Sonntag, 13. Juni 2021

Sam Phillips

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Der eher ungeschliffene Bauernjunge, der im Herbst 1954 an der Tür von Sun Records auftauchte, war dies auf Anhieb eher nicht. Carl Perkins fuhr mit seinen Brüdern Jay und Clayton in einem abgetakelten 1941 Plymouth vor - der Bass auf dem Dach befestigt. Carls Frau hatte „That`s All Right“ im Radio gehört und gemeint: „Das klingt sehr nach Dir, Carl.“
Marion Keisker war davon nicht überzeugt und wies die Perkins Brüder ab, da sie gerade niemanden brauchten, der wie Elvis klang. Zu Carls Glück fuhr gerade Sam Phillips vor. Dieser konnte den abgerissenen Typen ein Vorspielen nicht abschlagen, obwohl er keine Zeit hatte. Schon nach kurzer Zeit war er aber froh, Carl Perkins nicht weggeschickt zu haben.
Der Gesang dieses hohlwangigen Bauernjungen verfing bei Sam Phillips sofort. In Verbindung mit seinem unnachahmlichen Gitarrenspiel, welcher ihn noch mehr begeisterte, sah Sam Phillips das große Potenzial. Dabei hatte Carl Perkins noch nicht einmal einen guten Song zu bieten. Nur die beiden Brüder störten das Bild, da sie einfach nicht Carls Talent besaßen.
Nachdem dies geregelt war und Carl zwei mehr oder weniger mäßig erfolgreiche Singles auf Sun veröffentlicht hatte, wurde seine dritte Single „Blue Suede Shoes“ am 1. Januar 1956 von Sun Records veröffentlicht. Jetzt zahlte es sich aus, dass Carl im Vorjahr bei Elvis Presley im Vorprogramm touren konnte.
Im wesentlichen basierte der Text, dessen Anfang zum Sinnbegriff eines Rock `n` Roll Songs werden sollte, auf einer Geschichte aus der Militärzeit von Johnny Cash in Deutschland. Cash`s Drillsergeant legte auf sein Äußeres gesteigerten Wert und verabschiedete sich von seinen Soldaten immer mit den Worten „just don`t step on my blue suede shoes“. Als Carl Perkins während eines Auftritts einen Typen im Publikum sah, der seine Freundin auf Distanz hielt, wohl damit sie nicht auf seine neuen Schuhe trat, fiel ihm diese Geschichte wieder ein, die Johnny Cash im zuvor erzählt hatte.
„Blue Suede Shoes“ avancierte zum ersten Millionseller für Sun Records und wurde in den Charts nur von Elvis Presley`s „Heartbreak Hotel“ getoppt. Auch Sam Phillips hatte jetzt endlich den Erfolg, nach dem er so lange gestrebt hatte. Musste er in den ersten Jahren des Labels noch zittern, sein Geld von den Distributoren (Schallplattenhändlern) zu bekommen, so hatte er jetzt endlich einen ordentlichen Gewinn einstreichen können, nachdem er jahrelang nur knapp an einer Pleite vorbeigeschrammt war.
Carl, Sam und die Unglückskarre

Elvis raste zu diesem Zeitpunkt bei RCA von Erfolg zu Erfolg. Seine dortigen Produktionen waren etwas glatter und stellten die musikalische Begleitung etwas in den Hintergrund, aber seine Singles verkauften sich wie geschnitten Brot. Da beide eine Zeit lang gemeinsam bei Sam Phillips unter Vertrag standen, lohnt es sich aus heutiger Sicht, rückblickend beide zu vergleichen.
Was liegt da näher, als dies mit „Blue Suede Shoes“ zu tun? Denn Elvis nahm bereits Anfang 1956 eine Coverversion des Songs auf. Aus vertragsrechtlichen Gründen durfte RCA diese Version nicht auf Single pressen, daher gab es die Version von Elvis anfangs nur auf eine Extended Play und die erste LP von Elvis. Da er bei den DJs jedoch so beliebt war, spielten diese die Version von Elvis rauf und runter, so dass am Ende auch Elvis mit „Blue Suede Shoes“ in die Single Charts (Platz 20) stürmte
Musikalisch schlug Perkins Elvis um Längen (und dass nicht nur bei „Blue Suede Shoes“. Er schrieb seine Songs selbst und hatte wesentlich mehr Drive. Allerdings... war Elvis „hübscher“ und sexuell aufreizender. Die hungrige Jugend der 50er fuhr eher auf das Styling ab als auf die Musik. Nicht anders als heute also. Gerade bei „Blue Suede Shoes“ wird dieser Modeaspekt dank der optisch stärkeren Präsenz eines Elvis Presley auf dem Erfolgsbarometer deutlich. Als ob ihn Guido Maria Kretschmer beraten hätte.
Außerdem erkennt man bei diesem Vergleich die Genialität eines Sam Phillips als Produzent und Tontechniker. Bedenkt man die damaligen technischen Möglichkeiten, bestechen die Aufnahmen des Memphis Recording Services durch eine erstaunlich saubere Produktion. Die einzelnen Instrumente sind sauber abgemischt und voneinander unterscheidbar.
Im Gegensatz zu heute wurden die Takes von den Bands quasi live eingespielt; nicht wie heute einzeln und nacheinander. Hier war von den Musikern äußerste Konzentration gefordert. Dadurch bricht sich hier eine Spielfreude Bahn, die ich bei so vielen Produktionen der Rockmusik ab den späten 60ern vermisse.
Als die Verkaufszahl von „Blue Suede Shoes“ im April 1956 endlich die Millionengrenze überschritten hatte, schenkte Sam Phillips Carl Perkins aus Dank einen brandneuen Cadillac. Mit Carl Perkins und Johnny Cash hatte der nach wie vor unabhängige Plattenproduzent Sam Phillips zwei Megastars des neuen Sounds unter Vertrag.
Carl Perkins stand vor einer großen Karriere. Seine genialen Songschreiberqualitäten wies er allein schon mit der B-Seite „Honey don`t“ nach. Doch was macht der Dussel? Crasht seinen Cadillac und liegt monatelang mit einem Schädelbruch im Krankenhaus, statt einen Nachfolgehit anzuschieben. Stattdessen drängt sich Elvis mit seiner Version von „Blue Suede Shoes“ in die Ohren der Fans dieser Musik und baut seinen Ruf als Aushängeschild und Idol dieser neuen Jugendbewegung aus.
Carl Perkins gelangen in der Folge lediglich kleinere Chartserfolge wie „Boppin`the Blues“ oder „Pink Pedal Pushers“, aber unsterblich wurde er erst später, z.B. durch die Beatles (Everybody`s trying to be m y Baby) und im Rockabilly Revival der 70er mit Perlen wie „Matchbox“ (gut, ein Cover eines Blues-Klassikers). Auch die Beatles spielten gerne seine Songs nach, aber seine große Karriere fand einfach nicht statt. Jahre später verdingte er sich bei seinem Buddy als Gitarrist in der Johnny Cash Show.
Und damit sind wir auch schon beim „Black Man“ gelandet. Der eher schlaksige John Cash war aufgrund des Erfolges von Elvis (wir reden hier über dessen Live-Auftritte) 1954 nach Memphis gezogen, um dort eine Karriere als Musiker zu starten. So im Februar oder März 1955 schaute er das erste Mal bei Sam Phillips und Sun Records rein. Er kam über die Union Avenue jeden Tag beim Memphis Recording Service vorbei, wenn er auf dem Weg zu seinem Job als Verkäufer für Elektrogeräte war.

Mittwoch, 9. Juni 2021

guterPlatzzumBiertrinken: Am Kanal

Nachdem es Anfang Mai sehr viel geregnet hatte, war es dann am 10. Mai, einem Montag, endlich so weit. Das Wetter war warm, sonnig und trocken. Zeit für eine Radtour mit Hotte. Besonders vorteilhaft war es, dass die Sonne nicht mehr so heiß knallte wie am Vortag.
Denn da war Muttertag, den wir mit Danny und Phil nebst Jessica und den Kindern verbrachten. Nur dank viel Sonnencreme verbrannte ich mich nicht, als ich auf dem Rattansofa in der prallen Sonne saß und ein und viele Wolters trank. Als wir am Abend dann zu Hause mit Phil Skat spielten, kamen noch einige Dosen Wolters dazu.
Die heutige Tour


Ich erwähne dieses Vorgeplänkel deshalb, weil ich mich am nächsten Morgen, also den Montag der Radtour, sehr matt fühlte. Die Aussicht auf eine lange Radtour mit ein paar Dosen Bier hörte sich da nicht gerade vielversprechend an. Irgendwie brachte ich mein Home Office hnter mich, aß einen Salat... und siehe da: Es ging mir besser! Okay, nicht gerade zum Bäume ausreißen, aber immerhin so weit, dass ich mich wieder auf die Radtour freuen konnte.
Ich fuhr rechtzeitig zum weißen Ross, unserem Treffpunkt, los, damit ich mir noch zwei leckere Rosinenbrötchen hinein zwingen konnte. Pünktlich um 14 Uhr kam Hotte um die Ecke geschossen und es konnte endlich losgehen. "Wo wollen wir denn hinfahren?" fragte mich Hotte. "Weiß nicht. Ich habe mich um nichts gekümmert. Vielleicht Richtung Norden?" entgegnete ich.
Gesagt, getan. Über das Ringgleis sollte es zum Ölpersee gehen, da mussten wir vorher natürlich noch einmal einkaufen. Bei Hols Ab, also nach runden 250 Metern, erstand ich vier eiskalte Halbliterdosen Wolters sowie einen Hanutariegel für Hotte.
Als ich diese Beute in meine Satteltasche eingepackt und das Fahrradschloss geöffnet hatte, konnten wir endlich aufbrechen. Korrekterweise muss ich sagen "hätten", denn anstatt das Fahrradschloss aufzuschließen hatte ich es erneut abgeschlossen. Ich war wohl doch noch nicht so ganz fit.
Nun ist es ja nun wirklich nicht so weit zum Ölpersee, aber wir brauchten jetzt eine Bank und etwas Zeit, um die Biere zu trinken und uns auszutauschen, denn wir hatten uns ja zwei Wochen lang nicht gesehen. Neben uns, etwas nach hinten versetzt und durch eine Mauer abgeschirmt, befanden sich ebenfalls zwei Radfahrer. Beide Recken hatten zwei Halbliter Flaschen Wolters bei sich. Da passte es gut, dass wir mit Dosen unterwegs waren.
Nein, wir grüßten nur kurz und blieben ansonsten auf Abstand, denn die beiden waren schon sehr weit vorne. Hotte und ich ließen uns reichlich Zeit für unser Wolters, weil wir einiges zu quasseln hatten. Hauptsächliches Gesprächsthema war natürlich Corona und die zurzeit noch laufenden Maßnahmen, denn an diesem Montag öffnete die Außengastronomie in Braunschweig. Zwar konnte man dies nur mit einem Schnelltest und einem daraus resultierenden Zertifikat nutzen, aber es gab dafür sicherlich reichlich Interessenten.
Ölper See

