Sonntag, 16. Oktober 2022

Udorallala: Top Songs 17/?

Im Dudel-Radio spielen sie gerne die Hits der 70er oder 80er, doch „meine“ Hits sind da nie dabei. In loser Folge schreibe ich deshalb über einzelne Songs und warum sie so wichtig, bahnbrechend oder anders wie bedeutend sind. Für mich, für Dich, für uns alle.
Ding Dong – That`s my Song!

Mittagspause - Herrenreiter
Mit einem hoppelnden Schlagzeug, tiefergelegter Rhythmusgitarre und schriller Leadgitarre fängt er an. Langsam, monoton, kriecht der unharmonische Sound in den Gehörgang. Und dann legt Peter Hein los. Verzweifelt schreit er seinen kurzen Text ins Mikro. Immer begleitet von dieser atonalen Gitarre. Das Schlagzeug ist irgendwie hintendran und die Rhythmusgitarre erinnert an Bauhaus oder Joy Division. Wenn da diese Töne der Leadgitarre nicht wären…
„Hoch zu Ross den Bundesgeier am Gewand
Herrenreiter haben wieder zu sagen im Land
Schwarz der Himmel unserer Zukunft
Rot die Erde der Vergangenheit
Gold die Zähne unserer Väter
Jetpiloten werden plötzlich schwach in den Hüften
Herrenreiter mit Spielzeugpistolen in den Lüften.“
Es klingt gewaltig nach Übungsraum. Nach Leuten, die zum ersten Mal ein Musikinstrument in der Hand halten. Diese Art von Aufnahmen war typisch in der Anfangsphase des „Deutschpunks“ Ende der 70er Jahre. Hierbei entstanden eine Vielzahl von Klassikern deutscher Rockmusik; egal ob „Kebabträume“, „Zurück zum Beton“ oder auch „Computerstaat“ – alles in kleiner Auflage veröffentlicht und garantiert nie in den Hitparaden gelandet.
Mittagspause war die wohl wichtigste Gruppe in dieser frühen Phase und zerbrach nach Aufnahme dieser Single, weil Peter Hein und Thomas Schwebel sich auf ihre 1979 gegründete Band „Fehlfarben“ konzentrierten und Bielmeier (Monroe) und Oehlen (der Drummer) ihre Zukunft eben nicht als Musiker sahen. Ihre technischen Unzulänglichkeiten ließen das nicht zu, obwohl Herrenreiter das Optimum an Studioqualität bot, was diese Band in der Besetzung erreichen konnte.
Die Perlen von Mittagspause wie „Innenstadtfront“ oder „X-9200“ waren zuvor noch eine Ecke krachiger gewesen. Ihre Live LP „Punk macht dicken Arsch“, nach Auflösung der Band veröffentlicht, muss man einfach gehört haben, bevor man über die Toten Hosen oder selbst die Ärzte auch nur redet. Die Scheibe kann man ruhig neben die „Ball Pompös“ oder auch „Unbehagen“ stellen. Ich persönlich steh ja noch auf „Pfefferminz“.
Allein wie giftig Hein das „Schwarz – Rot – Gold“ ausspuckt, dazu das Bild der Vergleiche zu den Farben. Das ist kurz, knapp und ein politisches Statement, welches damals notwendig war und heute leider wieder aktuell zu werden droht. Nein, aktuell ist. Kurz gesagt: DIES ist der Song zur momentanen Lage.
In Deutschland. Ach ja, wie sahen denn die deutschen Charts beim Veröffentlichungsdatum dieser Single aus - im Oktober 1979? Da war Cliff Richards mit „we don’t talk anymore“ auf Platz 1 angesagt. Es folgten Boney M mit „El Lute“ und Racey mit „Boy oh Boy“. Bester deutschsprachiger Titel war Peter Maffay auf der 6. „So bist Du“ - U-huhu....
Meine Güte, „Das Lied von Manuel“ (Manuel & Pony) auf der 11, Peter Alexander beschwört „Schwarzes Gold“ auf der 18. Dann Michael Holm mit der deutschen Version von „El Lute“, Howard Carpendale kurz dahinter....
Hier hatten Mittagspause selbstverständlich keine Chance, zumal das quasi hauseigene Rondo-Label nicht über die Vertriebsmöglichkeiten wie die Industrie verfügen konnte. Und ich wage es zu bezweifeln, das der öffentlich-rechtliche Rundfunk diesen Song mit dem subversiven Text über den Äther verbreitet hätte.
Herrenreiter ist - genau wie „Computerstaat“ von Abwärts - das zeitlose Vermächtnis des Deutschpunks und heute aktueller denn je. Zieht Euch das rein, Ihr Grünen-Wähler da draußen an den Smartphones!

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Alan Freed 1/4

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Der legendäre DJ, dessen Name untrennbar mit dem Begriff Rock 'n' Roll verbunden ist, wurde am 15. Dezember 1921 als Albert James Freed in der Nähe von Johnston, Pennsylvania, geboren. In seinem Leben hatte er drei Frauen und vier Kinder, wobei die letzte Ehe kinderlos blieb.
Als er zwölf war, zog seine Familie mit ihm nach Salem, Ohio. Er lernte Posaune zu spielen und gründete in seiner Highschool eine Band namens Sultans of Swing. Er orientierte sich an Bandleadern wie Benny Goodman oder Artie Shaw, doch nachdem er große Entfernungen zurückgelegt hatte, um seine Idole zu sehen, wurde ihm bewusst, dass er weder als Musiker noch als Bandleader eine Chance haben würde.
Erschwerend kam hier noch eine langwierige Ohrenentzündung hinzu. Da er nun seinen Traum begraben hatte, versuchte er nun, ein neues Ziel in Angriff zu nehmen: Das Studium des Maschinenbaus an der Ohio State University! Aber das Schicksal hatte anderes mit ihm vor. Alan Freed hatte gerade mal ein Jahr lang studiert, da erlebte er einen Radiosender auf dem Campus der Universität in Aktion. Augenblicklich hatte er sich in dieses Medium verliebt.
Weil er aber auch patriotisch veranlagt war, trat Alan Freed 1941 unter dem Eindruck des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour in die Army ein und wurde dort der Ski Patrol zugeteilt. Diese spezielle US Gebirgsjägereinheit kam erst 1945 in Italien zu einem Kampfeinsatz, aber da war Alan Freed schon längst wieder Zivilist.
Ihm hatte mal wieder eine schwere Ohrenentzündung geplagt. Nach seiner Entlassung schrieb er sich erneut an der Ohio State University ein und erwarb sogar noch den Master-Abschluss der Ingenieurwissenschaften.
Er kehrte nach Salem zurück und arbeitete dort für Militärbetriebe als Regierungsinspektor, bis er seine erste Frau Betty Lou Bean kennen und lieben lernte; sie heirateten noch 1942. Doch statt als Maschinenbauingenieur Karriere zu machen, begann er noch im selben Jahr bei dem kleinen Radiosender WKST in New Castle, Pennsylvania.
Dort spielte er klassische Musik für ein wöchentliches Salär von 45 Dollar. Anschließend versuchte er sein Glück als Sportmoderator bei WKBN und danach 1945 bei WAKR - beide Sender befanden sich in Akron, Ohio, wo er am Ende heiße Jazz- und Popaufnahmen bei WAKR auf den Teller zu legen pflegte.
Hier entwickelte er sich zu einer lokalen Größe, doch nach einem Streit über das Gehalt mit dem Eigentümer des Senders zog er weiter nach Cleveland, um beim neuen Medium Fernsehen einen Job zu ergattern.
Dieser Umzug wurde nötig, weil Alan Freed immer noch bei WAKR unter Vertrag stand und er aufgrund eines Gesetzes bei keinem anderen Sender in der Stadt anfangen durfte. Nach jenem Gesetz war es ihm verboten, innerhalb eines Jahres nach dem Weggang von WAKR im Umkreis von 75 km um Akron auf Sendung zu gehen.
Jedoch klappte es mit der Karriere beim Fernsehen zunächst nicht wie gewünscht, weil er lediglich einen Mittagsfilm zu moderieren hatte. Aber der Plattenladenbesitzer Leo Mintz, ein persönlicher Freund von Alan Freed, griff ihm unter die Arme und brachte ihn 1951 beim Radiosender WJW unter, wo er eine klassikorientierte Radioshow moderierte und in deren TV Ableger den Ansager für den Spätabendfilm gab.
Und dort passierte dieser gewisse Moment. Ein kranker Kollege bat Freed, seine Radiosendung aushilfsweise zu übernehmen. Die starre Playlist des Senders ignorierte Freed hierbei komplett und legte stattdessen Rhythm & Blues Scheiben von King, Modern, Chess und Atlantic Records auf.
DJ in Cleveland
Die Reaktion des Senders folgte prompt: Gleich am nächsten Tag wurde Alan Freed wegen seiner Eigenmächtigkeit gefeuert. Doch die Hörer der Sendung müssen wohl stark begeisdtert gewesen sein, denn sie hatten den Sender daraufhin mit Post förmlich bombardiert. Da blieb dem Sender nichts anderes übrig, als Alan Freed wieder einzustellen.
Hier sieht man wieder, dass zumindest in der damaligen Zeit der Geschäftssinn der leitenden Manager stärker ausgeprägt war als ihr Festhalten an konservativen Werten. Ich bezweifle, dass die heutigen Verantwortlichen in einem Sendebetrieb noch so flexibel sind.
Der Plattenladen von Minz lag in der Nähe des Schwarzenghettos von Cleveland. Dort verkaufte er jede Menge Rhythm & Blues Scheiben. Und Mintz beließ es nicht dabei. Bereits nach kurzer Zeit finanzierte sein Plattenladen "Record Rendezvous" ein Programm mit Rhythm & Blues Musik. Der Moderator war Alan Freed, die Sendung hieß "Moondog Rock and Roll Party". Fortan nannte er sich selbst Moondog; der allererste Song vom 11. Juli 1951 war „Blues for a Moondog“ von Todd Rhodes.
Die Show startet mit einem bellenden Hund. Mit einem Chugga-Chugga-Rhythmus setzt die Musik ein. Wieder bellt der Hund, worauf ein Metronom anfängt zu ticken. Während die Lautstärke langsam zunimmt, fragt Alan Freed lässig: "All ready to rock? Atta Boy. We're gonna have a ball. Saturday Night again..."
Jetzt steigert Freed sein Tempo, immer noch vom Rhythmus und dem bellenden Hund begleitet. "Hello, everybody. How y'all? This is Alan Freed, the old King of the Moondoggers, welcome to all our thousands of Friends in northern Ohio, Ontario, Canada, western New York, western Pennsylvania, West Virginia. Along about eleven-thirty, we'll be joining the Moondog network...Pop the Cap, have a good ball. Enjoy Erin brew, ten-oh-two, and the Moondog-Show."

