Wolkenfreier Himmel, 17° Celsius. Der sehr angenehme Rückenwind trug mich bis zum Sander Bäckereicafe in Watenbüttel. Vom Ortsausgang Ölper bis hierher fühlte ich mich leicht wie eine Feder; jetzt sitze ich mit einem Pott Kaffee vor meinem Tablet und hacke in die Tastatur. Eine sehr interessante Frage hat sich da bei mir in den Kopf eingeschlichen:
Müsste diese Kolumne mittlerweile nicht eher "guterPlatzzumKaffeetrinken" heißen? Denn schon seit geraumer Zeit, seit über einem Jahr, mache ich während meiner Touren vorwiegend eher eine Pause in einem Cafe und trinke dann auch denselbigen, anstatt mir ein Bier zu gönnen. Das war aber nicht mein Anspruch gewesen, nie und nimmer nicht.Ganz klar, da wird sich was ändern müssen. Und weil es dieser Tage bereits in den Frühling übergeht, fühle ich mich bemüßigt, meine alten Tugenden wieder zu ihrem Recht verhelfen zu wollen. Nein, ich fahre nicht unverzüglich zur Tanke und schlorke mir dann schnellstmöglich auf dem Kinderspielplatz ne Dose Wolters rein. Oder zwei.
Denn heute ist Proteinshake Tag, da kommt Alk nicht gut dazu. Deshalb werde ich stattdessen eine Geschichte erzählen. Eine wahre Geschichte, die ich eigentlich statt der Radtour erzählen wollte. Aber beides zugleich geht bekanntlich nicht, dachte ich vorhin auf dem Rad. Weit gefehlt - machen ist the Answer. And Here we Go:
Donnerstag, 20. März. Schon vor Wochen hatte ich mich mit Pocke zu einem Kneipenbesuch entschlossen. Ähnlich wie ich mit meiner Kolumne haben Pocke und ich an den selten gewordenen Kneipenbesuchen einen hohen Anspruch. Wir suchen gerne die typischen Eckkneipen auf, so weit diese überhaupt noch existieren.
Denn dort, wo die Zeit des Aufbruchs der 50er bis 70er Jahre noch zu spüren ist (weil z.B. seitdem nicht mehr renoviert worden ist) und der Mann noch Mann sein kann (allein an der Theke vor Bier und Korn sitzend und die dralle Kellnerin mit vermeintlich lockeren Sprüchen unterhaltend), da zieht es uns hin. Eben nicht in die altbekannten Szeneläden (die es auch nicht mehr gibt), sondern dorthin, wo ein Zigeunerschnitzel noch ein Zigeunerschnitzel ist und man eine Bier-Cola-Mische bekommt, wenn man lauthals "Neger" schreit.
Wir wollten zur Kanne am Eck, am Anfang der Hugo Luther Straße gelegen. Da ich direkt aus Salzgitter mit dem Zug nach Hause gefahren war, hatte ich die schöne Idee gehabt, dass wir zwei uns am besten Viertel vor Sieben an der Straßenbahnhaltestelle am Bahnhof treffen sollten. Wie zuvor versprochen, hatte ich noch 2 kalte Dosen vom Yormaz organisiert, stellte dieselbigen auf die Umrandung des Aschenbechers der Straßenbahnhaltestelle und konnte nach kurzer Zeit Pocke begrüßen.
Dose aufreißen, anstoßen.... Jetzt endlich hatte ich Feierabend. Und schon beim ersten Schluck überfiel mich die Erkenntnis: HIER ist ein guter Platz zum Biertrinken! Da bräuchten wir eigentlich nicht mehr in die Kneipe - nein, natürlich ist ein Gezapftes immer besser. Und so richtig gemütlich war es dort ja auch nicht, wie uns nach kurzer Zeit bewusst wurde, als sich dieser Typ neben uns stellte. Der so aussah, als ob er der Rocky Horror Picture Show entsprungen wäre. Was für ne abgefahrene Type!Ich kann es nur wie folgt beschreiben: Stellt Euch unseren Verteidigungsminister Boris Pistorius vor. Also Gesicht und allgemeine Körperform. Hinzu kommt eine blonde Damenperücke - vorne Pony und hinten gerade man so auf die Schulter fallend. Der graue Stoffrock (Midi, zum Glück kein Mini) harmonisierte hervorragend mit der schwarzen Strumpfhose. Dazu die passenden hohen dunkelbraunen Wildlederstiefel mit flachen Absätzen.
Das schrie förmlich nach weiterem Bier, aber wir hatten ja nur jeder ne Dose. Also stiegen wir dann in die Linie 5 und fuhren zum Arbeitsamt, von dort war es nur noch ein kurzer Fußweg zur Kanne am Eck. Wirklich zu schade, dass ich nicht noch mehr Dosen gekauft hatte. Übrigens: Die leeren Dosen (letzter Schluck, als die Straßenbahn vorfuhr) stellten wir auf den großzügig bemessenen Rand des Aschenbechers und nicht in die Müllmulde in der Mitte.
