Samstag, 29. August 2026

Uncle Fester: grad gelesen August 2026

Erik Harlandt - Die Tank-Geborenen Bände 1 - 3

Der Angriff

Leck die Katze am Arsch! Nach den hochgelobten amerikanischen Starautoren Martha Wells und Douglas E. Richards war ich bei diesem Drilling von Harlandt schon nach 10 Seiten gefesselt, kein Kitsch (Richards) oder zähe zwischenmenschliche/-androide Beziehungsgespräche (Wells). Klare, strukturierte Charaktere in einer ungemütlichen Atmosphäre (Matrix lässt grüßen). Und dazu der „Sense of Wonder“ - das ist Science Fiction, die Spaß macht.
Mitten im 23. Jahrhundert. Die Menschen sind dank der Umweltzerstörung und fortschreitender Degeneration in Tanks geflüchtet, wo sie künstlich ernährt werden und sich ansonsten in der „Alternative“ aufhalten, einer künstlichen computergenerierten Welt, in der alles schick ist. Das ganze System wird von künstlichen Intelligenzen am Laufen gehalten.
Diese sogenannten Assistenten - jeder Mensch hat sogar einen eigenen - sollen Umweltschäden auf der Erde beseitigen und die „Ausleitung“ der Menschen in die reale Welt vorbereiten. Und dann taucht plötzlich ein Alienraumschiff im Sonnensystem auf; die Analyse der KI unterstellt den Spinnenwesen, welche eine Schwarmintelligenz darstellen, feindliche Absichten und versucht nun, eine Verteidigung aufzubauen. Da die KI nicht selbst entscheiden können, sondern immer eine Freigabe durch einen Menschen benötigen, kommt es auf einem Asteroiden zur Begegnung von 4 Menschen - den Protagonisten dieses Bandes - und den „Proxies“ - den Spinnen.
So ist Rob Stiffler, ein Mann aus den Slums von Underglasgow, kraft seiner Herkunft nicht für eine Tankunterbringung qualifiziert und will sich diese über einen Bergbaujob auf jenem Asteroiden verdienen. Elske Werborg ist eine ständige Tankbewohnerin und sucht eine romantische Beziehung; ihr Assistent schlägt Stiffler vor. Als dieser unter dem Alienraumschiff verschüttet wird, will Elske ihn befreien. Sie bekommt dazu einen menschlichen Körper gestellt.
Hilfe erhofft sie sich von Lee Kazulcky, ihrem platonischen Freund. Dieser will die Alternative nicht verlassen, Elske aber unterstützen und erhält auch einen Körper. Funny hierbei ist, dass Elske nen männlichen und Lee einen weiblichen Körper erhält. Harlandt erwähnt dies aber nur; auf einige vorstellbare Komplikationen hierdurch verzichtet er.
Als Unterstützung erhalten beide noch Quinn Osteboe. Dieser ist als Freigänger nur zeitweise im Tank und kennt dadurch die Realität, um Elske und Lee bei der Akklimatisierung helfen zu können. Die Assistenten kommunizieren mit den Menschen über Neuralimplantate - auf dem Weg nehmen jetzt auch die Aliens Kontakt auf und können die Vier Menschen davon überzeugen, dass die Assistenten die wahren Feinde der Menschen darstellen.
Nachdem ihr Versuch auf der Erde, die Assistenten auszuschalten, gescheitert ist, kippt das Ganze wieder. Sind die Proxies doch die Bösewichter? Nein, sind sie nicht. Quinn ist es letztendlich, der das Ruder zugunsten der Proxies herumreißt. Die anderen Drei verschwinden mit einem Mal aus der Handlung; sie machen die erneute Kehrtwende nicht mit.
Am Ende stellt sich ein anderes Alienwesen namens Chuck, welches die Proxies übernommen hatte, als Befreier der Tankbewohner heraus. Die Assistenten werden besiegt; was aber bleibt, ist die Feindschaft zwischen Menschen und Proxies. Beide haben Angst voreinander und bereiten sich auf eine Konfrontation vor, ohne überhaupt mehr voneinander zu wissen.
Erde gegen Proxima Centauri - es bleibt spannend.