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Contramann: kurz gesehen im Oktober

Als sich am 29. Juli diesen Jahres die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr das Leben genommen hatte, weil sie als bekennende Impfbefürworterin für eine Impfpflicht aussprach und sich in der Folge derber Kritik und sogar Morddrohungen in den sozialen Medien ausgesetzt sah, da packten die Qualitätsmedien gleich die ganz große Keule raus. Impfgegner und Querdenker hätten die Ärztin in den Tod getrieben.
Begonnen hatte das ganze Prozedere am 16. November 2021, als Kellermayr Teilnehmer einer „Demonstration gegen die Impfpflicht von Gesundheitspersonal“ vor einem Klinikum auf Twitter dafür kritisierte, den Haupteingang jenes Klinikums sowie die Rettungsausfahrt zu blockieren. Tatsächlich war jedoch eine zweite Einfahrt die ganze Zeit zugänglich gewesen, wie die Polizei zurücktwitterte.
Die später in den sozialen Medien auftauchenden Morddrohungen wurden von der Polizei nicht mehr ernst genommen, woraufhin die mittlerweile stark angeschlagene Ärztin jeglichen Lebensmut verlor und keinen anderen Ausweg als den Selbstmord mehr wusste.
So bedauerlich und unnötig ihr Tod auch ist, aber jetzt jegliche Impfgegner und meinetwegen auch Querdenker für ihren Tod verantwortlich zu machen, ist schon ein starkes Stück. Man könnte doch auch mal wieder über die Sinnhaftigkeit von Anonymität in den sozialen Medien grübeln, anstatt hier einfach nur eine willkommene Gelegenheit zu sehen, auf Impfgegner im Allgemeinen einzuschlagen.

https://www.heise.de/tp/features/Moegliche-Impfschaeden-Erste-Klagen-gegen-Biontech-eingereicht-7260250.html
Die Tagesschau beliebte nicht darüber zu berichten. Eine Düsseldorfer Kanzlei hatte Biontech auf Impfschäden verklagt - Urteile hierzu stehen natürlich noch aus. Und das Biontech bislang auf Schadensersatzansprüche oder Auskunftsersuchen lediglich mit der Zusendung von Formularen reagiert hatte, anstatt auf den individuellen Sachverhalt einzugehen, wirft ein grelles Zwielicht auf die ach so vorbildlichen Geschäftspraktiken des Unternehmens.
Erschwerend hinzu kommt die bisherige dilettantische Aufklärung seitens Behörden und Politik. Wen wundert es da noch, wenn das Vertrauen in die öffentliche Ordnung schwindet.

https://www.infosperber.ch/medien/medienkritik/bezeichnend-niemand-wusste-dass-china-auf-dem-mond-landete/
Hier nun mal ein kleiner Zwischeneinwurf. Bei „Wer wird Millionär?“ wusste niemand, dass China als einziges Land neben der USA eine Fahne auf dem Mond gehisst hatte. Hinzu kommt die Rover-Expedition der Chinesen auf dem Mars letztes Jahr. Zugegebenermaßen hatte ich das auch nicht mitgekriegt bzw. bereits wieder vergessen.
Von dem weltweit größten Aufforstungsprojekt in der chinesischen Wüste hatte ich bereits gehört. Aber von all dem hört man in den Qualitätsmedien wenig bis überhaupt nichts, dafür aber lang und schmutzig von den Umweltsünden oder der Verfolgung der Uiguren.
Den Rat des Autors, die häufig gemeldeten Horrorzahlen einfach mal ins Verhältnis zur Einwohnerzahl zu setzen, gebe ich hier gerne weiter. Denn offenbar wollen uns die Medien weismachen, dass nicht nur der Russe, sondern auch der Chinese vor der Tür steht.

https://www.focus.de/politik/erinnert-an-debatte-von-2015-unmut-ueber-ukraine-fluechtlinge-in-weimar-andere-tafeln-widersprechen_id_150243777.html
Auch Fokus gehört zu den Qualitätsmedien und ist wahrlich nicht auf meiner politischen Linie unterwegs. Aber ab und an tauchen hier interessante und vor allem kritische Artikel auf. Hier im Fokus wird der Sensationsjournalismus noch ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten gelebt, zumindest zeitweise. Daher zählt für Spiegel-Leser der Fokus selbstverständlich nicht zu den Qualitätsmedien. Spiegel-Leser wissen ja bekanntlich mehr.
Aber zur Sache, Schätzchen: Im September beklagten sich die Mitarbeiter der Tafel in Weimar im MDR über das Verhalten von ukrainischen Flüchtlingen. Der Leiter der Weimarer Tafel berichtete dort über Beschwerden der Flüchtlinge ob der schlechten Qualität der Ware, dort sollen mit 100 € Scheinen gewedelt worden sein und und und... Das häufig übliche Vorfahren mit einem SUV seitens der Flüchtlinge kam wohl bei den Helfern auch nicht so gut an.
Und natürlich war klar, dass dies vielen engagierten Mitbürgern ein Dorn im Auge ist. Diesen Bericht meine ich - da war in Deutschland natürlich sofort die Moralpolizei der „Birkenstockträger“ unterwegs.

https://www.heise.de/tp/features/Kein-Verlass-auf-den-Feind-7273613.html
Hier wird besonders schön auf die Doppelmoral der deutschen Politik und seiner Anhänger in der Bevölkerung hingewiesen. Schon im Frühjahr z.B. wollte unsere hochbegabte Außenministerin Frau Baerbock „Russland ruinieren“. Als die Russen dann über den Sommer die Gasversorgung über Nord Stream 1 eingestellt hatten, brach hier das Heulen und Zähneklappern los.
Warum? „Wir“ wollten uns doch vom russischen Gas unabhängig machen. Und überhaupt: Erwartet da irgendjemand ernsthaft, dass die Russen sich einerseits sanktionieren lassen und andererseits als Dank dafür auch noch weiterhin Gas an Deutschland zu Topkonditionen verkaufen? Die langfristigen Lieferverträge zu unschlagbar günstigen Bedingungen, wie sie die internationale Konkurrenz eben jahrzehntelang nicht hatte, haben doch überhaupt erst den Aufstieg Deutschlands vom „kranken Mann Europas“ zum Exportweltmeister ermöglicht.
Da müsste man hierzulande dem geschassten Gerhard Schröder eher noch dankbar sein – ohne seine Freundschaft mit Putin hätten sicherlich auch viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld sich keinen SUV leisten können. Und gerade den Profiteuren des wirtschaftlichen Booms dieses Jahrhunderts sollten an einer schnellen Beilegung des Krieges in der Ukraine gelegen sein.
Denn falls nicht, droht der Verlust liebgewonnener Statussymbole wie SUV, großzügiges Eigenheim etc. entweder durch mangelnde Einkünfte oder dank „Abfackelns“ der Statussymbole durch protestierende Habenichtse, für die nicht mal mehr genug Mittel da sind, um ein auskömmliches Leben zu ermöglichen. Das mag jetzt arg überzogen sein – insbesondere der Part mit dem „Abfackeln“.
Doch die „Volksaufstände“, die Frau Baerbock schon befürchtet hatte, könnten vielleicht dank des neu geschaffenen Heimatschutzes unter Kontrolle gebracht werden. Die Protestierer wären eh alle russische Spione, da könnt Ihr Euch sicher sein!

Alsdann: Bleiben Sie links, bleiben Sie kritisch. Und:
„I`m so bored with the USA. But what can I do?“

