Dienstag, 30. August 2016

Udorallala: Werner Momsen

August/September ist ja immer die Zeit für „Kultur im Zelt“. Trotz meiner Bedenken bezüglich des Caterings bei den Veranstaltungen dieses Events hatte ich mich letzte Woche von Pocke zu einem Besuch breitschlagen lassen. Per Whatsapp fragte er an, ob ich Montag Zeit hätte.
Wenn er schon so fragt, gab es für mich nur eine Antwort: Ja!
Werner Momsen sollte es sein, ein Auftritt anlässlich „Kultur im Zelt“. Mir sagte der Name nichts, aber ich sagte den Termin zu, als ich etwas gegoogelt hatte. Der „Klappmaul-Komiker“ ist eine lebensgroße Puppe aus Schaumstoff, der vor dem Puppenspieler Detlef Wuschik hängt. Wuschik bedient mit der rechten Hand den Mund und gestikuliert mit dem linken Arm, der in den Arm der Schaumstoffpuppe übergeht. Wuschik trägt dazu einen schwarzen Ganzkörperanzug, so dass sich der Zuschauer voll auf Werner Momsen konzentrieren kann.
Die Videos auf YouTube fand ich nicht schlecht, aber auch nicht überragend. Werner Momsen ist in den dritten Programmen wie des Regionalfernsehens im Norden eine feste Größe und wird in Magazinen wie „DAS“ gern als Spaßreporter beschäftigt. Ein echtes Nordlicht, das machte ihn mir gleich sympathisch.
Nun steh ich ja nicht wirklich auf den Trend, Puppen im Metier der Comedy einzusetzen. Die Muppets, das ganz große Vorbild aus den Siebzigern, wirken heute nur noch im Bereich des Kinderfernsehens, was sie ja ursprünglich groß gemacht hatte. Insbesondere bei RTL haben sich Rene Marik und Sascha Gremmel mit ihren Figuren zu eigenen Shows durchgesetzt. Aber insbesondere Gremmel ist vor allem eines: Nicht witzig.
So ging ich dann mit gemischten Gefühlen in diese Veranstaltung, die ich auch anhand der Videos schwer einschätzen konnte. Pocke und ich schlorkten 2 Bier vorab, dann nahmen wir unsere hervorragenden Plätze in der vierten Reihe ein. Plüschsessel, Plüschsofa, Stehlampe mit Fransen. Damit ist der Bühnenaufbau hinreichend beschrieben.
Und da kommt er auch schon auf die Bühne. Werner Momsen ist Rentner, die Klamotten erinnern auch entfernt an Herbert Knebel. Er redet sehr viel von früher, wie es da so war. Zeiten, in denen man z.B. eine „Manchesterhose“ so lange in der Öffentlichkeit trug, bis man die Riefen mit den Fingerspitzen nicht mehr erspüren konnte. Pocke und ich waren sofort gefesselt, denn wir wussten: Genau so war es früher!
Werner Momsen nimmt unser aller Alltag aufs Korn. Ob es um das Verhalten von Touristen auf Kreuzfahrten geht oder warum Energiesparlampen nun wirklich Blödsinn sind. Schließlich werden die Altenpfleger bald die ersten Arschgeweihe reinigen dürfen. Momsen erinnert uns daran, dass unser Leben voller Widersprüche steckt, mit denen wir zurechtkommen müssen. Political Correctness hilft da nicht wirklich weiter.
Genau das ist eine wesentliche Erkenntnis dieses Abends, denn ich habe für mich schon seit geraumer Zeit festgestellt, das mich das politische Kabarett nicht mehr antörnt. Auch wenn z.B. die Anstalt gesellschaftliche Fehlstellungen wie auch politische Entgleisungen messerscharf aufspießt, bringt mir das nicht viel. Ich habe eh dieselbe Meinung, die dort nur bestätigt wird. Mehr als ein gemütliches Bauchpinseln kommt da nicht mehr bei rum. Und auch gute politische Kabarettisten fangen an zu eiern, wenn es um die Flüchtlingsfrage geht. Die dem Thema innewohnenden Widersprüche können sie nicht auflösen, ja sie müssten sogar konsequenterweise Angela Merkel zur neuen Heldin erklären, was aber nicht geht, da sie Angie ansonsten immer (zu Recht) verteufeln.
Da liegt mir mittlerweile Werner Momsen, wie Angela ein Kind der Hansestadt Hamburg, erheblich näher. Wenn er von seiner Ehefrau Liesbeth erzählt und dann die ewigen Klischees des Rollenverhaltens von Mann und Frau bedient, dann ist das zwar ein alter Hut, aber dafür einer, der Pocke und mir inzwischen passt.
Er bietet die gehobene Qualität der nicht-politischen Comedy, die Leuten wie Mario Barth, Ingo Appelt oder Atze Schröder schon seit langem abgeht. Da weht stellenweise ein Hauch von Werner Finck durch den Saal, dem großen Mann des Kabaretts, der vor allem in den 50er Jahren den Alltag mit philosophischen Weisheiten beschreiben konnte.
Momsen ersparte dem Auditorium moralisierende Eskapaden und verschonte das Publikum mit politischen Statements, die keiner mehr braucht. Pocke und ich fühlten uns einfach nur noch wohl, trotz der engen Sitze. Die 2 Pils in der Pause waren unserer Stimmung auch nicht ganz abträglich, so dass wir kurz nach 23.00 Uhr das Zelt verließen in der Gewissheit, einen sehr guten Auftritt erlebt zu haben.
Eines noch: Ich hatte letztes Jahr über das Catering geklagt; Diese Kritik erhalte ich aufrecht. Wenn ich an einer Kasse erst Getränkebons in Form eines stinknormalen Kassenzettels erwerben muss, um das Pils 143 Zentimeter weiter links zu bestellen, dann ist das einfach nur Panne. Der Zapfer dazu war zwar nett, aber langsam. Das Catering ist, mit einem Wort, ineffektiv.
Egal. Werner Momsen will angeblich noch dieses Jahr mit einem neuen Programm in der Brunsviga auftreten. Auf der Seite der Brunsviga ging dies leider nicht hervor, aber wer weiß. Vielleicht passiert da noch was. Und wenn ja, dann sind wir dabei. Und Du, meine Löwin, kommst dann mit. Genau Dein Ding.

Dienstag, 23. August 2016

Hartmudo Spezial: Die dicke Wade 10/17

Ich kenne dies bereits durch meine Recherchen bezüglich Arthritis und erzählte Horst von der entzündungshemmenden Wirkung des grünen Tees. Wir blieben aber nicht bei Krankheiten stehen. Wieder die Geschichten aus der Kindheit und immer wieder die Sorge um seine Frau. Deren schleichende Erblindung durch eine schleichende feuchte Makula bekümmerte ihn fast noch mehr als sein eigenes Problem mit den Nierensteinen.
Auf alle Fälle sollte seine Frau Landesblindengeld beim Sozialamt sowie einen Behindertenausweis beim Versorgungsamt beantragen. Hierbei wollte ich Horst noch mit Kontaktadressen helfen, um es den Beiden zu erleichtern.
Ich bot Horst an, den Kopfhörer für ihn auszutauschen, da ich mir noch ein Ticket fürs WLAN besorgen wollte und deshalb sowieso die Anmeldung besuchen musste, wo er seinen kaputten Kopfhörer erstanden hatte. Horst war froh, das ich ihm den Gang abnahm. Es hätte auch keine Eile, meinte er.
Nach einer knappen halben Stunde war es Zeit fürs Mittagessen, dem Höhepunkt des Tages; auch für Horst. Zügig ging ich in mein Zimmer zurück. Rechtzeitig genug, denn das Essen war noch nicht im Zimmer. Sven war immer noch nicht zurück, Karina machte sich auf in die Stadt. Sie wollte dort noch etwas erledigen und sich was zu Essen besorgen.
Mein Mittagessen nahm ich also alleine ein. Mein Essen mundete mir, insbesondere das Karottengemüse. Kaum hatte ich fertig und das Bein wieder vorschriftsmäßig hochgelegt, tauchte Karina wieder auf. Sie hatte sich Börek mitgebracht und Laufe genüsslich darauf herum. Wir unterhielten uns noch ein wenig, dann war wieder Lesen angesagt.
Am frühen Nachmittag war es dann soweit. Die Schwester schob das Bett mit Sven ins Zimmer, die Operation war vorüber und der gute Sven auch leidlich gut aufgewacht. Er hatte nicht um sich geschlagen, also alles in Butter auf dem Kutter. Allerdings wimmerte er leise vor sich hin, er hatte Schmerzen am Popo. Karina hielt seine Hand, reichte ihm auch Wasser. Das beruhigte ihn etwas.
Zwischendurch tauchte Horst mit seiner Frau kurz auf. Er wollte seinen Kopfhörer jetzt doch selbst tauschen und holte diesen bei mir ab. So lernte ich noch kurz seine Frau kennen, mit der ich mich am Nachmittag zuvor anlässlich dreier kurzer Telefonate sehr nett unterhalten hatte. So ging Horst wenigstens auch mal wieder ein Stück und kam besser in die Gänge. Seine Frau hatte er ja bislang schmerzlich vermisst.
Nach kurzer Zeit schlief Sven ein, an Konversation war für ihn nicht zu denken, dazu war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Karina versuchte ihn zu beruhigen oder auch aufzumuntern. Sie trug wesentlich zu seiner Beruhigung bei. Für sie war das sicherlich anstrengend, denn im irgendwann war sie total erschöpft und legte ihren Kopf auf sein Bett.
Der flüchtige Beobachter hätte aufgrund der Lage ihres Kopfes an Oralverkehr gedacht, ich fand es einfach nur niedlich. Zeit genug, um in meinem Roman weiter zu kommen. Allein an diesem Nachmittag schaffte ich 50 Seiten am Stück, zweifelsohne der Spitzenwert während meiner Zeit im St. Vinzenz.
Der anschließende Besuch bei der Anmeldung, um mir ein Ticket fürs WLAN zu kaufen, verlief erfolgreich. 2,50 € fùr 24 Stunden war der Preis. Ich wollte einfach nur irgendwelche Serien auf Netflix sehen, da hatte ich Bock drauf. Das normale TV Programm ist eh nicht so prall, und ein Fernseher für 2 Leute ist auch nicht der Hit. Dass Ticket bestand aus einem Pappzettel in Größe einer Visitenkarte mit einer schlechten Druckqualität.
Auf dem Zettel war eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen. Das waren denn Benutzer und Passwort. Mühsam gab ich die Kombination in mein Tablet ein, ohne Erfolg. Keine Verbindung zum Hotspot, scheiße was, die Station hatte überhaupt keinen Hotspot. Vielleicht war das Netz auch einfach überlastet, ich würde es am Abend nochmal probieren müssen.
Am späten Nachmittag, Sven war zwischenzeitlich aufgewacht, verabschiedete sich Karina und ließ uns allein. Ich besorgte für uns Wasser vom Flur, Sven fielen selbst das Aufsetzen im Bett schwer. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht ließ er sein Kopfteil hochfahren.
Meine Löwin schaute auch wieder vorbei. Wir ließen Sven, der zwischendurch immer wieder sanft entschlummerte, in Ruhe. Jetzt, wo die Betäubung nachließ, ging es ihm nicht so gut. Er stöhnte und wimmerte relativ häufig. Ich denke, er war gedanklich auch schon bei seinem ersten Stuhlgang nach der OP. Das ging natürlich noch nicht, da er vor der OP vollständig per Einlauf entleert wurde. Von dem Tampon im Arsch ganz zu schweigen, der löste ein unangenehmes Druckgefühl bei Sven aus, wie er mir in der kurzen Wachphase erzählte.
Am Fahrstuhl machten wir es uns bequem, dort standen 3 Stühle herum. Meine Löwin hatte am nächsten Tag einen wichtigen Termin beim Kieferchirurgen vor sich. Ihr sollte in 2 Wochen ein Weisheitszahn gezogen werden, dementsprechend war sie auch etwas nachdenklich, aber tapfer wie immer. Bei der Arbeit setzten ihr die Kollegen nach wie vor zu, am liebsten würde sie sofort in Rente gehen. Ich merkte ihr an, das sie eine harte Woche hatte und schlug ihr vor, sich eher auszuruhen, wenn der morgige Tag zu stressig wird, als mich zu besuchen.