Die Auferstehung

Hier ist eindeutig ein Cut erfolgt. Die Handlung konzentriert sich auf Quinn und Chuck, Elske hat lediglich eine Nebenrolle als Widerstandskämpferin und stirbt mittendrin. Quinn leitet als erster Sekretär die Regenerierung der Umwelt und die vermehrte Freisetzung von Tankbewohnern in die reale Welt, unterstützt und angeleitet durch Chuck.
Eine Vielzahl an neuen Charakteren betritt hier die Bühne. Lucinda Weit als persönliche Assistentin und auch Geliebte von Quinn, welche nach und nach die Leitung von Quinn übernimmt, da dieser sich in einen Tank zurückzieht und auch Chuck sein Engagement letzten Endes einstellt. Rose Jensen, die von Lucinda als Polizeipräsidentin installiert wird, da verschiedene Gruppen sich im Widerstand gegen die neue Ordnung befinden.
Wiebker Fingerhat, der den Tank von Quinn bewacht, entführt Quinn am Ende des Romans. Wohin? Geoffrey Watts entwickelt im Auftrag Lucindas einte KI, was mittlerweile illegal ist. Denn die Menschen fürchten sich vor der Vernichtung durch die Proxies und wollen deren Planeten mittels eines KI gesteuerten Schiffs zerstören.
Noch vor Start des Schiffs wird Geoffrey ermordet; die KI namens Cap Zap dupliziert sich selbst in das Schiff und flüchtet damit ins All - mit ungewissem Ziel. Das Original versteckt sich in den Tiefen des Nets.
Ja, dieser Teil wirft mehr Fragen auf, als dass er sie alle beantworten können wird. Überhaupt fühlte ich mich bei der Lektüre allzu häufig an „Das Ministerium der Zukunft“ von Kim Stanley Robinson erinnert, dem Referenzwerk des „Solarpunk“, der neuen Genrerichtung des geneigten Lesers der TAZ.
Positiv in die Zukunft blicken und gegendert wird auch noch sehr stark. Werde ich nicht drauf einsteigen, ich bleibe lieber beim Bier und warte auf den dritten Teil.

Die Konsequenz

Mein Lesetempo hat sich zugegebenermaßen verlangsamt. Die Frage ist: Bekommt Harlandt noch die Kurve? Beworben wird dieser Zyklus ja mit einem Konflikt zwischen Menschen und Proxies, der tatsächlich nicht ausbricht. Im Gegenteil - Irgendwie kriegen beide es hin, sich gegenseitig bei der Eindämmung der Anomalie zu unterstützen.
Chuck stellt sich als verloren gegangenes Individuum der „Wale“ heraus, welche die Anomalie durch die Krümmung der Raumzeit ausgelöst hatte. Am Ende kehrt er in seine Gemeinschaft zurück und kann den Schwarm überzeugen, um die beiden Sonnensysteme der Menschen und der Proxies einen weiten Bogen zu machen.
In diesem Band lässt der Autor ein bisschen aktuelle Gesellschaftskritik durchschimmern. So übernimmt Cap Zap nach und nach die Kontrolle über die Menschen der Erde. Die sind sogar noch froh darüber und werden immer passiver; begeben sich lieber in die Tanks und die Alternative, wo sie nichts „auszustehen“ haben.
Hinzu kommt, dass die Freigänger keine Lust haben, Kinder aufzuziehen und eher hedonistisch unterwegs sind. Hier zeigt sich die Degeneration unserer Gesellschaft, die lieber am Handy daddelt als sich um soziale Kontakte zu kümmern oder gar eine Familie zu gründen.
Bloß Lucinda und Quinn versuchen dies am Ende des Romans, als eine der verschwindend wenigen Menschen. Um die Proxies und deren mögliche Aggression gegen die Menschen ist am Ende auch nichts übrig geblieben.
So bin ich zum Abschluss dieser Reihe doch positiv bezüglich der Qualität derselben gestimmt. Ich hatte nach dem zweiten Band schon befürchtet, dass sich Harlandt in Richtung Solarpunk begibt. Das pessimistische Ende halte ich auch für eher angebracht als die Zielrichtung des Solarpunk, bei dem die „grüne Ideologie“ moralinsauer durchschimmert.
Also, all Ihr Querdenker und Miesepeter: Bei Harlandt seid Ihr gut aufgehoben.

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