Montag, 3. Oktober 2022

guterPlatzzumBiertrinken: Sommerregen

Samstag, 9. Juli. Nachdem ich Mitte Juni von einer starken Erkältung befallen war, aber kein Corona hatte, war es jetzt wieder an der Zeit nur einen kleinen Radausflug. Das ganze Frühjahr hindurch war ich sehr träge gewesen, was die Bewegung angeht.
Hinzu kamen neben meiner Corona-Erkrankung Ende März noch die tragischen Todesfälle von Bud und Harald, welche mich vermeintlich am Schwimmen im Heidbergbad oder eben den Radtouren gehindert hatten. Alles faule Ausreden, an diesem Samstag musste es einfach sein, auch um mich einfach aus der drohenden Lethargie zu reißen.
Während meine Löwin im Testcenter arbeitete, pumpte ich mein Rad auf. Passenderweise war die erste Hitzewelle vorüber gegangen und es deuteten sich für diesen Samstag einige Regenschauer an. Bei angenehm kühler, aber nicht zu kalter Luft fuhr ich los. Bloß wohin? Sojasauce sollte ich noch mitbringen. Die wollte ich von Globus besorgen.
Zunächst plante ich dann, lediglich nach Globus hin- und danach gleich wieder zurückzufahren, weil ich zu Hause noch einiges zu erledigen hatte. Doch ich merkte sehr schnell, dass ich mir da wieder nur eine Ausrede einfallen ließ.
Ich überwand meinen inneren Schweinehund mit einem Trick: Zwei bis drei Tage zuvor hatte ich nämlich überlegt, mir eine Jeansweste zuzulegen. Eine solche hatte ich im C&A Onlineshop entdeckt. Da ich mir diese aber möglichst risikofrei kaufen wollte, wäre es besser, die Weste in einem Laden zu kaufen, wo ich sie auch anprobieren könnte. Da ich selbstverständlich nicht in die Stadt zu C&A fahren wollte, blieb als Alternative lediglich Adler in Stöckheim übrig.
Das passte ganz gut, da konnte ich über Gartenstadt und Rüningen locker hinfahren und könnte auf dem Rückweg bei Globus vorbeischauen. Die dadurch zusätzlich zu fahrenden Kilometer würde das ganze Prozedere zu einer Tour machen. So überwindet man den inneren Schweinehund: Mit einer Aufgabe.
Sicherlich hätte ich auf diesem Weg auch beim Langen oder bei Pocke vorbeischauen können, um das zu einer Tour dazugehörige Bier dort trinken zu können. Es waren allerdings nicht nur die dunklen Wolken am Himmel, die mich davon abhielten. Ich hatte auch die Befürchtung, dass ich in Stöckheim versacken könnte. Ich wollte doch noch zu Hause einiges erledigen!
Jedenfalls war ich mit jedem Kilometer besser gelaunt, zumal ich nicht in einer drückenden Hitze fahren musste, wie es noch bis zu zwei Wochen zuvor der Fall gewesen wäre. Auf der Fahrt fiel es mir auch leicht, an den vorherigen Abend zu denken. Am Freitagabend hatten wir Harald an seinem Geburtstag zu Wasser gelassen.
Zur Erklärung: Jahrzehntelang war Harald ab dem Frühjahr mit seiner Familie an den Tankumsee gefahren, um sich dort mit Freunden zu treffen und Spaß zu haben. Zusammen lagen sie auf Decken am Rasen, spielten Karten oder schwammen im See; Harald am liebsten auf der Luftmatratze im Wasser treibend.
gemütlich am Minigolfplatz
Ihm zu Ehren trafen wir uns an der Stelle, wo sie immer gelegen hatten. Seine Witwe Frida, Tochter Cornelia, auch sein Sohn Bruce sowie die anderen standen im Wasser. Dort ließ Cornelia ein Teil der Asche von Harald in das Wasser rieseln. Dies war auch für mich ein bewegender Moment gewesen, obwohl ich nicht zu der Tankumsee Clique gehört hatte.
Früher hätte ich diese Szene als kitschig empfunden, heute nicht mehr. Jetzt finde ich es nur noch peinlich, sich über solche emotionalen, vielleicht auch rührseligen Momente lustig zu machen. Zum Glück kenne ich solche Arschlöcher nicht, die so etwas tun würden. Mit dieser einerseits traurigen, andererseits schönen Erinnerung fuhr ich bei Adler vor und betrat den Laden. Nach vielleicht fünf Minuten verließ ich den Laden wieder - total enttäuscht.
Sie hatten nicht einmal Stoffwesten, ansonsten waren mir die Shirts zu teuer. Nachdem ich mich aufs Rad gesetzt hatte, schaute ich skeptisch in den Himmel. Dunkle, fast schwarze Wolken waren heraufgezogen und verhießen einen starken Regenguss. Ich überlegte. Sollte ich nach gegenüber zu Kaufland gehen? Dort hätte ich auch einkaufen können, aber ich entschied mich weiterzufahren.
Als ich nach dem gescheiterten Versuch, hinter Kaufland eine Abkürzung zu finden, wieder umdrehen musste, fielen die ersten Regentropfen. Trotzdem fuhr ich weiter, da der Regen eher ein Nieseln war. Weiter ging es Richtung Melverode, dort hätte ich im Bistro Helena Unterschlupf finden können, weil der Regen inzwischen heftig auf mich eingeprasselt hatte.
Doch ich sagte mir "Scheiß drauf" und fuhr den Südsee hinunter, um mich hinter Schloss Richmond so richtig durchfeuchten zu lassen. Der Begriff "sintflutartiger Regenfall" wäre für diesen heftigen Regenguss natürlich übertrieben gewesen. Ich zog aber durch bis zum Minigolfplatz am Kennel, dort hatte ich schon oftmals eine Bierpause eingelegt.
"Eine Pulle Wolters würde mir jetzt gut tun" ging mir während des schnelleren Antritts durch den Kopf. Pittschenass erreichte ich den Kiosk am Minigolfplatz, orderte eine Pulle Wolters und setzte mich an einen freien Tisch unter einem Sonnenschirm, der in diesem Moment als Regenschutz reichen musste.
hinten die "Tränke"

Ich fing an, diesen Text einzusprechen, musste aber nach kurzer Zeit aufgeben. Der Regen war einfach zu stark. Seufzend stellte ich mich an den Kiosk unter die Pergola, wo ich trockenen Fußes den Regen abwarten wollte. Die Mannschaft neben mir trank ebenfalls Wolters und "Roten", ein Schnaps, der interessant aussah.
In der Folgezeit unterhielt ich mich mit Mestemacher, dem Betreiber dieses Kiosk und des Platzes. Ich lernte ihn mal vor über 20 Jahren kennen, als er mein Kollege im Wohnheim gewesen war. Wir sprachen über alte Zeiten und Kollegen. Eine Stunde und ein zweites Wolters lang verbrachte ich im Gespräch, bevor ich bezahlte und noch zwei Rote orderte.
Nein, der zweite war nicht für Mestemacher, sondern für den Typen, der neben mir stand und den Roten verdutzt entgegennahm. Wir stießen an, dann fuhr ich weg und war gleich darauf bei Globus. Wahrscheinlich fragt sich der Typ heute noch, warum ich ihm einen ausgegeben hatte. Manchmal mache ich solche komischen Sachen, einfach so.
Das gehört für mich dazu, zum Leben, meine ich. Im Globus brauchte ich nicht so lange wie sonst, den Rest des Weges brachte ich schnell hinter mich. Noch vor 18 Uhr war ich wieder zu Hause gelandet und erledigte meine Vorhaben nicht mehr, was nach der Bierpause eigentlich zu erwarten gewesen war.
Zum Abschluss noch zwei Dinge: Der "Rote" war ein roter Genever und die Jeansweste bestellte ich am nächsten Tag bei C&A online. Blind.

Montag, 26. September 2022

Uncle Fester: grad gelesen September 2022

Mike Evans - New York City Rock
Eine sehr interessante Dokumentation, welche ich vom Langen dieses Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Im überwiegenden Teil dieses Buches gibt es Überschneidungen mit "Please kill me" von Legs McNeil und Gillian McCain.
Interessant an diesem Buch von Evans ist, das dieser das Geschehen zeitlich früher einsetzen lässt. Er startet mit Phil Spector und den Shangri-la's. Auch den folgenden Teil mit Dylan, den Fugs und den Holy Modal Rounders hatte ich noch mit großem Interesse gelesen. Danach fangen die Überschneidungen mit "Please kill me" an, in dem mir vor allem auffiel, dass einige Musiker einen größeren Raum eingeräumt bekamen als andere.
Um es konkret zu sagen: Dort, wo die Kontakte zur Künstlerszene extrem eng waren, wurde der Autor ausführlich. Ob Velvet Underground, Patti Smith oder Television - die Talking Heads nicht vergessen, man bekommt über diese Seiten schon mit, dass es Evans vor allen Dingen um Zusammenhänge zwischen der Musik und alternativer Kultur/Politik geht.
Irgendwann sagt er es sogar auch, dass er auf Hard Rock und Rap nicht eingeht, weil diese Musikstile in New York angeblich unbedeutend gewesen wären. Dies war der Punkt, an dem ich dieses Buch nicht mehr so toll fand. Auf Grandmaster Flash oder Beastie Boys, die Pioniere des Rap, sollte man schon eingehen, wenn man einen derart hohen Anspruch an sein Buch legt. Okay, dann mag er eben keinen Rap.
Aber Gruppen wie Kiss, Living Colour, Mountain oder Ram Jam nicht zu erwähnen, lässt mich stark an der Reputation des Autors zweifeln. Dass er die meiner Ansicht nach stark unterschätzten Good Rats ebenfalls nicht erwähnt, lass ich ihm grad noch mal durchgehen. Aber Blue Oyster Cult? TWISTED SISTER! Mensch, Junge! Das ist nun wirklich eine glatte 6.
Kommen wir zur Ära des Punk in New York City, in der ich mich nicht nur dank "Please kill me" sehr gut auskenne. Auch hier konzentriert er sich hauptsächlich auf Musiker und Bands, die starke Verbindungen zur Kunst- und Literaturszene pflegten. Patti Smith und Television hatte ich schon erwähnt - beide sehr wichtig für die Szene in New York, gar keine Frage.
Die Dictators hingegen kriegen mal gerade eine Seite spendiert, was wohl der Nähe zum Hardrock geschuldet sein dürfte. Über die Dead Boys rümpft der Autor förmlich spürbar seine Nase. Mit Avantgarde und Kunst hatte es Stiv Bators sicherlich nichts zu tun gehabt.
Zugegebenermaßen lautet der Untertitel dieses Buches Underground und Hype. Da ist es nicht verwunderlich, das in diesem Part das CBGBs und das Max's Kansas City näher beleuchtet werden. An dieser Stelle sollte ich zumindest erwähnen, das Evans auch das Studio 54 mit seiner Disco Szenerie gut beschrieben hatte, ebenso Springsteen oder John Lennon.
Jedoch sein Ansinnen, New York City als Zentrum und Geburtsstätte vieler Stile der Rockmusik zu präsentieren, ist dank des Fehlens von Rap sowie Hardrock zum Scheitern verurteilt. Den Teil über die "No Wave" Bewegung der 80er Jahre mit Yo La Tengo oder Laurie Anderson habe ich mir noch mit etwas Interesse geben können.
Gegen Ende nehmen die Strokes einen großen Raum ein, hatte der Autor doch zu deren Blütezeit dieses Buch geschrieben. Doch spätestens bei Interpol war ich raus. Diese Joy Division Klone halte ich für maßlos überschätzt, aber für einen Amerikaner stellt so etwas natürlich schon Avantgarde dar.
Am Ende fällt mein Fazit eher negativ aus. Zwar sind weite Teile des Buches trotz manchen Schwächen lesenswert, aber gegen Ende ist die Luft einfach raus. Schließlich ist es auch in New York wie woanders in der Welt: Die Rockmusik ist seit den Neunzigern mehr tot als lebendig, alle wesentlichen Songs sind schon geschrieben worden und die neueren Gruppen erinnern eher an alte Helden, als dass sie etwas Neues bieten könnten.

