Donnerstag, 16. April 2026

Hartmudo: Superwumms

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So aber war es meinen Freunden Randy und dem Kanonier vorbehalten gewesen, mich für eine akut vorliegende Depression zu sensibilisieren. Natürlich nicht zu begeistern, aber dank einiger Erläuterungen zur Normalität dieser Erkrankung war mir die große Angst vor einer Zwangsjacke oder Sanatorium-Aufenthalt genommen worden.
"Offensiv" gesucht hatte ich die fachliche Hilfe meiner Freunde nicht; gern hätte ich ihnen den erforderlichen Aufwand erspart. Denn gerade bei psychischen Beschwerden ist ein allzu enges persönliches Verhältnis zwischen Arzt/Therapeut und Patient nicht wünschenswert, weil das Wahren der erforderlichen Objektivität gerade für den Therapeuten äußerst diffizil zu handhaben ist und daher besser vermieden werden sollte.
Beide Freunde kamen eher dadurch ins Spiel, weil ich ihnen nicht den Eindruck vermittelt konnte, dass ich meine Situation im Griff hatte. Sie boten mir daher ihre Hilfe an, um Schlimmeres zu verhüten. Schließlich hatte ich mich bislang immer in der Gewissheit gesonnt, psychisch mit allen Widrigkeiten umgehen zu können.
Hatte ich denn nicht immer für Jeden die passende "Diagnose" parat gehabt, welche die Lösung der persönlichen Probleme darstellen würde? Häufig genug hatte ich richtig gelegen; von meiner Kompetenz in Fragen der Lebensberatung war ich felsenfest überzeugt gewesen. Mein engeres persönliches Umfeld hatte mich diesbezüglich immer bestärkt.
Dieser Arroganz wurde (vollkommen zurecht) der Garaus gemacht. Meine Selbstsicherheit wurde in den letzten Wochen nahezu atomisiert. In den Wochen zuvor hatte ich mich viel zu oft wie ein Häufchen Elend gefühlt. Hilflos und niedergeschlagen - also der Depressive, wie er im Buche steht und wie ich ihn mir bislang vorgestellt hatte.
Eines jedoch war mir unmittelbar nach dem Hilfeangebot des Kanoniers klar gewesen: Der Kanonier würde mir keinen Gefälligkeitsdienst erweisen, so viel stand fest. Dafür kenne ich ihn zu gut, dafür schätze ich ihn auch seit all den Jahren, die wir uns kennen. Genau diese Geradlinigkeit ist einigen meiner Freunde suspekt gewesen; doch häufig genug hatte der Kanonier meine zur Schau gestellte Selbstgefälligkeit durchbrochen und mich dadurch erden können.
So war ich trotz einiger Enttäuschungen in den letzten Wochen frohen Mutes - ja sogar gewiss, dass mich das Treffen mit dem Kanonier nach vorne bringen würde. Meine Laune war demzufolge eine gute und so nach und nach entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung mit meiner Löwin. Die lange vermisste Leichtigkeit war während der Fahrt zurückgekehrt.
Um 11.30 Uhr war unser Termin beim Kanonier in seiner Praxis, wir waren aber schon vorher in Alfeld eingetroffen. Da hatten wir noch Zeit für einen Kaffee. Und ich war immer noch guter Dinge; das hatte ich zwar schon einige Male in den vergangenen Wochen gehabt, doch diesmal konnte ich gar nicht enttäuscht werden.
Gespannt parkten wir das Auto auf dem Parkplatz des Krankenhauses und gingen zu einem Seiteneingang, wo wir schon vom Kanonier erwartet wurden. Nach einer freundlichen Begrüßung schleifte er uns durchs Treppenhaus und einem sterilen Flur in seine Praxis. Seine medizinische Fachangestellte verabschiedete er im Vorbeigehen noch kurz ins Wochenende, dann hatten wir endlich sein Arztzimmer erreicht.
Ganz professionell ließ er mich erst einmal die Ereignisse seit dem Unfall schildern. Meine Löwin ergänzte dort, wo ich mich ungenau ausgedrückt hatte. Hierzu zählten dann auch ihre individuellen Eindrücke von mir. Als da wären die sichtbare Niedergeschlagenheit; ich hatte halt keinen Spaß mehr verspürt, mich immer nur durchgeschleppt.
Mein Schlüsselerlebnis bei diesem Treffen ergab sich aus einer typischen Fangfrage, die der Kanonier uns beiden stellte: "Könntest Du Dir vorstellen, allein auf einer Insel zu leben?" Meine Löwin bejahte dies, ich verneinte es. Aus diesen Antworten entwickelte der Kanonier seine Charakterisierungen unserer Persönlichkeiten.
Danach ruhte meine Löwin in sich selbst, während ich eher unsicher bin und mich zu sehr auf andere Menschen konzentrieren würde. Hhm. Jetzt, nach mehr als zwei Jahren Abstand, würde ich das nicht mehr so unterschreiben wollen.
Ab und an muss ich noch an diese Fragestellung, unsere Antworten und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen denken. Denn meine Antwort auf die Frage des Kanoniers fußte auf der rein rationellen Erkenntnis, dass niemand gern allein auf einer Insel leben möchte bzw. klar kommen würde.
Das ist nämlich der Pferdefuß an dem angestellten Gedankenspiel: Die gegebenen Antworten sind rein spekulativ; ob man allein auf einer Insel klar kommt, weiß man eben erst, wenn man sich in so einer misslichen Lage befindet und nicht vorher. Dass man sich alleine dort wohlfühlen würde, sagt sich halt einfach, wenn man sich nicht in einer derartigen Lage befindet.
Und ich bin eher jemand, der sich so eine Situation vorstellen kann oder zumindest ahnt, dass dies nicht schön sein kann. So viel Arroganz muss sein. Viele meiner Freunde meinen, dass sie alleine klar kommen würden. Da denke ich an Menschen, die in wichtigen Situationen in ihren Leben eben das genaue Gegenteil gezeigt hatten. Und Menschen, denen meine Löwin und ich mit dieser Fragestellung des Kanoniers konfrontiert hatten.
Aber eigentlich ist dies egal, weil die Charakterisierung des Kanoniers ja doch irgendwie hinhaut. Der Kanonier schilderte dann noch einen weiteren Eindruck von mir, den er so wahrgenommen hatte; schließlich kennt er mich lange und gut genug. Und in dieser Deutlichkeit hatte ich das zuvor noch von keinem aufs Butterbrot geschmiert bekommen.

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