Für uns beide war das natürlich nichts, denn wir wollten unser Bier genießen und nicht vorher noch extra einen Test machen müssen, bei dem wir womöglich sehr lange anstehen müssten. Egal, das Bier war alle und wir fuhren weiter. Am Ölper See entlang, dann fuhren wir in den schwarzen Berg hinein und im Anschluss über die Eisenbahnschienen Richtung Wenden. Genau, bei meiner Tour vor zwei Wochen, über die ich ja schon berichtet hatte, bin ich auch dort entlang gefahren.
Diesmal jedoch ging es eben nicht auf der Autobahnbrücke links hinunter zur Straßenbahn, nein, wir fuhren über die Brücke hinweg und bogen nach Wenden ein. Nun war es an Hotte, bei Edeka die nächsten Biere zu organisieren. Allerdings war die Enttäuschung groß, als er im Laden feststellen musste, dass die dort im Laden keinen Kühlschrank haben. Konsequenterweise kaufte Hotte dort kein Bier, so dass wir unverrichteter Dinge weiterfahren mussten, bis wir einen NP-Markt erreichten.
Die dortige Ausbeute bestand aus drei Halbliter Dosen Jever und zwei Weizemischungen mit Granatapfel, die wir später vorsichtshalber doch nicht getrunken haben. Jetzt konnten wir entspannt in Richtung Thune fahren, über die Brücke asten und rechts zum Kanal abbiegen.
Das Wetter war immer noch sehr schön und es wehte ein angenehmer, lauer Wind. Der eine oder andere Kahn kam uns auf dem Wasser entgegen, auch einige Fußgänger oder Radfahrer. Der Kanal war schon gut besucht, so langsam geht es los mit der Freiluftsaison. Wir stellten unsere Räder ab und setzten uns an die Hügel am Rande.
Allerdings muss ich hier gestehen, dass ich die meiste Zeit stand. Ich sitze halt nicht so gerne in Ameisenhaufen. Nein, keine Bange. Da waren keine Ameisen, ich hab nur Paranoia davor. Und während Hotte zwei und ich eine Dose trank, arbeiteten wir uns an den nächsten Themen ab. Es waren die üblichen Themen wie Familie, Freunde und Arbeit. Mit unseren nunmehr Sechzig Lebensjahren verhielten wir uns altersgerecht.
Als sich nach geraumer Zeit dunkle Wolken vor die Sonne zogen, war es für uns an der Zeit, unsere Zelte abzubrechen und nach Hause zu radeln. Wir fuhren noch an einem Schiff vorbei, dass vor Anker lag und kamen in Höhe der Müllkippe wieder auf die Bundesstraße. In Watenbüttel entschieden wir uns, nicht nach Rewe hineinzugehen, um weitere Bierdosen zu kaufen, sondern direkt nach Hause zu fahren.
Am Kanal

Die Strecke von dort nach Ölper hinein strampelten wir sehr schnell, was ich als angenehm empfand. Meine Kondition scheint doch besser zu sein, als ich es befürchtet habe. Unsere heutige Tour war an diesem Punkt quasi zu Ende, denn wir fuhren nur noch die Celler Straße hinunter bis zu der Stelle, an dem das Ringgleis gekreuzt wird.
Nach dem gewohnt kurzen Abschied fuhr ich schnurstracks nach Hause, denn mein Löwen hatte Fischbuletten gemacht. Die waren nach dieser anstrengenden Tour natürlich genau das Richtige. Eine gute Grundlage hatte ich ja schon gelegt, denn Fisch soll ja bekanntlich gut schwimmen. Ab Dienstag soll das Wetter schlechter werden, da werden wir mal schauen müssen.
In ca zwei Wochen wird es wieder an der Zeit, mit Hotte eine Tour zu unternehmen. Wenn wir Glück haben, ist die Testpflicht für Außengastronomie dann passe. Dann, und erst dann, werden wir uns über Fassbier freuen. Ansonsten gibt es weiter Dosenbier, das werden wir auch überleben. Hätte auch den Vorteil, dass wir uns nicht festsaufen.

Montag, 7. Juni 2021

Contramann: kurz gesehen im Juni

https://www.heise.de/tp/features/Der-Wind-dreht-sich-6033646.html
Das Gedankenexperiment, sich die Schauspieleraktion #allesdichtmachen um Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur und Richy Müller zu den aktuellen Corona Maßnahmen als eine Schauspieleraktion #alleskaltmachen zum Klimawandel vorzustellen, finde ich gelungen.
Da würde es vor positivem Medienecho nur so krachen. Und die Schildmaid Annalena vorneweg.

https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/coronakrise-darf-ich-ohne-luca-app-jetzt-nicht-mehr-zu-ikea-a-cab0558a-5c7d-4f84-80d2-451eebe95836?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ
Die Luca App ist mittlerweile stark verbreitet. Viele Behörden und Firmen haben darin investiert, um das Chaos der händisch ausgefüllten Anmeldezettel und deren Auswertung einzudämmen. Das finde ich verständlich; bloß warum nimmt man dann nicht die mit großer finanzieller Unterstützung des Staates angeschobene App aus dem Vorjahr und schmeißt nochmals Kohle für eine Softwareklitsche raus?
Meines Wissens werden die Daten auf den Servern der Entwicklungsfirma oder zumindest privaten Servern zwischengelagert. Vom Staat erwarte ich zumindest, dass solch datenschutzrechtlich kitzligen Informationen zumindest auf einem staatlichen Server landen.
Eine Meldung der Salzgitter Zeitung hatte mich Pfingsten überzeugt, die App nicht zu installieren: Eine Familie wurde nach dem Sylt Urlaub positiv getestet; sie war u.a. in 4 Restaurants gewesen. Über 200 Leute, die sich zu der Zeit ebenfalls dort aufgehalten hatten, konnten dank der Luca App in die Quarantäne gesteckt werden.
Klingt ja erst mal gut, aber dass die App auf 1,50 Meter genau den Aufenthalt lokalisiert, halte ich gelinde gesagt für ein Gerücht. Da weißt Du dann nicht, wer positiv getestet ist und wirst erst einmal in Quarantäne gesteckt, ohne eine mögliche Gefährdung Deiner Gesundheit verifizieren zu können. Das ist mir zu wenig. Da ist einer Willkür Haus und Tor geöffnet.

https://www.heise.de/tp/features/China-jetzt-ohne-extreme-Armut-6018707.html
Man kann ja von den Chinesen sagen was man will, aber dank der zentralen Lenkung des Staates hat die kapitalistisch orientierte Volksrepublik China eine soziale und staatlich gelenkte Reformation zur Armutsbekämpfung gestemmt, die in der Geschichte dieses Planeten beispiellos ist. So zahlen die Chinesen mittlerweile Sozialhilfe; hier steckt die Entwicklung allerdings noch in den Anfängen.
Die kritisch zu betrachtenden Verhältnisse in China (Punktesystem für soziales Verhalten, Unterdrückung der Ujguren oder Demonstranten in Hongkong, Zwangsumsiedelungen, Umweltverschmutzung) lasse ich mal unberücksichtigt, auch wenn das bei einigen Grünwählern für Schnappatmung sorgen dürfte. Ich persönlich halte den Zeitraum von 40 Jahren bis zur Realisierung der Armutsbeseitigung für kurz und die Umsetzung für wichtiger als die Bedenken - Umweltschutz allerdings ganz eindeutig außen vor.
Wie wichtig die vom Westen gerne hoch gehaltene Demokratie nebst Freiheitsrechten hier in Deutschland tatsächlich ist, sieht man ja an den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie, insbesondere an der Entstehung von Entscheidungsprozessen (ohne direkte Beteiligung der Parlamente).

https://www.heise.de/tp/features/Schliesst-Fabriken-nicht-Parks-6018973.html
Genau so ist es. Wenn Lockdown, dann richtig. Die Gefährdungen, die durch die Arbeit an sich entstehen, wurden bislang häufig ausgeblendet. Hier denke ich vor allem an die Arbeitsplätze in der Exportindustrie, häufig in internationalen Großkonzernen organisiert. Dort scheint eine Gefährdung gegen Null zu tendieren, anders als in Grünanlagen bei Spaziergängern oder z.B. in der Außengastronomie.
Interessant ist hier die Erwähnung und Selbstdefinition von „freien Linken“, die bewusst bei Querdenkerdemos mitlaufen. „Ein Angriff auf unsere Grundrechte über Politik und bewusst falscher Berichterstattung gefährdet unser Leben weit mehr, als es Dutzende Faschisten je könnten.“ Ein Ansatz, der zumindest des Nachdenkens wert sein sollte.