Mittwoch, 17. August 2016

Hartmudo: Mutter 2/x

Am Sonntag radelte ich dann mit der Löwin in die Salzdahlumer. Kopfschmerzen hatte ich keine, so dass sich die Fahrt trotz des schwülen Wetters bei stechender Sonne gut bewältigen ließ. Es war wohl auch diese Wetterlage, die da bereits seit einigen Tagen vorherrschend war., die für Mutters Zusammenbruch verantwortlich zeichnete.
Seit bald zwei Tagen lag Mutter jetzt schon auf dieser Station, zusammen mit zwei anderen älteren Damen. Aber im Vergleich zum Dienstag, an dem ich sie zuletzt gesehen hatte, war sie nicht wiederzuerkennen. Sie sah schon erheblich besser aus. Sie hing ja auch am Tropf und bekam Flüssigkeit eingeträufelt. Sie konnte sogar schon wieder meckern. Über das schlechte Essen hatte sie viel zu erzählen, dazu hätte man sie stundenlang in der Notaufnahme unbehandelt liegen lassen, nachdem sie gestürzt war und dann lange in ihrem eigenen Blut gelegen hätte.
Als ich den Pfleger darauf ansprach, wurde er sofort elektrisch. Er zeigte mir irgendwelche Protokolle, durch die ich eh nicht durchstieg, und versicherte mir hoch und heilig, dass dies nicht so gewesen sein könne und Mutter dies verwechseln müsste. Ich halte es auch für wahrscheinlicher, dass Mutter noch in ihrer Wohnung hingefallen ist, so schwächlich, wie sie wohl war.
Gebetsmühlenartig versuchte ich ihr beizubiegen, dass sie nicht wegen eines Fehlverhaltens ihres Hausarztes dort eingeliefert werden musste. Dieses fantasierte sie sich zusammen, weil sie eben der Wahrheit schon immer entsagt hatte. Sie war schlichtweg dehydriert und hatte noch dazu kaum etwas gegessen, wenn überhaupt. Und dann waren im Krankenhaus die Kartoffeln zu hart, das Fleisch war auch nicht richtig und und und. Ich bin ja schon mäkelig, aber Mutter toppt alles.
Meine Löwin und ich versuchten ihr eine Kurzzeitpflege nahe zu bringen. Ein betreutes Wohnen konnte sich Mutter zu diesem Zeitpunkt schon vorstellen, in ein Altersheim wollte sie aber partout nicht. Der soziale Dienst des Krankenhauses sollte sich um die Beantragung einer Pflegestufe kümmern. Derweil versprach ich Mutter, sie am Dienstag wieder zu besuchen.
Und so machte ich das dann auch. Am Dienstag stieg ich wie gewohnt aus dem Zug, ging aber zuerst zu Rossmann, um für Mutter eine Kiste Raffaello mitzubringen. Macht man ja, wenn man jemanden im Krankenhaus besucht. Auch heute stach die Sonne wieder mächtig, als ich dann mit dem Fahrrad in die Klinik Salzdahlumer fuhr.
Mutter sah noch einmal besser aus. Die Infusionen mit Flüssigkeit zeigten halt die erhoffte Wirkung. Das hinderte Mutter natürlich nicht am Meckern. Sie würde die falschen Medikamente bekommen, meinte sie. So zum Beispiel eine blaue statt einer gelben. Ich formuliere das hier so überspitzt, um zu verdeutlichen, dass Mutter den Unterschied zwischen Wirkstoff einer Medikation und dem Hersteller eines Medikaments nicht wirklich klar ist. Egal ob rund oder eckig, auf den Wirkstoff und die Dosierung kommt es an. Das will sie aber partout nicht verstehen.
Zwischendurch musste ich noch das Zimmer verlassen, weil eine ihrer Zimmergenossinnen den WC Stuhl neben dem Bett benutzen musste. Das formschöne Teil, in einem dekorativen Dunkelblau gehalten, stand quasi genau vor Mutters Nase. Warum es Mutter im Krankenhaus nicht gefiel, wusste ich jetzt immer noch nicht….
Anschließend die übliche Litanei über das Essen und meine „bösen“ Schwestern. Die Nachbarin, die die Treppenwoche nicht machen wollte. Immer, wenn ich versuchte, sie für die Zeit nach dem Krankenhaus zu sensibilisieren, faselte sie von der Nachbarin, dem schlechten Krankenhausessen oder die Medikation. Sie fühlte sich im Stich gelassen, war aber nicht bereit, sich der Zukunft zu stellen. Oder war sie schon am Anfang der Demenz?
Letzteres würde ich erst einmal verneinen, da sie schon immer rumfantasierte, wenn es eng wurde. Das ist für mich nichts Neues.
Jedenfalls fuhr ich hinterher unverrichteter Dinge nach Hause. Der Sozialdienst war immer noch nicht da gewesen. Und schon zum Wochenende sollte sie wohl entlassen werden, da sie nicht mehr akut gefährdet war und durch die Infusionen etwas aufgepäppelt worden war.
Am Freitag, dem 29.7., schaute ich wieder vorbei. Diesmal hatte ich Jaffa Cake dabei. Als ich das Zimmer betrat, schlief Mutter gerade. Ich wollte sie nicht wecken und versuchte mein Glück im Schwesternzimmer.
Und Hurra, der Arzt war da. Ein Dr. Vogel sollte der behandelnde Arzt sein, so hatten es mir meine Schwestern im Vorfeld gesagt. Und jetzt hatte ich die Gelegenheit, mich mit ihm persönlich zu unterhalten. Er sagte mir, dass er schon dabei sei, Mutter auf die Kurzzeitpflege einzustimmen. Für ihn war das Ganze die übliche Routine mit den Geronten, dasselbe gilt auch für den Umgang mit den Angehörigen wie mir. Jedenfalls war ich jetzt frohen Mutes, das wir Mutter von der Notwendigkeit einer Kurzzeitpflege überzeugen könnten. Dr. Vogel stimmte mit mir auch überein, dass sie sich dort hoffentlich so wohl fühlen möge, dass ein anschließender dauerhafter Heimaufenthalt gesichert wäre.
Uns allen, bis auf Mutter natürlich, war schon längst klar, dass dies der einzig mögliche Weg sein dürfte. In ihre Wohnung im 3. Stock kommt sie schließlich nicht mehr alleine hoch, sie würde ihre Wohnung nie mehr verlassen können. Würde Mutter sich aber dieser Wahrheit auch stellen können, oder würde sie weiter zicken wie ein kleines Mädchen?
Ich war erstaunt, dass sie an diesem Tag einsichtig war. Ihre Gespräche mit Dr. Vogel hatten wohl doch geholfen. Ich hatte ein gutes Gefühl, das es jetzt angehen könnte. Es fehlte nur noch das Engagement des sozialen Dienstes und schon könnte es losgehen. Mutter sperrte sich nicht mehr gegen die Kurzzeitpflege, war allerdings beim Thema einer dauerhaften Unterbringung nicht wirklich begeisterungsfähig.
Wenigstens schien es ihrer Bettnachbarin besser zu gehen. Während meines vielleicht halbstündigen Aufenthaltes im Zimmer benutze sie den WC Stuhl gleich zweimal. Beim zweiten Mal, da war ich eigentlich schon im Aufbruch, kam Mutter selbst mit nach draußen. Sie benutzte den Rollator, den ihr Sunny freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte. Eine Leihgabe von Grace.
Apropos Grace: Kaum war ich hinterher zu Hause, ging es auch gleich weiter nach Dettum zum Hoffest von Frankie und Grace. Unser Kegelverein war ja eingeladen; leider kamen nur noch Berta und Bud mit. Es gab dort wieder Eierlikör satt und gezapftes Bier. Wir hatten dort einen sehr schönen Abend. Meine Schwestern und ich schafften es sogar, nicht über Mutter zu reden. Gut benuschelt (ich, nicht sie) fuhr uns meine Löwin hinterher heim.

