aber nicht untereinander unterhielten, führte uns seine freundliche Mitarbeiterin ins Allerheiligste - sein Büro. Der gutgelaunte Notar schüttelte jedem von uns die Hand und lenkte uns zu den bereit gestellten Sitzplätzen.
So saßen wir in einer leichten Kurve vor seinem Schreibtisch. Wir drei Geschwister nahmen hier die rechte Seite neben dem Fenster ein. Zur Sicherheit setzte ich mich in die Mitte, da ich einem möglichen Handgemenge zwischen Berta und Sunny zuvorkommen wollte.
Als Vorgeplänkel, quasi zum Warm-Up, redete der Notar mit dem Dottore und dessen Frau. Hier war deutlich erkennbar, dass sie sich kannten. Und einen hatte ich jetzt doch tatsächlich vergessen: Der Makler war ebenfalls vor Ort. Auch er verfiel in ein charmantes Plaudern mit den Käufern. Diese Vertrautheit erinnerte mich stark an unseren Auftritt beim Juwelier, wo Sunny und Reiner ebenfalls beinahe Kochrezepte mit dem Inhaber ausgetauscht hatten.
Wir mussten nicht lange auf den Hauptgang warten. Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür und die Mitarbeiterin brachte die Mappe mit dem grob ausgearbeiteten Vertrag. Die Show konnte beginnen.
Zuerst belehrte uns der Notar noch schnell über die Regularien beim Wohnungsverkauf, vor allem über seine Pflichten als Notar. Ausführlich erklärte er uns, verstärkt uns Geschwistern, die einzelnen Paragraphen des Vertrages. Ein Notar trägt eine Auflassungsvormerkung ein, schaut in die einzelnen Abteilungen des Grundbuches, um nach irgendwelchen eingetragenen Belastungen zu forschen und und und.
Für mich war dies wahrlich kein Neuland, hatte ich doch schon während meiner Ausbildung im städtischen Liegenschaftsamt gearbeitet und vor allem 1987 für das Land Niedersachsen im Straßenbauamt Hildesheim bald ein halbes Jahr lang Kleinstgrundstücke (meist unter 5 qm) im Zuge des Ausbaus von Ortsdurchfahrten ge- und verkauft. Also für mich hätte sich der Notar das ganze Gedöns sparen können.
Doch darum geht es bei solchen Terminen nicht, beim Kauf der Wohnung von meiner Löwin und mir lief das haargenau so ab. Wir reden hier eher über ein Ritual, fast eine religiöse Handlung. Meine Sestras hörten dem Notar deshalb andächtig, fast ehrfürchtig, zu. Dieser wendete sich mit seinen Erklärungen auch hauptsächlich in unsere Richtung, als ob er irgendwelche Teletubbies vor sich gehabt hätte.
Der Dottore und seine Frau nickten während dieser "Bibelstunde" lediglich mit ihren Köpfen auf und ab. Ein Vater Unser hätte da noch gefehlt. Ich dagegen setzte mein Pokerface auf, was für den Notar wohl überraschend kam, da er seine Erklärungen hauptsächlich an meine Adresse richtete.
Wie beim Juwelier! Meine Güte, als ob meine Schwestern die totalen Honks wären. Berta als auch Sunny (obwohl ich mit ihr im Clinch lag - doof ist sie nicht) haben selbst Häuser, kannten das Prozedere also. Vielleicht hielt der Notar beide für Dorfpomeranzen. Eine absolute Fehleinschätzung, aber so sind sie, die studierten Anzugträger.
Irgendwann war selbst dieser Spuk vorbei. Auf die übliche Frage gab es die übliche Antwort, will sagen: Keiner hatte Einwände gegen den Vertragstext vorzubringen. Wir unterschrieben alle, gaben uns gegenseitig die Hand - also den Vertragspartnern gegenüber, nicht alle miteinander.
Draußen auf der Straße verabschiedeten wir noch den Makler. Mit dem Dottore und seiner Frau sprachen wir noch kurz über die bevorstehende Eigentümerversammlung der Wohnanlage in Melverode, an der Frau Dottore bereits teilnehmen wollte. Uns selbst interessierte es ja nicht mehr. Zwar waren meine Sestras und ich offiziell noch Eigentümer, doch was sollten wir da?
Nachdem wir uns auch freundlich vom Dottore und seiner Frau verabschiedet hatten, standen meine Sestras und ich allein in der Dunkelheit im regenverhangenen Lebenstedt herum. Reiner schlich in der Nähe von uns sichtbar herum; wie Bud hatte er sich bewusst herausgehalten, um einer Eskalation vorzubeugen.