https://www.welt.de/wirtschaft/article230605143/Robo-Taxis-in-Deutschland-ab-2022-Mobileye-bringt-das-autonome-Fahren-nach-Deutschland.html
Klingt doch irgendwie interessant. Sicherlich birgt ein System von Robotaxis große Risiken - ich denke da an den Unfall des autonomen Tesla Wagens mit Todesfolge im April. Noch dazu werden die Taxifahrer über kurz oder lang arbeitslos werden. Ihre Konkurrenz zu Uber wird dadurch zwar obsolet, aber arbeitslos werden sie alle.
Natürlich nur, wenn sich ein autonomes System relativ sicher betreiben ließe, woran ich als sehr alter SF-Fan jedoch nicht zweifle. Ich spekuliere mal: Der Fahrpreis eines Taxis könnte durch den Wegfall eines Fahrerlohns um mindestens 50% sinken. Hier sind Mehrkosten für den Betrieb eines autonomen Netzes wohl schon mit eingepreist.
In der Folge entfiele in den Ballungsräumen auch die Notwendigkeit eines Autos, vielleicht langfristig sogar landesweit. Das wäre gut für die Klimaziele und verschafft den Städten Raum. Denn wer braucht dann noch Parkhäuser?
Das bei diesem Projekt VW raus ist, weil man sich in Wolfsburg eher mit einem amerikanischen System anfreunden kann, zeigt mir nur die guten Erfolgsaussichten von Mobileye, einer israelischen Tochtergesellschaft von Intel. Innovation und Deutschland sind halt im neuen Jahrtausend zwei sich widersprechende Begriffe.

https://www.nzz.ch/meinung/der-massenselbstmord-der-deutschen-volksparteien-schreitet-voran-ld.1613341
Zum Abschluss noch einer zur Lage der Nation. Nein, zum Zustand der politischen Parteien kurz vor der Bundestagswahl am 26. September. Die Schweizer beschreiben in dieser erfrischenden Glosse das Elend in der geistigen Wüste der deutschen Parteienlandschaft. Dabei ist die stark konservative Neue Zürcher Zeitung etwaiger linker Umtriebe unverdächtig.
Es lohnt sich, ab und an einen Blick von außen auf die Vorgänge in Deutschland mittels der ausländischen Presse zu werfen statt Spiegel und Co für objektive und unvoreingenommene Meinungsbildung zu halten.

Mittwoch, 2. Juni 2021

Hartmudo Corona Schutzimpfung 2/2

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Denn ich stand und stehe nach wie vor den Corona Maßnahmen äußerst skeptisch gegenüber. Ich wollte mich so spät wie möglich impfen lassen, am besten gar nicht. Und jetzt würde ich einer der ersten in meinem Freundeskreis sein, der vollständig geimpft ist. Was für eine Ironie! Als ich dies meiner Löwin erzählte, wurde es erst so richtig witzig.
Sie hatte sich nämlich bereits vier Wochen vorher auf dem Online-Portal für einen Impftermin registrieren lassen und sollte damit auf der Warteliste stehen. Will sagen: sie hätte vor mir dran kommen müssen.
Derart verwundert rief sie sofort bei der Hotline an, die ihr aber auch nicht weiterhelfen konnte. Die Mitarbeiterin des Call Centers riet ihr lediglich, es bei der sogenannten Terminbörse zu versuchen, die das Land eingerichtet hatte.
Über das Wochenende kümmerte ich mich nicht weiter darum. Am Abend vor der Impfung nahm ich mir die Unterlagen vor, die ich ausgedruckt hatte, und füllte den Fragebogen aus. Ich beantworte die Fragen nach eventuellen Vorerkrankungen, Allergien und ähnlichen Risiken, die eine Impfung ausschließen könnten. Die Einwilligungserklärung unterschrieb ich noch nicht, denn da stand etwas von einem ärztlichen Aufklärungsgespräch. Das wollte ich mir doch noch mal vor Ort anhören.
Am nächsten Tag packte ich diesen Zettel mit der Bescheinigung der Rheumatologin und meinen Impfpass in die Fahrradtasche, bevor ich zu Randy fuhr. Dort saßen wir beide schön im Garten und unterhielten uns prächtig. Um 14:30 Uhr brach ich dann zum Impfzentrum auf, zumal Randy jetzt arbeiten musste.
Zehn Minuten vor 15 Uhr war ich da, die Schlange war nicht allzu lang. Selbstverständlich nahm ich ein Foto auf, musste mir aber sogleich einen Rüffel vom Mann des Sicherheitsdienstes Krokoszinski einfangen. Er zwang mich, die zwei geschossenen Fotos zu löschen, aber gab mir den Tipp, mich ein paar Meter weiter nach hinten zu stellen, so dass ich dort ein Foto aufnehmen konnte.
Als ich mich dann wieder anstellen wollte, rief er mir entgegen: "Hier nur Biontec und Moderna, Astra Zenica und Johnson& Johnson dort links in anderen Zelt!" Gut zu wissen, dachte ich, und ging ein paar Schritte zum anderen Zelt. Dort war gar keine Schlange, sodass ich sofort die Stadthalle betreten konnte.
Über die Wendeltreppe - Drei Leute waren vor mir - erreichte ich einen Tresen, an dem eine Arzthelferin meine Unterlagen einsammelte und sichtete. Sie schickte mich weiter zu einer Anmeldung, wo meine Einladung eingescannt und mein Perso gecheckt wurde. Die Unterschrift, dass ich vom Arzt aufgeklärt worden wäre, fehlte.
Ich erklärte der Arzthelferin hinter dem Tresen, dass ich dieses Gespräch schließlich noch nicht hatte und erst nach diesem Gespräch unterzeichnen würde. Da ließ sie es gut sein und schickte mich weiter - zum Arzt. Der bat mich in eine kleine Kabine, wo er nur grob nachhakte, was für Fragen ich hätte. Ich hatte keine. Denn ich war ja von meiner Rheumatologin bereits sehr gut informiert worden.
Als nächste Station - nach weiteren kurzen Schritten - erreichte ich wieder ein Tischchen, an dem eine Arzthelferin saß. Auch sie scannte noch ein wenig herum, bis sie einen Aufkleber abzog und in meinen Impfpass einklebte. Datum und Unterschrift fügte sie noch hinzu, dann war sie fertig und reichte mir den Impfpass.
Ich überlegte: Einfach mit dem Impfpass abhauen, ohne mich impfen zu lassen, könnte klappen, oder? Da hatte ich jetzt mal wieder so einen kleinen Flashback, die Kifferzeit liegt doch schon zwei Jahrzehnte zurück. Egal, etwas weiter links winkte mir schon eine Dame im grünen Kittel zu.
Vertrauensvoll ging ich mit ihr in die Kabine, wo die Impfung stattfinden würde. Sie nahm eine Dose Vereisungsspray, sprühte dieses zweimal auf meinem rechten Oberarm und jagte dann die Spritze hinein.
Geschafft

Sie meinte, dass ich jetzt einen kleinen Druck verspüren könnte, da sie gerade die Lösung injizierte. Das war aber nun wirklich mal kurz und schmerzlos. Ich fühlte mich bemüßigt, ihr zu erklären, dass ich mich jeden Dienstag mit MTX spritzen würde. Nicht dass ich glaubte, dass sie das interessieren würde. Ich wollte halt nur ein wenig Smalltalk machen.
Ich zog mich wieder an, dann geleitete sie mich hinaus in Richtung des Ausgangs. Eine Wendeltreppe hinunter, dort gelangte ich zum Auschecken. Hier empfahl man mir, mich auf einen der dort befindlichen Stühle zu setzen. In diesem großen Raum saßen schon einige Leute.
10 bis 15 Minuten sollte man hier verweilen, ehe man nach Hause geht. Schließlich könnte es ja sein, dass man die Impfung nicht verträgt. Ich setzte mich hin und packte mein Buch raus. Eine Viertelstunde würde ich ja noch gut lesen können. Ich schaute auf die Uhr, und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass es gerade mal 15 Minuten nach 15 Uhr war.
An der Einstichstelle spürte ich einen ganz leichten Schmerz. Und die Finger meiner linken Hand kribbelten leicht, kurze Zeit später meldeten sich auch die Fußzehen. So fing der allergische Schock bei meiner Löwin auch an, dachte ich noch. Was natürlich Quatsch war, denn nach einer Viertelstunde stand ich auf, verabschiedete mich vom Sicherheitsmann ging hinaus.
Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr nach Hause, nicht ohne mir vorher Brötchen von Rewe zu besorgen, denn ich hatte noch nicht zu Mittag gegessen. Drei Brötchen mit Leberkäse drücke ich mir hinein, dann war ich pappsatt.
Das Kribbeln war da natürlich schon längst vergessen, so dass ich sichtlich erleichtert in den weiteren Abend blicken konnte. Bei Markt im Dritten auf NDR 3 hielt ich noch durch, bei der nachfolgenden Sendung über die Gefahren des Onlinehandels fielen mir allerdings nach und nach die Augen zu.
Sollte dies eine Folge des Impfstoffes gewesen sein? Ich denke nicht, denn als ich anschließend im Bett noch ein paar Seiten meines Buches las, war ich halbwegs wieder wach. Noch vor 23 Uhr machte ich das Licht aus und legte mich ab.
Am Dienstagmorgen wachte ich zwar schon weit vor dem Wecker auf, das ist aber nichts Ungewöhnliches. Ohne Probleme machte ich mich reisefertig, stieg aufs Rad und fuhr zum Bahnhof, um nach Salzgitter in mein Büro zu kommen. Der Arbeitstag war zwar wegen eines misslungenen Updates sehr nervig, aber Beschwerden aufgrund der Impfung hatte ich in keinster Weise.
Am frühen Abend zu Hause angekommen, freute ich mich einfach nur, dass ich diese Impfung offensichtlich ohne Komplikationen überstanden hatte. Am nächsten Morgen im Home Office steigerte sich der Arbeitsfrust noch erheblich, weil über E-Mail Anfragen hinein kamen, die ich erst eine Woche später beantworten könnte.
Ich erwähne dies nur, weil es mir trotz das mit der Arbeit verbundenen Nervs weiterhin gut geht. Jetzt war ich mir sicher, dass ich die Impfung gut überstanden hatte. In zwei Wochen bräuchte ich also kein Testcenter aufzusuchen, da ich dann ja als durchgeimpft gelte. Ob ich dann mit diesem einen Eintrag im Impfpass tatsächlich bei Ikea hinein komme, werde ich dann sehen. Ich befürchte da Schlimmes, aber das werde ich dann sehen. Das dürfte eine andere Geschichte sein.