Samstag, 13. August 2016

Hardrock Gunter 1/x

Sidney Louie Gunter wurde am 27. Februar 1925 als ältestes von drei Kindern in Birmingham, Alabama geboren. Obwohl sein Vater während der großen Depression immer Arbeit hatte, war die Familie nicht auf Rosen gebettet.
Trotzdem reichte es an einer Weihnacht zu einer Gitarre für den kleinen Sidney, mit der er zunächst allerdings nichts anfangen konnte. Völlig unbekümmert haute er in die Saiten und sang mehr schlecht als recht dazu. Nur dank eines glücklichen Zufalls lernte er doch noch das Gitarrenspiel.
Der Gasinstallateur Buck Weaver war ein guter Freund von Goebel Reeves, der auch als Yodeling Rustler bekannt war, wer auch immer das gewesen sein mag. Sagen wir mal einer frühen Countrylegende, egal. Jedenfalls fragte Weaver den Bengel freundlich, ob er ihm etwas auf der Gitarre vorspielen könne.
Nach der erwartet grauenvollen Vorstellung stimmte Weaver erst einmal die Gitarre und schrieb dem Bengel ein paar Grundakkorde auf braunes Packpapier. Aus einem Streichholz bastelte er ein Plektrum und spielte damit dem Jungen die Akkorde auf der Gitarre vor. Fortan probte Sidney die 3 Akkorde in jeder freien Minute und variierte diese über die Jahre, so dass aus ihm schließlich ein fähiger Gitarrist wurde.
Anfang der dreißiger Jahre hörte Sidney Goebel Reeves aufmerksam im Radio zu. „Texas Drifter“ war der Spitzname vom Reeves zu jener Zeit. Er war eher ein Balladensänger, wurde später aber dem Hillbilly zugerechnet. Er bezeichnete sich selbst als Hobo und trug außerdem eigene Gedichte vor. Der achtjährige Sidney war mächtig beeindruckt und bezeichnete Reeves deshalb später als einflussreiches Vorbild für sein künstlerisches Schaffen.
Ungleich wichtiger für den aufstrebenden Musiker sollte jedoch Hank Penny werden. Diese Countrylegende feierte seine größten Erfolge in der Western Swing Ära nach dem zweiten Weltkrieg. Dieser Wegbereiter des Western Swing wurde zu Sidneys Idol; er ahmte sogar dessen Gang nach und hörte dessen sämtliche Songs an. Dieser außergewöhnlich starke Einfluss konnte sich natürlich nur dank der Freundschaft zwischen beiden Männern entfalten.
Dies war im Jahr 1938 für den 13jährigen Sidney ein Grund, eine Band auf die Beine zu stellen. Die „Hoot Owl Ramblers“ benannten sich nach dem Stadtteil „Hoot Owl Holler“ in Birmingham, weil die Bandmitglieder zu jener Zeit dort lebten. Die Besetzung der Band ist für Hillbilly klassisch: Gitarre, ein selbst gebauter Bass, Rhythmusgitarre, Mundharmonika und natürlich die unverzichtbare Fiddle.
Der Zeremonienmeister Sidney brachte Songs und Stories seines Idols Hank Penny, die Hoot Owl Ramblers blieben hierbei dezent im Hintergrund. Lokal wurden sie schnell populär, aber Sidney wollte mehr. Er war glücklich über die Unterstützung durch seine Band und versuchte daher sein Glück in den verschiedenen Talentshows, die es in jenen Jahren reichlich in und um Birmingham gab.
Sidney trat hierbei unter dem Pseudonym „Goofy Sid“ auf. Im comicartigen Western Outfit trug er Hank Penny Stories vor, während er auf der Gitarre neue Melodien vortrug. Das Publikum konnte er grundsätzlich begeistern, und auch die Kritiken der lokalen Presse fiel überaus positiv aus. Im Frühjahr 1939 erfuhr Sid großen Zuspruch bei einer Talentshow in Irondale, Alabama. 13 Wochen lang konnte er hier den ersten Preis einheimsen.
Die Veranstalterin Sy Wages war so stark vom jungen Sid beeindruckt, das sie ihn „Happy Tex Wilson“ vorstellte. Der Radiomoderator und Country Legende aus Alabama suchte Musiker für eine Show und fragte Wages, ob sie ihm entsprechende Talente empfehlen könne. Wages zögerte nicht und brachte so Sidney Gunter ins Spiel.
Happy Tex Wilson war gerade aus Hollywood zurückgekehrt, wo er in einigen Filmen mitgewirkt hatte. Happy war immer viel unterwegs und nutzte Birmingham als Basis, wenn er gerade mal nicht filmte. Er folgte Wages` Empfehlung und fragte Sidney telefonisch an, ob er bei einer Zwei Tagesshow in Atlanta, Georgia jeweils samstags und sonntags mitspielen würde.
Das Format dieser Shows war relativ simpel. Nachmittags startete das Programm mit der Vorführung eines Films von Happy. Danach trat Happy Tex Wilson mit seiner Band für 30 Minuten live auf die Bühne. Danach wurde der Film wiederholt und anschließend gab es wieder 30 Minuten Live mit einer anderen Band. Danach wieder der Film… und so weiter. Wird wohl eher ein kurzer Film gewesen sein, nehme ich an.
Sidney zögerte nicht lang und nahm das Angebot dankend an. Sein Transport samstags morgens über 200 Meilen nach Atlanta wurde irgendwie organisiert, Happy Wilson würde ihn mitnehmen. So saß der vierzehnjährige Sid auf der Veranda vor seinem Zuhause und träumte von seinen zukünftigen Auftritten, bis Wilson mit Jack Baggett, einer anderen Country Legende der Region, noch vor der Dämmerung auftauchte. Sidney beeilte sich, sein Equipment und das Bühnen Outfit in das Auto zu verstauen. Dabei fiel ihm der durch einen Unfall defekte Kofferraumdeckel auf den Kopf.
Sidney zuckte nicht mal zusammen, drehte sich zu Wilson um und sagte: „Gib mir das Banjo“. Wilson und Baggett waren erst konsterniert, mussten dann aber lachen. Als sich die Aufregung gelegt hatte, entfuhr Happy Wilson der Spruch „Meine Güte, sein Kopf ist härter als ein Fels“. So kam Sidney zu dem Spitznamen „Hardrock“ und musste sich den ganzen Weg bis Atlanta die Spötteleien der beiden anhören.
Das ist die Geschichte zu „Hardrock“ Gunter. Diesen Namen behielt er bei, er wurde während seiner weiteren Karriere sein unverwechselbares Markenzeichen. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens nannten sie ihn vereinfacht „Hardrock“ und auf den Plakaten stand dann immer „Hardrock`s Coming“.

Freitag, 12. August 2016

Contramann: kurz gesehen im August

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bertelsmann-migranten-schaffen-millionen-jobs-in-deutschland-a-1106650.html#ref=rss
Der Klopfer vorweg. Migranten schaffen Millionen Jobs in Deutschland – so titelt Spiegel Online diese Interpretation einer Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Studie untersuchte die Zeit von 2005 bis 2014 und hat also mit der aktuellen Flüchtlingswelle nichts zu tun.
Spiegel Online suggeriert dies aber, wenn die Studie derart unreflektiert dargestellt wird. Der sprichwörtliche Gemüsehändler wie auch die vielen Gastronomiebetriebe, auf die sich die Studie bezieht, dürften sich nicht gerade über neue Konkurrenz durch die Flüchtlinge der letzten 2 Jahre freuen.
SPON schreibt ja selbst, das das Einkommen dieser Selbstständigkeit von Migranten niedriger ist als das von Einheimischen. Hier ist höchstens ein Verdrängungswettbewerb nach unten sichtbar, was eben weniger für einen weiteren Zuzug von Flüchtlingen zur Belebung des deutschen Arbeitsmarktes spricht.
Die Migranten als Jobmotor, das ich nicht lache. Dank solcher tendenziösen Meinungsmache werden oder sollen Stimmungen erzeugt bzw. gesteuert werden. In solch krasser Form hatten wir dies in Deutschland schon öfter. Am Ende des Kaiserreiches, während der Naziherrschaft und während des DDR Regimes. Bei allen wurde der mediale Druck auf die Untertanen gegen Ende des jeweiligen Systems verstärkt. Genützt hatte es gottlob in keinen Fall.
Ist „unser“ System noch reformierbar oder endet es wie die vorgenannten Beispiele im Orkus der Geschichte?

http://www.focus.de/immobilien/mieten/es-wird-zu-wenig-gebaut-weil-800-000-wohungen-fehlen-mieten-steigen-2016-weiter_id_5175623.html
Im Juni letzten Jahres wurde von unserer Regierung eine Mietpreisbremse beschlossen. Wie üblich eine Luftnummer, wie man an diesem Artikel sieht. Da die vollmundig angekündigte Regelung zugunsten der Geringverdiener von vornherein wachsweich gestaltet wurde, trat erwartungsgemäß das Gegenteil der Ankündigungen ein.
Zum Zeitpunkt des Artikels, im Dezember 2015, fehlten also 800.000 Wohnungen. Das treibt nach unserem Wirtschaftssystem die Preise nach oben. Deshalb besteht ja die Möglichkeit, das der Staat per Gesetz ordnend eingreift. Aber dank der vielen Lobbyisten erklärt die Mietpreisbremse lediglich die Bedingungen, bei denen ein Vermieter erhöhen kann.
Das ist ein Gesetz Marke „Orwell at his Best“, wenn das Gegenteil vom Markennamen geschieht. Eine Besserung ist leider nicht in Sicht.

http://www.focus.de/politik/experten/bkelle/schreckliche-taten-in-koeln-sexuelle-gewalt-gegen-frauen-warum-der-aufschrei-gegen-die-taeter-nicht-ausblieben-darf_id_5189307.html
Endlich bin ich in dieser Kolumne im Jahr 2016 angekommen. Dieser ungewöhnlich gute Kommentar befasst sich mit den Geschehnissen vom Silvester auf der Kölner Domplatte. Und der Vorwurf, das hinterher der Migrationshintergrund der Täter heruntergespielt wurde und der sonst übliche feministische Aufschrei ob der sexuellen Gewalt ausblieb, war Anfang diesen Jahres eher seltener zu lesen.
Insbesondere nicht in den Medien, die ich ansonsten eher positiv erwähne.