Der Abschied zwischen meinen Schwestern verlief ausgesprochen frostig. Wortlos gingen beide auseinander. Sunny und ich rafften uns wenigstens noch zu einem "Tschüss" auf. Kurz sprachen wir noch darüber, das wir uns noch wegen der Kontoauflösung sehen würden. Dann ging ich mit Berta Richtung Auto und Bud; die Beiden fuhren mich nach Hause. Die Stimmung im Auto war schwer zu beschreiben. Weder gelöst noch verkrampft, Berta und ich fühlten uns nur noch leer.
Sunnys Gefühle vermag ich nicht zu beschreiben. Nach meinem Abschiedsgruß gingen Berta und ich auch gleich los. Ich drehte mich auch nicht mehr nach Sunny um. Mir fiel auf alle Fälle ein Riesenstein vom Herzen, weil ich gerade eben einen schweren Termin überstanden hatte.

Sonntag, 19. Juli 2020

Contramann: Randale in Stuttgart


Am 20. Juni abends kam es in Stuttgart (!) anlässlich einer Polizeikontrolle – wegen eines „BTM-Vergehens“ – zur Eskalation der Gewalt. Warum auch immer, griffen die „Leute aus der Event-Szene“ die Polizisten an. Die Polizisten orderten Verstärkung an. Ihnen gegenüber standen 400 – 500 Leute im Alter von 14 – 30 Jahren (offizielle Angaben).
Flugs per Twitter hochgeladene Videos zeigten u.a. einen maskierten Menschen, der mit ausgestreckten Beinen voran in einen Polizisten hineinsprang. Angeblich seien auch „Allah Akbar“ Rufe zu hören gewesen. Letzteres habe ich nicht mitgekriegt und halte es auch in der Beurteilung der Geschehnisse für zweitrangig, weil eine neue Migrantendiskussion hier auch am Thema vorbeigeht.
23 Polizisten wurden bei der folgenden Randale, bei der die Leute in kleineren Gruppen durch die Stuttgarter Innenstadt zog und 37 Geschäfte beschädigt hatten, verletzt. In 9 von diesen Geschäften wurde auch geplündert, vorwiegend wohl Handys. Bislang wurden 26 Leute festgenommen. Etwa jeder zweite bislang Festgenommene hat einen deutschen Pass, unter ihnen haben mehrere einen Migrationshintergrund. ( entnommen aus folgender Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-06/krawalle-stuttgart-festnahme-tatverdaechtiger )
Landesinnenminister Strobl (CDU) kündigte für das folgende Wochenende eine höhere Polizeipräsenz an. So weit die Zusammenfassung der Geschehnisse, die mich dann doch geschockt und geärgert hatten. In dieser Sekunde ist mir immer noch nicht klar, wie es zu diesem Ausbruch an Gewalt kommen konnte. Bei der Zusammensetzung der „Event-Szene“ bleiben die Berichte der Medien als auch der Politik bewusst vage, um der AfD keinen Aufschwung zu geben.
Für Alice Weidel von der AfD war jedenfalls sofort klar, dass „Antifa und Migrafa“ hinter der Randale steckten. Die Rumeierei der Pressevertreter stärkt leider diese Position, was ich als ärgerlich empfinde, weil es hierbei meiner Ansicht nach nicht um Politik geht, sondern eher um Desinteresse an derselben. Ich würde die Gruppe der Randalierer eher als desillusioniert und degeneriert beschreiben.
Antifa war schon in den 80ern, aber da waren „wir“ noch politisch interessiert. Da gab es den Spruch aus einem Seyfried Comic: „Haut die Bullen platt wie Stullen“. Trotzdem hätten wir uns nicht zusammengerottet, um die „Bullen“ platt zu machen. Eine gewisse Ethik und eben auch Interesse an Politik war da noch vorhanden gewesen. Dies trifft auf die Randalierer von Stuttgart sicher nicht zu.
https://www.nzz.ch/meinung/krawall-in-stuttgart-deutschlands-polizei-als-boxsack-ld.1562429
Es ist häufig angezeigt, sich Meinungen aus der Neuen Züricher Zeitung durchzulesen. Dieser Blick von außen auf Ereignisse in Deutschland ist oft erhellend. In diesem Fall sogar noch objektiv, denn es werden die richtigen Fragen gestellt. Auch in Deutschland schlossen sich viele Menschen den „Black Lives Matter“ Demos an, die gegen die Tötung von George Floyd in Minneapolis durch einen Polizisten auch in Deutschland ins Rollen gekommen war.