Peter Hahne - Das Maß ist voll
Dieses kleine Büchlein hatte ich mir von Graff zwischendurch mal besorgt. Der Autor moderierte ab 1985 sowohl "Heute" als auch das "Heute Journal", war danach zehn Jahre lang stellvertretender Leiter des ZDF Hauptstadtstudios und erhielt anschließend noch eine Talkshow.
Der heute 70-Jährige ist mittlerweile außer Dienst und braucht auf irgendwelche Befindlichkeiten seitens der Politik und anderer Interessengruppen keine Rücksicht mehr zu nehmen. Seit mehreren Jahren veröffentlicht er diese kleinen Bücher in schöner Regelmäßigkeit, in denen er so richtig vom Leder ziehen kann.
Da hat er doch tatsächlich dem kleinen Mann auf den Mund geschaut und nimmt Stellung zu allen aktuellen Themen, wie es ihm im Fernsehen nicht möglich gewesen wäre. Jetzt ist er unbequem geworden, dürfte zu den Coronaleugnern gezählt werden und hat auch zum Ukraine Krieg eine andere Meinung als die gängige der sattsam bekannten TV-Moderatoren.
Seine Polemiken, man könnte es auch Kommentare zum Zeitgeschehen nennen, sind selten mehr als zwei bis drei Seiten lang. Aber gerade deshalb sind sie bhervorragend geeignet zum Einschlafen in der Nacht.
Mag ich auch nicht mit allen Ansichten von Peter Hahne übereinstimmen, so konnte ich doch zumindest anerkennen, dass er sich in seinem Metier, dem Medien- und Politikbusiness bestens auskennt. Auch braucht er kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen, weil er nicht mehr Rücksicht auf diverse Befindlichkeiten unserer woken Machthaber nehmen muss.
Natürlich ist für den ungetrübten Lesegenuss ein aktueller Zeitbezug unerlässlich. Sein nächstes Buch werde ich mir gerne holen, die alten Bände wohl aber nicht. Leuten, die die Meinung unserer Qualitätsmedien teilen, kann ich Peter Hahne allerdings nicht empfehlen, weil sie Gefahr laufen könnten, ihre politische Meinung zu hinterfragen.

Freitag, 23. September 2022

Warum spielt denn der Poldi nicht?

12
Mo. 20. Juni

Wochenbeginn, die Arbeit ruft. Heute muss ich zu Muttern nach der Arbeit, um mit ihr den Vordruck für die Zuzahlungsbefreiung auszufüllen und die benötigten Unterlagen zu suchen. Gestern nach den Spielen hatte ich es wenigstens geschafft, das Geburtstagsgeschenk für meine Löwin bei Amazon zu bestellen. Die Idee dazu kam mir am Vorabend, weil sie es erwähnte. Aber sei es drum, heute rollt der Ball wieder weiter.
Nach einem nervigen Arbeitstag, Montag halt, machte ich mich um 15.00 Uhr auf dem Weg zu Mutter. Den Vordruck bzw. Antrag hatte ich nicht vergessen. Eine Stunde später stieg ich auf der Brücke am Sachsendamm aus. Mittlerweile fahren hier ja 2 Linien, die 1 nach Stöckheim und die 2 in den Heidberg.
Wehmütig musste ich an meine vergangene Jugend denken, schnüff. Vor allem 1976/77 stand ich Samstags nach 14.00 Uhr im Wartehäuschen, Veit und/oder andere aus meiner damaligen Clique trafen auch ein. Wir fuhren ins Stadion zur Eintracht. In jener Saison spielten sie um die deutsche Meisterschaft mit.
Frank Holzer und Norbert Stolzenberg hatten sie zu Saisonbeginn geholt. Vorne stürmte mit Wolfgang Frank einer der 3 besten Mittelstürmer des Landes jener Jahre. Popivoda war ebenfalls eine Bank, deshalb spielte Frank Holzer nicht immer, was ich sehr bedauerlich fand. Karl-Heinz Handschuh, Wolfgang Grzyb oder auch Pferde-Franz waren nationale Spitze, bloß für die Nationalelf reichte es nicht.
Bernie Franke darf man nicht vergessen, er hatte das Pech, dass Sepp Maier beim schönen Helmut gesetzt war. Schade am Ende der Saison war nur, das Willi Reimann im vorletzten Heimspiel kurz vor der Pause das 1:0 für den HSV markierte und sich die Hamburger anschließend hinten reinstellten. Ich bin auch heute noch der Auffassung, das Eintracht Meister geworden wäre, wenn dieses Tor nicht gefallen wäre.
Tabellenführer waren sie vor dem Spiel. Sie hätten in der zweiten Halbzeit das Siegtor gemacht, da bin ich felsenfest von überzeugt. Die letzten beiden Spiele gewannen sie sowieso. Sie wurden Dritter, nur 1 Punkt hinter dem Meister Gladbach. Heute ist jene gute Saison leider etwas in Vergessenheit geraten. Vollkommen zu Unrecht, wie mich finde.
Wir tranken damals übrigens (noch) kein Bier, hatten natürlich mit 16 keinen Führerschein und tranken noch nicht mal eine Cola. Wir gönnten uns lediglich eine Bratwurst von Fichtelmann. Vom Stand am Aufgang zur Südkurve neben der Gegengerade. In der Halbzeit wechselten wir immer zur Nordkurve, weil Eintracht nach der Pause zumeist auf diese Seite spielte.
Veit habe ich schon vor 30 Jahren aus den Augen verloren. Das Wartehäuschen ist auch nicht mehr da und die 1 fährt schon seit Jahren über den Schlesiendamm nach Stöckheim. Dort, wo ich als Kind auf der seinerzeit brachliegenden Fläche Sommer wie Winter gespielt hatte. An all das dachte ich, als ich am Hochhaus vorbei zu Mutter ging.
Sie freute sich, mich zu sehen, war aber wieder etwas aufgeregt. Sie hatte eine Verordnung zur Lymphdrainage ihrer Beine vom Arzt bekommen. Die Chemo lief ebenfalls gut. Aber über die Krankenkasse hatte sie sich geärgert, und das gewaltig.
Dummerweise hatte sie mit dem Callcenter der Krankenkasse gesprochen; die wissen eh immer nichts. "Und dann kam sie mir auch noch pampig" grollte Mutter Stunden später immer noch."Da habe ich einfach aufgelegt. Das hat mir gereicht."
Für Argumente war Mutter überhaupt nicht aufnahmefähig, konnte meinen Erklärungen über Sinn und Zweck der Zuzahlungsbefreiung nicht folgen und blockte alles ab. Nicht einmal der Spruch "ja wenn Du das Geld verschenken willst..." half. Sie blieb stur und ich fuhr unverrichteter Dinge nach Hause. Wenigstens hatte sie sich über das Brot und die leckeren Hefeteile, welche ich ihr mitgebracht hatte, gefreut. Meine Löwin meinte später, das sie genau dieses Verhalten auch von ihrer Mutter kennt. Die wollte auch niemanden, nicht einmal dem eigenen Kind, erzählen, wie hoch ihre Rente war.
Schwamm drüber. Um halb sieben war ich endlich zu Hause, jetzt schnell ein Schälchen Reis und dann begann auch bald die EM im Fernsehen. Aber vorher wollte ich noch die Nachrichten checken. Sieh an, die Kroaten wurden wegen der Ausschreitungen gegen Tschechien am Freitag mit einer Geldstrafe von 100.000 € belegt. Sie erhielten nicht einmal die Androhung einer Sperre, so wie die Russen.
Da sieht man wieder, wo der Hase hinläuft. Der "Russe" ist wie üblich der Buhmann, das hatten wir schon häufiger. In einem Spiel gegen Italien letztes Jahr hatten kroatische Hooligans ein Hakenkreuz in den Rasen des Stadions von Split gebrannt. Das haben die Russen bis heute nicht gebracht, insofern verstehe ich dieses milde Urteil für die Kroaten nicht. Die UEFA macht sich immer unglaubwürdiger.
Und es gab News aus dem deutschen Lager. Mehmet Scholl hatte es gewagt, Mesut Ösil Teilnahmslosigkeit vorzuwerfen. Ösil zeigte sich verschnupft und konterte, das es an ihm abpralle, wenn ein Ex-Spieler in die Schlagzeilen wolle. Für mich klingt das pomadig. Mehmet hat nämlich recht, Ösil spielt einfach schlecht. Ob er als gläubiger Moslem den Ramadan begeht oder die Nationalhymne nicht mitsingt, geht Mehmet und mir am Arsch vorbei. Zur Zeit ist er außer Form und Ende. Mach mal Power, Mesut. Leg endlich den Turbo ein.
Heute schauten meine Löwin und ich Slowakei gegen England, der Verlierer könnte als möglicher Dritter schon draußen sein. Wales gegen Russland ist zwar auch interessant, aber beide Teams schätzten wir schwächer ein. Zu Recht?
Das Schöne der Vorrunde an diesem Modus ist ja, das generell noch alle Teams am letzten Vorrundenspieltag die Chance auf ein Weiterkommen ins Achtelfinale haben, die Ukraine einmal ausgeklammert. Da fällt die Wahl des attraktiveren Spiels schwer, wie wir gestern feststellen mussten.
England gegen die Slowakei war an diesem Tag aber wohl doch die bessere Wahl. Die Engländer machten von Beginn an ordentlich Druck. Hodgson hatte Vardy und Sturridge hineingenommen. Fünf neue Leute und Wayne Rooney, Kapitän und Leader des Teams, blieb auf der Bank. Zur Überraschung der Kritiker auf der Insel waren die Engländer haushoch überlegen und schnürten die Slowaken richtig ein. Offensiv fand die Slowakei gar nicht statt. Ihr Star Hamsik vom SSC Neapel ging komplett unter.
Vor allem Vardy erarbeitete sich Chance auf Chance, bloß ein Tor gelang ihm nicht. Dafür den Walisern nach 11 Minuten, wie ich der Bildschirmanzeige entnehmen durfte. Da musste ich einfach blitzschnell umschalten. Es dauerte auf Sat 1 leider einige Zeit, bis sie das Tor noch einmal zeigten. Derweil hörte ich den Gesängen der Waliser fasziniert zu, da bekam ich doch glatt eine Gänsehaut. Sehr schön, Außenseiter Spitzenreiter.
Nach dem erneuten Umschalten sah ich wieder das Anrennen der Engländer. Der Führungstreffer war nur noch eine Frage der Zeit. Dank ihres aggressiven Forecheckings nahmen sie den Slowaken die Pille zumeist noch vor der Mittellinie ab und schnürten den Gegner ein. Dazu sangen die versoffenen Engländer auf den Rängen die Nationalhymne ab, Prinz Harry, der auch unter den Gästen weilte, vernahm dies sicherlich mit Wohlwollen.
20. Minute, 2:0 für Wales. Diesmal war die Wiederholung schneller zu sehen. Ich blieb noch ein paar Minuten bei dieser Begegnung und sah eine überaus unengagierte russische Mannschaft. Sollten diese Spieler die Grundlage des russischen Teams bei ihrer Heim WM in 2 Jahren darstellen, dann brauchen die gar nicht erst antreten. Sicher waren sie nach dem Rückstand etwas geplättet und ein Aufbäumen machte für sie keinen Sinn mehr. Aber wenigstens für die Galerie hätten die Russen kämpfen können.
Meine Löwin hatte sich schon kurz nach der Halbzeit in den Schlaf verabschiedet. Die Engländer drückten weiter, jedoch erspielten sie sich mit der Zeit immer weniger Torchancen. Als Hodgson Mitte der zweiten Halbzeit Rooney brachte, tobte das ganze Stadion. Ein Tor erzielten die Engländer trotzdem nicht mehr und hätten nach einem Patzer des Innenverteidigers fast noch selbst ein Tor hinnehmen müssen. So aber endete das Spiel nach fünf Minuten Nachspielzeit torlos und damit auch irgendwie trostlos.
Wales erzielte sogar noch das 3:0 durch Gareth Bale – wer auch sonst – und spielte anschließend das Match nur noch routiniert herunter. Sie waren gegen die völlig enttäuschende Russen sogar noch gnädig, zu Recht fahren die Russen nach dieser desolaten Vorstellung frühzeitig nach Hause. Wales dagegen ist nach diesem Sieg Erster in der Gruppe und spielt am Samstag gegen einen Gruppendritten. Gute Chance also, das wir die Waliser im Viertelfinale auch noch erleben.
Die Slowakei als Dritter muss zittern und sich vor allem gewaltig steigern, sollten sie es schaffen. Die Engländer sind durch und können noch bis nächsten Montag das Toreschießen üben.