http://www.huffingtonpost.de/sebastian-matthes/liebe-frau-merkel-es-ist-_b_8621030.html?obref=outbrain-www-fol
Dieser Artikel ist noch aus 2015, aber gut – obwohl von der deutschen Huffington Post. Der Vorwurf an unsere Bundeskanzlerin, das sie schlechte Zustände einfach ignoriert oder beschönigt darstellt, ist dennoch nach wie vor aktuell.
Richtigerweise erwähnt der Kommentator, das bei den Pegida Demonstrationen ab Ende 2014 auch berechtigte Klagen an den sich verschlechternden sozialen Bedingungen in diesem Land gebrüllt wurden, das war eben nicht nur die reine Fremdenfeindlichkeit.
Das Beispiel mit dem Taxifahrer, der sich lieber einen Toyota statt eines Mercedes oder Volkswagen kauft, weil er einfach nicht so reparaturanfällig ist, sagt mehr als alles andere aus. Deutschland ist bereits auf dem absteigenden Ast. Wir haben es bloß noch nicht gemerkt.

http://www.derwesten.de/staedte/essen/der-essener-norden-schafft-das-nicht-id11442282.html
Anfang Januar äußerte sich der Essener SPD-Ratsherr Guido Reil negativ über die Prognose zur Integration von Flüchtlingen. Im Essener Norden lag der Migrantenanteil mit 40% schon vorher hoch. Und dass 2013 davon mehr als 90% Hartz IV erhalten müssen, lässt erahnen, das es bei der Integration mit schönen Worten nicht getan ist.
Schon seit den 90er Jahren haben sich wohl viele Libanesen in Essen konzentriert. Verständlich, das sich einzelne Nationalitäten auf wenige Orte konzentrieren. Wenn dazu aber noch nach zwei Jahrzehnten eine derart hohe Arbeitslosigkeit besteht, dann darf man da schon mal von einer gescheiterten Integration sprechen.
Reil beklagt die zunehmende Religiosität der arabischen und türkischen Migranten, was zu einer Abnabelung auch der früher besser integrierten Türken führte. Seine persönlichen Erfahrungen haben diesen SPD Man verbittert gemacht, das ist insbesondere an seinen Ausführungen fürs Bundesgebiet zu merken.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/tatverdaechtige-in-koeln-warum-viele-marokkaner-unter-den-koelner-verdaechtigen-sind-1.2814644
Ein weiterer nachdenklicher Artikel kurz nach den Vorfällen der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte. Die Spur führt nach Düsseldorf, wohin sich nach Kenntnisstand der Polizei Migranten aus Nordafrika gern zurückziehen.
Die Polizei hatte schon Sonderermittlungsgruppen gebildet, da sich die „Absolventen“ der nordafrikanischen „Schulen“ gerne mit syrischen Pässen in Deutschland anmelden. Es ist mir bis heute unverständlich, wieso solche Vorkommnisse immer noch mehr oder weniger beiseite gedrückt werden.
Gerade durch dieses Ausblenden von Missständen macht man die AfD stark. Und das ausgerechnet die Linke hierbei mitspielt, stimmt mich besonders traurig.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/vorsorgen-fuer-das-alter/nachrichten/deutsche-rentner-sind-schlecht-abgesichert-14014324.html
Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung ergab, dass die Deutschen Im OECD Vergleich schlecht abschneiden. Insbesondere die Österreicher scheinen im Schnitt 50% mehr Rente zu erhalten, das Ganze noch bei 14 Monatsrenten im Jahr. Vollkommen überraschend stellt die Studie fest, das sich die Erwartungen in die kapitalgestützte Altersrente a la Riester nicht erfüllt hat. Na so was aber auch…
Der Beitragssatz in Österreich ist höher, auch zahlen dort Selbstständige und Beamte in die Kasse ein. Diese beiden Unterschiede musste die FAZ natürlich rein nehmen, war ja klar. Für mich zeigt diese Studie nur, das es ein Armutszeugnis für eine der reichsten Volkswirtschaften des Planeten darstellt, wenn es in dieser Gesellschaft Menschen im Alter anscheinend nicht mehr verdient haben, nach dem Erwerbsleben ein adäquates Auskommen zu haben.

http://www.welt.de/regionales/hamburg/article151097419/Extrem-fordernd-unzuverlaessig-und-aufdringlich.html
Wieder ein negativer Artikel zur Integration von Flüchtlingen, diesmal aus der Welt. Der Titel des Artikels sagt es bereits, dem ist nichts hinzuzufügen. In dieser Extremität kann ich allerdings die Erfahrungen einer ehemals engagierten Flüchtlingshelferin nicht bestätigen.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ttip-abgeordnete-duerfen-geheime-dokumente-lesen-a-1073893.html
Eine Lachnummer, wenn es nicht so traurig wäre. Siggi Pop brüstet sich damit, dass es Anfang des Jahres den deutschen Parlamentariern ermöglicht wurde, in die TTIP Verhandlungsunterlagen Einsicht zu nehmen.
Das Ganze in einem Leseraum im Wirtschaftsministerium. Kopieren verboten. Solche Geheimverhandlungen sind meiner Auffassung nach grundsätzlich zu beanstanden und abzulehnen, selbst wenn es hinterher Manna vom Himmel regnen sollte.

http://www.spiegel.de/sport/sonst/handball-europameister-sie-haben-es-geschafft-kommentar-a-1074952.html
Sportliches zum Abschluss. Deutschland ist Europameister geworden – im Handball. Wenn Außenseiter siegen, ist es immer schön. Aber der Bezug zu Merkels „Wir schaffen das“ ist dann leider vollkommen überzogen Das richtige Leben ist eben kein Spiel.

Samstag, 6. August 2016

Hartmudo: Mutter 1/x

Am 22.7.2016 war es soweit. Meine Schwestern Berta und Sunny hatten es schon lange befürchtet; auch meine Löwin erhob des Öfteren ihre mahnende Stimme. Mutter rief mich total verzweifelt an, weil es ihr nicht gut ging. Ihr war schwindlig und kodderig, keiner würde sich bei ihr melden.
Nun war dies für mich nicht wirklich neu, weil ich bereits am Dienstag vorher wegen der Beantragung einer Zuzahlungsbefreiung bei der Krankenkasse bei ihr war. Schon da fiel mir ihr schlechter Allgemeinzustand auf. Sie sah wirklich aus wie ein Zombie und wirkte auf mich sehr fahrig. Dies war ja auch kein Wunder, da sie seit Wochen jeden Montag zur Chemo wegen ihres Krebses geht.
Berta hatte dieses Problem vor über 15 Jahren und hatte Mutter dementsprechend eingeimpft, das sie immer viel trinkt und gut isst. Denn beides war ja noch nie ihr Ding. Außer Kuchen und Grafschafter Goldsirup aß sie nichts, das weiß ich noch aus meiner Kindheit. Und Wasser, Saft, Tee… war für sie eine elende Quälerei, das kennt man ja von älteren Damen.
Doch an jenem Dienstag habe ich das wieder nur registriert, aber unmittelbar nach Verlassen ihrer Wohnung wieder vergessen, besser gesagt: verdrängt. Dies ging mir schon seit längerer Zeit so, meinen Schwestern ebenfalls. Wir sind es schließlich zeitlebens gewohnt gewesen, dass Mutter ihren eigenen Kopf hat und äußerst aggressiv reagiert, wenn man ihr etwas vorschlägt oder sie sich bevormundet fühlt.
In unserem Elternhaus – da war mein Vater auf derselben Linie unterwegs – war es üblich, den Kindern nichts zu erzählen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn Berta als älteste Tochter mittlerweile selber Rente bezieht. In den Augen Deiner Eltern bleibst Du Dein ganzes Leben lang ein Kind, das nicht alles wissen darf. Das Du erwachsen bist und ein eigenes, selbstständiges Leben führst, wird nur dann interessant, wenn Mutter irgendetwas zu schwierig ist.
Die Zuzahlungsbefreiung zum Beispiel. Da hatte ich ihr vor Wochen haarklein erklärt, warum sie dies machen soll. Sie verschenkt locker 300 – 400 Euro pro Jahr, weil sie ihre Zuzahlungen nicht bei der Krankenkasse, sondern dank ihres verf***ten Steuerberaters bei den außergewöhnlichen Belastungen in der Steuererklärung, wo dies natürlich bei einer Eigenbeteiligung von 2500 Euro jährlich untergeht.
Da saß sie nur stumm rum und guckte wie ein Auto, dann war ihr alles zu viel. Ich sagte ihr, das sie sich das überlegen solle und mich anrufen möge, wenn ich das für sie beantragen soll. Wenigstens fürs nächste Jahr. Und was hat sie gemacht? Bei der Krankenkasse angerufen, nichts verstanden und mir dann am Telefon vorgeworfen, ich hätte sie im Stich gelassen.
Deshalb war ich Dienstags da und versuchte es erneut. Diesmal wollte sie das machen, sie musste noch vom Arzt eine Bescheinigung der chronischen Erkrankung ausfüllen lassen, dann könnte ich den Antrag für 2017 und auch eine Rückerstattung abgeben. Das war das Ergebnis vom Dienstag, aber am Freitag war das nun wirklich nicht mehr wichtig.
An diesem 22.7. sprach ich insgesamt drei Mal mit ihr und redete auf sie ein, das sie den Ärztenotdienst anrufen soll. Nach dem zweiten Mal wollte sie endlich dort anrufen, als ich ihr erklärte, das der Notarzt zu ihr in den 3. Stock kommt und sie nicht zuerst mit der Taxe dorthin fahren muss. Vollkommen zu Recht wies meine Löwin mich danach darauf hin, dass ich nicht mehr rumeiern und zu ihr fahren sollte. Ich war wie vernagelt gewesen, eigentlich hätte ich das sofort machen sollen.
Andererseits wiederum war das genau richtig, weil Mutter doch tatsächlich den Arzt angerufen hatte. Dies sagte sie mir gehetzt beim dritten Anruf, weil sie da gerade Wäsche für eine Krankenhaustasche zusammenpackte. Zu einem vierten Gespräch kam es nicht mehr, weil da schon niemand mehr an der Leitung war. Ich informierte Berta über die Lage, da war aber besetzt, weil sie mit Sunny sprach. Kurz danach erreichte ich sie und da klärte sich die Lage.
Mutter wurde vom Arzt abgeholt und in die Klinik Salzdahlumer Straße verfrachtet. Berta und Sunny würden am Samstag dorthin fahren und nach dem Rechten schauen. Ich selbst nahm mir einen Besuch für Sonntag vor, damit wir nicht alle zur gleichen Zeit dort auflaufen. Ein bisserl verteilen ist da besser, zumal meine Löwin und ich am Samstag mit Detzer und Nelling in die Tschechei fahren wollten.
Zwischendurch: Die Zugfahrt in die Tschechei war super. In Johanngeorgienstadt waren wir in einem großen Supermarkt zum Kaufrausch animiert worden, anschließend gab es in einem Biergarten reichlich tschechisches Bier und den einen oder anderen Obstler. Mein paniertes Seelachsfilet war o.k., die Puffer mit der Knoblauchsoße dazu waren sogar richtig geil. Nach einem kleinen Rundgang durch die vietnamesische Modewelt ging es anschließend zur Rückfahrt zum Bahnhof. 2 Halbliterdosen quälte ich mir auf der Rückfahrt noch rein – ich brauchte sie wirklich nicht mehr.

