Laurent Binet - Eroberung
Aus einer Laune heraus hatte ich mir mal vor zwei bis drei Jahren einen Parallelweltroman gekauft. Irgendwie bin ich wohl bei Amazon darüber gestolpert; Das Setting las sich erst einmal spannend und interessant, da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Und Laurent Binet hat Geschichte in Prag studiert und einige französische Literaturpreise erhalten, die mir allerdings nicht sagen. Der französische Stil ist nun auch nicht unbedingt meins.
Dies war sicherlich auch der Grund, weshalb ich mich so lange schwer getan hatte, mit dem Roman anzufangen. Als ich mich diesen Sommer endlich dazu aufraffte, mal von der reinen Science Fiction zu pausieren, griff ich als Übergang zu diesem Buch, welches der Hochliteratur zuzurechnen ist.
Worum geht es eigentlich? Zwei Ereignisse der Weltgeschichte sind in diesem Roman anders gelaufen als in unserer Realität. Zunächst einmal sind die Wikinger von Erik dem Roten nicht an der kanadischen Ostküste stehen geblieben, sondern nach dessen Tod unter Führung seiner Witwe Freydis Eriksdottir bis nach Kuba gesegelt, wo sie sich niederlassen und sich mir den Einheimischen vermischen.
Die nächste Änderung betrifft Christoph Kolumbus. Dieser verliert seine Schiffe und nach und nach seine Männer, da sich alle mit einer ansteckenden Krankheit von den Indios infizieren. In Europa ist er wohl schnell vergessen, Kolumbus endet als Sklave bei den Indios, hat ihnen aber noch das Schießen mit den verbliebenen Musketen beigebracht. Er stirbt in dem Glauben, wenigstens sein anvisiertes Ziel Indien erreicht zu haben.
Aus Europa segelt derweil niemand mehr nach Südamerika, Europa beschäftigt sich mit sich selbst. Doch bei den Inkas tut sich etwas. Nach dem Tod des alten Inkas teilen sich die Brüder Huascar und Atahualpa das Reich, wobei Atahualpa von seinem Bruder bekämpft wird und nach Norden fliehen muss.
Wohl auf Kuba kommt er dann zu den Nachfahren der Wikinger, welche die Musketen verfeinern konnten. Atahualpa sammelt diese Waffentechnik um sich, muss aber dennoch vor seinem Bruder über den großen Teich fliehen. Sie erreichen den Hof der kastilischen Königin Catalina; und über Karl des Fünften - den sie töten - erobern sie nach und nach Europa.
Immer von der Auslöschung bedroht, werden sie vom französischen König unterstützt, bis endlich irgendwann Atahualpas Bruder einlenkt und Verstärkung nach Europa schickt. Insbesondere Wein wird nach Südamerika verschifft, das Geschäft ist zu lukrativ für die Inkas. Und dann taucht mit den Azteken ein neuer Feind in Europa auf. Unterstützt von den Engländern, wird Europa kurzerhand in zwei Einflusssphären geteilt.
Bekannte historische Figuren aus dem 16. Jahrhundert geben sich hier die Klinke in die Hand, ob Leonardo da Vinci oder Martin Luther: Alle sind unter der Herrschaft der Inkas ein klein wenig anders aufgestellt, da die Kultur und Religion der Inkas natürlich hier Wirkung zeigt. Ich habe den Roman dann förmlich verschlungen, mein Interesse für Geschichte half da natürlich.
Am Ende reitet Manuel de Cervantes Jahre später durch ein vollkommen anderes Europa. Auch sehr witzig, dessen leicht abgeänderten Abenteuer. Lest das Buch, ist nen Schnapper.
Josephine Quinn - Der Westen - Eine Erfindung der globalen Welt
Nach diesem “historischen“ Roman wollte ich noch einen hinterher schieben mit einem Dicken Wälzer. Dieses Sachbuch der Professorin für alte Geschichte in Cambridge hat bei mir einige Lücken füllen können. Insbesondere die Zeit vor Gründung der griechischen Polis konnte mich außerordentlich fesseln.
Auch Josephine Quinn beschränkt sich auf die „bildungsrelevante“ Geschichte Mesopotamiens, Nordafrikas und Europa. Dies war ich aus meiner Schulzeit auch schon gewohnt. Selbst mein Abo von Geo Epoch hatte mir bislang wenig weiterhelfen können. Immer fehlte diese eine kleine Info: Wie haben die Menschen damals gelebt?
Geschichte wird in den Schulen vorrangig als eine Abfolge von Ereignissen gelehrt. Land und Leute, wirtschaftliche Strukturen werden nur am Rande abgehakt und sind nicht prüfungsrelevant. Entwicklungen von gesellschaftlichen Strukturen werden dadurch schwer sichtbar. Selbst der historische Materialismus eines Friedrich Engels hilft da nicht weiter, weil Engels sich auf Besitz- und Machtverhältnisse konzentriert.
Frau Quinn wollte lt. Buchbeschreibung darstellen, dass der „Westen“ - oder auch Europa, so wie wir ihn begreifen und es uns immer von der Politik dargestellt wird, mit all seinen Werten nicht aus sich heraus entstanden ist, sondern nur dank der Übernahme von Wissen anderer Hochkulturen zu der uns gelehrten Vorreiterrolle für die Welt aufsteigen konnte.
Sie schildert genau wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeiten. Hier seien die Stadtstaaten aus der Levante genannt, die bereits Anfang des letzten Jahrtausends vor Christus das Mittelmeer beherrscht hatten und bis Gibraltar Handelsstützpunkte errichtet hatten. Die uns als Phönizier bekannten Händler sind uns lediglich dank Hannibal und Karthago im Gedächtnis geblieben, vielleicht noch als Piraten aus den Asterix Heften.
Quinn stellt am Ende ihres Buches auch heraus, dass die arabische Wissenschaft ab dem siebten Jahrhundert für mehr als ein halbes Jahrtausend einzigartig und Europa meilenweit voraus gewesen war. Eine aufgrund höheren Wohlstands im Innern eher friedliche Gesellschaft im Gegensatz zum christlichen Europa, welches sich u.a. in den Kreuzzügen arabisches Wissen angeeignet hatte.
Erst mit den Eroberungen in Übersee seit der Zeit von Christoph Kolumbus nimmt der „Westen“ die herausragende Stellung in der Welt ein, welche seitdem ständig betont wird. Die bei uns häufig auftretende Arroganz gegenüber „hinterherhinkenden“ Kulturen ist demnach nicht angebracht. Dies wird auch Dir nach Lektüre dieses Buches bewusst.
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