Dienstag, 28. April 2026

Uncle Fester: grad gelesen April 2026

Juli Zeh & Simon Urban - Zwischen Welten
Dies ist kein normaler Roman, sondern ein Briefwechsel zwischen zwei alten Freund*innen, die sich vor 20 Jahren in Münster eine Wohnung teilten, rein platonisch. Wobei Stefan die ganze Zeit in Theresa schwer verschossen war, aber nie zum Zug kam. Als Theresa dann in einer Nacht- und Nebelaktion nach Brandenburg verschwand, um den Bauernhof ihres Vaters weiterzuführen, verloren sich unsere Protagonisten aus den Augen.
Zufällig treffen sie sich 2022 an der Außenalster in Hamburg wieder. Stefan ist mittlerweile zum Kulturchef der Wochenzeitung „der Bote“ mutiert. In dieser Journalistenblase ist der Klimawandel das große Thema, dazu wird gegendert, was das Zeug hält. Gegensätzliche Meinungen sind hier nicht tragbar. Erinnert nicht von ungefähr an Spiegel, TAZ und Co.
Beim Wiedersehen rasselt er zwangsläufig mit Theresa zusammen, die sich als Bäuerin im Osten von den Behörden im Stich gelassen sieht. Ihr bester Mitarbeiter, den sie menschlich schätzt, ist sogar noch AfD Mitglied. Für Stefan geht das natürlich gar nicht, so was ist Bäbä. Die Spaltung in der deutschen Gesellschaft haben die beiden Autoren an ihren Figuren hervorragend skizziert. Dieser „Roman“ ist mehr als bloße Unterhaltung.
Stefan findet es chic, zwei unerfahrene junge Frauen mit der Gestaltung einer Sonderausgabe Klima zu betrauen. Im Laufe des Buches sind diese beiden Mädels dank stalinistischer Aggression gegenüber den etablierten Journalisten für den Sturz des Chefredakteurs verantwortlich, den sie richtig fies wegmobben. Auch Stefan nehmen sie ins Visier; kurz vor Ende des Romans ist dieser bereit, alles hinzuschmeißen und mit Theresa an den Bodensee zum Haus von Martin Walser zu fahren, was beide schon zu Studentenzeiten machen wollten.
Theresa wiederum sieht sich aus wirtschaftlicher Not gezwungen, anarchistische Bauernproteste zu unterstützen. Aus wirtschaftlicher Not verrudert sie dann noch das Vermögen ihres Mannes, der sie schließlich verlässt. Viele Chancen hatte er ihr gegeben, aber Theresa ist gefangen in ihrem Engagement für die Sache der Kleinbauern. Dann will sie zumindest eine Auszeit bei Stefan in Hamburg nehmen, ein Happy End zweier Liebender deutet sich an.
Aber dann kommt alles anders. Stefan ist auf einmal doch der Held und wird Chefredakteur; sofort sind all seine Einsichten über die unehrliche Journalistenwelt passe. Theresa, die in den Knast einfährt, weil sie den Landwirtschaftsminister schlägt, lässt er fallen. Und jammert noch rum, wie sie ihn nur verraten konnte.
Keine Frage, die Story sieht eindeutig Theresa als positiven Charakter. Stefan dagegen bleibt bis auf wenige Momente ein verachtenswertes Arschloch. Dass Theresa und Stefan trotzdem ihren Email- und Whatsappkontakt so lange pflegen, ist nicht wirklich gut begründet.
Nach der Lektüre des Buches habe ich die Rezensionen im Spiegel und der TAZ gelesen. Wie nicht anders zu erwarten war, sind das richtig große Verrisse. Ob die jeweiligen Kommentatoren sich in Stefan wohl selbst wiedererkannt haben und sich auf den Schlips getreten fühlen?
100 Pro.

Thomas Brussig - Das gibts in keinem Russenfilm
Von ihm hatte ich dieses kleine Buch mit dem Ossi-Schiedsrichter mal gelesen. Den „Russenfilm“ hatte ich mir in der Euphorie beim Lesen des ersten Monologs dort bestellt. Klang ja auch lustig. Die DDR doch nicht untergegangen 1989. Wie wäre es dort weitergegangen? Von diesem Autor aus dem Osten erwartete ich eine ironische Alternativwelt.
Die Ironie schimmert hier an vielen Stellen auch durch. Brussig scheint hier seine persönliche Lebensgeschichte aufgeschrieben zu haben; das Instrument der wörtlichen Rede ist quasi nicht vorhanden. Erst ab 1989 weicht das Geschehen von den tatsächlichen Ereignissen ab. Der Titel des Romans ist lediglich ein Zitat im zweiten Teil des Buches und hat keinen Bezug zur Story, hatte mich aber von der Notwendigkeit des Kaufes überzeugt gehabt.
Im wesentlichen beschreibt Brussig den Literaturbetrieb in der DDR und nach 1989 dann auch in der BRD. Bekannte Schriftsteller, aber auch ostdeutsche Persönlichkeiten wie Frau Wagenknecht, Gregor Gysi oder Uwe Steimle tauchen hier auf. Sahra Wagenknecht als Nachrichtensprecherin der Aktuellen Kamera. Witziger Einfall.
Jedoch werden die Fortschritte in der DDR eher am Rande der Story behandelt. Die Gedanke, die Aufhebung der Ausreisebeschränkungen bzw. die neue Freizügigkeit durch die Verpflichtung zur Beibehaltung des Wohnsitzes abzufedern ist eine hübsche Idee. Oder die Energieerzeugung durch Windkrafträder und Verkauf des Stroms an die BRD zum Ankurbeln des E-Autobooms im Westen Anfang des Jahrtausends auch. Leider nur kurz angerissen.
Nervig dagegen kommt diese Fixierung auf das Literaturgenre rüber. Dass sich die Opposition in der DDR überwiegend über diese Lesezirkel organisiert hatte, ist historisch gesehen sicher korrekt. Doch das Leben außerhalb dieser Blase, also die Work-Life-Balance der Arbeiter und Bauern in der DDR, bleibt dem Autor verschlossen. Dies erinnert mich an die aktuelle Berliner Blase der Woken und Selbstgerechten.
Folgerichtig kommt Brussig zu dem Fehlschluss, dass sich eine DDR, die im Jahre 1989 nicht abgewickelt worden wäre, sich mehr auf die Freiheit im persönlichen Bereich beschränkt und sich mehr um die philosophischen Aspekte des Lebens gekümmert hätte. Die Verlockungen der bunten Welt des Konsums wären nach Brussig nicht erfolgreich gewesen.
Na Ja. Das zeigt mir jedenfalls eins: Intellektuelle in der BRD wie der DDR haben sich nun wirklich nicht unterschieden. Das Leben der „normalen“ Menschen blieb ihnen fremd. Vor 1989 und auch heute noch. Einen wirklichen Schluss oder eine Moral von der Geschicht hat dieser Roman nicht. Das Ganze wirkt wie ein Tagebuch und erinnert mich sogar für ein Stück an meine eigenen Romanversuche.
Dank eines Lektorats technisch sicher besser umgesetzt, das war es dann aber auch schon. Ich ruf am Besten auch gleich mal beim Fischer Verlag an.

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