Mittwoch, 21. September 2022

Hartmudo: erst zum Brunnen, dann zur Penne 5/5

5
Beim Hinausgehen trafen wir hinter der Aula noch einen meiner alten Leistungskurs-Lehrer. Im Fach Gemeinschaftskunde legte er seinerzeit sehr viel wert auf das genaue Analysieren von Hintergründen politischer Vorgänge. Dieses von ihm vermittelte Vorgehen prägt meine politische Weltsicht bis heute, obwohl er meine Meinung sicherlich nicht teilen würde.
Aki-Bua, der Lange und ich unterhielten uns mit ihm noch eine geraume Zeit lang. Wer ihn nicht kennt, sollte ihn sich wie Harald Schmidt vorstellen. Nachdem wir den Werdegang verschiedener alter Lehrer mit ihm durchgekaut hatten, verabschiedeten wir uns von ihm. Auch er musste weiter und der Lange und ich mussten aufs Klo.
Während Aki-Bua sich wieder zu den anderen gesellte, landeten der Lange und ich nach erfolgter Verrichtung am Stand des DJs. Dieser war neben dem Tresen der alten Cafeteria aufgebaut. Früher hatte hier der Hausmeister in den Pausen das Sagen und verkaufte uns den guten alten Hansano Kakao in dem 0,5 Liter Tetrapack.
Nun allerdings quälte uns der DJ mit schmusigem 80er Jahre Pop. Der Lange wollte dies ändern und versuchte ihn von AC DC und ZZ Top zu überzeugen. Währenddessen organisierte ich Pils und brachte ihm eine Pulle vorbei.
Auf dem Weg hatte ich die anderen entdeckt. Sie saßen auf einer Bierzeltgarnitur vor dem Eingang der Schule und waren im Gespräch vertieft. Der Lange und ich setzten uns ebenfalls hinzu. Kiste war leider nirgendwo zu entdecken, er war anscheinend schon nach Hause gefahren und wollte endlich wieder in seinem eigenen Bett schlafen.
Ich setzte mich zwischen die beiden Mädels und unterhielt mich angeregt mit der schon beschriebenen Mitschülerin, welche ich drei Jahre zuvor etwas angeranzt hatte. Sie war Lehrerin geworden, war alleinerziehend und gibt nun wohl Kurse in der Volkshochschule. Ihre Freundin, die in unserem Jahrgang war, die ich allerdings auch nach dem Blick aufs Namensschild nicht wiedererkannt hatte, wurde zwischenzeitlich von Pocke gut unterhalten.
Mittlerweile war die Dämmerung und schließlich die Nacht über uns hereingebrochen. Das Pils wollte mir nicht mehr so richtig schmecken und ich nahm eine kurze Auszeit, um mir eine Bratwurst reinzuschieben. Senf und Toastbrot waren selbstverständlich alle, da musste ich mich mit Curryketchup begnügen.
Als ich mich wieder setzte, war die Lehrerin mit jemand Anderem in ein Gespräch vertieft und ich konnte mich endlich auf Aki-Bua konzentrieren. Hier zogen auch der Lange und Henry mit, endlich wurde es gemütlich.
So bedauerte es Henry, seine Platten weggeschmissen zu haben. Ich hatte meine wenigstens noch verkauft. Der Lange und Aki-Bua dagegen hatten ihre Scheiben behalten, genau wie Pocke übrigens. In letzter Zeit waren sie sogar dazu übergegangen, sich die alten Scheiben wieder anzuhören.
Aki-Bua hatte sich tatsächlich einen neuen Plattenspieler gekauft. Hin und wieder gönnt er sich eine Auszeit von allem und hört wieder andächtig die LPs durch, so wie in den vergangenen Zeiten, als er die selbige dafür noch hatte oder sich nahm. Immer noch über eine vernünftige Anlage, nicht über den PC mit Kopfhörern - so wie ich.
Henry und der Lange nickten zustimmend. Aki-Bua bekommt das hin, ohne seine Frau dabei zu stören. Da dies bei mir mangels entsprechenden Wohnraums nicht der Fall ist, blieb bei mir als Lösung letztendlich nur PC und Kopfhörer übrig.
Bei den Jungs war seinerzeit (wie auch noch heute) Hard und Heavy angesagt gewesen. Mit Motörhead, AC DC und vielleicht noch ZZ Top hatten wir damals Berührungspunkte gehabt, doch mein Metier waren eher Punk und New Wave.
Doch dessen ungeachtet war es diese eher unangepasste Musik gewesen, welche uns Ende der 70er geprägt und zusammengeführt hatte. Deshalb waren wir am Brunnen, an der Kuhle oder im Trixi gewesen. Der Misanthrop z.B. war an diesen kultigen Orten nie zugegen gewesen. Hätte er das man seinerzeit gemacht, dann hätte er an diesem Abend vielleicht "Positive Vibrations" ausgestrahlt.
Abgesehen davon ist Aki-Bua derjenige von uns, welcher einen nahezu geraden Lebenslauf vorzuweisen hat. Dennoch sind auch wir anderen in ruhigeres Fahrwasser geraten, rechtzeitig zum Übergang in die Rentenzeit.
Zwischenzeitlich setzte sich auch noch Brocki zu uns, den möchte ich zumindest noch erwähnt haben. Mit ihm gesprochen hatte ich jedenfalls nicht, das ergab sich leider nicht.
Die beiden Mädels waren die ersten, welche sich nach Mitternacht verabschiedeten. Kurz vor 1.00 Uhr wollten der Lange und ich auch los. Dass wir alle gerne etwas länger geblieben wären, war förmlich in der Luft zu spüren.
Aber auch Aki-Bua hatte schon sein Taxi zu seinem Vater bestellt, er musste am Sonntag ja auch noch in die Pfalz zurück. Wenn er demnächst seinen Vater wieder besuchen wird, wollte sich Aki-Bua melden. Schön, wenn dieser Kontakt zustande kommen würde.
Auf dem Weg zu meinem Fahrrad kam ich noch an Jopi vorbei. Ihn hatte ich an diesem Abend gar nicht gesprochen, weil ich mich auf diese Erlauchten-Abteilung konzentriert hatte. Aber er lächelte wissend, wir umarmten uns und dann ging ich die Stufen hinunter in die Dunkelheit.
Jetzt merkte ich auch an meinem Kratzen im Hals, das diese beiden Tage voller Aktion ein wenig zu viel für mich gewesen sein mussten. Nach Hause schaffe ich es mit dem Radl noch sehr gut, aber ab dem nächsten Morgen hatte mich der Männerschnupfen dann voll im Griff.
Das Schultreffen war ein voller Erfolg gewesen, zumindest, was mein Befinden angeht. Dass ich mit Jopi und Edith, den beiden Geschwistern aus dem Nachbarblock meiner Kindheit, an diesem Wochenende keine Zeit zusammen verbringen konnte, hat mich schon ein wenig geärgert. Wobei das Versäumnis eindeutig bei mir liegt.
Das bezieht sich nicht auf das Schultreffen direkt, sondern auf die Zeit davor. Freitagabend und Samstags tagsüber - hätte ich vielleicht doch noch irgendwie Zeit finden sollen, um mich mit beiden und natürlich Jürgen noch zu treffen.
Im Vorfeld des Wochenendes hatte ich dafür den Sonntagmorgen ins Auge gefasst, doch da grätschte mir Phil mit seiner Wohnungsbesichtigung am Sonntagmorgen hier im Haus dazwischen. Und dann ging ich da vollkommener Ermattung noch nicht mal mit, so dass ein eventuelles Treffen bei Pocke in Stöckheim sowieso schwierig geworden wäre.
Abgesehen von dieser Kalamität musste ich feststellen, dass mich diese vielen Eindrücke während der drei Veranstaltungen am Wochenende wohl über Gebühr beansprucht hatten. Doch die anschließende Mattigkeit habe ich gern in Kauf genommen, denn vor allem das Schultreffen erwies sich als tolle Fortsetzung des Nachmittags an der Kuhle.
Und dass ich vorher der alten Tradition am Brunnen, welcher nun leider nicht mehr existiert, nachgegeben hatte, freut mich besonders. Allerdings wäre eine Dose Karlsquell von Aldi statt Holsten die stilvollere Wahl gewesen.
Und das Trixi fehlte... Der ewig knackende "Countdown", an dem ich vor wenigen Jahren im Wolfsburger Phaeno zu meiner großen Freude noch einmal spielen durfte. Bimm, Bimm, Bimm - knack!