Sonntag, 30. Mai 2021

Hartmudo Corona Schutzimpfung 1/2

1
"Bist du schon geimpft? Also ich habe ja meinen Termin zur ersten Impfung am nächsten Mittwoch." Solche und ähnliche Ansagen bekam ich in letzter Zeit immer häufiger, so dass ich mich gezwungen sah, den Impfturbo zu zünden. Ich hatte mir auch schon eine Strategie überlegt.
Am Dienstag, dem 11. Mai, hatte ich einen Termin bei meiner Rheumatologin. Sie würde ich fragen, ob sie mich impfen würde. Sollte das nicht funktionieren, dann würde ich meinen Hausarzt am nächsten Morgen anrufen, um dort einen Termin zur Impfung zu bekommen.
Ab dieser Woche zählte ich zur Gruppe der dritten Priorität, weil ich über 60 bin und einige Krankheiten habe, die als Risikofaktor gelten. Da mittlerweile auch Hausärzte impfen dürfen, hatte ich mich dazu durchgerungen, mein Glück bei einem Arzt zu suchen, den ich persönlich kenne und vertraue. Eine Impfung in einem anonymen Impfzentrum wollte ich erst als dritte Möglichkeit in Anspruch nehmen.
Nach einer etwas längeren Wartezeit saß ich am Dienstag Nachmittag endlich vor meiner Ärztin und konnte mein Ansinnen vorbringen. Wie ich bereits kurze Zeit später erfuhr, führte meine Rheumatologin keine Impfungen durch, weil sie eine Nachsorge von 15 Minuten nach der Impfung nicht sicherstellen kann.
Nein, ich habe nicht gefragt, was genau sie damit meinte. Obwohl sie es erklärte, hatte ich es auch gleich danach vergessen. Stattdessen sagte sie mir, dass eine Impfung für mich unbedenklich sei. Ein impfverbot für Rheumapatienten, welches der Bundesgesundheitsminister mal öffentlich bekannt gemacht hatte, musste dieser sehr schnell zurücknehmen. Für mich als MTX Patienten sei die Impfung unbedenklich.
Erst am Vormittag dieses Tages hatte meine Rheumatologin einen bösen Brief an das Impfzentrum geschrieben, weil eine ihrer Patientinnen trotz Impftermin vom Impfzentrum einfach abgewiesen wurde, da sie MTX Patientin sei. Deshalb gab sie mir noch ein Schreiben mit, auf dem sie mir ausdrücklich eine Impffähigkeit bescheinigte.
Als Folge rief ich am nächsten Morgen meinen Hausarzt an, um mich von ihm impfen zu lassen. Die Sprechstundenhilfe erklärte mir, dass der Doktor zwar impft, aber empfahl mir gleichzeitig, mich beim Impfzentrum anzumelden. Denn der Doktor hat im Mai bereits alle Termine vergeben, er mache jetzt nur noch die Zweitimpfungen. Diese führt er mit Biontec durch, denn mit Astra Zeneca will er nichts zu tun haben.
Impfzentrum Stadthalle

Zur Erklärung: Ab Juni bekommen die Hausärzte nur noch Astra Zeneca zugeteilt. Ich scherzte noch, dass der Arzt standhaft bleiben solle, und legte dann auf. Jetzt stand für mich fest, dass ich doch einen Termin beim Impfzentrum brauchte. Eigentlich wollte ich das ja nicht, aber... Am Freitag würde ich mich dort anmelden können, denn am besagten Mittwoch befand ich mich im Büro in Salzgitter. Da konnte und wollte ich mich nicht um die Online Anmeldung im Impfzentrum kümmern.
Also am Donnerstag? Nein, das ging natürlich nicht, denn Donnerstag war Vatertag. Da hätte ich mich sicherlich online registrieren können, war aber den Nachmittag über mit Dora, Herbert und meiner Löwin spazieren. Traditionellerweise sind an Himmelfahrt die Väter mit einem Bollerwagen und sehr viel Bier unterwegs, aber dieses Jahr war das nicht der Fall.
Ich traf lediglich zwei Wanderer, die stark angetrunken waren, und einer davon war noch mein Kollege aus der Ausländerstelle. Sicherlich hätte ich ihn fragen können und sollen, ob er mir noch ein Bier abgibt. Dann hätte ich auch noch eins mit ihm zusammen getrunken. Aber leider hatte er nur Krombacher dabei, das geht ja nun mal gar nicht.
Am Freitag saß ich dann sehr früh vor meinem Rechner im Homeoffice, weil meine Kollegin mich per WhatsApp darüber informierte, dass das Home Office nicht funktioniert. Sie hatte leider recht, daher blieb mir genügend Zeit, um mich um meinen Impftermin über die Hotline, also online, zu kümmern. Mein Impfpass und die Berechtigung, die mir meine Rheumatologin ausgestellt hatte, lag griffbereit neben mir, falls ich sie benötigen sollte.
Und dann ging alles sehr schnell. Ich tippte meinen Namen, die Adresse sowie Handynummer und E-Mail-Adresse ein, auf dass ich mich registrieren könnte. Nach der Eingabe eines kurzen Registrierungscodes, der an meine E-Mail geschickt wurde, ging es blitzschnell. Da ich über 60 bin und zur Priorisierungsgruppe gehöre, wurde mir ohne Umschweife der 17. Mai als Impftermin angeboten.
Donnerwetter, nur drei Tage später, das ging aber schnell! An dem Tag waren noch zwei Termine frei, zwischen denen ich wählen konnte. 11.45 Uhr am Vormittag und 15:30 Uhr am Nachmittag. Da ich wusste, dass ich vormittags noch im Homeoffice beschäftigt sein würde, blieb nur der Nachmittagstermin.
Das passt mir ganz gut, denn ich hatte mich für den Mittag zu einem Treffen bei Randy verabredet, den ich schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Gerade am Vortag hatte er mich noch gefragt, ob ich schon geimpft sei. Da konnte ich ihn jetzt aber mal so richtig überraschen, denn: ich war für den Impfstoff von Johnson & Johnson vorgesehen, der, im Gegensatz zu den anderen Impfstoffen, lediglich einmal geimpft werden muss, um einen anerkannten Vollschutz gegen Covid-19 erlangen zu können.
Ich lud noch ein Merkblatt sowie einen Bogen, den ich ausfüllen und an dem Impftermin im Impfzentrum abgeben müsste, herunter und war dann fertig. Zu meiner eigenen Verwunderung war ich nicht nur erleichtert, sogar sogar ein bisschen erfreut.