Im Zuge dieser Demos wurde ebenfalls von verschiedenen Politikern der Rassismus innerhalb der deutschen Polizei angeprangert. Dies überwiegend leider aus den eher links verorteten Parteien. Das Ganze gipfelte dann in der Woche vor dem Stuttgarter Krawall in der unsäglichen Kolumne in der TAZ, die hinterher nur müde als Satire dargestellt wurde, als von mehreren Seiten eine Strafanzeige gegen die Verfasserin angestrengt wurde:
https://taz.de/Abschaffung-der-Polizei/!5689584/
Von wegen Satire. Hier wurde nicht die Polizei als Organisation aufs Korn genommen, was als Satire durchgehen könnte. Nein, hier wurden Menschen, die sich für diesen Beruf entschieden haben, als „reif für den Müll“ bezeichnet. Das ist übelste Verunglimpfung, man ersetze den Begriff „Polizist“ durch „Flüchtling“ oder gar „Jude“, dann könnte diese Kolumne auch im Stürmer gestanden haben.
Ich habe wohl mit Hengameh Yaghoobifarah nach Carola Rackete eine zweite Ätztussi gefunden, die in ihrer verblendeten „richtigen“ Meinung nicht mehr schnallt, dass sie genau den Faschismus predigt, den sie bei anderen anprangert. Solche Leute wie Hengameh Yaghoobifarah sind erbarmungslos in ihrer Mediengeilheit.
Da hilft es auch nicht, dass die Chefredakteurin der TAZ nach dem großen und eher negativen Medienecho zu beschwichtigen versucht. Dass sie ihre freie Mitarbeiter entschuldigt und sie nicht in die Pfanne haut, ehrt sie. Die folgende Veröffentlichung verschiedener Beiträge zum Thema Polizei in der TAZ durch diverse Redakteure soll den Schaden begrenzen, geht aber am wahren Ärgernis vorbei.
Selbst wenn es nur in den letzten Sätzen direkt sichtbar wird: Es geht um die Verunglimpfung von Menschen einer Personengruppe - der Polizei. Diese Menschen auf den Müll schreiben zu wollen, ist eben keine Satire. Dazu hätte die Autorin das sanfter (z.B. als Frage oder in Gänsefüßchen) formulieren müssen.
Es bleibt eine menschenverachtende Aussage. Ich nenne Leute, die solche Aussagen treffen, Faschisten. Mir rutscht evtl. gelegentlich auch mal ein Scheißspruch raus, aber ich schreibe keine Kolumnen in einer großen bundesweit erscheinenden Tageszeitung.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/diemar-bartsch-solidarisiert-sich-mit-polizisten-wie-viel-law-and-order-vertraegt-die-linke-a-238444fb-4f75-413e-841d-68983686a7cd
Der Fraktionschef der Linken, Dietmar Bartsch, stellte sich in der Woche nach der Randale demonstrativ hinter die Polizisten. Teile seiner Partei fanden das gar nicht gut. Ich zitiere hieraus einen Mitarbeiter von Niema Movassat: „Deine Aufgabe ist es, an der Seite der Menschen zu stehen, die von Rassismus, Sexismus und Diskriminierung betroffen sind, nicht an der des Staates.“
Es sind solche Genossen wie dieser Mitarbeiter, die es mir verleiden, diese Partei zu wählen. Nun steht mir ein Dietmar Bartsch auch schon sehr nah an SPD Positionen, die schon in Zeiten eines Helmut Schmidts die Konterrevolution des Neoliberalismus eingeleitet hatte. Aber wo er Recht hat, hat er Recht.
Als Linker darf und soll man Polizeieinsätze kritisieren, denn solche Kritik richtet sich vor allem gegen diejenigen Politiker und nachgeordnete Verantwortliche, die solche angeordnet haben. Die plumpe Herabwürdigung von Menschen als Müll oder mutwillige Tritte gegen Menschen - nichts anderes ist da in Stuttgart passiert - ist in erster Linie von den Linken zu verurteilen.
Man kann nicht fehlenden Humanismus beklagen und dann in gleicher oder gar noch stärkerer Aggression agieren als der Klassenfeind. Das war schon immer ein Problem von Teilen der Linken gewesen, auch in den unglücklichen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Eine Partei der Linken, die noch vor 10 Jahren von Gysi oder Lafontaine zusammen gehalten wurde, existiert wohl nicht mehr. Riexinger und Kipping mit ihren wachsweichen Positionen halten das Schiff auf klaren Kurs in die Eisberge hinein. Bartsch und Ramelow sorgen dafür, dass das kleine und illusionäre Licht der Hoffnung auf eine gerechtere Welt für die Menschen nicht komplett erlischt.