Sonntag, 11. September 2022

Contramann: Stillsitzen

Als ich nach dem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub Mitte August mit dem Rad nach Hause gefahren bin, mit Angels of Angel City auf voller Lautstärke am Start, musste ich mal wieder über das Wohlverhalten der meisten Mitbürger nachdenken.
Dank der Corona Pandemie und des Ukraine Krieges habe ich seit den letzten zwei bis drei Jahren den Eindruck gewonnen, dass die meisten meiner Mitmenschen - egal ob Kollegen, Freunde oder auch Verwandte - dazu tendieren, die Meinungen und Ansichten der Mainstream-Medien kommentarlos zu übernehmen.
Und was wurde die Notwendigkeit der Corona Maßnahmen nicht in schöner Gleichmäßigkeit dargestellt; wer diese kritisch sah, wurde seitdem als Querdenker, Verschwörungstheoretiker oder sogar als Rechtsradikaler hingestellt.
Vor allem nach längeren Gesprächen mit Kollegen zum Thema konnte ich jedoch feststellen, dass diesen doch einige Widersprüchlichkeiten in der Argumentation der Mainstream-Medien ebenfalls aufgefallen waren. Doch auch wenn sie mir teilweise bei dem Unsinn der Maskenpflicht im öffentlichen Personennahverkehr oder der Notwendigkeit einer nicht nachvollziehbaren allgemeinen Impfpflicht, welche die Verbreitung der Krankheit nachweislich nicht eindämmen könnte, zustimmten, wichen sie nicht vom allgemeinem Credo der nicht zu kritisierenden Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ab.
Die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie waren gerechtfertigt und damit basta! Der renommierte französische Soziologe Pierre Bordieu hatte dieses Verhalten wohl als " Anbiederung der Mittelklasse im Neoliberalismus an die herrschende Klasse in der Hoffnung eines gesellschaftlichen Aufstiegs" gedeutet.
Leider sehe ich mich jetzt nach einigen Bieren nicht mehr in der Lage, die Quelle im Internet wiederzufinden. Zur Not wäre dies also meine Idee, haha. Insofern müsste ich mich ebenso verhalten, auch meine Mitstreiter bei den Spaziergängen Montags wie auch andere Freunde, Verwandte oder Kollegen. Meine geliebte Frau sollte ich hier nicht vergessen.
Denn auch wir sind Mittelklasse, trotzdem wach und lassen uns nicht verarschen, um es mal deutlich zu sagen. Ein Grund, weshalb ich selbst heute noch reflexartig kritisch bin, wenn mir ein Nachrichtensprecher oder Kommentator im Fernsehen erzählt, dass Schröder als Freund Putins ein Verräter sei oder die xte Boosterimpfung zumindest eine Behandlung auf der Intensivstation verhindere, ist ein Ereignis aus meiner Kindheit.
Wir schreiben das Jahr 1967. Deutscher Meister 67, in den Farben blau und gelb... Nein, das meinte ich nicht. Es geht um meine Einschulung im Sommer jenes Jahres. Besser gesagt um die ersten Wochen und Monate meiner Schulkarriere.
Das Klassenzimmer der 1c befand sich im gerade neu errichteten Nebengebäude der Grundschule Melverode nahe des Zaunes zum Schlesiendamm, auf dem heute die Straßenbahn gen Stöckheim donnert.
Unsere Klassenlehrerin, deren Namen ich leider vergessen habe, hatte einen guten Trick auf Lager, um den noch ungebändigten Kindern Disziplin beizubringen. Immer wenn sie zum Beginn einer Stunde das Klassenzimmer betrat, vergab sie Punkte für Wohlverhalten. Dies bedeutete still sitzen mit verschränkten Armen und Bereitschaft zum Zuhören, wenn die Lehrerin ihren Unterricht begann.
Diejenigen, welche dies zuerst schafften, bekamen die Pluspunkte. Ich weiß es nicht mehr wirklich, bin aber der Meinung, dass es 15 Punkte waren, die man erreichen musste, um einmal keine Schulaufgaben machen zu müssen.
Der kleine sechsjährige Contramann war natürlich pfiffig genug, um blitzschnell zu reagieren, wenn die Lehrerin das Klassenzimmer betrat. In Windeseile saß ich vorschriftsmäßig auf meinem Platz und strich den Punkt ein. Ich wollte schlichtweg nicht nur der Sieger sein, sondern auch die wohlverdiente Belohnung einheimsen.
Begriffe wie Streber oder Schleimer waren mir als Sechsjährigen natürlicherweise fremd. Ich blieb straight und es kam, wie es kommen musste. Ich erreichte als erster die 15 Punkte und freute mich auf meine Belohnung - einmal keine Hausaufgaben machen zu müssen.
Das die Lehrerin ihre Punkte sparsamer verteilte, je näher ich der 15 Punkte Grenze kam, checkte ich als Sechsjähriger nicht. Vielleicht hatte sie nicht mit meinem brennenden Ehrgeiz gerechnet, vielleicht hatte die Schlampe einfach auch nur die Folgen nicht bedacht. Und selbstverständlich erhielt ich meine Belohnung nicht.
Wie sie dies mir gegenüber begründete, weiß ich heuer nicht mehr. Bei mir blieb nur haften: ich hatte mich angestrengt, alle Bedingungen erfüllt und wurde beschissen. Ich lernte ergo schon sehr früh, der Staatsmacht - hier die Lehrerin - nicht zu vertrauen.
Nun ist es nicht so, dass dieses Erlebnis mir ständig im Kopf herum spukte. Wäre dies der Fall gewesen, hätte ich wohl kaum die Beamtenlaufbahn ergriffen. Doch des öfteren in meinen Leben hielt ich es für notwendig, renitent sein zu müssen.
Und ja, da bin ich scheiße stolz drauf! Was sind das nur für Menschen, die um ihres eigenen Vorteils willen bereit sind, alles mitzumachen. Gerade wir Deutschen sollten es doch endlich gelernt haben. Aber es zeigt sich gerade in diesen schwierigen Zeiten eines drohenden dritten Weltkrieges oder der drohenden weiteren Einschränkung der Grundrechte durch Karl Lauterbach, das die meisten Bürger vorgeblich die Demokratie verteidigen wollen, sich in Wirklichkeit aber vor Angst in die Hose scheißen, weil sie "Schwierigkeiten" bekommen könnten.
Selbstverständlich habe ich auch Angst. Doch habe ich auch oft genug in meinem Leben Fehler eingestanden, mich zumindest entschuldigt, wenn ich jemanden geschädigt hatte oder auch einfach nur Verantwortung übernommen, selbst wenn ich dabei wie Espenlaub gezittert hatte. Ich stamme eben nicht aus einem gebildeten Elternhaus und erhielt keine Hilfen, um durch das Abitur zu kommen.
Doch den Gerechtigkeitssinn sowie die Empathie für meine Mitmenschen wurden mir von meinen Eltern mit Volksschulbildung mitgegeben. Mittlerweile bin ich geneigt zu konstatieren, das Menschen aus dem Bildungsbürgertum - jetzt bin ich wieder bei dem französischen Soziologen - dies nicht in die Wiege gelegt bekommen haben.
Beispiele hierfür kenne ich aus meinem Umfeld genug. Es geht den Leuten wohl noch zu gut. Sollten diejenigen, welche jetzt noch laut "Querdenker" oder "Coronaleugner" schreien, irgendwann aufwachen und Solidarität mit ihren persönlichen Befindlichkeiten einfordern, dürfen sie nicht mit meiner bedingungslosen Teilhabe rechnen.
Mich jahrelang als Idioten hinstellen und nachher meine Hilfe einfordern, wenn sie es endlich geschnallt haben, wie der Laden hier läuft. Da stehe ich ja drauf! Nicht mit mir, Leute. Mein Vater hatte das Eiserne Kreuz 2. Klasse, legt euch nicht mit Contramann an.
Oder ziehe ich dann doch lieber den Schwanz ein? Wer weiß das schon, bei Bedarf werden wir es schon herausfinden. Wenn ich nur wüsste, wie meine Klassenlehrerin in der Grundschule hieß...

