Dienstag, 17. März 2026

Hartmudo: Superwumms

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Wir mussten es und hätten uns auch gern etwas anderes vorgestellt als diese sinnentleerende Tätigkeit. Während andere schon studieren oder Geld verdienen konnten, rissen wir die 15 Monate ab - abends wurde dann gesoffen, was das Zeug hielt. Mit dem Kanonier war ich am Wochenende im Jolly oder auch auf Konzerten und Festivals. In der WG mit Pocke war er ein gern gesehener Gast gewesen, ebenso in der Nachbarschaft bei den Antifas. Als jene noch gegen tumbe Glatzen und richtige Nazis zu Felde zogen und nicht wie heute am Tropf regierungsnaher NGO's hängen und gegen die wirklich "Linken" aggressiv zu Felde ziehen.
Ich fragte also den Kanonier, ob er mir helfen könne. Diese Hilfe hatte er im Gespräch zuvor bereits von sich angeboten. Und er machte mir klar, dass die Verweigerung dieser Hilfe einer Befehlsverweigerung gleich kommen würde. Nein - ein Scherz, aber er wollte helfen. Und nochmal: Wenn Du bei Minus 15 Grad des Nachts unter der Plane im Zehntonner im Bundeswehrschlafsack pennen musst (jeder für sich allein natürlich), schweißt das zusammen.
Der Kanonier bat mich für den Freitag am späten Vormittag zu sich in die Praxis. Doch bereits in diesem Telefonat machte er mir unmißverständlich klar, um was es ging: Er würde mir wohl gleich "die volle Dosis" verschreiben. Denn es galt, mich sofort runterzuregeln, damit das ewige Grübeln aufhört. Also schnell und kompromisslos.
Da war er also wieder: Der Silberstreif am Horizont.
Freitag, 3. März. Heute also einer dieser Schlüsseltermine im Zusammenhang mit der langwierigen Erkrankung. Meine Löwin würde mit mir ins nahe gelegene Weserbergland zum Kanonier fahren; ihre Anwesenheit war vom Kanonier ausdrücklich erbeten. Dies würde also einer der besseren Tage werden; Cruisen über die Landstraße bei sonnigem Frühlingswetter.
Doch vor das Vergnügen hat der liebe Herrgott die Arbeit gesetzt; in meinem Fall war dies der erste Termin bei der Ergotherapie. Fahrradfahren ging ja wieder, ergo begab ich mich frühmorgens mit dem Rad zum Hagenmarkt. Quasi neben meiner Rheumatologie wurde meine Ergotherapie durchgeführt.
Um 7:15 Iuhr hatte ich den ersten Termin und begab mich in den ersten Stock in die Praxis. Die Tür war offen, aber innen drin war keine Menschenseele zu entdecken. Der Tresen war unbesetzt; der Eingangsbereich, der auch als Wartezone dient, war auch verwaist, was bei der frühen Stunde auch nicht wirklich überraschen konnte.
Ein bisschen Spielzeug für Kinder, sonst nur Stühle. Ich war verwirrt. Auf mein "Hallo? Ist da Jemand?" erfolgte keine Reaktion, also setzte ich mich auf einen der Stühle und wartete ab. Denn irgendjemand musste die Praxis ja aufgeschlossen haben. Gut, dass ich für gewöhnlich früher als gefordert aufzulaufen pflege.
Für 10 - 15 Minuten saß ich da so rum, daddelte auf meinem Handy herum und drehte mich damit gut runter. Dann kam aus irgendeiner Tür die Therapeutin und nahm mich sogleich in eines der Zimmer mit. Dort angekommen, setzten wir uns an einem kleinen weiß lackierten Tisch gegenüber. Nach ein paar Fragen zu meiner Krankengeschichte ging es dann endlich los.
Anders als bei der Krankengymnastik, die ich im Nachgang eher als Massagetermin erlebt hatte, ging es hier ausschließlich um mein rechtes Handgelenk. Interessant war ein Gummiroller mit Noppen, welcher, an der Operationsnarbe angewandt, die Durchblutung fördern und eine Vernarbung der Operationsnaht verhindern sollte.
Einen ähnlichen Roller hatte ich mir daraufhin im Netz bestellt gehabt, meine "Hausaufgaben" jedoch bereits nach wenigen Versuchen eingestellt. Die von der Therapeutin geäußerte Befürchtung, dass sich die Operationsnarbe ohne Stimulation durch den Gummiroller verhärten oder gar schmerzen würde, hatte sich gottlob nicht bewahrheitet.
Im Übrigen wurde das rechte Handgelenk mit weiteren Hilfsmitteln wie z.B. den bekannten Ball zum Zusammenquetschen trainiert und gängig gemacht. Sehr hilfreich waren die Dehn- und Streckübungen mit beiden Handgelenken. Die verbesserte Beweglichkeit war bereits nach der ersten Übung zu spüren gewesen. Diese Art der Übungen hatte ich dann auch eigenverantwortlich täglich durchgeführt; zumindest für 3-4 Wochen.
Die später folgenden fünf Sitzungen sollten in ähnlicher Manie folgen, wenngleich ich dann auch nicht mehr alleine im Wartebereich sitzen musste. Anfang März war wohl doch Krankheits- oder Urlaubszeit gewesen. Einmal, da kann ich mich noch gut dran erinnern, saßen mir eine Mutter und ihr behinderter Sohn (ca. 12 Jahre) gegenüber. Der etwas hyperaktive Junge wurde liebevoll von seiner Mutter betreut; auch die Therapeutinnen nahmen sich der Situation vorbildlich an. Es schien sich hierbei auch um einen Stammgast gehandelt zu haben.
Nach dem ersten Termin im Ergotherapiezentrum jedenfalls radelte ich schnurstracks nach Hause, weil der wirklich wichtige Termin an diesem Tag ja ganz woanders stattfand. Meine Löwin wartete bereits auf mich. Noch etwas zu Essen einschieben - und los ging es ins Weserbergland. Meine Löwin setzte sich ans Steuer, derweil ich zeitweise meinen eigenen Gedanken im Beifahrersitz nachhing.
Seit dem Unfall waren bereits 2 Monate ins Land gegangen, und erst heute sollte ich einen Termin beim Psychiater bekommen. In dieser Zeit habe ich erfahren müssen, dass für das Personal im Gesundheitswesen die Information des Patienten eher nicht im Vordergrund steht. "Warten sie dort. Gehen Sie zu dem Arzt."
Derart kryptische Ratschläge hatte ich zur Genüge erhalten. Keiner hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass meine auch von mir selbst bemerkten psychischen Schwierigkeiten bei bestimmten Spezialisten therapiert werden mussten. So war mir der Unterschied zwischen Psychiater und Psychotherapeuten nicht geläufig gewesen.
Und vor allem: Eine Depression bedeutet eben nicht, dass man sich gleich aufhängen möchte oder apathisch auf die gegenüberliegenden Wand starrt. Wenn ich bei meinem Termin im Schlosscarree einen Monat zuvor mehr über die verschiedenen Abstufungen von Depressionen bzw. den vielen entsprechenden Verstimmungen, welche die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal durchmachen müssen, informiert gewesen wäre, hätte ich bei der Frage des Doktors nach einer eventuell vorliegenden Depression anders reagiert und hätte sein Angebot einer Medikation dankend angenommen.

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