Sonntag, 23. Mai 2021

Hartmudo: Mutter

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Was mir allerdings bei dieser frechen Forderung der Hausverwaltung durch den Kopf ging, war Folgendes: Obwohl Berta und ich mit Sunny nicht mehr sprechen, kommen wir trotz des ganzen Misstrauens auch mal zu gleichen Ergebnissen. Das gibt mir ja Hoffnung, dass wir alle wieder zur Normalität zurückgefunden haben, selbst wenn wir uns aus dem Wege gehen. Dies ist ein Fortschritt.
Wir alle Drei sind durch unser Elternhaus geprägt worden - wer ist das nicht! Es war unser Vater gewesen, der dank unserer jährlichen Besuche bei seiner Schwägerin in Lanzendorf seine Kinder nebst deren Nachkommen um sich scharte und dadurch einen Zusammenhalt schuf.
Ich kann leider aber nicht verhehlen, dass dies nicht zuletzt auf einer gewissen Ächtung von Mutter beruhte. Mutter hatte mit den Lanzendorfern Animositäten gelebt. Und Vater hatte sie deshalb in die böse Ecke gestellt, was wir Kinder kommentarlos übernommen hatten. Mutter wurde quasi unser verbindendes Glied, was allerdings auf ihrer Rolle als Buhmann beruhte. Damals hatte ich darüber nicht nachgedacht, doch leider mitgemacht.
Mit Vaters Tod und dem nachlassenden Kontakt in der Folge zu den Lanzendorfern brach sehr schnell der Kitt, welcher uns zusammenhielt, ersatzlos weg. Mutter war nicht in der Lage und erst recht nicht daran interessiert, die Familie zusammenzuhalten. Sie konzentrierte sich voll auf Walter und erlebte die wohl glücklichste Zeit ihres Lebens. Weder Berta noch Sunny hatten dies anfangs verstanden.
Ich selbst bekam in den 90ern gar nicht mit, wie rapide sich die Stimmung zwischen meinen Sestras eintrübte. Wie sollte ich das denn auch mitkriegen, wo mich die Familie in dem Jahrzehnt nicht die Bohne interessierte.
Erst nachdem ich meine Löwin kennen- und liebengelernt hatte, erwachte mein familiäres Interesse. Vorher hatte ich mich als Außenseiter gefühlt, vielleicht auch als Versager, weil ich immer noch als Single durchs Leben geschlichen war. Und dann bildete ich Großkotz in meiner intellektuellen Überheblichkeit noch ein, in der Familie die Harmonie wieder herstellen zu können.
Hatte es mich aber wirklich interessiert? Ich fürchte heute... nein. Das all meine Versuche, einen regelmäßigen Kontakt mit Sunnys Leuten herzustellen, ins Leere liefen, hatte ich nicht einmal registriert. Ich war so vernarrt in die Vorstellung, dass meine Sestras und ich uns selbst ohne häufigen Kontakt gut verstehen würden, dass ich die Wahrheit einfach nicht sah. Wenigstens ist das jetzt geklärt.
Noch in den 90ern war ich ein paar Mal nach der Arbeit zu Sunny gefahren, um den Kontakt nicht ganz zu verlieren. Ein Gegenbesuch erfolgte nie, weil Sunny sich nicht traute, Auto zu fahren. Oder weil sie sich um ihre Pferde kümmern musste. Erst kurz vor Mutters Tod hatten sich Reiner und Sunny den Smart als Zweitwagen gekauft, mit dem Sunny endlich mal aus Dettum rausfahren kann.
Da hatte ich mich für sie gefreut und sie sofort eingeladen, meine Löwin und mich einfach mal so zwischendurch zu besuchen. Es kam nicht dazu; entweder waren es die Pferde oder ihr Job am Vormittag, der sie daran hinderte. Ich glaube, dass ihr Interesse an einem Besuch eher schwach ausgeprägt war. Zugegebenermaßen war das Zeitfenster für einen Besuch - also zwischen Einladung und unversöhnlichem Streit - nicht gerade groß.
Immer wenn ich überlege, woran es gelegen haben könnte, dass wir Geschwister im Streit auseinandergegangen sind, bleibe ich bei der Geschichte mit Mutters Schmuck hängen. War es am Ende meine Schuld, dass sich vor allem Berta und Sunny spinnefeind sind?
Ich denke da an die Sicherstellung von Mutters Schmuck durch Berta anlässlich der Trauerfeier in Melverode. Schließlich hatte ich Berta bekniet und am Ende auch überredet, den Schmuck aus Mutters Wohnung zu nehmen. Das Ganze geschah Hals über Kopf, ich dachte da die ganze Zeit an den Schmuck, der Mutter am Totenbett entwendet worden war. Eine Sauerei ohne Ende.
Hatte ich da etwa überreagiert? Auf jeden Fall hätte ich Sunny noch Bescheid sagen müssen, dann hätte sie keinen Grund gehabt, uns - vor allem Berta - irgendwelchen Schmu zu unterstellen. Aber dann hätte sie einen anderen Grund gefunden, warum sie angeblich benachteiligt worden sei.
Sunny nicht zu informieren war wohl lediglich der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wie ich aus ihren Äußerungen vor und nach Mutters Tod schließe, war ihr der enge Kontakt zwischen Berta und mir ein Dorn im Auge. Da fühlte sie sich dank ihrer Paranoia zurückgesetzt und dachte bestimmt, dass wir sie über den Tisch ziehen würden. Sie nahm sich demzufolge nur das, was ihr zustand.
Nur so kann ich mir erklären, dass sich Sunny einreden kann, dass sie alles richtig gemacht hatte, während Berta und ich heimlich Wertgegenstände beiseite geschafft hätten. Dies ermöglicht ihr, auch weiterhin in den Spiegel zu gucken und das Unschuldslamm zu geben. Menschen mit diesem Krankheitsbild sind schwer erträglich.
Und wenn das mit der Lügerei schon im Kindesalter auch so geschehen war, wie Berta es mir schilderte, oder es zumindest Berta vorkam - Kinder verstehen Dinge häufig falsch - dann tendierte Sunny mit dem Erwachsenwerden dazu, dieses Verhalten einzusetzen, um Freunde zu finden und andere Leute in ihrem Sinne zu beeinflussen. Da hatte sich bei ihr eine verquere Weltsicht etabliert, aus der Sunny ohne fremde Hilfe nicht hinausfindet.
Denkbar wäre auch eine Medikamenten- oder auch Alkoholabhängigkeit. Suchtbolzen tendieren ja bekanntlich zu extrem emotionellen Verhaltensweisen und nehmen die Welt in ihrer eigenen Weise wahr. Im Freundeskreis habe ich es immer wieder mal erlebt, dass jemand sich zumindest phasenweise komisch verhält.
Ich selbst hatte einmal einem guten Freund unter extremen emotionellen Druck Schläge angedroht; das ist gerade mal 20 Jahre her. Aus Eifersucht um eine Frau. Vollkommen unberechtigt, wie ich damals eigentlich auch schon wusste. Doch die Belastung auf meinem abgesoffenen Arbeitsplatz im Sozialamt, auch durch unbesetzte Planstellen, trieb mich in die verrückte Vorstellung, mein Freund würde mir die Frau "wegschnappen", in die ich mich damals unglücklich verliebt hatte.
Ich hatte mich dermaßen in diese falsche Vorstellung verrannt, dass ich zwei Wochen lang jeden Abend mindestens einmal "the big Lebowski" angeschaut hatte und dazu neben den selbstgedrehten "Raketen" noch jede Menge White Russian soff. Ich wurde von Tag zu Tag aggressiver; erst als ich in der Kneipe abrastete und mich durch die Bedrohung meines Freundes zum Vollhorst machte, wachte ich langsam auf.
Auf dem Weg nach Hause wurde mir da endlich bewusst, wie bescheuert mein Verhalten und meine Sicht der Geschehnisse gewesen waren. Dass ich in der Zeit auch auf der Arbeit dank der Mischung aus Raketen und White Russian übermäßig aggressiv mit meinen Kollegen und vor allem Hilfeempfängern (heißen heutzutage Kunden) umging, erschreckte mich um so mehr.
Schlagartig war mir eins klar geworden: So konnte es nicht weitergehen. Wenn ich so weiter machen würde, könnte ich nicht nur mir bis heute wichtige Freundschaften verlieren, sondern auch meinen Job. Da stand ich wohl auch schon auf der Abschussliste - bildete ich mir typischerweise ein. Anyway - jetzt wisst Ihr alle, warum ich damals mit dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern aufgehört hatte.
Dies habe ich bis heute nicht bereut. Das war wohl eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Das ist aber auch der Unterschied zu meiner Sestra Sunny. Ich habe damals eben noch gemerkt, was ich anderen Menschen antue und die notwendigen Konsequenzen aus meinem Fehlverhalten gezogen.
Nach vielen Entschuldigungen - die mein Freund gar nicht hören wollte - hatte ich erkannt, dass ich emotionell viel zu instabil in Krisensituationen gewesen war und habe seitdem (hoffentlich) die Gefahr des Auftretens derartiger Neurosen gebannt oder zumindest gemindert. Sicherlich gab es seitdem einige kleinere Rückschläge, die ich aber eingedenk der schrägen zwei Wochen am Anfang dieses Jahrtausends meistern konnte. The Big Lebowski ist immer noch mein Lieblingsfilm, den ich allerdings seit jener Zeit nur ein einziges Mal angesehen hatte. Mit meiner Löwin; und die schlummerte dann auch noch sanft während des Films weg.
Sunny und selbst Berta tragen ebenfalls solche emotionellen "Krücken" mit sich herum. Bei Sunny äußerte sich dies in der Vergangenheit ebenfalls mit verstärkter Aggressivität wie bei mir. Doch sie ist leider nicht in der Lage, ihr Dilemma mit Emotionen in Krisensituationen zu erkennen und bekommt es bis heute nicht hin, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und dieses abzustellen.
Sie hatte mir während der zahlreichen Telefonate nach Mutters Tod mal erklärt, dass sie sich immer entschuldigt hätte und es nicht mehr einsehen würde, dass zu tun. Da kann ich ihr nur zustimmen. Jetzt möchte ich sicher keine Entschuldigungen von ihr hören. Ich möchte lieber gar nichts von ihr hören.
Mutter war genau so. Tür zu und vergessen - das mach ich auch so. Bloß keinen Fehler zugeben - da haben wir Sunny vor Augen. Gib lieber nach und widersprich nicht - da wären wir bei Berta.
Berta repräsentiert eine andere Seite unserer Mutter, die aber auch typisch für unseren Vater war. Als da wäre: Bloß keinen Stress; lieber draufzahlen, vor allen Dingen nicht auffallen. Das ist wohl auch mein Style, insofern bin ich da eine Mischung aus Berta und Sunny. Und wo ich durch diese Widersprüchlichkeit für meine Umwelt häufig schwer zu verstehen bin, kann das zwischen meinen Sestras schon gar nicht klappen.
Als Geschwister, deren Zusammenhalt durch ihr Elternhaus in keinster Weise gefördert worden war, weil Offenheit auch nicht vorgelebt wurde, hätten wir uns nur zusammenraufen können, wenn wir uns VOR dem Tod von Mutter, besser noch vor dem Tod unseres Vaters, zusammengefunden hätten und einfach mal aus der Kindheit geplaudert hätten.
Kurz vor Walters Tod hatten wir mal einen solchen Moment, aber da hatten wir nicht drauf aufgebaut. Jeder von uns hat sich in seinem Leben bequem eingerichtet. Mit Berta bin ich in den letzten Jahren wieder zusammen gekommen. Hieran war meine Löwin nicht unbeteiligt, was mir wieder mal zeigt, welch ein Glück ich durch diese Frau erfahren durfte und hoffentlich noch lange darf.
Sunny war leider in den letzten 15 Jahren nicht in der Lage gewesen, auf den Zug aufzuspringen. Wo Berta sich um den Aufbau der Familienidylle kräftig bemühte, obsiegte bei Sunny Neid und Misstrauen. Es handelte sich um die Angst, als Außenseiter oder etwas Ähnliches dazustehen. Diese Neurose wuchs dann unter der emotionellen Belastung zu einer Psychose heran, die mich und auch Berta dann aus der Bahn warf.
Das war vielleicht der 23. Versuch der Beschreibung, was in Zusammenhang mit uns bei Mutters Tod und dem anschließenden Hickhack passiert war. Ich könnte wohl noch jahrelang darüber sinnieren, was da eigentlich vorgefallen war. Auch dies wäre typisch für meine Familie.
Doch ich lasse das mal und beende diese Story an dieser Stelle.
Wie werden Berta, Sunny und ich uns in 5 - oder in 10 - Jahren gegenüberstehen? Lesen Sie mehr, wenn das nächste Bier....
Schluss.