Update 25. Juni abends:
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88119444/krawalle-in-stuttgart-polizei-erhebt-schwere-vorwuerfe-gegen-die-stadt.html
„Probleme besonders mit "jugendlichen und heranwachsenden Tätern mit überwiegendem Migrationshintergrund" hätten die Polizei in den vergangenen Wochen vermehrt beschäftigt und seien der Stadtverwaltung seit langem bekannt gewesen.“ So weit der Kommentar der deutschen Polizeigewerkschaft.
Die Stuttgarter Stadtverwaltung wies den Vorwurf natürlich zurück. Jetzt, einen Monat später Mitte Juli, ist das Thema schon wieder raus aus der Presse. Erhellung bringt hier vielleicht folgender Artikel: https://www.suedkurier.de/baden-wuerttemberg/was-laeuft-schief-in-stuttgart-wie-die-stadt-schnelle-loesungen-fuer-die-krawall-probleme-sucht;art417930,10565353
Es sieht also ganz danach aus, dass man hier jahrelang weggesehen hat, als frustrierte Kids ihre Parties mit Drugs und Alkohol abfeierten. Die Polizei vor Ort durfte es richten - im Sommer 2020 dann also die sich abzeichnende Eskalation.
Stattet die Polizei mit mehr Personal aus und kümmert Euch um ausgegrenzte Jugendliche. Taten statt Worte; gerade grüne Politiker achten wohl mehr auf Political Correctness statt auf Lösung von Problemen, weil dabei die eigene Weltanschauung nicht beschädigt werden darf.
Das passiert in Stuttgart so. Und das passiert überall in der Republik so.

Mittwoch, 8. Juli 2020

H. Lecter: Alf

17
Im Jahr 2002 fuhr ich dann zum letzten Mal in dieser Reisegruppe mit – es ging wieder nach Gran Canaria. Nach den Erfahrungen aus dem Jahr zuvor hatte ich mir ausgebeten, das Zimmer nicht mit Alf teilen zu müssen. Jetzt sollte mal jemand anders leiden.
2002 – ebenfalls das Jahr, in dem ich meine Löwin kennengelernt hatte. Und dann musste auch noch Moritz kurzfristig absagen, weil er sich eine schwerwiegende Erkältung zugezogen hatte. Da er die Reise schon bezahlt hatte und wir leider über keine Reiserücktrittskostenversicherung verfügten, war der Platz noch frei.
Moritz sein Geld, er bestimmte den Ersatzmann. In diesem Fall dann doch seine Freundin, die anstatt seiner mitkam. Eigentlich war das Mädel sehr nett, schien jedoch stark erkältet zu sein. Aber zum Rückflug konnte sie sich nicht durchringen, auch fehlte ihr das Geld. Ich war noch so freundlich, ihr den Koffer ins Hotel zu tragen.
Und damit kam ich zu spät an die Rezeption, da hatten meine Mitreisenden die Zimmer schon aufgeteilt. Die Ärsche! Buck würde mit Klaus-Ewald nächtigen, während Max und Alf das zweite Zimmer belegen würden. Und das dritte Zimmer… dann für mich und die kranke Freundin von Moritz.
Meine dringenden Appelle, die Aufteilung zu ändern, weil ich ja gerade mit meiner Löwin frisch liiert war, blieben unerhört. Stattdessen kam der wohlgemeinte Rat: „Du brauchst es ihr doch nicht zu erzählen.“ So ein Rumeiern war für mich natürlich keine Option; gleich beim ersten Telefonat hatte ich meiner Löwin die Situation geschildert.
Was hätte ich da machen sollen? Max bot mir sogar an, mit ihm zu tauschen und dafür erneut mit Alf auf ein Zimmer zu gehen. Dass ich dies trotz möglicher Schwierigkeiten mit meiner Löwin abgelehnt hatte, lässt erkennen, wie schlimm die Nächte mit Alf im Urlaub zuvor gewesen sein mussten.
Am ersten Tag zogen wir dann gleich wie üblich los, um vor einer Bar in der Sonne die ersten Drinks zu genießen. Wie üblich beschäftigte sich Alf mit einem Sangria, Bier trank dort keiner. Die Freundin von Moritz kam hier nicht mit, da es ihr nicht gut ging. Die schwere Erkältung fesselte sie ans Zimmer.
