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Dies war natürlich eher eine Art der Selbstbeweihräucherung, denn ansonsten hätte ich mich beim Italiener nicht so bescheuert angestellt. Nach der Getränkebestellung druckste ich unnötigerweise herum und wollte lediglich eine Suppe bestellen, weil dieser Italiener auch so gar nichts nach meinem Geschmack auf der Speisekarte hatte.
Das war für meine Löwin zu viel. Mit tränenreicher Stimme hielt sie mir meine Passivität vor und wollte nun ihr Rumpsteak auch nicht mehr. Ich sollte endlich mal sagen, was ich will. Das traf mich mitten ins Mark, weil ich weiß, dass sie Recht hatte. Und wieder kam dieses Deja Vu Gefühl auf, die Verlustängste drohten mich zu übermannen.
Der Boden unter meinen Füßen war schon weg, als sie dann noch sagte, dass sie sofort nach Hause wollte. Sie hatte keine Lust mehr. Was ich denn wollen würde, ich sollte es endlich mal sagen.
Total verdattert und verängstigt schlug ich vor, dass wir uns nach dem Essen wie geplant noch Brüssel anschauen und anschließend im Hotel den Abend beim Kartenspielen ausklingen lassen sollten. Damit konnte ich sie allerdings nicht begeistern; sie wollte nach dem Reinfall mit dem Hotel, der schlechten Zugverbindung nach Brüssel und dem Diebstahl meiner Brieftasche nur noch nach Hause. Sie hatte die Schnauze voll.
Überhaupt ging ihr meine (scheinbar) emotionslose Reaktion auf den Zeiger. Und in diesem tristen Moment, wo das Unwetter nahezu alles zu verschlingen drohte, brach die Sonne von einer Sekunde zur anderen durch die düstere Wolkendecke und hellte die Stimmung auf. Erklären kann man das nicht, das nennt sich wohl einfach Leben.
Die Aussicht, an diesem Abend zu Hause schlafen zu können und die nächste Nacht nicht mehr in dem ungemütlichen Zimmer in Ruisbroek verbringen zu müssen, vertrieb all meine negativen Gedanken und setzte neue Kräfte frei. Und da wir uns nun darauf geeinigt hatten, noch an diesem Tag nach Hause zu fahren, erfasste uns beide ein Stimmungswechsel ins Positive, mit dem wir nicht mehr gerechnet hatten.
Meine Psychotherapeutin wäre über unser Hinausziehen aus dem Stimmungsloch hoch erfreut gewesen. Nicht erfreut war der Kellner des Restaurants, der ob unserer ausbleibenden Bestellung eines Essens gar nicht mehr auftauchte. Meine Löwin musste ihn aus dem hintersten Eck des Restaurants hervorzerren; Anschließend legte ich ihm das Geld für die Getränke passend hin - kein Trinkgeld für den Kellner.
Den Namen dieses Restaurants hatte ich dann ganz schnell vergessen. Wir fuhren mit der U-Bahn zum Bahnhof Brüssel-Süd, um nach dem Essen mit der Buslinie 50 zu unserem Hotel fahren zu können.
Jetzt oblag es meiner Wenigkeit, ein Restaurant auszuwählen. In der Nähe des Bahnhofs betraten wir kurz nach 15.00 Uhr ein offensichtlich arabisches Restaurant namens "Time Off", welches ich nicht ausgewählt hatte, weil ich darauf so richtig Bock gehabt hatte, sondern weil alle anderen Restaurants in dieser Gegend, die an den Bahnhof Zoo in Berlin erinnerte, schon von der Ansicht her nicht in Frage kamen.
Das Interieur dieses Restaurants mit seinen konsequent weiß gekachelten Wänden gemahnte an den Gmyrek Werksverkauf oder jedes andere Fleischereifachgeschäft, bloß nicht so sauber. Ideal also, um mit diesem abschließenden Mahl der Reise die Restaurants in Belgien in angenehmer Erinnerung behalten zu können.
Zunächst einmal erhielten wir 2 Dosen Ritchie Cola Zero, wahrscheinlich die gewollte belgische Entsprechung zur Fritz Cola - zumindest preislich. Meine Löwin genoss dazu ein Fleischstück (Formfleisch) mit Pommes, welches sie in eine Schale mit dunkler Soße tunken konnte. Dank der Salatbeilage war ihr Essen ein Stück weit bekömmlicher, als die nette Bahnhofsatmosphäre vermuten ließ.
Ich hingegen bestrafte mich für meine Dämlichkeit an diesem Tag mit einer Falafel-Bowl, von deren Qualität ich sogar ein klein wenig begeistert war. Da fielen selbst die enthaltenen Edame nicht ins Gewicht. Edame - die meide ich normalerweise wie das Weihwasser. Irgendwie war dies das einzige Gericht, welches für mich in Frage kam, da ich mittlerweile keine Pommes mehr sehen konnte. Und, wie gesagt, ich war leicht begeistert.
Nach dem Essen waren wir eigentlich wohlgesättigt und bereit für die Rückreise. Quasi als Dessert wurde uns am Ende noch ein Service offeriert, den wir in Deutschland eher selten genießen dürfen. Eine ältere Frau mit Kopftuch und im Perlonkittel, also genau dem Klischee entsprechend, bewegte sich mit einem Schrubber durch den Saal.
Ich nehme an, es handelte sich hierbei um die Mutter des jüngeren Mannes von vor der Theke, welcher zunächst nur aufs Handy starrte und etwas später eine befreundete Familie liebevoll als Gäste begrüßte. Uns hatte er eher emotionslos bedient, was für meine Löwin und mich - das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen - in Ordnung ging.
Eins jedoch empfanden wir als verstörend: Bei ihrem Gang durch den Gastraum bewegte die Frau ihren Schrubber nicht nur unter den vielen nicht besetzten Tischen, sondern auch unter unserem. Und zwar nur unter unserem, nicht unter dem Tisch der befreundeten Familie.
"Zu Hause unter Freunden" ist dank dieses Erlebnisses meiner Ansicht nach nicht unbedingt der Werbeslogan der belgischen Tourismusbranche. Dementsprechend zeigten wir uns beim Trinkgeld entsprechend knauserig und verließen das Lokal mit gemischten Gefühlen. Das Essen war gut bis befriedigend, der Service glatt mangelhaft.
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