Dienstag, 18. Mai 2021

guterPlatzzumBiertrinken: Aprilfrisch 2/2

2
Kurze Zeit später fuhr ich auf der westlichen Seite des Flusses in Richtung Ölper See. Dort wäre ich wieder fast falsch herum gefahren, doch ich kehrte kurz entschlossen um und fuhr dann an der östlichen Seite vorbei in der richtigen Richtung. Und Voila! - fuhr ich in den Schwarzen Berg hinein, dort rechts herunter und hatte bereits kurze Zeit später den Rewe-Markt vor meinen Augen.
Die große Tasche hatte ich extra mitgenommen. Denn dort hatte ich nicht nur mein Buch verstaut, nein, da sollte auch die eine Dose Bier hinein, die ich jetzt gleich kaufen würde. Und so geschah es. Eine Dose Wolters, kalt, aus dem Kühlschrank bei Rewe.
Hinter den Mietskasernen des schwarzen Berges und den Eisenbahnschienen, die es zu überqueren galt, befindet sich ein kleines Waldstück. Dort würde ich doch wohl noch eine Bank finden, auf der ich mein Bier trinken und das Buch lesen könnte. Beschwingt machte ich mich auf den Weg und fand auch eine Lücke zwischen den Mietskasernen, um zu dem Waldstück zu gelangen.
Leider traf ich hier auf das nächste Hindernis: Zu dem Weg, der parallel vor den Bahnschienen verläuft, kam ich gar nicht hin. Denn der Durchgang dorthin war vollständig abgezäunt. Missmutig musste ich klein beigeben und umdrehen. Dies bedeutete wieder einen kleinen Umweg, denn ich musste noch zwei Blocks weiter fahren, um endlich den Durchbruch zu diesem Weg erwischen zu können. Jetzt aber schnell, ehe das Bier warm wird.
Den Weg hinunter, links über die Eisenbahnschienen hinweg fahren, dann in das Waldstück hinein... Mist! Hier gab es keine Bank. Auch an der Sportanlage - dort steht im Sommer immer eine Bank! - hatte ich keine Sitzmöglichkeit entdecken können. Kurzzeitig beschlichen mich ängstliche Gefühle, denn ich hatte Angst, dass ich warmes Bier trinken müsste. So fuhr ich bis zur Schmalbachstraße durch, um mich dann hinter einer VW Halle bis zur Hansestraße durchzuschlängeln.
Nicht einmal auf dem abgerockten Parkplatz hinter der VW Halle - wir reden hier von einem guten Platz zum Biertrinken - war ein niedriger Zaun oder ein Begrenzungsstein zum Abhängen vorhanden. Da ich an der Straßenbahnhaltestelle der Hansestraße auch nicht nach Wenden hinein kam, ahnte ich schon, worauf das Ganze hinauslief. Der Umsteigebahnhof für Busse und Straßenbahnen vor der Lincoln-Siedlung war nun das Ziel meiner Träume.
Dort endlich fand ich einen stählernen Gittersitz, auf dem ich rasten konnte. Ich setze mich mit dem Rücken zur Straße, packte Dose und Buch raus. Das Wolters war noch kalt und leicht angeschüttelt, so dass etwas Schaum heraus trat. Endlich wurde es gemütlich. Während Busse und Straßenbahnen vor meiner Nase vorbei fuhren, nuckelte ich genüsslich am Wolters und genoss das wunderschöne Wetter.
Im Buch schaffte ich ein längeres Kapitel, bis das Wolters alle war. Derart entspannt konnte die Reise jetzt weitergehen. Ich nahm die Brücke über die Autobahn in Angriff, um nach Wenden zu gelangen. Überrascht bemerkte ich am Anfang der Steigung auf der linken Seite eine Abfahrtsmöglichkeit. Weiter unten befand sich eine Wendeschleife der Straßenbahn und dahinter ein Industriegebiet. Sollte ich hier nach Wenden gelangen können? Das galt es auszuprobieren.
Leider musste ich die betrübliche Erfahrung machen, dass ich durch dieses mir unbekannte Gelände nicht nach Wenden gelangen konnte. Erst zu Hause - bei Google Maps - fand ich die Verbindung nach Wenden. Inge-Kükelhan-weg, das muss ich mir merken. Beim nächsten Mal werde ich das austesten.
So blieb mir jetzt nur noch der Weg über die Benzstraße zur Hansestraße zurück, um nach Walle zu gelangen. Die Shell-Tankstelle in Hülperode würde mein nächstes Ziel sein, um noch ein Bier zu erstehen, auf dass ich noch eine kleine Pause einlegen könnte. Den Weg zurück von Walle aus kenne ich ja bereits von diversen Besuchen der Märkte in Groß Schwülper. Gern besuchte ich dort meine Löwin, die dort dreimal im Jahr für den örtlichen Angelverein den Fischbrötchenverkauf ankurbelte. Das war allerdings vor der Corona Zeit.
Nachdem ich die Benzstraße hinter mir gelassen hatte, erlebte ich auf der Hansestraße das volle Programm. Der übliche Autoverkehr begleitete mich in Richtung Walle. Es macht halt keinen Spaß, direkt neben so viel Autos Fahrrad zu fahren. Eine kurze Steigung über die Autobahn, dann rollte ich auch schon schnurstracks in Richtung Walle.
Ich freute mich, so früh in diesem Jahr schon gut unterwegs zu sein. Und je näher ich der Shell-Tankstelle kam, desto fröhlicher wurde ich. Auch dort kaufte ich eine kalte Dose Wolters und machte mich sofort wieder auf den Weg. Vorbei am Spargelverkäufer am Gut Steinhof ließ ich die Alba Müllkippe rechts liegen. Kurz darauf überquerte ich den Mittellandkanal - kein Problem - und erreichte Watenbüttel.
Auf der ganzen Strecke fand ich wiederum keine Sitzgelegenheit, aber inzwischen wusste ich ja, dass das Bier nicht allzu warm werden würde. An der PTB vorbei, hinein ins Kanzlerfeld, Richtung Sportplatz Lehndorf. Bereits in Watenbüttel war mir klar, dass mein Ziel nur der Blitzeichenweg sein konnte. Dort hatte ich einen Monat zuvor mit Hotte noch ein Päuschen eingelegt, nachdem wir die Tour nach Wendeburg hinter uns gebracht hatten.
2. Stop Blitzeichenweg

Auf einem großen Stein setze ich mich nieder, griff mein Buch und machte die Dose auf. Während ich das Bier schlürfen, blickte ich auf die Wiese vor mir. Dort hatten wir vor über 30 Jahren Fußball gespielt. Was waren das für schöne Nachmittage mit Pocke, Ulli, Kroll, Tesla und Wolfgang gewesen.
Nachdem ich ein Kapitel in meinem Buch gelesen hatte, war noch etwas Bier übrig. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den letzten Tropfen nicht mehr ausgetrunken, sondern ihn einfach stumpf weggeschüttet habe. Egal. Ich packte meine Sachen wieder zusammen und begab mich auf den kurzen Weg nach Hause. Dort angekommen, checkte ich als erstes die Streckenlänge und speicherte sie in meiner Zeopoxa-App.
Für diese erste Tour in Sachen "guterPlatzzumBiertrinken" sind 27 km doch gar nicht so schlecht. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass ich am frühen Morgen ja bereits 11 km zum Bahnhof und zurück gefahren war. Harxbüttel habe ich leider nicht besuchen können, aber irgendwann wird das schon noch klappen. Auf die nächste Tour freue ich mich jedenfalls jetzt schon.

Samstag, 15. Mai 2021

guterPlatzzumBiertrinken: Aprilfrisch 1/2

1
Als ich vor bald 10 Jahren mit diesem Blog begann, hatte ich mir grob einige Unterkategorien überlegt. Die Sparten Hartmudo, Contramann, Udorallala und Rock n Roll waren ja von Anfang an mit dabei. Die Sparten H Lecter (Mai 2012) und Spezial (April 2013) kamen dann ja nach kurzer Zeit hinzu. Seitdem habe ich daran nichts verändert.
Natürlich bleiben diese Rubriken bestehen, auch wenn Udorallala in den letzten Jahren etwas zu kurz kam. Aber in all den Jahren meines Blogs geisterte noch eine imaginäre Rubrik durch meinen Kopf, welche ich gPzS (guter Platz zum Saufen) nennen wollte. Tatsächlich kam mir die Idee dazu schon relativ zu Beginn meines Blogs.
Da wollte ich einfach nur Fotos mit jeweils einer kurzen Beschreibung ins Netz stellen, um die Seite etwas bunter zu gestalten. Denn des Öfteren, wenn ich unterwegs war und mir einige Orte vergegenwärtigte, dachte ich: Das ist ein guter Platz zum Saufen! Egal ob es sich bei den Orten um eine mäßig ausgeleuchtete Unterführung, eine Bank am Rande eines unasphaltierten Weges zum Spazierengehen oder um die Graswiese innerhalb eines Autobahnkreuzes handelte.
Dort, genau dort, sah ich meine Mitstreiter der BiRe sitzen und das eine oder andere Bier zischen. Der Ausdruck „Guter Platz zum Saufen“ stammt wohl ursprünglich von Pocke oder Urmel, vielleicht aber auch von Kroll, daher meine Assoziation mit der Gang. Jahrelang sah ich überall solche „Plätze“, ohne die Idee aber umzusetzen.
Jetzt ist es aber so weit. Und dank geänderter Einstellung zum „Saufen“ im Allgemeinen nenne ich das Ganze guterPlatzzumBiertrinken. Ein, zwei Bierchen an einem solchen Ort reichen - dann zieht es mich weiter. Mit dem Rad natürlich, welches ich in diesen Coronazeiten verstärkt zur Vermeidung einer zunehmenden Bewegungsarmut dank Home Office benutze.
Gerade mit Hotte habe ich bereits im letzten Sommer einige Fahrradtouren unternommen, bloß um in den Pausen ein Bierchen zu zischen. Und in diesem Jahr sind wir seit März dabei, einige Kilometer abzureißen und zwischendurch eine kalte Dose Wolters aus dem Supermarkt oder einer Tankstelle zu naschen.
Da saßen wir am Tag vor meinem Geburtstag schön in der Nachmittagssonne am Mittellandkanal oder auch nahe dem Horstbleek. Einen Monat später saßen wir im Geitelder Forst und neben dem Ganderhals. Wiederum zwei Tage später fuhr ich alleine los; jetzt endlich reifte in mir die Idee zu dieser neuen Rubrik. Wie lange ich dies tatsächlich durchhalte und mit was für Inhalten ich diese Rubrik zu füllen vermag, weiß ich aktuell nicht abzuschätzen. Dennoch: Ich hab Lust aufs Radfahren, in Pausen zu lesen mit einer Dose Wolters und das hier ins Netz zu stellen. Vielleicht noch Erdnüsse dazu? Doch jetzt los....