Wie ich später feststellen musste, hatte sie sich wohl eher eine Grippe eingehandelt. Schüttelfrost, Migräneanfälle und eine starke Lichtempfindlichkeit legten diesen Schluss nahe. Ich riet ihr, einen Flieger zu buchen und nach Deutschland sofort zurückzukehren. Neeeeein, das wird schon. Und ansteckend wäre es auf keinen Fall!
Ich kürze es mal ab: Nach einer unruhigen Nacht rief sie am nächsten Morgen Moritz an, der ihr Geld für den Rückflug per Postanweisung schickte. Und so schnell wie sie in unser Leben am Vortag getreten war, so schnell war sie gleich wieder weg. Zum Dank konnte ich mich den Rest des Urlaubs mit einer fiesen Erkältung abplagen.
Viel mehr gibt es von diesem Urlaub eigentlich nicht zu berichten. Hauptsächlich bei mir war irgendwie die Luft raus. Die Hitze war eh nicht meins und ewig Wodka Lemon… Ich konnte es schon nicht mehr sehen. Und nicht nur die Freundin von Moritz war in diesem Urlaub absent, sondern auch Alf.
Nach dem ersten Abend ward er nicht mehr gesehen. Nicht einmal zum Frühstück durften wir ihn erblicken, laut Max hatte er wohl mit Kreislaufproblemen zu kämpfen. Zum Glück fand er einen Arzt, der ihm entsprechende Tabletten verschrieben hatte. Sein letzter Auftritt fand an der Hotelbar statt. Soweit ich mich heute daran erinnern kann, kam er wenigstens allein auf sein Zimmer, bei ihm ist das schon erwähnenswert.
Wir anderen spulten unser gewohntes Programm ab. Soffen uns zu – bis auf Klaus-Ewald natürlich - und gingen von einer Bar zur nächsten Theke. Die Euphorie war uns aber mit den Jahren abhanden gekommen. Irgendwie war die Luft aus dem Team raus. Eventuell hätte Alf mit all seinen Eskapaden dem Ganzen nochmals Leben einhauchen können, aber ich denke eher, dass sich unsere Touren totgelaufen hatten.
So stand dann nach einer Woche die Rückreise an. Hier erlebte Max ein großes Hallo, weil das Hotel gerne noch den Room Service von Alf bezahlt bekommen hätte. Es waren über 300,-€, die Alf da auf dem Deckel hatte.
Wie sich nun herausstellte, hatte er sich die ganze Zeit den Sangria (und einige Wodka Lemon) aufs Zimmer kommen lassen, als wir anderen unterwegs waren. Max hatte er davon nichts erzählt, die leeren Karaffen Sangria hatte er wohl wieder abholen lassen. Da musste Max den Deckel von Alf an der Rezeption übernehmen, weil Alf diese Summe nicht mehr hatte. Woraus man schließen könnte, dass er zunächst an der Hotelbar gesessen oder aber die ersten Lieferungen bar gezahlt hatte.
Max hat sein Geld später in Deutschland bekommen, gar keine Frage. Doch so eine Nummer war wirklich sehr schräg. Alleine und heimlich im Hotelzimmer saufen – das war schon ein übler Abstieg.
Als wir dann in der Schlange zum Einchecken am Flughafen vor dem Rückflug standen, konnte er noch nicht einmal mehr seinen Koffer tragen. Mit hochrotem Kopf und wie in der Sauna transpirierend, hatten wir echt Angst um ihn. Wir wollten ihn überreden, dass er zum Arzt geht, aber keine Chance. Heute weiß ich, dass dies die ersten Anzeichen für eine Diabetes sind. Meine Güte, er hätte dabei hops gehen können.
Inbrünstig hoffte ich am Flughafen, dass die Fluggesellschaft ihn nicht mitnimmt. Er sah nun wirklich todkrank aus. Mit Ach und Krach konnte er sich auf den Beinen halten, doch die Spanier ließen ihn kommentarlos das Flugzeug betreten. Entweder waren die (noch) schlimmeres gewöhnt oder die wollten ihn einfach nur loswerden.
So endete mein letzter Törn mit dieser Reisegruppe mit einem schalen Beigeschmack. Heute vermisse ich diese Touren – zumindest die guten, also die ersten. Doch 2002 war mir das zu viel. Mit meiner Löwin wollte ich auch etwas unternehmen und die BiRe konnte ich einfach nicht aufgeben, denn das war schon immer ein noch intensiveres Trinken.