Montag, 1. August 2016

Contramann: Die Linke schafft sich ab

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sahra-wagenknecht-linke-schaeumt-nach-aussagen-zu-fluechtlingen-a-1104864.html
Als ich in der Überschrift las, dass Riexinger und Kipling Sahra Wagenknecht wegen ihrer neuen Äußerung zu den letzten Anschlägen in München, Ansbach und Würzburg kritisiert haben, klickte ich diesen Artikel sofort an. Selbst in der Zusammenfassung ihrer Äußerung kann ich nichts Verwerfliches entdecken. Damit Du Dich selbst überzeugen kann, hier Wagenknechts Pressemitteilung vom 25.7.2016 im genauen Wortlaut:

„Meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Auch wenn die konkrete Aufklärung der Hintergründe des Anschlags von Ansbach noch abgewartet werden muss, kann man doch schon so viel sagen: Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges ‚Wir schaffen das‘ uns im letzten Herbst einreden wollte“, erklärt Sahra Wagenknecht nach dem jüngsten Anschlag in Ansbach.
Die Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE weiter: „Der Staat muss jetzt alles dafür tun, dass sich die Menschen in unserem Land wieder sicher fühlen können. Das setzt voraus, dass wir wissen, wer sich im Land befindet und nach Möglichkeit auch, wo es Gefahrenpotentiale gibt. Ich denke, Frau Merkel und die Bundesregierung sind jetzt in besonderer Weise in der Verantwortung, das Vertrauen der Menschen in die Handlungsfähigkeit des Staates und seiner Sicherheitsbehörden zu erhalten.“
 


Der ehemalige stellvertretende Parteivorsitzende und außenpolitische Sprecher der Linken, Jan van Akeren, twitterte hierzu: „Wer Merkel von rechts kritisiert kann nicht Vorsitzende einer linken Fraktion sein.“ Neben dieser unverhohlenen Aufforderung zum Rücktritt äußerten sich auch Dietmar Bartsch, Riexinger und Kipping kritisch zu ihrem Statement.
Die Pressemitteilung kannst Du oben nachlesen. Wo ist da die Kritik von rechts, wo werden „Asylbewerber unter Generalverdacht“ gestellt? Fakt ist doch, dass es sich beim Täter von Ansbach um einen abgelehnten Asylbewerber handelt. Auch an vielen anderen Ereignissen seit der Silvesternacht oder den Anschlägen in München oder auch Würzburg wird deutlich, dass die Integration mit Problemen verbunden ist.
Wollen die genannten Granden der Linken etwa das Gegenteil behaupten. Steht bei ihnen auch die Auffassung „Wir schaffen das“ an erster Stelle? Anstatt die deutsche Regierung unter Merkel und Gabriel anzugreifen und zu fragen, was die Regierung genau zu tun gedenkt, um eine Integration der vielen Flüchtlinge endlich voranzutreiben, fallen sie ihrer eigenen Vorsitzenden in den Rücken. Unfassbar.
Offensichtlich geht es den Granden, aber auch vielen Anhängern der Linken, wie einige Twitter Einträge erkennen lassen, nicht mehr um konkrete Lösungen für die nicht mehr zu verschweigenden Probleme, sondern um ein Festhalten am Status Quo. Weil nicht sein darf, was längst schon ist. Glaubt denn jemand, der noch alle Schüsseln im Schrank hat, das man jeden auf Zuruf in Deutschland aufnehmen und alimentieren kann? Leute wie Frau Kipping propagieren das und blenden die sich ergebenden Probleme aus.
Außer Sprüchen zum Integrationswillen hat die Regierung seit letztem Jahr nichts unternommen. Es fehlt noch ein Jahr später an Personal für die Integration, Unterkünften und Perspektiven für die Flüchtlinge. Diese wurden seit einem Jahr von Frau Merkel im Regen stehen lassen. Länder wie Gemeinden sollen es auf eigene Kosten richten, derweil sich Frau Merkel selbst in linken Kreisen als Menschenfreund feiern lässt.
Die AfD konnte nur deshalb erstarken, weil niemand aus dem Kreis unserer Regierung den Abgehängten unserer Gesellschaft erklären konnte oder wollte, warum z.B. für die Flüchtlinge auf ein Mal Milliarden von Euro locker gemacht werden können, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Stattdessen wird von den Qualitätsmedien wie dem Spiegel die Nazikeule geschwungen, wenn man dies einfach nur kritisiert.
Und jetzt ist Sahra Wagenknecht dran. Selbst die TAZ beteiligt sich an dieser Schelte. Ich bin deshalb stark konsterniert. In welchem Wolkenkuckucksheim leben denn diese Linksintellektuellen, die jetzt Wagenknecht in die rechte Ecke stellen wollen. Beim Diskutieren in alternativen Cafes ist man schließlich unter sich und muss nicht als Frau durch einen Pulk von jungen Marokkanern gehen.
Ein polemisches Beispiel, keine Frage. Aber schon seit geraumer Zeit stößt mir die Haltung vieler Linksintellektueller sauer auf. Es geht da nur noch um das Wahren einer strengen humanen Gesinnung, die es um jeden Preis zu bewahren gilt. Sachlich kann man mit solchen Leuten nicht diskutieren, da kommt sofort die Nazikeule. Diese Pflaumen kriegen gleich Schnappatmung, wenn man sie auf die Widersprüche zwischen den ach so friedlichen muslimischen Flüchtlingen und den pöbelnden Erdogan Anhängern unter diesen aufmerksam macht.
Damit keine Missverständnisse entstehen: So wie Frau Wagenknecht vertrete auch ich die Auffassung, das nicht alle Muslime verkappte IS oder Erdogan Anhänger sind. Es sind sicherlich die wenigsten, aber das welche von diesen Idioten unter den Flüchtlingen sind, muss man noch sagen dürfen.
Und das solche Leute hier nicht willkommen sein können, sollte sich von allein verstehen. Wer den Kampf gegen die westlichen Aggressoren in Syrien und sonstwo hier in Deutschland austragen möchte, der ist nicht auf der Flucht und muss beschützt werden, der kann auch für seine Ideale in Syrien direkt lämpfen.
Sahra hat wenigstens einen Arsch in der Hose, weil sie diese simplen Wahrheiten ausspricht. Der Rest der Führungsriege ihrer Partei verharrt in der Theorie, mögen diese Salonlinken niemals Verantwortung übernehmen dürfen. Witzigerweise sind sich die Leser von z.B. Spiegel Online einig, was man an den Forumsbeiträgen erkennen kann. Ca. 99% der Foristen schlagen sich auf die Seite von Sahra Wagenknecht und vertreten damit die genau gegensätzliche Meinung der SPON Redaktion.
Ansonsten findet hier eine üble Hexenjagd durch die Medien statt. Mein Glaube an die „Vierte Macht im Staat“ ist jetzt endgültig zerstört. Letzte Hoffnung Telepolis, möchte man meinen:
http://www.heise.de/tp/artikel/48/48950/1.html
Ein guter Kommentar. Das dachte ich anfangs beim Lesen, aber gegen Ende ließ meine Begeisterung stark nach. Richtigerweise geißelt dieser Kommentar die Kritik eines Peter Ritter oder einer Katharina König. Beide Linken Politiker (aus MeckPomm und Thüringen) verorten Wagenknecht in AfD Nähe, dabei sind die Linken in beiden Ländern in Regierungsverantwortung und standen dort schon selbst wegen der jeweiligen Abschiebepraktiken in der Kritik. Wer im Glashaus sitzt…
Leider verweist der Autor dann am Ende auf die Grundsätze zur Flüchtlings- und Asylpolitik des Parteiprogramms der Linken von 2011. Da ist u.a. von offenen Grenzen und einem allgemeinen Abschiebeverbot die Rede. Dieses Argument zielt zwar scheinbar auf Ritter und König, gibt aber andererseits diesen beiden in Bezug auf Wagenknecht Recht. Leute wie Kipping oder van Akeren können sich ebenfalls bestätigt fühlen.
Diesen Kommentar habe ich letzten Freitag abgeschlossen. Es kommen sicher noch mehr schlimme Kommentare seitens der Qualitätsmedien. Am Ende tritt Sahra Wagenknecht wirklich noch zurück. Oder schlimmer, sie backt kleine Brötchen und knickt ein.
Im Moment ist bei mir Katerstimmung. Erst knickt Bernie Sanders ein, jetzt wird Wagenknecht gemobbt. Warum schaffen die Linken es einfach nicht mehr, kurz vor der Ziellinie nicht aufzugeben und weiter zu machen?