An diesem 28. April fuhr ich morgens kurz nach 5 mit dem Rad zum Bahnhof, da ich an diesem Mittwoch wieder einen Bürotag hatte. Kalt war es an diesem Morgen, als ich am Bahnhof ankam und in höchster Eile den Bahnsteig stürmte. Mit einer FFP2 Maske, die seit der Woche in Bussen und Bahnen dank der 100er Inzidenz bundesweit automatisch vorgeschrieben war.
Nach der Durchsage „Der Regionalexpress 48 aus Salzgitter-Lebenstedt kommt heute 5 Minuten später. Grund dafür ist eine Verspätung im Zugablauf“ ahnte ich es bereits. Und tatsächlich: Nicht nur dieser, sondern auch der folgende Zug fiel ersatzlos aus. Da auch für den Zug nach Salzgitter Bad bereits eine runde halbe Stunde Verspätung angesagt worden war, gab ich diesen Bürotag dran und meldete einen Tag Urlaub an.
1. Stop Lincolnsiedlung
Freudestrahlend fuhr ich nach Hause. So ein unverhoffter Urlaubstag kommt ja immer gut. Zu Hause angekommen, frühstückte ich erst einmal mit meiner Löwin. Danach dümpelte ich die ganze Zeit irgendwie herum, ehe ich mich um die Mittagszeit herum dazu entschloss, aufs Rad zu steigen. Eine längere Tour wollte ich fahren, bloß wohin?
Da erinnerte ich mich an diese unsägliche Tour Ende März, bei der mein Fahrrad kaputt ging. Da wollte ich nach Harxbüttel fahren; Das würde nun mein Ziel sein. Voller Elan radelte ich los. Gerade mal zwei Tage zuvor hatte ich mit Hotte eine schöne Tour unternommen. Wir fuhren durch den Geitelder Forst nach Broitzem, kaufen bei Pahlke etwas geräucherten Fisch ein und beendeten unsere Runde schließlich in der Kälberwiese. Zwischendurch hatten wir zwei sehr schöne Bierpausen eingelegt, wie oben bereits angedeutet.
Bereits nach dem ersten paar hundert Meter hatte ich mich dazu entschlossen, auf dieser Solotour ebenfalls Bierpausen einzulegen und das Ganze darüber hinaus auch noch so dokumentieren. Da sind wir nun beim "Guter Platz zum Biertrinken".
Bei wunderschönem Wetter fuhr ich alsbald das Ringgleis entlang. Es waren so um die 15 Grad, so dass ich mit offener Jacke fahren konnte. Ich wollte wieder über den Schwarzen Berg und Wenden, dann Thune, nach Harxbüttel fahren. An der Uferstraße verließ ich das Ringgleis, um Richtung Ölper See zu fahren.
Kaum hatte ich vielleicht 200 Meter geschafft, da gab es auch schon ein unerwartetes Hindernis. Eine Baustelle! Der Weg war komplett gesperrt. Jetzt durfte ich umdrehen und hatte dadurch einen Umweg von vielleicht einem knappen Kilometer in Angriff nehmen müssen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass vorher nicht ein Hinweisschild daraufhin deutete, dass die Uferstraße weiter hinten komplett gesperrt ist.

Samstag, 8. Mai 2021

H. Lecter: Alf

27
Eine liebenswerte Angewohnheit hatte Alf all die Jahre für sich verinnerlicht: Ab einer nicht näher zu bestimmenden Alkoholmenge wurde Alf rührselig und sprach in höchsten Tönen von seiner Ehefrau, die er trotz all der von mir beschriebenen Eskapaden über alles geliebt haben musste.
Es ist daher auch nicht weiter erstaunlich, dass mir nach all den Jahren (immerhin ein Vierteljahrhundert), die ich Alf bis zu seinem Tod kannte, hauptsächlich diese überaus große Liebe zu seiner Ehefrau einfällt, wenn ich an Alf außerhalb des Arbeitsumfeldes denke. Außer der Kirchenarbeit und das Musizieren auf der Orgel, wobei er seine Frau wohl kennengelernt hatte, gab es so gut wie nichts aus seinem Privatleben zu berichten.
Deshalb sprach Alf auch über nichts anderes als seine geliebte Ehefrau, als wir auf dieser Parkbank am Tankum See saßen, während Mike und der singende Slawe schon wieder auf dem Rückweg zu den Kollegen am Sandstrand waren, da sich ihre Biervorräte dem Ende neigten und sie noch Durst verspürten.
Zwischenzeitlich hatten sich auch Detzer und die rote Zora zu uns gesellt. Der freudig angenommene Obstler weckte bei Alf ungeahnte Kräfte. Als ob er sich nüchtern gesoffen hätte!
Flugs sprang er auf und holte das Messer raus. Nein, nicht um uns abzustechen, sondern um etwas in den Baum neben unserer Sitzbank zu ritzen. Schnell hatte Alf ein Herz in die Rinde gefräst und schrieb dann noch die Namen von seiner Frau und ihm hinein. Das er ein Charmeur vor dem Herrn war, wusste ich ja bereits. Doch seine romantische Ader war mir bis zu diesem Zeitpunkt verborgen geblieben.
An dieser Stelle muss ich jetzt einen Zeitsprung einfügen. Ca. Zehn bis Elf Jahre später bin ich mit meiner Löwin und Marie, meiner damals noch lebenden Schwiegermutter, am Tankum See Spazieren gegangen. Den Betriebsausflug hatte ich da längst vergessen gehabt.
Aber wie der Zufall es so will... Auch wir gingen an den Bäumen am Ufer des Sees vorbei. Als ich das Herz, welches Alf Jahre vorher eingeritzt hatte, sah, musste ich lächeln. All die Jahre hatte das „Kunstwerk“ von Alf überdauert. Wahrscheinlich ist es noch heute dort zu bewundern.
Alf hatte ja schon immer einen Riecher für große Szenen. gehabt. Detzer und ich führten den mittlerweile nicht mehr ganz so standsicheren Alf zu unseren Kollegen zurück. Die rote Zora war hier keine Hilfe; Wenigstens konnte sie noch alleine laufen. Der Jelinek war da natürlich von uns schon ad Acta gelegt worden.
Als wir dann endlich wieder bei unserer Betriebsfeier am Strand des Tankum Sees angekommen waren, konnten wir unschwer erkennen, dass hier bereits der gemütliche Teil dieser Veranstaltung begonnen hatte. Unter einem wolkenfreien Himmel saßen all die Kolleginnen, die ansonsten wohl eher selten zu Strandparties eingeladen wurden, entspannt im Sand und ließen sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
Die Damen waren der Jahreszeit entsprechend sommerlich bekleidet und cremten sich Arme und Beine ein. Die Herren der Schöpfung trugen selbstverständlich ihr langes Beinkleid und hatten einen Sonnenschutz nicht nötig. Die 90er waren ja noch so was von 80er, meine lieben Kinder. Außerdem war dies ein Behördenausflug.
Doch jetzt kam Alf. Irgendwie schien er die zweite Luft bekommen zu haben. Wo er sonst an Ort und Stelle eingeschlafen wäre, zeigte er sich unvermutet quicklebendig, ja er wirkte beinahe nüchtern. Natürlich nur für jemanden, der ihn nicht näher kannte. Was nun folgte, dürfte für viele der anwesenden Kolleginnen ein Kulturschock gewesen sein, sofern sie in einem anständigen Haushalt aufgewachsen waren.
Laut juchzend wie ein kleines Kind fing Alf an, wie wild herumzuzappeln. Als ob ihn jemand eine Spritze mit Speed gesetzt hätte, zeigte Alf sich extrem hyperaktiv. Die Sonne hatte es ihm angeblich angetan. Und so fing er an, sich flugs seines Hemds und der langen Hose zu entledigen.
Natürlich hatte er das Ganze mit den Schuhen angefangen. Und er hörte nicht auf. Das Unterhemd und Socken waren ihm auch noch hinderlich, so dass er kurz darauf nur noch mit seiner weißen Baumhüter Doppelfeinripp mit Eingriff Unterhose bekleidet war. Da stand er und freute sich wie ein König. Er wird doch nicht....

Mittwoch, 5. Mai 2021

Contramann: kurz gesehen im Mai

https://www.jungewelt.de/artikel/400840.gr%C3%BCne-kanzlerkandidatin-gr%C3%BCne-zu-allem-bereit.html
Zuerst etwas Aktuelles. Ich habe dies am Tag nach der Inthronisierung Annalena Baerbocks als Kanzlerkandidatin der Grünen aus dem Netz gefischt. Über ihre Aufstellung zeigten sich die Leitmedien von Bild bis TAZ einmütig begeistert. Nicht einmal Günther Jauch hätte so eine starke Resonanz erzielen können.
Frau Baerbock ist so nebenbei eine der „Young Global Leaders“ des Weltwirtschaftsforums, genau wie übrigens Jens Spahn. Allein das reicht mir schon. Der Artikel beschreibt darüber hinaus noch ihr „uneigennütziges“ Eintreten für dir richtige Sache.
Und das beinhaltet Russland- und Chinabashing als Unterstützung unserer US-amerikanischen Freund*innen. „Wehrhaft“ sollen die westlichen Demokratien sein, Nordstream 2 ist natürlich abzulehnen. Bitte immer daran denken: Es war ein grüner Außenminister, der als Erster wieder deutsche Soldaten in einen Kampfeinsatz (Kosovo) schickte.

https://www.ossietzky.net/artikel/corona-wann-wird-man-je-verstehn/#
Hier mal ein nachdenkenswerter Artikel aus dem Ossietzky aus dem März. Hier taucht auch das bekannte Argument „mit“ statt „an“ Corona gestorben auf. Ein Verweis auf einen Artikel in der Zeit macht das Ganze seriöser. Aber ich möchte nicht weiter auf den Artikel eingehen. Wer mag, lies ihn sich selbst durch.
Letztendlich mag man mit der Argumentation übereinstimmen oder diese ablehnen. Ist völlig egal, da wir alle eine Impfung eh mitmachen werden, um nicht vom sozialen Leben abgehängt zu werden. Da fühlt man sich regelrecht hilflos der „Staatsmacht“ ausgesetzt.