Donnerstag, 8. September 2022

H. Lecter: Alf

35
Auch der Akkordeonspieler hatte seinen Spaß. Voller Glückseligkeit grinste er über beide Backen und schunkelte mit Alf zusammen im Takt, dass es eine Freude war. Wie nicht anders zu erwarten war, flachte die Stimmung im Publikum nach wenigen Minuten ab. Die Leute wendeten sich jetzt wieder ihren Gesprächen zu, so dass Alf und der Akkordeonspieler nicht mehr im Mittelpunkt standen.
Dem Akkordeonspieler konnte es egal sein, er wechselte einfach in ein anderes Festzelt, nicht ohne vorher noch etwas Geld von den Anwesenden abkassiert zu haben. Alf seinerseits setzte sich ganz ans Ende einer der langen Holzbänke und nahm erst einmal einen Schoppen Wein zu sich.
Den hatte er sich auch redlich verdient, hatte er doch die Mannschaft wenigstens ein paar Minuten gut unterhalten können. Detzer und ich behielten ihn aus den Augenwinkeln immer im Blick, da wir ihn gut genug kannten, um zu wissen, was nun folgen würde. So plauderten wir geraume Zeit vor uns hin und genossen den Wein, während Alf nach geraumer Zeit urplötzlich einschlief.
Da hing er nun zusammengesunken auf der Bank ohne Rückenlehne, den Kopf im Sitzen leicht geneigt und die Augen geschlossen. Diese Körperhaltung gelang ihm, ohne dass er sich mit den Händen auf der Holzbank abstützen musste. Das schafft ja nun auch nicht jeder. Und obwohl wir 20 m weit entfernt saßen, konnten wir Alf gut erkennen und machten aber keine Anstalten, es ihm ein wenig bequemer zu machen.
Frank-Walter, der ca 5 Meter schräg hinter Alf saß, ignorierte diesen völlig. Ob er es jetzt schon bereute, Alf zu dieser Aktion überhaupt mitgenommen zu haben? Wir wissen es bis heute nicht, zumal sich Frank-Walter seit seiner Pensionierung vor einigen Jahren gar nicht mehr gemeldet hatte. Anders als Detzer übrigens, mit dem ich mich heute immer noch ab und an treffe.
Irgendwann war es an der Zeit, den Rückweg zum Bus anzutreten, um nach Hause zu fahren. Auf die bloße Ansage hin, dass wir jetzt los müssten, standen alle Mitreisenden wie auf ein Kommando auf. Sagte ich alle Mitreisenden? Richtig, der schlafende Alf bekam dies natürlich nicht mit.
Und er saß ganz am Rand der mehrere Meter langen Holzbank. Wie ein nasser Sack stürzte der regungslose Alf auf den Betonboden und rührte sich zunächst nicht mehr. Nicht, dass er sich vorher bewegt hätte.
Sofort war er von mehreren Leuten aus unserer Reisegruppe umringt, die sich um ihn sorgten. Im gleichen Moment setzte sich Frank-Walter erwartungsgemäß Richtung Ausgang in Bewegung, als ob ihm Alf vollkommen unbekannt gewesen wäre. Zur selben Zeit schauten Detzer und ich uns gegenseitig genervt an. Detzer hatte noch vom Riesenrad genug, schüttelte nur kurz den Kopf und stand zwar nach ein paar Sekunden auf, blieb aber in einem gebührenden Sicherheitsabstand stehen.
So war es mir vorbehalten, mich zur Menschentraube um Alf vorzuarbeiten und zu schauen, was so abgeht. Da lag er nun, platt wie ein Fisch auf dem Trockenen und japste nach Luft. Hemd, Gesicht und Haare waren in Schweiß gebadet und seine Brille vollkommen beschlagen, als ob er gerade vom Regen in die Traufe gekommen war. Vollkommen orientierungslos gab er lediglich noch quäkende Laute von sich.
Es konnte kein Zweifel bestehen: Alf litt unter dem Verlust der Muttersprache. Die paar Mitreisenden aus dem Bus, die um ihn herum standen, waren vollkommen konsterniert und wirkten verständlicherweise hilflos, weil diese Reaktion von Alf für einen Außenstehenden vollkommen überraschend und unerklärlich sein musste.
Ich hatte dies bei ihm zwar auch noch nicht so erlebt, doch ich hatte in all den Jahren gelernt, dass bei Alf das Unerwartete zu erwarten ist. Alf stand halt einfach nur unter Schock. Eben noch schlief er selig auf der Bank, im nächsten Moment knallte er auf den Boden. Und beim plötzlichen Wachwerden standen dann noch wildfremde Leute um ihn herum, die ihn anstarrten und auf ihn einredete.

Dienstag, 6. September 2022

Hartmudo: erst zum Brunnen, dann zur Penne 4/5

4
Kurz gesagt: Aki-Bua hatte nach seinem Studium in Göttingen bei der Post angefangen und war irgendwann in die Telekom gerutscht, hatte dort Karriere gemacht und konnte bereits mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen.
Sicherlich wirkte er deshalb auch nach 40 Jahren noch sehr frisch, war quasi nicht gealtert. Ein Familienmensch, der im Ruhestand endlich die Zeit für seine beiden nahezu volljährigen Jungen gefunden hatte.
Vor vielleicht 15 bis 20 Jahren war diese Lebenseinstellung noch nicht meine gewesen, aber nachdem ich meine Löwin kennengelernt hatte, habe ich diesen Lifestyle von Jahr zu Jahr mehr geschätzt und folgerichtig den "Rock n' Roll" der 80er und 90er Jahre nach und nach hinter mir gelassen.
Diesen Lifestyle als "freier" Mensch - einsamer Wolf passt allerdings eher - hatte ich immerhin knapp über das 40. Lebensjahr hinausgezogen. Lediglich dem Alkoholkonsum bin ich seither treu geblieben. Ich würde das als "in Würde altern" bezeichnen, möchte aber trotzdem keinen Alleinstellungsanspruch auf die korrekte Lebensführung erheben.
Allerdings finde ich es schön, dass ich nach all den "wilden" Jahren meine vergangene Ablehnung einer "normalen" Lebensweise ("so wie die Alten") überwinden konnte.
Abgesehen davon stellten wir im Laufe des Abends übereinstimmend fest, dass wir alle noch unsere alte Mucke aus den 70ern und 80ern aufzulegen pflegen, wenn wir denn mal wieder "Bock auf Rock" haben. Bei den Erlauchten ist dies eindeutig die "Hard und Heavy" Abteilung, vielleicht zählte ich auch gerade deshalb damals nicht wirklich dazu.
Da standen wir hier nun vor dem Haupteingang unserer alten Schule mit der ersten Rutsche Pils, als Jürgen und Edith mit Jopi im Schlepptau endlich auftauchten. Auch UMD und Pockes Schwester sagten noch kurz Hallo, waren jedoch nach kurzer Zeit gleich wieder verschwunden. Jürgen und Edith jedenfalls brauchten ein Bier, die nächste Runde wurde fällig.
Als Jürgen sagte: "Der Brunnen läuft ja immer noch nicht", fiel mir diese uralte Begebenheit gleich wieder ein. Hinter dem Verzehrstand ist jetzt das alte Wasserspiel von damals zu entdecken, welches, wie damals schon, nicht funktionierte.
Die sich drehenden Wippen in ungefähr 3 m Höhe waren eine Fehlkonstruktion gewesen. Anstatt sich zu drehen und das Wasser untereinander zu verteilen, waren sie schon Ende der 70er nach kurzer Zeit stehen geblieben. Uns Schülern wurde das seinerzeit quasi als Verbindung von Kunst und Technik angepriesen. Da dies ja nun widersprüchlich ist, konnte es auch nie funktionieren.
19:30 Uhr, jetzt stand die erste Führung an. Da waren die ältesten Jahrgänge für vorgesehen, ergo waren wir mit dabei. Witzigerweise war ja auch unser Abijahrgang 1980 der Älteste mit einer nennenswerten Anzahl von Teilnehmern an diesem Abend.
Der ehemalige kommissarische Leiter und auch Lehrer Harald Burgdorf, den ich persönlich zugegebenermaßen nicht kannte, übernahm die Führung durch die heiligen Hallen. Übrigens, weder Jopi noch Kiste hatten Lust verspürt, sich an dieser Führung zu beteiligen. Das fand ich schade, aber Kiste wollte verständlicherweise noch in Ruhe sein Chili sin Carne aufessen. Den Misanthropen hingegen vermisste ich überhaupt nicht.
Die hell angestrichenen Wände rochen nach frischer Farbe, was den positiven Gesamteindruck allerdings nicht schmälern konnte. Wie hatte sich unsere Schule doch verändert! Ich habe die Flure eher in einem matten Grau-Schwarz mit dunklen Linoleumböden in Erinnerung.
Auch die seinerzeit reichlich vorhandenen Schließfächer in ihrer silbernen Stahloptik waren für nur noch wenige, dafür aber optimistisch weiß leuchtende Boxen gewichen. Die ehemals düstere Atmosphäre ist nach meinem Eindruck mittlerweile einer klinischen und sterilen Umgebung gewichen.
Als nächstes besichtigten wir die Aula, die seit damals wie ein Hörsaal aufgebaut ist. Dieser Raum muss unter Denkmalschutz stehen. Zu meiner großen Freude waren die orangefarbenen Deckenleuchten immer noch installiert.
Ich präzisiere: An der Decke sind unterschiedlich große weiße Kreise installiert, alle zueinander im Abstand zur Decke etwas versetzt gesetzt. Auf diesen Kreisen sind einfach aussehende Glühbirnen befestigt, viele davon in einem siebziger Jahre Orange.
Unten die alte schwarze Bühne... Wir alle fühlten uns sofort wieder heimisch. Von hier aus ging es noch in ein Chemielabor, welches so gar nicht in unserer Erinnerungsraster passen wollte. Waren seinerzeit die Chemie- und Physikräume nicht auch hörsaalmäßig aufgebaut?
Während dieser Führung tauschte ich mich hauptsächlich mit Jürgen und Aki-Bua aus, aber auch der Lange, Pocke und Henry hatte noch einige alte Anekdoten zu berichten. Die wohl schönste hiervon, welche ich zu seiner Zeit nicht mitbekommen hatte, erzählte der Lange (oder war es Aki-Bua?) auf dem alten Raucherhof, in dem wir kurz verweilen durften.
Da hatte Berthold, der heuer aufgrund einer erneuten Corona Erkrankung nicht teilnehmen konnte, den Raucherhof in einer Pause mit Hilfe eines Fahrradschlosses abgeschlossen. Und als es dann zur nächsten Stunde klingelte, waren die Raucher ausgesperrt worden und mussten um Hilfe schreien.
Ein uns allen reichlich bekannter Erdkundelehrer befreite die Raucher schließlich über die gegenüberliegende Tür. Berthold, von hier aus noch einmal gute Besserung, wurde für sein engagiertes Auftreten nie belangt.