Freitag, 29. Juli 2016

Contramann: kurz gesehen im Juli

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/amoklauf-in-muenchen-die-stadt-trauert-die-stadt-gafft-a-1104435.html
Als ich am frühen Abend des 22. Juli zufälligerweise den Fernseher einschaltete, blinkte mir auf allen Hauptkanälen die Meldung über diesen Amoklauf im Einkaufszentrum des Olympiaparks von München entgegen.
Der RTL Reporter saß wohl in einer Telefonzelle und gab einen telefonischen Bericht über Dinge, die er von der Position nun wirklich nicht beurteilen konnte. Da wurden gleich Erinnerungen an den schmierigen Reporter in „Stirb Langsam 2“ wach. Erst war unklar, ob überhaupt jemand gestorben war, dann waren es erst 3, später 6 Tote.
Tatsächlich waren es 9, mit dem Selbstmord des Attentäters letztendlich 10 Leichen. Heute wissen wir, das der 18jährige Deutsch-Iraner als Einzeltäter unterwegs war, die Schätzungen an jenem Freitag gingen von bis zu 3 Tätern aus. Die schnellen Berichte live vor Ort sah ich mir mehr oder weniger verwundert an, entsetzt und fasziniert zugleich.
In der ARD hatten sie doch tatsächlich einen Dussel mit Laptop im Studio, der die Tweets der Polizei (!) vorlas und auch ansonsten alle möglichen Meldungen über Twitter zum Besten gab. Irgendwelche Leute, die am Viktualienmarkt Schüsse gehört haben wollten, seierten diesen Quatsch prompt bei Twitter ab.
Und genauso armselig wie dieser Auftritt gerieten die Kommentare des zugeschalteten Terrorismusexperten der ARD aus Berlin. Meine Güte, ich kenne von RTL die Adels- wie auch Society Experten, aber ein Terrorismusexperte… Angewidert schaltete ich nach einer halben Stunde ab. Die Moderatoren in den Studios fabulierten und spekulierten frisch drauf los, ohne sich auf irgendwelche Fakten stützen zu müssen. Ihr Versuch, diese Spekulationen sehr vorsichtig zu formulieren, um sich Hintertürchen für eventuelle Fehlspekulationen offen halten zu können, war erbarmungswürdig.
Und dieser SPON Artikel am Sonntagmorgen ist auch nicht besser. Anfangs beklagen die beiden Kommentatoren noch die Vielzahl der Gaffer und Schaulustigen. Diese waren bereits am frühen Freitagabend zu sehen gewesen, da übrigens hauptsächlich aus dem Bereich der professionellen Medienindustrie. Die Paparazzi wirkten da sehr verstörend.
Schlimm wird dieser SPON Artikel in dem Moment, wo der Focus zum Wohnort des wahrscheinlichen Amokläufers wechselt. Da werden sogar die Nachbarn ausgefragt und mit hochwichtigen Einzelheiten zitiert: „Ich habe einmal meine Wellensittiche in ihrer Wohnung fliegen lassen. Wir haben Fußball im Park gegenüber gespielt.“
Voyeurismus at his Best, das der Spiegel mal so tief sinken könnte. Unfassbar.
Jetzt spekuliert mal Contramann: Bei diesem Amoklauf handelt es sich meiner Meinung nach um einen verwirrten Einzeltäter, genau wie beim „Axeman“ im Regionalzug bei Würzburg. Hier besteht kein direkter Zusammenhang zum Islamischen Staat. Beide Attentäter sind mit ihrem Hass und den Frust auf diese Gesellschaft ins Internet geflüchtet und haben dort auf den Seiten des IS ihre muslimischen Wurzeln wieder entdeckt.
Beide Täter sind in dieser Gesellschaft nicht glücklich gewesen und hatten sicher auch keine Chance, das zu ändern. Solche Looser sind für den IS als nützliche Idioten willkommen.Einige Kommentare der letzten Tage vertraten die Auffassung, das diese Täter auch ohne Einfluss des IS ausgerastet wären.
Das bezweifle ich stark, denn selbst die Faschos als eine andere große Gruppierung agiert nicht so aggressiv wie der IS. Dennoch bezeichne ich beide Täter als Amokläufer, einen direkten terroristischen Hintergrund sehe ich hier nicht. In diesem Fall leider, denn Einzeltäter wie diese sind gar nicht vorhersehbar. Davor kann man sich nicht schützen.

http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2016-07/cristiano-ronaldo-hass-fussball-em
Ein wunderschöner Artikel über Cristiano Ronaldo. Darüber, wie dieser Mann die Fans bei der Fußball EM polarisierte. Dank seiner extrovertierten Auftritte entlud sich gerade während dieser EM eine große Hasswelle über ihn. Als Krönung hierbei ist das üble Einsteigen von Payet im Endspiel anzusehen.
Als der Franzose in Ronaldo ohne Rücksicht auf dessen Gesundheit hineinsprang, da gab es für diese Aktion noch Beifall von den Rängen. Als der weinende Ronaldo wenige Minuten später vom Platz getragen werden musste, ist dem einen oder anderen bestimmt noch einer abgegangen.
Schön, das das Zeit Magazin diese Szene in einem anderen Licht betrachtet. Denn da wie auch später im Spiel konnte man sehen, das ihm seine erzwungene Auswechslung persönlich sehr nahe ging. Ob er tatsächlich weinte, weil er seiner Mannschaft nicht mehr helfen konnte oder weil er die Chance auf den Titel, den er schon seit 12 Jahren haben will, schwinden sah, sei dahingestellt. Nein, halt!
Es ging ihm um die Mannschaft. Wer gesehen hat, wie er sein Team nach dem Führungstreffer am Spielfeldrand anfeuerte, sollte, falls er nicht vor Hass total verblendet ist, erkannt haben, das der mehrfache Weltfußballer innerlich ein kleiner Junge geblieben ist, zugegebenermaßen mit einem übergroßen Ego.
Aber hey, scheiß drauf! Wir Deutschen haben da mit dem Chipsfrischmann Schweinsteiger lediglich einen Langweiler zu bieten, bei den anderen Teams sieht das ähnlich aus. Während der EM bin ich jedenfalls zum Ronaldo Fan mutiert. Arrogant ist er sicherlich, aber ein Typ. Da kommt von unserem Team gerade mal Boateng mit.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-ruhe-waehrend-der-em-2016-gebt-mir-fussball-zurueck-a-1102541.html
Margarete Stokowski schreibt schon seit längerem verkopfte Kolumnen bei Spiegel Online. Dieser hier ist die absolute Härte, hier spricht sie allen Fußballhassern aus der Seele. Ihre Einlassung, dass sie Weizenbier trinkt, werte ich mal als plumpen Versuch, nicht als tumbe Emanze zu erscheinen.
Dass sie sich freute, dass die Straßen während der EM leer sind und sie endlich in Ruhe im Supermarkt einkaufen konnte, ist aber nur ein müdes Argument für das Abfassen dieses Artikels. Wenig Inhalt, nichts neues wird hier erzählt.
Ich möchte mein Geld auch einmal so leicht verdienen wie Frau Stokowski. Mal eben zwischen 2 Weizenbieren irgendwelchen Stuss schreiben und dabei eine Gruppe von Menschen in die Ecke stellen. Eine Frau Stokowski möchte ich jedenfalls nicht als meine Nachbarin haben.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-sigmar-gabriel-setzt-sich-mit-ttip-kurs-durch-a-1067477.html
Auf dem Parteitag stellten sich die SPD Mitglieder mehrheitlich hinter den Kurs von Gabriel und Stegner. Pro TTIP, angeblich, um die Standards der Chinesen zu verhindern.
Geschichte wiederholt sich. 1914 stimmten die Genossen den Kriegskrediten zu. Knapp über 100 Jahre später opfern sie die Selbstbestimmung der Bürger, repräsentiert durch den Staat, zugunsten einer ungezügelten Wirtschaftsmacht der internationalen Großkonzerne.
Armselig.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ceta-wie-sich-das-europaparlament-selbst-entmachtet-a-1101560.html
Zuerst wollte die EU Kommission das CETA Abkommen mit den Kanadiern in Eigenregie abschließen, ohne die zwingend vorgeschriebene Zustimmung der nationalen Parlamente. Erst im letzten Moment hatte Herr Juncker ein Einsehen. Angesichts des drohenden EU Austritts der Briten wollte er den EU Gegnern wohl nicht noch mehr Munition in die Hand geben. Irgendwann merkt es eben selbst der größte Idiot, das in der EU Kommission nicht die Interessen der Bürger, sondern die der multinationalen Konzerne vertreten werden.
Natürlich kann man das auch anders sehen, ist ja ein freies Land hier. Dieser Spiegel Kommentar möchte die Argumente liefern, warum das CETA Abkommen für Europa sinnvoll ist und es deshalb gerechtfertigt ist, dies über die EU Kommission durchzuboxen.

http://www.heise.de/tp/artikel/48/48395/1.html
Telepolis ist immer dann gut, wenn es um allgemeine Grundsätze geht. Hier geht es ums Eingemachte, während der große Gesamtüberblick oftmals beim Tagesgeschehen auf der Strecke bleibt. In diesem lesenswerten Beitrag geht es um die allgemeine Politikverdrossenheit.
Im Laufe der Jahrzehnte sind vor allem die großen Volksparteien immer konturloser geworden. Durch den Einfluss der unterschiedlichsten Interessenverbände wie Arbeitgeber oder Gewerkschaften werden grundsätzliche Positionen nach und nach aufgeweicht. Dazu werden diese im Rahmen von Koalitionen so weit verbogen, um wenigstens andere wichtige Positionen durchsetzen zu können.
Vor allem die Mittelschicht wendet sich mittlerweile vom politischen Geschehen mit Grausen ab. Einfachere Gemüter wenden sich dagegen den schnellen Lösungen dank markiger Sprüche zu, als Beispiel sei hier die AfD genannt.
Gegen Ende dieses Beitrags zieht der Kommentator das Resümee, das die Demokratien als politisches System vor dem Ende stehen, wenn sie hier nicht gegensteuern. Schließlich sei Donald Trump mit seinen Sprüchen von Mussolini oder Hitler nicht mehr weit entfernt.

http://www.heise.de/tp/artikel/48/48777/1.html
Dieser Artikel macht mir wirklich Angst. Eine Studie der Universität Oxford kommt zu dem Schluss, das in den USA bis 2030 47% der Arbeitsplätze aufgrund der fortschreitenden Automatisierung verloren gehen werden.
Selbst in den Büroberufen schreitet die Automation weiter fort. Was bleibt, sind schlecht bezahlte Jobs für Hilfsarbeiten. Der angeblich händeringend gesuchte Facharbeiter wird ja nicht wirklich benötigt.
Hierauf könnte man als Gesellschaft nur mit starken Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich reagieren. Denkbar wäre auch eine Art Maschinensteuer, damit die eingesparten Personalkosten wenigstens zum Teil der Allgemeinheit zugute kommen.
Das passiert natürlich nicht – lies hierzu den vorherigen Beitrag. Hoffentlich muss ich den großen Crash nicht mehr erleben.