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/jens-spahn-soll-teures-maskenprogramm-gegen-rat-seines-ministeriums-durchgesetzt-haben-a-6780a49a-0c25-459f-9414-bfd9a07bdc08?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ
So traurig wie es ist: Der Bundesgesundheitsminister hat den Apothekern ein unverhofftes Zusatzeinkommen beschert. Sechs Euro pro Maske bei einem maximalen Einkaufswert von 1,50€. Von dieser Gewinnmarge träumen selbst die härtesten Investmentbanker. Und wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass einige (zumeist CDU/CSU) Abgeordnete da noch Firmen zu „marktüblichen“ Vermittlungsgebühren bei den Deals geholfen haben, kann man nicht mehr nur an einen schlechten Scherz glauben.
Oder abgewandelt: Die Demokratie frisst ihre Kinder. Für Contramann kann das eigentlich nur die Schildmaid Annalena als Kanzlerin toppen. Lieber Herrgott, erbarme Dich unserer armen Seelen.

https://go.squidapp.co/n/dhg0PWK
Das die Biontec Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci im März vom Grüßaugust Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen bekamen, kommt nicht wirklich überraschend. Verdient haben sie es sicherlich, denn für einen Nobelpreis wird es wohl nicht reichen. Schließlich waren andere (z.B. Sputnik) schneller.
Dennoch liegt mir der alte Spruch im Sinn: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nach-bundestagswahl-laschet-will-rentenreform-ueber-parteigrenzen-hinweg/27065602.html
„Wir haben immer gesagt, wir brauchen eine längere Lebensarbeitszeit, wenn wir alle älter werden“, sagte Laschet. „Die Einführung der Rente mit 67 war eine richtige Entscheidung.“ Rentenpolitik brauche „Vertrauen über wechselnde Regierungszeiten hinweg“
Mit diesem Ansatz strebt der lasche Armin eine parteiübergreifende Rentenreform nach der Bundestagswahl an. Schäbig, einfach nur schäbig nenne ich das. Warum verbreitet dieser angeblich gläubige Christ solche Nebelkerzen? Bloß weil die Menschen (theoretisch) länger arbeiten, heißt das nicht, das die Rente dann auch reicht, um eben nicht zum Sozialamt rennen zu müssen, um hinterher genauso viel bzw. wenig Geld zur Verfügung zu haben als der Hartz IV Profi, der in seinem Leben keine 2 Jahre Berufstätigkeit zusammenbekommen hat und statt zu arbeiten stundenlang saufend vor dem Kiosk abhing.
Aber genug der Klischees. Die von der SPD/Grünen Regierung ins Laufen gebrachte Riesterrente hat sich mittlerweile als Rohrkrepierer erwiesen. Bis auf wenige Ausnahmen ist die Rendite aufgrund der Entwicklungen am Finanzmarkt geringer als die in der gesetzlichen Rente, die zugunsten der privaten Riesterrente gekürzt wurde.
Die einzige Frage, um die es geht, ist: Wie finanziert man eine Mindestrente, die ein Leben ohne Sozialamt ermöglicht?

https://go.squidapp.co/n/df7HzxO
Durchbruch bei der Kernfusion? Neue Technologie könnte all unsere Energieprobleme lösen. Bitte entwickelt dies schnell zur Marktreife, damit wir auf Schildmaid Annalena verzichten können. Zur Not sollte man die Biontec Gründer mit einbeziehen - die können ja alles. Und Karl Lauterbach erklärt uns Doofies dann die Zusammenhänge.

Samstag, 1. Mai 2021

Hartmudo: Egoiste statt Liberte 2/2

2
Damals (wie heute) flüchteten sich die Menschen in ein politikbefreites Privatleben. Angesichts der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Staatsgewalt erscheint mir dies mittlerweile als ein gut gangbarer Weg, um möglichst unbeschadet aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen. Denn selbst wenn sich meine heutige Opposition später als richtig herausstellen sollte, wird dies dann keinen interessieren. Die gescheiterte Aufarbeitung der NS Ära sowohl in der BRD als auch in der DDR sollten hier als Beleg genug sein.
„Man will ja keine Schwierigkeiten bekommen“ - wie sehr hatte ich diesen Satz einer meiner Kolleginnen anfangs des Jahrtausends ins Lächerliche gezogen. Und das vollkommen zu Recht, hatte ich doch bereits Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts Demonstrationen gegen die Lagerung von Atomwaffen in der BRD besucht.
Zu der Zeit hatte ich mich auch im Sozialhilfeverein engagiert und aktiv mit dafür gesorgt, dass die Besetzer der Böcklerstraße vom Sozialamt Mietkosten anerkannt bekommen hatten. Daneben organisierte ich ein Frühstück für SH-Empfänger und arbeitete an einem Zeitungsprojekt mit, welches zugegebenermaßen erfolglos war.
Ich kann mich auch noch gut an die Anti-Hartz IV Demos erinnern, wo die Betroffenen nicht mitmarschiert waren. Nur solche Dussel wie meine Löwin und ich. Das Engagement für die ÖDP wie auch die Leitung eines Gesprächskreises der Nachdenkseiten lief genauso ins Leere. Die Leute, die es betraf, waren einfach zu schlaff oder aber es wirkten Leute mit, die nicht wirklich zu einer kooperativen Zusammenarbeit fähig waren. Letzteres betrifft den Gesprächskreis.
All das hatte ich in der Vergangenheit bereits ausführlicher beschrieben. Zusammenfassend blieb bei mir die bittere Erkenntnis, dass ein politisches Engagement ein langer und zäher Prozess ist, den ich offenbar nicht durchgehalten habe oder aber falsch angegangen bin. Gerade auf der Arbeit machte ich zusätzlich noch die Erfahrung, dass ich mit meiner Meinung alleine dastand. Dort galt ich dann als „der grüne Kollege.“
Was für ein Witz, wenn ich da an die heutigen Grünen denke. Egal ob Finanzkrise 2008, Flüchtlingskrise 2015/16 oder jetzt Corona - wie bereits erwähnte hatte ich selbst im engeren Freundeskreis oder der Familie erregte Diskussionen geführt, bei denen ich mich immer weiter hineingesteigert hatte. Dies diente leider eher zur Belustigung meiner Diskussionspartner, die häufig emotional eher zurückhaltend agierten und sich allein deshalb im Recht wähnten, während ich mich ihrer Meinung nach ins Abseits begab.
Und jetzt in der Coronapandemie bin ich an dem Punkt angekommen, wo es reicht. Ein konkretes Engagement ist hier wohl eher nicht machbar. Eine Mitarbeit in Gruppen, die gegen die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus agieren, ist nicht drin. Mittlerweile bin auch ich bereit, mich impfen zu lassen, um nicht ausgegrenzt zu werden. Da bin ich wieder bei dem Verhalten unserer Elterngeneration während der Nazi-Herrschaft oder in der DDR.
Vor allen Dingen will ich auch nicht mehr den Märtyrer für Andere spielen, insbesondere auf der Arbeit. Nicht der sein, der seine Meinung äußert und dann im Zweifelsfall als Nörgler und Quertreiber hingestellt wird, während sich die Kollegas bedeckt halten, um ja nicht in die Schusslinie zu geraten.
Da habe ich in der Vergangenheit schon genug zur Unterhaltung meiner Kollegen beigetragen, das können jetzt mal die Jüngeren übernehmen. Vorgenommen hatte ich mir das schon des Öfteren,. Immer dann, wenn ich mal wieder gemerkt hatte, dass ich über das Ziel hinausgeschossen war. Wenn mich etwas prickt, dann lasse ich mich leider viel zu leicht zu emotionellen Reaktionen hinreißen. Oh, die Zurückhaltung wird mir sehr schwer fallen.
Doch es kann nicht so schwer sein, andere Meinungen auszuhalten und einfach mal nur zuzuhören. Ist es ja auch nicht, bloß.... an irgendeinem Punkt - in der Regel wenn ich die andere Meinung für absolut falsch halte - fahre ich dann aus der Haut. Mein Nervenkostüm ist eher dünn und nicht für den Winter geeignet.
Nun denn, dann nehme ich mir ab jetzt halt vor, mir andere Meinungen ruhig anzuhören. Für den Fall, dass ich es nicht mehr schaffe, die Ruhe zu bewahren, muss ich es schaffen, das Thema zu wechseln. Oder halt zu gehen, falls mein Gesprächspartner mich festzunageln versucht, eben weil er auch nicht ruhig bleiben kann.
Jetzt - gegen Ende April - kann ich sagen, dass dies eine gute Vorgehensweise ist. Fast alle in meiner Umgebung hatten schon vor mir eine eher sachliche statt emotionelle Betrachtung der Corona Maßnahmen beherzigt. Da ich meine zeitweise Unbeherrschtheit immer öfter zügeln konnte, verliefen sämtliche Gespräche über Corona friedlich. Übrigens auch kürzer, falls es bei den diversen Unterhaltungen überhaupt noch mal zur Sprache kam.
Schließlich reicht es ja hin, wenn ich mein Gift über diesen Blog verspritze. Contramann wird sich schwerlich beruhigen lassen. Und wer bin ich, dass ich Contramann zügeln könnte?