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Trazodonneurax. Diese Tabletten, mein Anker und mein Rettungsboot. Beim Einschlafen fiel mir sehr schnell die Verwandtschaft mit den Schlaftabletten auf. Anstatt längere Zeit zu grübeln und mir die schlimmsten Szenarien vorzustellen, um meinen Puls ungewollt in die Höhe zu treiben, war ich viel zu matt, um meiner Paranoia frönen zu können.
Der Puls blieb unten und irgendwann dämmerte ich halt weg. Pinkeln in der Nacht? Na Klaro, dann schleppte ich mich geradezu wie ein Untoter aufs Klo und schlich wieder zu Bett, bloß um dort schnell wieder einzuschlafen, anstatt noch ein bis zwei Stunden im Zimmer auf und ab zu wandern. Nach einer gewissen Eingewöhnungsszeit, in der ich die Dosis auf 250 mg pro Tag geschraubt hatte, steigerte ich meine gewöhnliche Schlafdauer auf acht Stunden pro Nacht.
Einen Nachteil hatte das Ganze allerdings: Morgens blieb ich nach dem Aufstehen immer noch müde und stumpf. Wie ein Ghoul taperte ich ich den Tag hinein, fühlte mich schwindlig und schlaff. Als ob ich total zugedröhnt gewesen wäre. War ich ja auch, aber ohne schönes Rauscherlebnis.
So gesehen änderte sich nichts Grundsätzliches an meinem Tagesablauf. Irgendwann vormittags wie gerädert aufstehen, mit meiner Löwin zum Frühstück eine Serie schauen , z. B. Watzmann ermittelt - und danach raus aus dem Haus. Spazieren gehen, Radfahren oder am Donnerstag meine Löwin beim Einkaufen für die ältere Dame unterstützen.
Der einzige Unterschied und damit auch Lichtblick war ein verbessertes inneres Gleichgewicht, da ich nachts besser schlafen konnte. Zum Pinkeln musste ich zwar immer noch raus, aber dieses starke Herzrasen, verbunden mit Existenzängsten, plagte mich nicht mehr. Dazu war ich zu kaputt. Langsam aber sicher ging es nach vorne.
Samstag, 11. März. Dieser Tag war ein richtiges Highlight gewesen. Mehr oder weniger kurzfristig hatte ich mich mit dem Langen zu einem Spaziergang verabredet. Ich wollte aus dem gewohnten Trott heraustreten; was gibt es da Besseres, als mit einem alten Freund abzuhängen? Die Gänge mit Charles oder Pocke hatten mich ja auch nach vorne gebracht.
An diesem Tag war der Frühling noch nicht ausgebrochen gewesen. Will sagen: Grauer Himmel und ein wenig Niesel. Der viel beschworene "Irish Mist" eben. Von daher war ich auch nicht bestrebt, den etwas weiteren Weg zum Langen mit dem Rad anzutreten. Hier waren Bus und Bahn das richtige Transportmittel. Danach noch ein kurzer Gang durch den Vorort zum Haus des Langen und schon betrat ich seine Bude.
Wir stärkten uns zunächst mit einem Kaffee, bevor wir losgingen. Schon während unseres gemütlichen Plauderns fühlte ich mich rundherum wohl. Meine negativen Gedanken der letzten Wochen plagten mich ausnahmsweise mal nicht; ich konnte dem Langen gegenüber sogar freimütig von meinen Nöten erzählen. Ohne allzu sehr ins Detail zu gehen; Denn all der Kopfkäse, der mir durch den Kopf gegangen war, ist für einen Außenstehenden nur schwer erträglich und hätte mich selbst eher weiter runtergezogen.
Egal. Wir plauderten über alte Krimiriserien und die gute alte Rockmusik, auch über Freunde und Verwandte. Wir verstanden uns prächtig und machten uns nach einem Pott Kaffee auf die Socken. In der Nähe vom Langen hatten sie gerade eine Neubausiedlung hochgezogen; dort sah alles noch nach Baustelle aus und deshalb schauten wir uns dies als erstes mal an. Waren ja auch nur ca. 200 Meter bis dahin. Nur kurz, versteht sich. Alles noch etwas unasphaltiert mit dem einen oder anderen Schlammloch. Lecker.
Strammen Schrittes latschten wir danach Richtung der Brücke nach Leiferde, welche über ein Jahr gesperrt gewesen war und aktuell lediglich zu Fuß überschritten werden konnte. Bis zur Wiedereröffnung sollte es also noch etwas dauern. Und noch einmal: Das Ganze bei so richtig nasskaltem Wetter, ohne Schauer und Regenschirm.
Ja, wir waren aber gut unterwegs und mittlerweile „Ready for Lunch". Hochmotiviert begaben wir uns auf den Weg nach Rüningen zum Starenkasten. Tatsächlich die einzige Gastwirtschaft in unserer Laufrichtung. Hinter der Brücke, in Leiferde, ist nun wirklich der Hund begraben und die Pizzabude am Anfang von Rüningen war Geschichte.
Entspannt überquerten wir den Schenkendamm und ließen Leiferde hinter uns. Dieser Stadtteil, der sich laut Wikipedia seinen dörflichen Charakter trotz zweier Neubaugebiete erhalten konnte, "glänzt" durch die Abwesenheit des Einzelhandels und fühlt sich so lebendig an wie weite Landstriche in Brandenburg.
Erst am Ortsausgang von Rüningen - diesen Stadtteil betraten wir quasi "through the Backdoor" - kam etwas Leben in die Bude. Denn dort am Kreisel ist Ditzinger, der Großhandel für Industrie und Handwerk. Die besorgen Dir alles, Im- und Export. Von hier aus zog sich der Weg an der Thiedestr. Entlang bis zum Starenkasten, aber wir unterhielten uns prächtig.
Kurz nach 12.00, also zur besten Sendezeit,erreichten wir den Starenkasten und freuten uns auf die gute deutsche Küche. Es fiel uns sofort auf, dass wir beim Betreten über den Haupteingang keiner Menschenseele begegneten. Links ging's zum Restaurant, rechts zum Hotel. Also links. Auch hier war niemand zu sehen. Im Gastraum des Restaurants angekommen, wunderten wir uns dann auch nicht mehr. Gähnende Leere.
Wir waren baff erstaunt, denn vor einer Schließung hätte ich zumindest entsprechende Hinweise an der Eingangstür erwartet. Und immerhin konnten wir die Gaststube ja ungefragt betreten. Das wirkte nun nicht gerade professionell.
Eine Möglichkeit zur Informationsgewinnung gab es noch und die nutzten wir. Im Hotelbereich an der Rezeption erwischten wir eine Mitarbeiterin. "Samstag Mittag hat das Restaurant immer zu." Sagte sie zu uns, konnte uns aber nicht wirklich überzeugen. Montags, mein Grieche sogar Dienstags. Das sind die klassischen Ruhetage. Aber Samstag Mittag? Hallo? Das müsste doch eigentlich gleichbedeutend mit Geschäftsaufgabe sein, oder?
Wir grübelten aber nicht lange, denn wir hatten Hunger. Und waren in Rüningen gestrandet. Mir fiel da nur eine Busfahrt in die Innenstadt ein. Zu Fuß über die Gartenstadt war mir da zu strange. Der Lange willigte sofort ein, auch für ihn war dies alternativlos. Das neue Ziel war jetzt das Play Off im Schloss, der Amerikaner. Mit der Buslinie 413 wären wir direkt zum Schloss unterwegs, mussten allerdings noch eine halbe Stunde auf diesen warten.
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