Samstag, 23. Juli 2016

Hartmudo Spezial: Die dicke Wade 9/17

Karina und Sven setzten sich erst einmal hin. Die Schwester skizzierte Sven den weiteren Ablauf des Tages in groben Zügen. Er sollte noch am gleichen Tag operiert werden und sich alsbald bereit machen. Unmissverständlich bat Sven darum, ihn nach der Operation zu fixieren, da er beim Aufwachen schon in der Vergangenheit um sich geschlagen hätte.
Mein Interesse war geweckt. Was für einen Hool hatten sie mir da bloß aufs Zimmer gepackt? Musste ich jetzt um mein Leben fürchten? Die Schwester versprach alles zu regeln und ließ uns allein. Für mich war es an der Zeit, Informationen einzuholen. Horst würde warten müssen.
Karina befindet sich in der Ausbildung, eine IT Ausbildung in einer Bank. Ihre schwarzen Klamotten ließen mich eine Dark Wave Begeisterung vermuten; Genau so ist es auch, wobei sie auch Rammstein nicht verschmäht. Im Moment hatte sie Urlaub und wollte eigentlich lernen, doch Sven wollte sie nicht allein lassen.
Sven arbeitet in der Instandhaltung bei VW in Wolfsburg. Schichtbetrieb, unregelmäßiges Essen - am liebsten heiß und fettig, Hauptsache scharf. Kein Wunder, das er da... natürlich ist sein Malheur auch genetisch bedingt. Ein schwaches Bindegewebe wurde ihm schon in die Wiege gelegt. Ganz einfach gesagt, litt er unter Hämorriden. Innen und Außen und gleich die Operation.
Ich kann mich noch genau an meinen Mitbewohner bei der ersten Analfistel OP vor 4 Jahren im HEH erinnert. Der Mann war Handwerker und blutete aus dem Arsch, nach seiner OP wimmerte er herzzerreißend und die Schreie bei seinem ersten Stuhlgang hatten mich wünschen lassen, niemals wegen Hämorriden operiert werden zu müssen.
Davon erzählte ich Sven selbstverständlich nichts, da er offenbar sehr starke Ängste hatte, wenn er sich schon fixieren lassen wollte. Jedoch war die Lage wohl nicht so dramatisch, wie es sich zuerst darstellte. Warum auch immer, bei Sven wirkt eine Betäubung zuerst auf den Verstand und dann dem Körper. Sein Körper wacht auch schon weit vor dem Verstand auf. Deshalb verspürt er dann wohl Schmerzen - also der Körper, nicht der Verstand - und reagiert entsprechend. Der Körper schlägt sowohl um sich, das Bewusstsein schläft da noch.
Karina half Sven beim Anlegen des Operationshemdes, hinten offen. Macht ja Sinn, oder? Das bunte Häufchen für den Kopf noch auf, die blaue Pille eingeworfen und gleich darauf wurde er mit seinem Bett aus dem Zimmer gerollt zu seiner Operation an seinem Popo. Karina wollte solange im Zimmer warten.
Sie schnappte sich ihr Buch und las ein bisschen. Zeit für mich, sie in Ruhe zu lassen und Horst zu besuchen. Ein wenig Bewegung würde mir sicher auch guttun. Schlurfend schlich ich ùber den Flur zum Fahrstuhl, ab ging es in den 4. Stock zu meinem alten Zimmer.
Als erstes begegnete ich der polnischen Ärztin, die sich nach meinem Wohlbefinden erkundete und von meiner Diagnose gut informiert zeigte. Mr. Maco freute sich richtig, mich zu sehen und hob lächelnd die Hand zum Gruß. Neu im Zimmer war der Mann von der Polizeigewerkschaft, der gerade am Daddeln auf seinem Laptop war. Er hatte Knie. Ich erkannte es mühelos daran, dass er dieses hochlegte.
Horst war in dem Moment nicht im Zimmer, tauchte aber innerhalb einer Minute auf. Gerade vom Klo runter, begrüßte er mich überschwänglich. Bevor wir uns aber verdrücken konnten, checkte die polnische Ärztin alle 3 nochmal durch. Ich war inmitten der Visite hereingeplatzt, aber als "alter Kunde" ließ sie mich im Zimmer bleiben.
Die Flüssigkeit in Horsts Beutel war immer noch rot, es ging ihm aber inzwischen sichtlich besser. Mr. Maco sollte wohl auch bald entlassen werden, der ursprüngliche Verdacht auf eine offene Tuberkulose war bereits am Vortag ausgeschlossen worden. Erst jetzt erfuhr ich, dass er auf einem Auge blind ist.
Der Polizist und ich über setzten zwischen Ärztin und Mr. Maco. Es stellte sich heraus, das er noch in der zentralen Aufnahmestelle wohnte, aber eigentlich nach Paderborn umziehen sollte. Dort war er auch schon angemeldet, allein der Aufenthalt im Krankenhaus verhinderte die Umverteilung.
Mr. Maco fühlte sich in Braunschweig allein und von anderen Flüchtlingen bedroht. In Paderborn hat er Verwandte, deshalb denke ich schon, dass eine Umverteilung die korrekte Maßnahme darstellt. An dieser Stelle Wünsche ich ihm nochmals alles Gute, ihm wird es in Paderborn besser gehen.
Für Horst hatte ich die Sportbild und den Kicker mitgebracht, worüber er sich richtig freute, denn im Krankenhaus ist es nun mal eintönig und seine Frau war immer noch nicht da gewesen. Wir zogen uns auf den Flur zurück, um in Ruhe einen Kaffee zu schlürfen und etwas zu labern.
Typisch Krankenhaus, Kaffee war natürlich alle. Wir wichen auf Tee aus. Pfefferminz für mich, schwarzen Tee für Horst. Er nahm dies zum Anlass, mir etwas über die Vorzüge von grünem Tee zu erzählen. Dieser ist nämlich sehr gesund, gut für alle Organe. Horst schwört drauf, seitdem ihm seine Hausärztin dies empfohlen hatte. Aber nur "pur", also keinen Mix mit Zitrone oder so. Pur muss er sein.

Mittwoch, 20. Juli 2016

Uncle Fester: grad gelesen Juli 2016

Thomas Carl Sweterlitsch – Tomorrow & Tomorrow
Mal wieder ein Erstlingsroman und der Autor hat auch eine schöne Idee, Second Life lässt grüßen.
Eine nahe Zukunft: Durch einen atomaren Terroranschlag wurde Pittsburgh vollkommen zerstört. In einer Welt, in der die Menschen mittels einer im Kopf implantierten Adware ständig mit dem Internet verbunden sind, gibt es für die Überlebenden dieser Katastrophe die Möglichkeit, sich in eine Simulation von Pittsburgh einzuwählen, die virtuell aus den bestehenden Datenbeständen eines Archivs gespeist wird.
Und diese Simulation ist die Wirkungsstätte der Hauptperson dieses Romans. Der Privatdetektiv John Dominic Blaxton prüft Schadensansprüche an Versicherungen von Hinterbliebenen der Toten von Pittsburgh. Unter Zuhilfenahme von Drogen taucht er ganz tief in das virtuelle Pittsburgh ein und ist der beste seines Fachs.
Die Tragik des John Dominic Blaxton ist jedoch die Trauer um seine beim Anschlag gestorbene Frau, die er nicht überwinden kann. Ständig durchlebt er nochmal die schönen Stunden mit ihr; ja er lebt eigentlich nur in der Simulation. Die Realität ist ihm egal. Dieses Szenario erinnert stark an den Film „Surrogates“ mit Bruce Willis und natürlich an die Welten eines Philip K. Dick.
Zu Beginn der Story wird Blaxton unter Einfluss der Droge verhaftet und landet dank seiner Drogenabhängigkeit im Entzug. Seinen Job ist er natürlich auch los. Dank seines Therapeuten Timothy bekommt er aber wieder einen Job. Für den Unternehmer Waverly soll er die Daten von dessen Tochter Albion wiederherstellen. Irgend Jemand verwendet sehr viel Energie darauf, Albions Daten aus dem Archiv zu löschen.
Bei seinen Ermittlungen wird er von dem Kriminellen Mook, einem Freund von Albion, unter Druck gesetzt, die Suche nach Albion aufzugeben. Mook droht im Auftrag von Albion mit der Auslöschung der Daten von Theresa, der Frau von Blaxton. Irgendwann ist Mook tot und Theresa ausgelöscht. Aber dafür ist Albion nicht tot. Als Blaxton Albion in der realen Welt findet, ändern sich gut und böse.
Albion ist das Opfer und wurde als Kind von Timothy und Waverly in ein christliches Haus verschleppt. In dieser Sekte wurde sie mehr oder weniger als Sexobjekt gehalten und einer christlichen Gehirnwäsche unterzogen. Später half sie dann, andere Mädchen anzuwerben. Sie musste Timothy heiraten und konnte irgendwann mit der Hilfe von Mook fliehen. Jetzt fürchtet sie die Rache von Timothy und Waverly.
Blaxton hatte Filmmaterial über den bestialischen Mord an dem Mädchen Hannah an seinen Cousin Gav geschickt. Das schickt er am Ende des Romans an CNN. Durch die Veröffentlichung werden Timothy und Waverly bloßgestellt und enden in einer der permanent laufenden Enthauptungsshows, in denen die amerikanische Präsidentin im elisabethanischen Kostüm die Hinrichtung höchstpersönlich abnimmt.
Der Schluss mit der Hinrichtungsshow klingt in dieser Zusammenfassung krass. Tatsächlich tauchen diese Szenen im Buch öfters auf. Die dadurch aufgezeigte Gesellschaft ist die negative Fortführung unserer heutigen Konsum- und Medienlandschaft. Dies steht im Roman aber leider nicht im Vordergrund, sondern ist nur Begleitmusik für die nicht wirklich originelle Kriminalstory. Schade, denn die Science Fiction Elemente sind gut herausgearbeitet.
Wenn Sweterlitsch diese gesellschaftskritischen Elemente zukünftig mehr in den Vordergrund stellen sollte, kann er ein Großer dieses Genres werden.


