Nur wenige Male war es mir ein wenig unheimlich, besser gesagt peinlich: Am 40. Jahrestag der Kapitulation des Nazi-Staates, am 8. Mai 1985, absolvierten wir ein Nachtschießen auf der Standortschießanlage in Hötzum. Das erschien mir unangemessen.
Und während unseres Campingausfluges in Munster besuchten wir die Gedenkstätte Bergen Belsen. Stell Dir vor, unser Hauptmann wollte, dass die gesamte Batterie das KZ einheitlich im Kampfanzug und mit Barett betritt. Nur weil der Gefreite Hartmudo sein Barett nicht mithatte, mussten wir die Gedenkstätte „leider“ ohne Kopfbedeckung betreten. Alle einheitlich - das hast Du inzwischen ja kennengelernt.
Da bin ich heute noch stolz drauf. Ich habe auch noch die Blicke der Tommys, welche mit ihrer Einheit ebenfalls in der Gedenkstätte waren, in Erinnerung. Diese erschienen in Zivil und starrten uns mehr oder weniger fassungslos an. Deutsche Soldaten im Kampfanzug in der Gedenkstätte! Ging ja gar nicht. Recht hatten sie.
Doch bleiben wir bei dem Camping-Urlaub. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon die meiste Zeit beim Bund abgerissen - 97! Du Kiste! - und wusste, dass ich mich gut vorbereiten musste. Das hieß für mich: 10 Tafeln Ritter Sport Marzipan und 10 Tafeln Ritter Sport Vollnuss. Soldat! Verstehst Du jetzt den Geschenkbeutel, den ich Dir vorhin ausgehändigt habe?
Zur Erklärung. Ich war Spießfahrer gewesen und hatte als Einziger in der Batterie (Panzer-Ari - Ya know) die ATN (Ausbildungs- und Tätigkeitsnummer - nach über 40 Jahren weiß ich jetzt endlich, was ATN bedeutet. Danke Google) für den VW-Bully, mit dem ich dann mittags immer das Essen in die „Stellungen“ rausgefahren hatte.
Ansonsten hatte mich der Hauptmann ja aus dem Geschäftszimmer rausgeschmissen und in den Geschützzug gesteckt gehabt, weil ich Ihn beim Antreten nicht gegrüßt hatte. Der Penner dachte, mich damit verletzen zu können, doch ich war darüber sehr glücklich gewesen, weil ich die schlechte Atmosphäre im Geschäftszimmer eh nicht ertragen konnte.
Die Looser der Offz und Uffz hatten mich nicht greifen oder brechen können. Genau dies wünsche ich Dir auch, Soldat! Ich wünsche Dir, dass Du hinterher dort „Solid as a Rock“ rausgehst und Deinen Weg gehst. In jedem von uns steckt ein Reacher, auch in Dir.
OK, zurück zur Schoki. Pennen beim Geschützzug zwischen zwei Kohleöfen, schwarzes Ausschnauben am Morgen. Da brauchte ich für die 100 Gramm Tafel Marzipan knapp zwei Minuten, dann war sie alle. Leerlauf am Nachmittag? Ritter Sport Vollnuss!
In aller Kürze: Nach der Woche war die Schoki alle. Mein Pickel natürlich auch, aber wesentlich war der Effekt der Schoki. Ich musste in Munster nicht kacken gehen. Dafür hätte ich den Donnerbalken benutzen müssen und da hatte ich bei 5 Grad Außentemperatur keinen Bock drauf gehabt. Also hielt ich auf.
Mittendrin in der Übung musste ich aus der Kaserne Material holen und nutzte die Gelegenheit, zu Hause (ich wohnte in der Nußbergstraße) mal richtig scheißen zu gehen. Danach noch ne große Tüte mit meinem Mitbewohner, dann ging es zurück. Hey, Babe! Mein damaliger Mitbewohner hat einen Tag nach Dir Geburtstag, wird morgen 65 und da gieß ich mir richtig einen auf die Glatze! Wo war ich noch gleich?
Auf den langen Panzerstraßen in Munster. Du merkst schon, hat mich geprägt, diese 15 Monate damals. Bilder, die ich nie vergessen werde. Die 72 Stunden Übung im verschneiten Elm bei Zehn Grad Minus am Morgen, als wir uns auf der Ladefläche des Fünftonners verpieselt hatten, um nicht im Schneeanzug „Stellung“, „MG Feuer von links“ oder „ABC Alarm“ spielen zu müssen.
Und immer wieder Stubenreinigen, Technischer Dienst.. und - Yes, Sir! - GvD, KvD, Wache und Bereitschaft. Letzteres mit den Sauerländern in unserer Batterie. Als ich zum Dienst am Sonntag Mittag erschien (nach einer geilen Party bei uns zu Hause), saßen diese schon vorm Fernseher und sahen Sodomie-Filme. Sauerländer halt.
Doch ehe mir noch mehr Geschichten aus der Zeit vor der Grenzöffnung, vor Ende des kalten Krieges und… (die Gesichter der DDR Soldaten, als wir in Helmstedt über die Grenze geschaut hatten), höre ich besser auf.
Du hast genug zu tun beim Barras und wirst hinterher Deinen Weg gehen. Bleib wachsam, lass Dich nicht unterkriegen und hilf immer der alten Oma über die Straße. Sei nicht der Kämpfer aus dem Videospiel, sondern der „Bürger in Uniform“.
Rock on, Babe. Old School, ich weiß. Scheiß drauf, lass Dich nicht droppen.
Und natürlich die Schoki schmecken.
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