Freitag, 2. September 2022

Contramann: kurz gesehen im September

https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/die-ukraine-ist-die-neueste-katastrophe-amerikanischer-neocons-li.242093
Ich diskutiere mittlerweile nicht mehr über den Krieg in der Ukraine, seitdem ich feststellen musste, dass Streitgespräche sehr schnell hitzig wurden, wenn ich bei den Kriegsgründen die traurige Vorgeschichte der Bombardierung der abtrünnigen Donbas-Republiken erwähnte. Die „gewaltsame Annektierung der Krim“ durch die Russen ist dann das beliebte Gegenargument.
Wenn ich dann noch die umfangreiche Unterstützung der Maidan-Bewegung durch den Westen, der durch einen nationalistischen Mob verursachte Brand im Gewerkschaftshaus Odessa am 2.Mai 2014 mit 48 Toten oder das Verbot von Russisch als Amtssprache erwähnte erwähnte, wurde das Gespräch meist schnell abgebrochen.
„Der alte Scheiß interessiert mich nicht“ ist dann schon mal zu hören. Nun, die Neocons arbeiten gezielt und langfristig. Dieses strategische Denken packt der westdeutsche Intellektuelle nicht (mehr), deshalb geht es in Deutschland auch mehr und mehr bergab. Mit diesem Artikel kann man starten, wenn man sich über die Neocons näher informieren möchte.

https://taz.de/Vorwuerfe-von-Amnesty-gegen-die-Ukraine/!5868245/
Da ist selbst Amnesty International aufgefallen, dass sich die ukrainische Armee nicht davor scheut, sich in zivilen Einrichtungen zu verschanzen und die Zivilbevölkerung damit als Geiseln zu benutzen. Dies entspricht nicht dem Völkerrecht und wurde auch zu Recht angemahnt.
Jetzt kommt die TAZ mit so einem Kommentar um die Ecke. Russland ist der Angreifer in diesem Krieg und allein das Benennen des ukrainischen Fehlverhaltens führe dazu, dass Moskau die Täter-Opfer Zuordnung umkehrt. Außerdem hatte Amnesty International das publiziert, bevor eine Stellungnahme der Ukraine vorlag. Es würde unter den Tisch fallen, das Russland zivile Ziele angreift.
Wie im deutschen „Qualitäts“-Journalismus mittlerweile üblich, wird die Hälfte der Geschichte weggelassen bzw. mit zweierlei Maß gemessen. Die russische Sicht auf die Ereignisse in Mariupol oder Butscha wurden bei den Meldungen der hiesigen Presse ja auch nicht abgewartet, sondern eher unterdrückt. Und das ein Verschanzen des ukrainischen Militärs in Zivileinrichtungen völkerrechtlich dazu führt, das diese eben nicht mehr als Zivileinrichtungen geschützt sind, hätte der Kommentator ruhig erwähnen können.
Frage: Reichte dazu seine intellektuelle Qualität nicht oder durfte er nicht?

https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-42-staaten-fordern-abzug-russischer-truppen-aus-akw-saporischschja-a-4b5ac042-6f0d-45cc-8a0c-884268f7d007
Die Lage im russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja, das wohl größte AKW Europas, sieht nicht gerade rosig aus. Russland und die Ukraine bezichtigen sich gegenseitig, das AKW zu beschießen, um dadurch eine weitaus schlimmere Katastrophe als Tschernobyl zu verursachen. 42 Staaten fordern deshalb die Russen auf, der Ukraine die Kontrolle über das Atomkraftwerk zu überlassen.
Dass diese 42 Staaten sämtlich die Ukraine unterstützen, ist nicht wirklich überraschend. Verwunderlich finde ich es eher, dass die Russen auf das AKW schießen sollen, obwohl sie dies selbst besetzt halten. Da erscheint mir die russische Version, dass die Ukrainer die russischen Soldaten ohne Rücksicht auf Kollateralschäden beschießen, wahrscheinlicher.
Aber ich bin ja auch nicht so objektiv wie die deutsche Qualitätspresse. Wie viel Staaten nochmal? Ah - 42! Die Antwort auf die Frage nach nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Na dann.

https://www.un.org/en/black-sea-grain-initiative/vessel-movements
Hier nun mal eine Verlinkung auf eine Seite der UN, nicht dass es wieder heißt, Contramann streut Fakenews in die Welt. Wir sehen hier die Liste der Schiffe, die dank der ukrainisch-russischen Vereinbarung seit Anfang August die angeblich von den Russen blockierten ukrainischen Getreidelieferungen endlich in die Welt schippern, um drohende Hungerkatastrophen verhindern zu können.
Das diese Lieferungen für die hungernden Staaten der Dritten Welt vorgesehen sind, wurde die ganze Zeit von unseren Qualitätsmedien kolportiert. Insbesondere der Weizenmangel wurde hervorgehoben, da die Ukraine ja als Kornkammer Europas gilt. Hier die Liste der weltgrößten Weizenexporteure 2020:
https://www.topagrar.com/mediathek/fotos/ackerbau/das-waren-2020-die-groessten-weizenexporteure-weltweit-13102005.html
Immerhin – Platz 5, knapp hinter Frankreich. Aha. Und auf Platz 1 – quasi als Rekordmeister – Russland. Aber halt! Die zählen ja nicht, weil die dank der Sanktionen ihre Schiffe nicht versichert kriegen und auch nicht an Getreidelieferungen verdienen sollen. Die könnten davon ja Waffen kaufen. Die Tausende von Kindern in der 3. Welt, die deshalb verhungern müssen, sind das Opfer schon wert. Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright hielt seinerzeit 300.000 tote Kinder im Irakkrieg ja auch für gerechtfertigt.
Aber bleiben wir bei den Schiffen, die das ukrainische Getreide ausliefern. Hauptsächlich Corn und Sunflower Meal – also Mais und Sonnenblumenmehl - waren geladen. Die Lieferung ging dann nach Italien, China, Türkei oder Iran und wurde dort wohl eher zu Tierfutter verarbeitet. Die einzige Weizenlieferung – lächerliche 3000 Tonnen – ging in die Türkei. Damit hat Erdogan sicherlich die Kurden beliefert.
Es fällt schon auf, dass in der Tagesschau nicht mehr über die Getreidetransporte berichtet wird. Das ist die Taktik im momentan laufenden Propagandakrieg. Erst den Gegner (Russland) als Verursacher von Hungerkatastrophen in der 3. Welt hinstellen und dann schnell das Thema wechseln, wenn sich die ursprüngliche Behauptung als unwahr herausstellt.
Und alle Bildungsbürger machen mit. Spiegelleser wissen ja mehr – Scheiße was!

https://globalbridge.ch/ukraine-selenskyj-und-seine-regierung-sind-alles-andere-als-stabil/
Eine staubtrockene Analyse der politischen Lage in der Ukraine, deren heldenhaften Kampf gegen den russischen Aggressor nicht nur die deutsche Außenministerin bedingungslos unterstützt. Der Autor Gordon Hahn ist „Senior Researcher“ im „Center for Terrorism and Intelligence Studies (CETIS) in San Jose.“
Mehr habe ich zu Hahn in der Kürze nicht herausfinden können, aber da er an einem US-amerikanischen Institut beschäftigt ist, scheint mir die Gefahr einer durch russische Propaganda gesteuerte Fehlmeldung gering zu sein.
Egal, das Fazit allein reicht. Selenskji scheint nicht so sicher im Sattel zu sitzen, wie es uns die Nachrichtensendungen Glauben machen wollen. Egal ob Oligarchen oder Neofaschisten im Hintergrund arbeiten - in der Heute Redaktion und Co. wird so etwas gnadenlos ignoriert. Mal sehen, wann es dort zum Pusch kommt.
Nicht, dass die chaotischen Machtverhältnisse am Ende doch noch publik werden. Könnte für die herrschende politische Elite in der Nato peinlich werden.

Alsdann: Bleiben Sie links, bleiben Sie kritisch. Und:
„I`m so bored with the USA. But what can I do?“