Denn Pocke und ich sagen: Niemand soll wegen des Pfands im Müll wühlen müssen. Und wir spenden die Dosen für die, die nicht so viel Glück im Leben gehabt haben. Aber wir geben auch niemanden Geld für ne angebliche Busfahrkarte - höchstens für den ehrlichen Punk von der Ecke, der den Euro für ne Dose Bier braucht.
Kurz nach 19.00 Uhr - voller Vorfreude strunkelten wir endlich in die von außen etwas düster wirkende "Kanne am Eck". Zwei wortkarge Typen am Tresen schauten sich die zwei neuen und unbekannten Gestalten an, die soeben hineintraten und gleich durch den eher winzig zu nennenden Schankraum das hintere Ende der Theke ansteuerten.
Hier saßen wir uns nun an den dort drangestellten Hochtisch gegenüber und orderten die ersten beiden großen Biere. 0,4 Wolters im Tulpenglas. Die eher nicht-dralle Bedienung, mutmaßlich aus einem osteuropäischen Land immigriert, war auf Zack und servierte das kühle Nass ziemlich zügig. Beim ersten Bier.
Mit zunehmender Verweildauer mussten wir leider feststellen, dass sich die Bedienung viel lieber an den Spielautomaten am Eingang aufhielt, wo bereits eine andere Frau eine Münze nach der anderen in den Automaten vor sich versenkte. Da kam zwar unwillkürlich das Rotamint-Feeling wieder auf, doch dies konnte uns nicht zum Mitspielen animieren. Geldspielautomaten - das war in der Vergangenheit nie unser Ding gewesen.
Auch ließ die Qualität der gezapften Biere im Laufe des Abends sichtlich nach. Stellenweise wies die Schaumkrone beim Servieren eine Höhe vergleichbar mit meiner Haarlänge auf. Inklusive Tonsur! Keine Frage - die Bedienung hatte ihren Traumjob noch nicht gefunden.
An der hinteren Wand hing ein großer Flachbildschirm und quälte uns mit irgendwelchen Musikern, die dem 90er Techno-Sound frönten. Eventuell auch neuer, wer weiß das schon und vor allem: Wen interessiert diese Muzak?
Abgesehen von der in keinster Weise hier hineingehörenden Videowand wirkten Interieur und das Ambiente in sich stimmig. Die mit der Zeit kommenden und gehenden Gäste quasselten - im Gegensatz zu uns zwei Schwerenötern - nicht viel und tranken alle Bier. Die dunkle Holztheke harmonisierte hervorragend mit der holzvertäfelten Wand, an dem der Flachbildschirm seine unerwünschte Message verbreitete.
Pocke und ich unterhielten uns prächtig. Über die aktuelle politische Lage bekamen wir uns trotz der unterschiedlichen Meinungen endlich mal nicht in die Haare. Die bei uns aktuell laufenden Renovierungen stellten kein großes Thema dar. Thema war vielmehr der Nachwuchs, welcher so langsam in die Welt hinaus schreiten wird.
Bei diesem Thema kamen wir richtig gut in Fahrt. Die am Ende benötigten drei Scheidebecher bestätigten dies eindrücklich. So um 1.00 Uhr herum hatten wir die Zeche gelöhnt und traten auf die menschenleere Straße hinaus. Pocke musste vielleicht 2 Minuten warten, bis sein Bus zum Rathaus kam und wir uns verabschiedeten.
Leider hatte ich ein wenig den Überblick verloren und saß noch geschlagene 10 Minuten an der Bushaltestelle gegenüber der Kanne am Eck, ehe ich endlich checkte, dass hier in den nächsten Stunden kein Bus mehr erscheinen würde.
Mir blieb nichts anderes übrig, als den Weg zur nächsten Bushalte am Cyriaksring in Angriff zu nehmen. Selbstverständlich war auch dort tote Hose angesagt, so dass ich dann nur mit Hilfe eines Taxis nach Hause kam. Wie ich darüber hinaus beim Aufstehen wenige Stunden später feststellen musste, hatte ich mich nicht sofort hingelegt gehabt.
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Blick von der Schwedenkanzel |
Techno werde ich garantiert nicht gehört haben - aber was hatte ich sonst noch angestellt gehabt? Man weiß es nicht - Spekulationen hierzu werde ich aber nicht mehr anstellen. Was bleibt ist die Erinnerung an einen gelungenen Kneipenbesuch mit Pocke. Ich würde mal sagen: Dringender Wiederholungsbedarf.
Dies war also die Geschichte. Endlich wieder Bier in dieser Kolumne. Der Rest der Radtour verlief dann unspektakulär. Ich fuhr über die Wiesen nach Veltenhof, wo ich die Schwedenkanzel mal wieder anschauen wollte. Dort hatte ich vor 2 Jahren mit meiner Löwin einen sehr erholsamen Spaziergang hingelegt. Der hatte mir so richtig gut getan; ging mir sehr schlecht seinerzeit. Heute verweilte ich dort aber nicht, denn ich wollte nach Hause.
Über Rewe am schwarzen Berg enterte ich den Ölper See und war dann kurz vor 17.00 Uhr in Lehndorf angekommen. Beim nächsten Mal hoffentlich wieder mit Bier. Nicht 7 - 8 wie in der Kanne am Eck, aber ein oder zwei Döschen sollten schon drin liegen.