                      

Frank Goosen – Radio Heimat: Geschichten von zuhause 

Der lag schon länger bei mir rum. Aber nach der diesjährigen BiRe im Ruhrpott, bei dem Hartmudo irgendwann neben einem unnahbaren Goosen in der Kneipe stand, forderte Hartmudo mich auf, dieses knapp 200 Seiten leichte Teil zu lesen. Nach anfänglichem Widerwillen war ich dann doch begeistert.
Das ganze Buch ist eigentlich nichts weiter als eine Ansammlung von Anekdoten aus dem Leben des Frank Goosen. Kindheit, Jugend. Das Erwachsenwerden und Erwachsensein, alles wird pointiert geschildert. Auch Freunde und Verwandtschaft, wie Omma und Oppa, werden hier schön skizziert. Herausgekommen ist eine liebevolle Milieustudie über die Menschen im Pott, die in Geschichten von maximal 10 Seiten, zumeist erheblich kürzer, erzählt wird.
H Lecter oder auch Hartmudo könnten jetzt auch rangehen und ein Best Of ihrer Beiträge als Buch veröffentlichen. Ein Lektorat vorausgesetzt, wäre das Ergebnis qualitativ auch nicht schlechter als dieses Buch von Goosen. Allerdings wirkt sich der Name Goosen verkaufstechnisch erheblich besser aus.
Schön kurzweilig, dies Buch. Aber Goosen kann mehr.
 

Bernd Cailloux – Das Geschäftsjahr 1968/69  
Tesla lieh mir dieses Buch kürzlich mal aus, das ich von alleine nie gelesen hätte. Ein Buch zur rechten Zeit, heute so aktuell wie eh und je.
1968 gründen 3 Freaks in einer Gartenlaube in Düsseldorf eine alternative Firma, ohne den ganzen bürokratischen Scheiß. Genossenschaftlich sollte es sein, jeder den gleichen Lohn erhalten usw. Sie entwickelten und bauten in dieser Laube Stroboskope für Diskotheken und Veranstaltungen. Der Erfolg kam rasend schnell und mit ihm die Veränderung.
Der smarte Büdinger reißt schließlich die Firma an sich und steigert dank marktwirtschaftlicher Methoden wie einem Prozessoptimierer die Produktion und damit seine Gewinne. Der verkopfte und weinerliche Ich-Erzähler wird erst in die Dependance nach Hamburg verschoben und ist am Ende komplett draußen. Seinen Traum vom gerechten Kollektiv träumt er am Ende schließlich nur allein, alle anderen Figuren, die nach und nach in die Firma eingesickert waren, haben sich mit der Situation arrangiert. Und Geld regiert die Welt, da kann man bekanntlich nichts machen.
Der wichtigste Charakter für mich ist aber Bekurz, der Erfinder und Entwickler der Stroboskope. Während Büdinger und der Ich-Erzähler ihren Kopfmüll ausleeren, ist er der Einzige, der überhaupt Plan hat und tatsächlich arbeitet. Vor lauter Arbeit merkt er nicht, wie er von den anderen beiden verarscht wird. Wie im richtigen Leben halt – im Kleinen wie im Großen.
Der Ich-Erzähler stolpert in eine Drogenkarriere hinein und steigt aber rechtzeitig aus, als seine „Mitstreiter“ wie z.B. Indien-Gerd junkiemäßig vor die Hunde gehen. Bei Regine, die ihn zuerst boshaft als Hippie-Businessman tituliert, findet er einen sicheren Hafen. Ihre Liebe hält sogar sein Kopfkino aus, was mir dagegen von Seite zu Seite schwerer fiel. Doch gerade deshalb hat mich dieser Roman so aufgewühlt.
Denn die Parallelen zu den Zeiten des Internetbooms in den 90ern sind frappant. Ach, was sag ich: Auch an meine Jugend(lich)zeit Anfang/Mitte der 80er musste ich denken, da ich solche Abläufe auch in meinem Umfeld beobachten konnte. Idealisierte junge Menschen wollen „die Welt retten“. Gerecht soll es zugehen. Und jedes Mal wieder verkennen die Gutmenschen die wahre Natur des Menschen, der eben nicht edel und gut ist, sondern gierig und faul.
Allein deshalb scheitern alle noch so gut gemeinten Versuche alternativer Lebensweisen und Wirtschaftssysteme früher oder später sowohl am Egoismus Einzelner wie auch an der Bequemlichkeit der Beteiligten. Cailloux beschreibt dies vortrefflich mithilfe des Ich-Erzählers, der schwadroniert und schwadroniert, aber selbst nicht wirklich was auf den Kasten hat oder auf die Reihe kriegt, von der Überwindung der Drogensucht mal abgesehen.
Ein lehrreiches Buch also für all die Leute, die fälschlicherweise an das Gute im Menschen glauben und immer noch meinen, das es eine gerechte Gesellschaft geben könnte.

Henning Venske – Lallbacken
Der Altmeister des politischen Kabaretts. Sich von Ministerium zu Ministerium abarbeitend, listet er penibel alle kruden Handlungen der jeweiligen Minister seit Ende der 90er Jahre auf. Das ist sehr amüsant zu lesen, ich las es als Gute Nacht Lektüre vor dem Einschlafen.
Inhaltlich bleibt da natürlich nicht allzuviel haften, dazu sind es einfach zu viele Fakten. Die meisten waren mir auch schon bekannt, so dass sich der Aha-Effekt nicht einstellen wollte. Auch sind Venske`s eigene Schlussfolgerungen bzw. imaginären Fragen sehr intellektuell gehalten.
Dafür wiederum wurde ich gut unterhalten. Das hat er immer noch drauf, der Henning. Und schön böse ist er nach all den Jahren trotzdem geblieben, der alte Sack. Dafür meinen Respekt.

Samstag, 16. Juli 2016

Udorallala: Luis & the Wildfires

Irgendwann im schönen Monat Mai war ich mal wieder im Netz unterwegs. Auf den einschlägigen Seiten für Rock `n` Roll und Sixties-Garage stolperte ich durch Zufall über Luis & the Wildfires. Die Kritik zu ihrem ersten Longplayer „Brain Jail“ waren derart überschwänglich, das ich mich dazu verleiten ließ, mir auf Youtube ein Video von dieser Band aus Los Angeles anzuschauen.
Das hier verlinkte Video sprang mir förmlich ins Gesicht. Die Aufnahme wurde während eines Festivals in Stuttgart gemacht, aber das nur nebenbei. Viel interessanter ist die Musik. Beim Hören und Sehen des Videos könnte Dir dasselbe wie mir passieren, nämlich das Dir Hören und Sehen vergeht. Nicht weil die Band total schlecht ist, im Gegenteil. Nein, Dir könnte es passieren, dass Du sofort mitwippen musst.
Jawohl, mein Herr. Hier haben wir richtig heißen Rockabilly, der sich dank eines schnelleren Tempos, in Fachkreisen gern Punk-Attitüde genannt, und guten Songs von den Vorbildern aus den 80ern, den Stray Cats, absetzen kann. Schon der Song „Wild in the Head“ lässt ältere Sachen aus dem 20. Jahrhundert sehr betagt aussehen, ohne diese Wurzeln zu verleugnen.
Noch vor dem Betrachten des Videos fiel mir auf, das es sich bei den Musikern um Latinos handelt. Im Rockabilly wie der Rockmusik im Allgemeinen auch sieht man Latinos ja eher selten, und wenn, dann reden wir über Ritchie Valens. Dank dessen Songs wie „Donna“ oder La Bamba“ hatte ich bei Luis & the Wildfires eher eine Mariachi-Band erwartet. Weit gefehlt, die Jungs haben ordentlich Chili im Blut. Ihr Sound wird mit gefühlt doppelter Geschwindigkeit durch Schlagzeug und Standbass vorangetrieben. Der Sound der Leadgitarre klingt zwar nach Jimmie Vaughan, dem genialen Ex-Gitarristen der Fabulous Thunderbirds und noch besserer Gitarrist als sein berühmter Bruder Jimmy Ray (das musste ich mal loswerden), aber dank der straighteren Rhythm Section schlägt das Pendel der Mukke mehr in Richtung Rock`n`Roll als Rhythm`n` Blues aus.
Der Sänger rundet das Ganze dann noch ab und schnallt sich die Gitarre auf den Rücken, womit wir wieder bei Mariachi wären. Mit diesem Sound können sich sowohl eingefleischte Rockabilly Fans wie auch „Neulinge“ anfreunden. Die würde ich gern mal live erleben. Keine Bläser, kein Keyboard. Nur Gitarre Bass Schlagzeug und HolladieWaldfee. So muss das sein.
Schade nur, das die Band es bisher nur auf 2 CDs gebracht hat. „Heart-Shaped Noose“, die zweite Scheibe, ist immerhin auch schon 5 Jahre alt. Da ich nebenbei auf Youtube eine Live Aufnahme vom Anfang diesen Jahres gesehen habe, besteht aber noch Hoffnung. Es gibt sie noch. Vielleicht habe ich ja Glück und sie laufen mir wieder durchs Bild.

PS.: Mit "Digital" haben die Jungs sogar noch ein Joy Division Cover anzubieten. Wie kommt man im sonnigen L.A. auf den Gedanken, sich Songs aus dem verregneten Manchester anzuhören und auch noch nachzuspielen?